Heile dieses Land

Jeremia 6, 9 – 23

 Dem Abschnitt voraus geht der Blick auf die heranstürmenden Chaldäer. Sie rüsten zur Belagerung Jerusalems. Es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis Jerusalem völlig eingeschlossen ist und fallen wird. Zeit für einen letzten Ruf zur Umkehr.

9 So spricht der HERR Zebaoth: Halte Nachlese am Rest Israels wie am Weinstock, strecke deine Hand immer wieder aus wie ein Winzer nach den Reben.

            Immer noch hält der HERR Zebaoth an seiner Suche nach Frucht fest. Es mag sein, Jerusalem ist nur noch der Rest Israels. Aber der Prophet soll nicht aufgeben. Wie der Winzer an einem abgeernteten Weinstock noch einmal nachsieht, indem er Blatt für Blatt wendet, ob noch Reben zu finden sind, so soll Jeremia suchen. Es wirkt, als sei die Hoffnung auf die Umkehr aller schon aufgegeben. Und doch: „Jeremia soll nicht nur bloß das Böse, sondern auch das Gute aufdecken – falls es das wirklich gäbe.“(D. Schneider, aaO. S. 90) So zäh hält Gott an seiner Hoffnung fest – Reste reichen ihm schon.

  10 »Ach, mit wem soll ich noch reden, und wem soll ich Zeugnis geben? Dass doch jemand hören wollte! Aber ihr Ohr ist unbeschnitten; sie können’s nicht hören. Siehe, sie halten des HERRN Wort für Spott und wollen es nicht haben. 11 Darum bin ich von des HERRN Zorn so voll, dass ich ihn nicht zurückhalten kann.«

             Im scharfen Kontrast zu dieser langmütigen Geduld Gottes steht die Reaktion des Propheten. Er ist es leid zu reden, wo keiner hören will. Seine Erfahrung ist die Erfolglosigkeit aller Worte. Tauben Ohren hat er gepredigt und auf Ohren, die nicht mehr hören können oder wollen, wird er wieder treffen. Es ist eine harte, aber realistische Botschaft: Wer immerzu weghört, verliert irgendwann die Fähigkeit zu hören.

Wer immerzu seinen Spott hat mit den Worten des HERRN, der immunisiert sich gegen sie, auch und gerade dann, wenn er sie bitter nötig hätte. „Alles nur schöne Sprüche, alles nur Pfarrergeschwätz, alles nur Sonntagsreden“ – diese Urteile verschließen die eigene Hörfähigkeit, wenn es darauf ankäme, sich trösten zu lassen. Sich neuen Mut zusprechen zu lassen. Verheißungen zu empfangen, die Hoffnung wecken. 

Es ist Jeremias Erfahrung mit den unwilligen Hörern seiner Worte, die ihn mit Zorn erfüllt, die ihn die Suchanweisung Gottes verweigern lässt. „Menschlich gesehen ist es nur zu begreiflich, dass Jeremia unter dem Eindruck der Erfolglosigkeit seiner Bemühungen jeden Mut zur Weiterführung seiner seelsorgerlichen Tätigkeit verloren hat.“  (A. Weiser, Das Buch Jeremia, Kap. 1 – 25,14, ATD 20, Göttingen 1966, S.54) Aber er ist nicht nur mutlos, sondern zornig. So, dass er sich kaum noch beherrschen kann. Jetzt drängt es ihn, dreinzuschlagen, dem Zorn Gottes freien Lauf zu lassen.

 So schütte ihn aus über die Kinder auf der Gasse und über die Schar der jungen Männer! Denn es sollen alle, Mann und Frau, Alte und Hochbetagte, gefangen weggeführt werden. 12 Ihre Häuser sollen den Fremden zuteil werden samt den Äckern und Frauen; denn ich will meine Hand ausstrecken, spricht der HERR, wider die Bewohner des Landes.

             „Gotteswort und Menschenwort sind an dieser Stelle so eins geworden, dass Jeremia gleich anschließt als Ausspruch Jahwes, was in ihm selbst schon als Gerichtswort sich zusammenbraute.“ (D. Schneider, aaO.; S.91) Was er hier ansagt, das wird so kommen – seine Ansage setzt den Prozess in Gang. Es trifft alle – die Bewohner und das Land. Land und Leute geraten unter die Herrschaft Fremder. Nicht, weil die so stark wäre, sondern weil Gott es ihnen zuteil werden lässt. Es ist Gottes Gericht. Er streckt seine Hand gegen Jerusalem, Juda, gegen die Menschen aus. Die gleiche Hand, die Israel in seinen Anfängen vor den Feinden bewahrt hat: „HERR, deine rechte Hand tut große Wunder; HERR, deine rechte Hand hat die Feinde zerschlagen.“(2. Mose 15,6) Das ist da eigentliche Drama: Gott stellt sich als Feind gegen sein Volk.

 13 Denn sie gieren alle, Klein und Groß, nach unrechtem Gewinn, und Propheten und Priester gehen alle mit Lüge um 14 und heilen den Schaden meines Volks nur obenhin, indem sie sagen: »Friede! Friede!«, und ist doch nicht Friede. 15 Sie werden mit Schande dastehen, weil sie solche Gräuel getrieben haben; aber sie wollen sich nicht schämen und wissen nichts von Scham. Darum sollen sie fallen unter den Fallenden, und wenn ich sie heimsuchen werde, sollen sie stürzen, spricht der HERR.  

Jetzt wird – noch einmal oder einmal mehr – die Begründung geliefert. Das Unheil trifft alle, weil alle schuldig sind. Gierig, verlogen, skrupellos in ihren Geschäften. Es sind auch nicht nur „die da oben“, sondern auch die Kleinen, die geringen Leute.

Aber auch wenn es alle betrifft, so hebt Jeremia doch in besonderer Weise die Schuld der Propheten und Priester hervor. Sie haben die Wirklichkeit „schön geredet“ und sind – so das harte Urteil des Jeremia – darin mit Lügen umgegangen. Sie haben beschwichtigt. Sie haben šālȏm gerufen – Friede, Schalom, alles ist gut – wo doch in Wahrheit nichts gut war. „Mit Beruhigungspillen wird der Schaden nicht geheilt, der nur durch die Wahrheit behoben werden kann.“ (A. Weiser, aaO. S.55) Sie haben Sehnsucht bedient, sich dabei aber an der Realität vorbei gemogelt.

Dieses Lügengemisch wird nun auf sie zurückfallen. Sie werden beschämt werden, die nichts von Scham wissen wollten. Weil sie den Leuten nach dem Mund geredet haben, werden sie mit denen fallen, stürzen, die sie so in ihrer Schamlosigkeit bestärkt haben.

16 So spricht der HERR: Tretet hin an die Wege und schaut und fragt nach den Wegen der Vorzeit, welches der gute Weg sei, und wandelt darin, so werdet ihr Ruhe finden für eure Seele! Aber sie sprechen: Wir wollen’s nicht tun! 17 Auch habe ich Wächter über euch gesetzt: Achtet auf den Hall der Posaune! Aber sie sprechen: Wir wollen’s nicht tun!

             Noch einmal hält Gott inne. Noch einmal ruft er. Schaut doch auf eure Geschichte, auf den Weg, auf eure Herkunft. So wie es manche Psalmbeter tun:

Darum denke ich an die Taten des HERRN,                                                                          ja, ich denke an deine früheren Wunder                                                                           und sinne über alle deine Werke und denke deinen Taten nach.                                  Gott, dein Weg ist heilig.                                                                                                            Wo ist ein so mächtiger Gott, wie du, Gott, bist?                                                               Du bist der Gott, der Wunder tut,                                                                                           du hast deine Macht bewiesen unter den Völkern.            Psalm 77, 12 – 15

 Wenn Israel Zuflucht sucht, dann findet es sie bei Gott, der es seit den Zeiten der Väter geführt hat. Wenn es Ruhe sucht für seine Seele, so findet es sie bei ihm. Dieses Wort hat Langzeitwirkung: „Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken. Nehmt auf euch mein Joch und lernt von mir; denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen.“(Matthäus 111, 28-29) Der Kommentar erläutert: „In dieser Verheißung wird ein direkter Weg von der alttestamentlichen Bundesüberlieferung zum neutestamentlichen Evangelium sichtbar…. Die Ruhe für die Seele schließt auch schon bei Jeremia die auf der lebendigen Glaubensbeziehung zu Gott beruhende Gewissheit des Heils mit ein.“ (A. Weiser, aaO. S.56)

 Umso erschütternder ist der Widerspruch: Wir wollen’s nicht tun!  Es ist unfassbare Torheit und Dummheit, Verblendung, Irrglaube, der sich diesem Werben Gottes verweigert. Der Rückruf zu Gott trifft auf harte Herzen und verschlossene Ohren.

 18 Darum höret, ihr Völker, und merkt auf samt euren Leuten! 19 Du, Erde, höre zu! Siehe, ich will Unheil über dies Volk bringen, ihren verdienten Lohn, weil sie auf meine Worte nicht achten und mein Gesetz verwerfen. 20 Was frage ich nach dem Weihrauch aus Saba und nach dem köstlichen Gewürz, das aus fernen Landen kommt? Eure Brandopfer sind mir nicht wohlgefällig, und eure Schlachtopfer gefallen mir nicht.  

Was bleibt Gott noch zu tun? Er ruft Zeugen auf – die Völker, die Erde, auch die Leute in der Gemeinde. Gemeint sind hier wohl die, die im Gottesdienst versammelt sind. Alles, was Odem hat, wird zum Zeugen für das Urteil Gottes. Ich will Unheil über dies Volk bringen.  Das ist der Beschluss, der sich jetzt befestigt hat. Der auch nicht mehr aufzuhalten ist durch Opfergaben. Wer sich Gottes Erbarmen verweigert, der kann sich Gott nicht gewogen machen durch noch so kostbare Importwaren, die er als Opfer darbringt.

Im Hintergrund steht ein Grundkonflikt. Israel ist, was es ist, durch die Tat Gottes. Aus der Güte Gottes, aus dem Geschenk Gottes. Das alles ist verdichtet im Wort Bund. berit. Daraus zu leben ist die Antwort des Gehorsams. Dem gegenüber versucht der Opferkult, Gott durch die Gabe des Menschen zu verpflichten. Diesen Versuchen verweigert sich Gott. Er ist nicht käuflich und nicht bestechlich.  Was er sucht, sagt er deutlich: Mein Wort achten, mein Gesetz befolgen.

 21 Darum spricht der HERR: Siehe, ich will diesem Volk Anstöße in den Weg stellen, daran sich Väter und Söhne zugleich stoßen und ein Nachbar mit dem andern umkommen soll.

             Deshalb, weil sie diesen Weg verweigern, werden sie ins Stolpern geraten, werden sie erfahren, wie sich Problem auf Problem häuft. Anstoß auf Anstoß. Stolperfalle auf Stolperfalle. Väter und Söhne und Nachbarn – sie alle geraten ins Trudeln und stürzen ab. Da ist keiner mehr, der den anderen halten und ihm helfen kann.

 22 So spricht der HERR: Siehe, es kommt ein Volk von Norden, und ein großes Volk wird sich erheben vom Ende der Erde. 23 Sie führen Bogen und Speer, sind grausam und ohne Erbarmen. Sie brausen daher wie ein ungestümes Meer und reiten auf Rossen, gerüstet als Kriegsleute, gegen dich, du Tochter Zion.

             Den grundsätzlichen Ansagen folgt die zeitgeschichtliche Ausmalung. Der Blick wird auf die anrückenden Chaldäer gerichtet. Sie sind furchtbar, grausam, ohne Erbarmen. Unaufhaltsam. Und sie werden über die Tochter Zion hinwegfegen wie ein ungestümes Meer.

Weil es heißt: So spricht der HERR, ist klar: diese Kriegsmaschine führt den Willen Gottes aus. Es ist sein Gericht, das sie vollstreckt.

Zum Weiterdenken

Über das historisch Fassbare hinaus: Ist es unvorstellbar, dass sich an der Kirche unserer Tage wiederholt, was an Juda und Jerusalem geschieht? Das konnte ja keiner denken, dass Gott sein Volk an seine Feinde preisgibt, dass er seine Hand zurückzieht. So wie es auch heute, so scheint es niemand denken kann, dass Gott sich von einer Kirche abwendet, die längst nicht mehr „allein aus dem Glauben“ lebt, die an das „allein die Schrift“ und „allein Christus“ große Fragezeichen macht, Ist es so unvorstellbar, dass Gott im Himmel beschlossen hat: ich gebe euch preis an die Mächte, auf die ihr euer Vertrauen setzt – an die öffentliche Meinung, an den Zeitgeist, dem ihr nachlauft, an die wirtschaftlichen Kräfte, deren ihrer euch so sicher wähnt. Könnte es sein, Gott liefert unsere Kirche aus an die Werte, die seit langem das Sagen haben. Und irgendwann werden wir aufwachen und spüren, wie entsetzlich leer und hohl dieser ganze Betrieb ist.

             Ich gestehe, dass mir diese Worte zu schaffen machen, weil sie mein Reden und das Reden meiner Kirche zutiefst in Frage stellen. Wo treten wir einer Mentalität entgegen, die nur den eigenen Vorteil kennt und sucht, nur das eigene Recht, nur das eigene Wohlergehen? Nur noch Gruppen-Egoismus und Gruppen-Interessen. Wo wagen wir es noch, Gier als eine Todsünde zu bezeichnen und sie nicht als den Treibstoff des Kapitalismus einfach gut zu heißen, sie als anthropologische Grundgegebenheit schön zu reden. Wo treten wir der Schamlosigkeit entgegen, die keine Ehrfurcht mehr vor dem Leib und der Seele der oder des anderen kennt, sondern in ihm, ihr nur noch ein Lustobjekt sieht? Wo zerreißen wir das Netz von Schönfärbereien und Verharmlosungen, wenn es um den Schaden unseres Volkes geht, wenn es um die Schäden unserer Kirchen geht?

 „Heile dieses Land, das sich nicht selber heilen kann.                                                 Heile dieses Land und fang in unsrer Mitte an. 

Sieh, wie wir einander weh tun früher oder später                                                       Heil die Wunden an den Opfern. Heil die kranken Täter. 

Sieh, wie wenig wir dich hören. Heile unsre Ohren                                                     Und auch unsre Augen, die dich aus dem Blick verloren.“                                                                                          M. Siebald, Höchste Zeit 2013

             Wagen wir noch, so zu singen und zu beten?

 

Heiliger Gott, mit unendlicher Geduld suchst Du nach Frucht – im Leben des Einzelnen, im Weg Deiner Kirche, im Dasein der Welt. Blatt um Blatt wendest Du, gibst Tage und Jahre als Zeit zur Umkehr.

Gib doch ein Erwachen in unsere Zeit hinein, dass wir die Umkehr nicht versäumen, dass wir den Weg der Gerechtigkeit neu gehen, dass wir uns aufmachen zu Dir. Amen

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.