Wahrheit, mit der wir leben können

Jeremia 7, 16 – 28

 16 Du sollst für dies Volk nicht bitten und sollst für sie weder Klage noch Gebet vorbringen, sie auch nicht vertreten vor mir; denn ich will dich nicht hören.

             Das ist furchtbar: Keine Fürbitte für das Volk. Gott untersagt Jeremia, was er Mose erlaubte: Für das hartherzige und treulose Volk einzustehen. Gute Worte für sie einzulegen. „Zu beachten ist, dass Gott nicht einfach sagt: Ich erhöre dich nicht, sondern: Höre auf zu beten! Dahinter steckt eine deutliche Erkenntnis von der Macht der Fürbitte. Es könnte nämlich möglich sein, dass Gott selber sich dem andringenden Gebet seines Knechtes nicht entziehen mag.“ (D. Schneider, aaO. S. 104) Man könnte also auf die Idee kommen: Gott verbietet die Fürbitte des Jeremia, damit er an seinem Gerichtsbeschluss festhalten kann. Ich will dich nicht hören. Als hätte er Sorge, dass ihn Jeremia doch noch – wie einst Mose – umstimmen könnte.

 17 Siehst du nicht, was sie tun in den Städten Judas und auf den Gassen Jerusalems? 18 Die Kinder lesen Holz, die Väter zünden das Feuer an und die Frauen kneten den Teig, dass sie der Himmelskönigin Kuchen backen, und fremden Göttern spenden sie Trankopfer mir zum Verdruss. 19 Aber damit machen sie nicht mir Verdruss, spricht der HERR, sondern sich selbst zu ihrer eigenen Schande.

             Das ist die Begründung für das Verbot: Das ganze Volk ist mit dem Kult der Himmelskönigin, „der babylonischen Ischtar (scharrat schamē)“ (A. Weiser, aaO. S.64) beschäftigt. Die ganze Familie wird in Dienst genommen.  Es ist ein Kult, der in der Umwelt Israels verbreitet ist und durch den Kontakt mit dieser Umwelt immer wieder nach Israel hineinwirkt. Nicht zuletzt wohl wegen seiner „sinnlichen Seite – Essen, Trinken, der Hoch- und Überbewertung der Sexualität. Es ist erschreckend: „Falscher Gottesdienst im Tempel und offenbarer Götzendienst können Hand in Hand gehen.“ (D. Schneider, ebda.)

            Man könnte auf die Idee kommen: Gott ist eifersüchtig. Auf die Verehrung einer Mutter-Gottheit. „Ich, der HERR, dein Gott, bin ein eifernder Gott.“(2. Mose 20,5) Aus dem eifernden Gott wird gar zu leicht ein eifersüchtiger Gott, der keine Nebenbuhlerin duldet. Aber es geht um anderes:  Dieser Götzendienst schädigt nicht Gottes Ego, sondern er schädigt die Götzendiener. Sie schädigen sich selbst. Sie bringen das gerechte Gericht Gottes über sich. Sie werden ihre eigenen Totengräber, die sich selbst das Grab bereiten.

 20 Darum spricht Gott der HERR: Siehe, mein Zorn und mein Grimm wird ausgeschüttet über diese Stätte, über Menschen und über Vieh, über die Bäume auf dem Felde und über die Früchte des Landes; der soll so brennen, dass niemand löschen kann. 21 So spricht der HERR Zebaoth, der Gott Israels: Tut eure Brandopfer zu euren Schlachtopfern und fresst Fleisch! 22 Ich aber habe euren Vätern an dem Tage, als ich sie aus Ägyptenland führte, nichts gesagt noch geboten von Brandopfern und Schlachtopfern; 23 sondern dies habe ich ihnen geboten: Gehorcht meinem Wort, so will ich euer Gott sein und ihr sollt mein Volk sein; wandelt ganz auf dem Wege, den ich euch gebiete, auf dass es euch wohlgehe.

 Das alles führt nur Gottes Zorn herauf. Der wird so heftig sein, dass es keine Hilfe gegen ihn gibt. Das Feuer des Zornes Gottes kann niemand löschen. Dieser Zorn hat seinen tiefsten Grund darin, dass das ganze Gottesverhältnis, wie es sich auch in der Tempel-Praxis zeigt, nichts, aber auch gar nichts mit dem ursprünglichen Gottesverhältnis, dem Bund des Anfangs zu tun hat. Ich will euer Gott sein und ihr sollt mein Volk sein – das ist der ganze Anfang. Freie Gabe und freie Wahl Gottes. Und die Antwort, die Gott erwartet ist ein Leben auf dem Wege, den ich euch gebiete. Da ist kein Platz für Opfer. Da ist kein Raum für Brandopfer und Schlachtopfer. Da ist kein Raum für Ersatzleistungen für den Gehorsam. Für  Gehorsam und Vertrauen auf Gott gibt es keinen Ersatz!

 24 Aber sie wollten nicht hören noch ihre Ohren mir zukehren, sondern wandelten nach ihrem eignen Rat und nach ihrem verstockten und bösen Herzen und kehrten mir den Rücken zu und nicht das Angesicht. 25 Ja, von dem Tage an, da ich eure Väter aus Ägyptenland führte, bis auf diesen Tag habe ich immer wieder zu euch gesandt alle meine Knechte, die Propheten. 26 Aber sie wollen mich nicht hören noch ihre Ohren mir zukehren, sondern sind halsstarrig und treiben es ärger als ihre Väter.

             Wer immer Israel das einredet – es wäre mit dem Opferkult getan – der verführt es. Der redet einem Volk, das es an der letzten Hingabe fehlen lässt, weil es sich selbst doch souverän dünkt, nach dem Mund. Wann immer Gott versucht hat, das Volk von diesen eigensinnigen Wegen abzubringen, sind seine Knechte und Propheten auf taube Ohren getroffen. Es ist wie ein ernüchterter Blick Gottes auf die Geschichte der Prophetie: Sie hat nichts geändert. Jesaja, Amos, Micha, Hosea – jeder von ihnen hat vergeblich gewarnt, gedroht, gepredigt, gerufen, gelockt. Sie haben nur ans Tageslicht gebracht, von welcher Art das Volk ist, von den geringen Leuten bis hin zu denen oben und zu den Priestern: Sie wandeln nach ihrem eignen Rat und nach ihrem verstockten und bösen Herzen und kehren mir den Rücken zu.                                                               

27 Und wenn du schon ihnen dies alles sagst, so werden sie doch nicht auf dich hören; rufst du sie, so werden sie dir nicht antworten. 28 Darum sprich zu ihnen: Dies ist das Volk, das auf die Stimme des HERRN, seines Gottes, nicht hören noch sich bessern will. Die Wahrheit ist dahin und ausgerottet aus ihrem Munde.

  Jetzt wendet sich dieser ernüchterte Gott direkt an Jeremia. Er schenkt ihm reinen Wein ein, wie schon bei seiner Berufung: sie werden doch nicht auf dich hören; sie werden  dir nicht antworten. Die Geschichte der Missachtung der Boten Gottes geht weiter. Sie hört nicht bei Jeremia auf. Das Volk ist unverbesserlich. Nicht von Natur, sondern es will sich nicht bessern. Es verweigert sich dem Ruf. Es ist schon eine starke Spannung: So wie Gott die Fürbitte des Jeremia nicht hören will, so will das Volk die Bußrufe des Jeremia nicht hören. Zweimal die gleiche Weigerung.  Das Ergebnis ist auch das Gleiche. Was bleibt, ist, dass das Volk sich selbst überlassen wird. Was bleibt, ist die Erfahrung: Die Wahrheit ist dahin. Es gibt keine belastbare, tragfähige Vertrauensbasis mehr.

 Wahrheit ist mehr als eine wirklichkeitsgetreue Auskunft. „Der Hebräer fragt nach Wahrheit im Blick auf die Zukunft. Æmæt ist eine Aussage oder Ansage, die es erlaubt, zuversichtlich zukünftigen Tagen und Entwicklungen ins Auge zu sehen, weil die Aussage sich gewiss durch den Gang der Dinge bestätigen wird…. Die Zukunft ist der Beweis der Wahrheit.“ (K. Koch, Der hebräische Wahrheitsbegriff im griechischen Sprachraum, in: Was ist Wahrheit? Hamburger theologische Ringvorlesung, Göttingen 1965, S.51) Was wahr ist, ist tragfähig, erlaubt sichere Schritte, leitet auf gutem Weg. Dieser Wahrheit hat sich Jerusalem oft und zu lange verweigert und stattdessen die schlüpfrigen, rutschigen Wege der Lüge gewählt. Wege in den Abgrund. „Der Gottlosen Weg ist wie das Dunkel; sie wissen nicht, wodurch sie zu Fall kommen werden.“(Sprüche 4,19) So gelesen, sagt Jeremia: Das Land hat keine Zukunft mehr. Niemand kann mehr dem Land eine gute Zukunft ansagen. Wer anderes behauptet, lügt.

Zum Weiterdenken

            Vergeblich. So steht es unausgesprochen über diesen Abschnitt. Es wäre vergeblich, gute Worte für ein Volk einzulegen, das längst beschlossen hat, seine eigenen Wege eigensinnig zu gehen. Ohne nach dem lebendigen Gott zu fragen und auf ihn zu hören. Sie machen, was sie wollen und das, auch wenn sie sich selbst schaden und alle anderen mitreißen. Dadurch verbietet sich Fürbitte wie von selbst.

            Ich lese diese Worte angesichts steigender Infektionszahlen in der Pandemie. 100 000 weltweit, mehr als 4000 in Deutschland. Es ist, wie es ist. Da scheren sich Menschen einen Dreck um Regeln, um Verbote, um Appelle an die eigene Vernunft. Sie missachten alles, weil sie nur sich selbst und ihren Spaß kennen. Es hat etwas von Irr-Sinn, wie Leute agieren. Damals. Heute. Das Verbot der Fürbitte an Jeremia sagt: Du wirst sie nicht aufhalten können. Wenn sie nicht selbst zur Besinnung, zur Vernunft kommen, wird auch kein Wort von außen sie zur Besinnung bringen können. Sie leben längst in ihrer eigenen, absonderlichen Welt.

   Kann es sein, dass das Verbot der Fürbitte in diesem Zusammenhang auch eine Grenze Gottes markiert? Gott kann niemand retten, der sich nicht retten lassen will, weil er glaubt: das habe ich nicht nötig, gerettet zu werden. Wer seinen Weg für den allein richtigen Weg hält, der braucht keine Rettung. Dem ist nicht zu helfen, nicht durch Fürbitte, nicht durch Verbote, nicht durch freundliche Güte und auch nicht durch Appelle. Er bereitet sich den Untergang. Das sieht Jeremia und sieht Gott voll Schmerz. Und wir heute? Was sehen wir?

 

Mein Gott, manchmal packt mich die Angst, dass wir uns immunisieren gegen Dein Wort, dass wir so lange weghören, überhören, missverstehen, bis nichts mehr bei uns ankommt. Bis wir taub werden für Deine Stimme.

Manchmal packt mich die Angst, dass wir uns mit Worten zuschütten, dass das Gerede unserer Tage unsere Ohren verstopft, dass wir nicht mehr wahrnehmen, was es an wirklich tragfähigen Worten gibt, wo einer glaubwürdig ist.

Heiliger barmherziger Gott, öffne Du uns die Ohren für die Wahrheit, mit der wir leben können, für Dich. Amen

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