Friede, Friede – und ist kein Friede

Jeremia 7, 1 – 15

 1 Dies ist das Wort, das vom HERRN geschah zu Jeremia:

             Wieder wird sichergestellt: Was folgt ist nicht einfach eine wilde Bußpredigt des Jeremia. Seine Worte sind nicht seine Worte – sie sind Wort, das aus Gott schöpft, das von Gott kommt. Das ist der Anspruch des Jeremia: Ich rede Gottes Worte.

Und wieder: Kein Wort darüber, wie es zum Empfang dieser Worte kommt. Daran liegt nichts, ob sie Frucht politischer oder sozialer Analyse sind, ob hinter ihnen meditative Stille steht, ob sie aus einer Art Trance oder Entrückung empfangen sind. Nur darauf kommt es an: Gott steht hinter diesen Worten. Es ist im wahrsten Wortsinn so, dass Jeremia „Person“ ist, einer, durch den eine Stimme tönt, die Stimme des Ewigen.

2 Tritt ins Tor am Hause des HERRN und predige dort dies Wort und sprich: Höret des HERRN Wort, ihr alle von Juda, die ihr zu diesen Toren eingeht, den HERRN anzubeten! 3 So spricht der HERR Zebaoth, der Gott Israels: Bessert euer Leben und euer Tun, so will ich bei euch wohnen an diesem Ort.

„Soweit wir wissen, ist Jeremia nie direkt im Tempelgottesdienst aufgetreten, obwohl er aus einem Priestergeschlecht stammt.“ (K. Teschner, Land, Land, Land, höre des Herrn Wort. Der Gemeinde zur Bibelwoche, Neukirchen 2007, S.13) Er ist mehr open air unterwegs – aber jetzt doch im Tempelbezirk. Daher der Name Tempelrede – so nennt man diesen Abschnitt. Aber eigentlich ist es keine Rede – es ist mehr ein Zwischen-Ruf. Es ist eine Störung. Es ist eine Provokation. Am Tor des Tempels. Im Haus Gottes.

Menschen wollen beten, den HERRN anbeten. Sie suchen die Stille vor ihrem Gott. Aber der Prophet fällt ihnen ins Wort. Er stört die Andacht, die Stille. Er tut das, weil Gott es will. Offensichtlich gibt es Wichtigeres als die andächtige Stille und das fromme Gebet: Das Wort des lebendigen Gottes.

Aber es ist eben nicht nur Provokation. Es ist eine klare Ansage. Jerusalem will doch bleiben – für immer. „In prägnanter Kürze nennt Jeremia die entscheidende Bedingung: Wenn die Lebensweise sich zum Guten ändert, findet das Volk eine Bleibe in seinem Land, wenn nicht, steht ihm mit Sicherheit das Exil bevor.“(R. Gradwohl, Bibelauslegung aus jüdischen Quellen, Bd. 3, Stuttgart 1988. S.287) Es ist nicht schon alles entschieden, sondern es wird sich entscheiden durch das Verhalten des Volkes. 

 4 Verlasst euch nicht auf Lügenworte, wenn sie sagen: Hier ist des HERRN Tempel, hier ist des HERRN Tempel, hier ist des HERRN Tempel! 5 Sondern bessert euer Leben und euer Tun, dass ihr recht handelt einer gegen den andern 6 und keine Gewalt übt gegen Fremdlinge, Waisen und Witwen und nicht unschuldiges Blut vergießt an diesem Ort und nicht andern Göttern nachlauft zu eurem eigenen Schaden, 7 so will ich immer und ewig bei euch wohnen an diesem Ort, in dem Lande, das ich euren Vätern gegeben habe.

  Mit der Parole: Hier ist des HERRN Tempel, verbindet sich eine Art Ideologie. Die Zions-Theologie. Ihr Kern ist „die Überzeugung, dass JHWH den Zion als Ort seiner Gegenwart erwählt hat. Der Zion ist JHWHs „heiliger Berg“, auf dem er in seiner heiligen Stätte „wohnt.“…Wie der „Gottesberg“ gilt auch die „Gottesstadt“ als uneinnehmbar.“(A. Graupner/R. Micheel, aaO.; S.63) Ein biblischer Beleg für diese Sichtweise:

 Gott ist unsre Zuversicht und Stärke,                                                                                     eine Hilfe in den großen Nöten, die uns getroffen haben.                                             Darum fürchten wir uns nicht,                                                                                      wenngleich die Welt unterginge und die Berge mitten ins Meer sänken,              wenngleich das Meer wütete und wallte                                                                           und von seinem Ungestüm die Berge einfielen. „SELA“.                                        Dennoch soll die Stadt Gottes fein lustig bleiben                                                             mit ihren Brünnlein, da die heiligen Wohnungen des Höchsten sind.                       Gott ist bei ihr drinnen, darum wird sie festbleiben;                                                    Gott hilft ihr früh am Morgen.                                                                                                  Die Heiden müssen verzagen und die Königreiche fallen,                                             das Erdreich muss vergehen, wenn er sich hören lässt.                                                      „Der Herr Zebaoth ist mit uns,“                                                                                         „der Gott Jakobs ist unser Schutz.“ „SELA“                    Psalm 46, 2 – 8

             Es gibt also gute Gründe für die Jerusalemer, so zu denken und zu glauben. Ehren sie doch damit Gott und zeigen, dass sie sich in seinem Schutz geborgen fühlen. Dieser Glaube mag zusätzlich gestärkt worden sein durch den Abbruch der Belagerung durch König Sanherib im Jahr 701 v. Chr.

   So denken sie: Wo Gottes Haus ist, da ist Gottes Gegenwart, da ist Gottes Schutz und Friede. „Aber der Tempel des Herrn ist keine „Lebensversicherung“; die Leute geben sich einer „falschen Sicherheit hin, weil man den Tempel hat“ und diese falsche Sicherheit ist der „Erzfeind des Glaubens.“(M. Buber, zit. nach: R. Gradwohl, aaO. S.288) So in Sicherheiten zu denken ist Ideologie, wenn es nicht zur Lebenswandlung kommt. Schutz und Friede sind keine Besitztümer für die fromme Seele, sie sind Handlungsanweisungen für das Leben. Wer sich den Frieden – Gottes šālȏm – für sich allein bewahren will, wird ihn verlieren.

Zum zweiten Mal in wenigen Augenblicken: bessert euer Leben und euer Tun. Wenn das ausbleibt, Umkehr, Besserung, dann verspielt Israel alles. Das bleiben und die Zuwendung Gottes im Tempel. Es ist nicht mir schönen Gottesdiensten getan. Jeremia benennt konkrete Umkehrpunkte: keine Gewalt gegen Fremdlinge, Waisen und Witwen, nicht unschuldiges Blut vergießen. So fällt er dem vermeintlichen Recht der Stärkeren und Mächtigen in den Arm.  Die harten Worte des Jeremia machen es deutlich: Da hat sich in Israel im Handeln vieler Glaube gelöst vom Leben. Er hat keine handlungsprägende Kraft und deshalb ist er nur noch Parole.

.8 Aber nun verlasst ihr euch auf Lügenworte, die zu nichts nütze sind. 9 Ihr seid Diebe, Mörder, Ehebrecher und Meineidige und opfert dem Baal und lauft fremden Göttern nach, die ihr nicht kennt. 10 Und dann kommt ihr und tretet vor mich in diesem Hause, das nach meinem Namen genannt ist, und sprecht: Wir sind geborgen, – und tut weiter solche Gräuel. 11 Haltet ihr denn dies Haus, das nach meinem Namen genannt ist, für eine Räuberhöhle?

             Das ist der hässliche Zwiespalt: Das Leben draußen in der Welt hat keine ethische Rückbindung an den Glauben an den gerechten Gott. Das Leben draußen geht nach Eigengesetzen und den Spielregeln von Kampf und Niederlagen – und jedes Mittel ist recht. Es ist eine schamlos-unverschämte Existenz, die die Regeln Gottes für das eigene Handeln für irrelevant erklärt. Nicht mit Worten, sondern durch das Tun. Dabei kann durchaus der Schein der Frömmigkeit gewahrt werden.

Die meisterhaften Inszenierungen von Mafia-Filmen wie „Der Pate“ wissen das. Da steht der Pate vor dem Altar, empfängt die Hostie und parallel dazu erledigen seine Killer, was dem Geschäft dient. Das Halleluja vermischt sich mit Schnellfeuer-Salven. Überhaupt: Was für ein Wort-Ungeheuer ist das: „Salve“ zu nennen – das kommt von salus, Heil – was den Tod sät.

,Siehe, ich sehe es wohl, spricht der HERR.  12 Geht hin an meine Stätte zu Silo, wo früher mein Name gewohnt hat, und schaut, was ich dort getan habe wegen der Bosheit meines Volks Israel.

Wo wir so mit Gott umgehen, werden Tempel überflüssig, können sie geschleift, geschlossen oder umgewidmet werden. Eine Kirche für die Innerlichkeit ist kein Ort, an dem Gott wohnen will. Da bleiben nur noch Trümmer zurück. Dafür, dass der Tempel überflüssig werden kann, hat Jerusalem „Anschauungsmaterial“. Es muss nur auf eine Wallfahrt nach Silo gehen, dorthin, wo das Zentralheiligtum stand, bevor der Jerusalemer Tempel errichtet wurde. „Indem Jeremia auf den Untergang des Heiligtums in Silo als Vorbild für den kommenden Untergang Jerusalems hinweist, provoziert er die Priesterschaft aufs Äußerste.“(D. Schneider, aaO.; S.102)Haben sie doch den Untergang des Nordreiches als die verdiente Konsequenz für den ungezügelten Götzendienst im Norden angesehen. Und jetzt: das ist der Spiegel, in dem ihr euch selbst seht! Das ist das Gericht über die Bosheit meines Volkes Israel, das jetzt herauf zieht.

 13 Weil ihr denn lauter solche Dinge treibt, spricht der HERR, und weil ich immer wieder zu euch redete und ihr nicht hören wolltet und ich euch rief und ihr nicht antworten wolltet, 14 so will ich mit dem Hause, das nach meinem Namen genannt ist, auf das ihr euch verlasst, und mit der Stätte, die ich euch und euren Vätern gegeben habe, ebenso tun, wie ich mit Silo getan habe, 15 und will euch von meinem Angesicht verstoßen, wie ich verstoßen habe alle eure Brüder, das ganze Geschlecht Ephraim.

  Weil sie den Tempel durch ihr Tun außerhalb entleert haben, darum wird Gott den Tempel entleeren. Gott ist nicht mit dem Temple naturhaft verbunden, so dass er ein ortloser Gott wäre, wenn er den Tempel aufgibt oder zerstört. Er wird sich aus dem Tempel zurückziehen. Damit fehlt Gott – nichts. Wohl aber dem Volk: Es steht in einer leeren Hülle. In einem Gotteshaus, aus dem Gott ausgetreten ist.

Bitterer kann es nicht zugehen. Gott hatte ja die Stätte euch und euren Vätern gegeben habe. Er hatte ihnen diesen Ort der Anbetung, das Haus, das nach meinem Namen genannt ist, in dem seine Namen angerufen werden konnte, gegeben. Das aber ist jetzt vorbei. Gott wendet sein Angesicht ab. Er wird unzugänglich, weil er den Tempel leer stehen lässt.

  Zum Weiterdenken

Es ist irritierend mit dieser Tempelrede. Im Anfang steht Werben um Umkehr, der Ruf nach neuen Wegen, erneuertem Gehorsam und erneuertem Glauben, die Aufforderung: Bessert euch. Zum Ende hin aber ist es, als hätte den Prediger Jeremia die Zuversicht verlassen, dass seine Worte bewirken können, was er sucht: Umkehr und Neuanfang. Er wechselt die Tonlage: Nicht mehr Werbung, auch nicht mehr Warnung, sondern nur noch Gerichtsansage: Jerusalem ist dem Gericht verfallen wie seinerzeit Silo. Der Untergang wird sich wiederholen.  Kein Unterschied. Stattdessen: Nicht Jeremia – Gott gibt den Ruf zur Umkehr auf. Weil er an den tauben Ohren und harten Herzen verzweifelt?

 Es sind Worte gegen falsche Sicherheiten: Uns können keine Gerichte Gottes treffen. Weil Gott nicht strafen wird, weil er es nicht (mehr) kann. Gegen diese falsche Sicherheit richtet sich die Rede des Jeremia. Gott kann dennoch richten. Vor diesem Gericht über falsche Sicherheiten sind auch die Gotteshäuser unserer Zeit, die großen und kleinen Kirchen des Landes, auch die Herrgottswinkel und stillen Kämmerlein nicht geschützt. Wenn wir unser Herz nicht ändern, brauchen wir im Gottesdienst nicht zu singen: „Tut mir auf die schöne Pforte!“

 Wer glaubt, dass er das fromme Leben ablösen kann von weltlicher Gerechtigkeit, von Fairness und Wahrhaftigkeit, wird erleben, wie sein frommer Innenraum überspült wird von der Gewalt der Außenwelt. Und schließlich kommt die furchtbare Entdeckung: Der Gott der Väter entzieht sich, wenn wir ihn in den Binnenraum der Seele verbannen.  Er kommt nur da, wo wir unser Leben unter seinen Händen ordnen und gestalten.

Wo wir so mit Gott umgehen, werden Tempel überflüssig, können sie geschleift, geschlossen oder umgewidmet werden. Eine Kirche für die Innerlichkeit ist kein Ort, an dem Gott wohnen will. Da bleiben nur noch Trümmer zurück.  Wenn wir so gespalten leben, hier die Frömmigkeit, die die Regeln der Welt, sind wir rasch Opfer der stärkeren Plausibilität – der Märkte, der Erfolge, der Macht. Da müssen Opfer halt gebracht werden. Und dabei wird der Tempel zur Räuberhöhle. Dazu braucht es keine Geldwechsler, keine Verkaufs-Stände, keine Finanzbeamten mit Tempel-Abzeichen. Dazu reicht es, Gott zum Gott der frommen Seele zu machen und das Leben den Gesetzmäßigkeiten der Welt zu überlassen.

Als Jesus den Tempel gereinigt hat, da hat er nicht nur ein paar unfromme und fromme Finanzhaie gemeint – er hat diese Haltung, die Gott für den inneren Frieden in Anspruch nimmt und das eigene Geschäft dabei nie aus den Augen verliert, angegriffen.

 

Herr, Gott,wir haben gelernt, uns vor solchen harten Worten zu schützen. Sie gelten nur denen damals. Sie gelten Ausbeutern und schlimmen Leuteschindern. Sie sind undifferenziert und pauschal. Sie sind aus Bildern der Angst entstanden. Wohl wahr – und doch: Sie stellen uns in Frage – fragen nach unserem Handeln, nach den Folgen unseres Glaubens.

Du willst mehr als schöne Gefühle, schöne Worte, schönen Wohlklang, schöne Gruppen und Kreise, schöne Gottesdienste. Du willst mehr als die schöne Hoffnung auf einen jenseitigen Himmel.Du willst unser Handeln nach Deinem Willen. Recht für die Schwachen, Güte untereinander. Aufrichten der müde Gewordenen. Erbarmen mit den Abgehängten. Du willst unseren Gehorsam. Und in ihm willst Du uns.

Da geht Dein Himmel über uns aufund wir erfahren Deine Gegenwart, wo Liebe und Gerechtigkeit sich berühren. Amen.

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