Einsicht und Umkehr

Jeremia 3, 21 – 4, 4

21 Man hört ein klägliches Heulen und Weinen der Israeliten auf den Höhen, weil sie übel getan und den HERRN, ihren Gott, vergessen haben.

             Was für eine bittere Erkenntnis: wir sind den falschen Göttern nachgelaufen. Was für ein Schmerz: Worauf wir unsere Hoffnungen gesetzt haben, das war Lug und Trug. Als Deutschland erwachte aus dem Tausend-jährigen Reich, da stand es vor den Trümmern seiner Träume, seines Götzendienstes. Da zeigte es sich: Wir haben an einen Lügner geglaubt, an einen Verführer unserer Herz verschenkt. Als die DDR mit leisem Getöse zusammenbrach, da haben ehrliche Gläubige des Sozialismus in Wandlitz und anderswo gesehen: wir sind belogen worden. Die schönen Worte vom Sozialismus, in dem alle gleich sind und alles Eigentum dem Volk gehört, waren nichts als leere Parolen. Die Götter haben nicht gehalten, was sie versprochen hatten. Für manchen war das so schlimm, dass er nicht mehr weiter leben wollte, „belogen, betrogen, durch den Schmutz gezogen.“(R. Mey)

22 Kehrt zurück, ihr abtrünnigen Kinder, so will ich euch heilen von eurem Ungehorsam.

             Die Antwort Gottes ist nicht: das habt ihr nun davon. Ich habe es euch gleich gesagt. Sondern die Antwort ist der Ruf: kehrt zurück. Was vor dem Gesetz unmöglich ist, was durch die eigene Treulosigkeit unmöglich gemacht wird, das wird jetzt doch möglich, weil Gott ist, wie er ist. „Das hebräische Wort »schub«, das Jeremia für umkehren gebraucht, gehört der Alltagssprache an und hat von Natur aus keinen religiösen Klang.(D. Schneider, aaO. S.55) Damit ist zunächst klar: es geht nicht um Rückkehr zum Gottesdienst, oder um Erneuerung des Gottesdienstes, sondern um eine Wende in der Lebenspraxis.

Nur: wer kann das wirklich, seinem Leben eine neue Wende geben? Wer kann das wirklich, seine Lebenspraxis von Grund auf wandeln? Die Fortsetzung des Wortes: ich will euch heilen von eurem Ungehorsam. macht sichtbar: Hier wird nicht Menschenunmögliches gefordert, sondern neues Heil Gottes angesagt. Es ist ein Tun Gottes, das den Weg öffnet: „Wenn Gott sich seines Volkes wieder annimmt, wird es wieder Raum zur Buße haben.“ (D. Schneider, aaO.; S.64) Es ist die aller Bußbereitschaft und allem Willen zur Umkehr zuvor kommende Güte Gottes, die in diesem Wort aufleuchtet.

 Siehe, wir kommen zu dir; denn du bist der HERR, unser Gott.

             Dieser Liebe antwortet das Volk. Es antwortet mit den Worten, die es von frühauf gelernt hat. Mit der Bundesformel, wie sie seit den Anfängen Israels im Land gebraucht worden ist, eingeschärft im schema israelHöre, Israel, der HERR ist unser Gott, der HERR allein.“(5. Mose 6,4) Darf man das sagen: Es wirkt ein wenig angelernt. Mir fällt die formelhafte Sprache auf, die wie eine Übernahme von liturgischen Versatzstücken klingt. Es sind keine persönlichen Worte. Sie sind irgendwie für alle gesprochen, nicht von einem einzelnen. Gruppensprache. Gottesdienstsprache.

Aber manchmal gerät mir als Einzelnem der Satz „Es tut mir Leid“ zur Formel. Die sich sage, weil es dran ist, aber nicht schon tief innerlich überzeugt und betroffen. Wie ehrlich und wie tief die Reue ist, die Einsicht, lässt sich nicht vom geschriebenen Wort her beantworten. Man müsste die Sätze hören können, die Gesichter sehen. Weil der Ton die Farbe der Botschaft widerspiegelt.

 23 Wahrlich, es ist ja nichts als Betrug mit den Hügeln und mit dem Lärm auf den Bergen. Wahrlich, es hat Israel keine andere Hilfe als am HERRN, unserm Gott. 24 Der schändliche Baal hat gefressen, was unsere Väter erworben hatten, von unsrer Jugend an, ihre Schafe und Rinder, Söhne und Töchter. 25 So müssen wir uns betten in unsere Schande, und unsre Schmach soll uns bedecken. Denn wir haben gesündigt wider den HERRN, unsern Gott, wir und unsere Väter, von unsrer Jugend an bis auf den heutigen Tag, und haben nicht gehorcht der Stimme des HERRN, unseres Gottes.

             Aus der Hinwendung zu Gott folgt die Einsicht in den Irrweg des eigenen Lebens. Umkehr und Einsicht gehören unlöslich zusammen. Wie tief geht die Reue wirklich? Es ist rasch gesagt: wir haben Unrecht getan. Es ist rasch gesagt: Es tut uns Leid. Aber es wiederholt sich oft in den biblischen Texten: Die Kinder Israel klagen, weil es ihnen dreckig geht. Sie reden von Umkehr. Sie suchen den neuen Anfang. Bußbereitschaft entsteht, weil Hoffnungen wie Seifenblasen zerplatzt sind. Es entsteht die Einsicht: Wir sind den falschen Göttern nach-gelaufen.

            Ich überlege, wie das heute klingen könnte: Wir haben auf außenpolitische Stärke gesetzt. Wir haben den wirtschaftlichen Aufschwung um jeden Preis gewollt. Wir haben das Wohlleben gesucht und darüber die Gerechtigkeit vergessen. Wir haben aus unserem Kontinent eine Festung machen wollen mit hohen Mauern gegen die, die bei uns Zuflucht suchen. Immer, wenn es bedrohlich wird, stehen die Einsichten ins Haus.

            Unsere Zeitungen heute liefern uns gleiches Material frei Haus: Wir leben über unsere Verhältnisse. Wir müssen neue Bescheidenheit lernen. Wir verbrauchen die Ressourcen der Zukunft. Wir machen Schulden auf Kosten unserer Enkel.  – Und direkt daneben stehen die Steigerungszahlen von Dax und Bonus-Zahlungen.

 4,1 Willst du dich, Israel, bekehren, spricht der HERR, so kehre dich zu mir! Und wenn du deine gräulichen Götzen von meinem Angesicht wegtust, so brauchst du nicht mehr umherzuschweifen, 2 und wenn du ohne Heuchelei recht und heilig schwörst: »So wahr der HERR lebt«, dann werden die Heiden in ihm gesegnet werden und sich seiner rühmen.

            Wie weit ist es her mit der Bereitschaft zur Umkehr? Diese Frage steht im Raum. Gott sagt: wenn es euch ernst ist – löst euch von den Götzen. Trennt euch von falschen Vorstellungen. Kehrt radikal um. Bindet euch neu – an mich, den Geber aller Gaben. An mich, den Grund allen Lebens. An mich, der euch erst geschaffen hat durch seinen Bund. Wenn ihr euch so neu bindet, dann kann wirklich Neues werden, dann wird euer Licht vor den Heiden leuchten und sie werden „euren Vater im Himmel preisen.“(Matthäus 5,16) Dann wird mein Volk sein, wozu ich, Gott, es erwählt habe: Das Licht meiner Liebe.

3 Denn so spricht der HERR zu denen in Juda und zu Jerusalem: Pflüget ein Neues und säet nicht unter die Dornen! 4 Beschneidet euch für den HERRN und tut weg die Vorhaut eures Herzens, ihr Männer von Juda und ihr Leute von Jerusalem, auf dass nicht um eurer Bosheit willen mein Grimm ausfahre wie Feuer und brenne, sodass niemand löschen kann.

             Nur: Reicht die Einsicht wirklich so tief? Es braucht nicht nur den Umbau des Systems. Es braucht ein neues System, eine neue Ausrichtung – und nicht nur ein bisschen Kosmetik. Da ist ein neuer Weg – wendet euch von dem alten Weg ab. Umkehr, die Zukunft für sich hat, die sich der Zukunft öffnet, geht nicht mit ein bisschen verbessertem „Weiter so“. „Pflüget ein Neues und säet nicht unter die Dornen!“ Das ist die Umkehr, die das Leben sucht.

Zum Weiterdenken

       Ich lese Jeremias Worte in den Tagen der Pandemie und frage mich: Sind Schuldbekenntnis und Umkehrversprechen nicht Worte, die wir genauso nachsprechen müssen? Wir können doch nicht einfach weitermachen wie gehabt. Wir müssen doch unsere Lebensweise in Frage stellen und nicht nur in Frage stellen. Umkehren müssen wir von den gräulichen Götzen, vom Wahn des Immer Mehr, des unbegrenzten Wachstums, das die Erde frisst.

             „Die auf uns folgenden Generationen werden mit blanker Wut und Verachtung auf den Egoismus der Menschen es 20. Jahrhunderts zurückblicken, die sich in ihrer unübertrefflichen Selbstgefälligkeit vornahmen, den Erdball in 100 Jahren auszuplündern Denn was wir heute von den Vorräten aus zurückliegenden Zeiten verbrauchen, nehmen wir den Zeiten nach uns weg. Spätere Generationen werden von den Resten leben müssen, die wir übriglassen Sie werden versuchen müssen das zu verwerten, was uns zu geringwertig und zu kostspielig schien. Sie werden sich mit dem Schlechteren begnügen müssen und es viel schwerer haben. Die Mitmenschen auszubeuten, gilt heutzutage als verpönt. Aber den Enkeln die Existenzgrundlage zu entziehen, indem man ausbeutet, was sie bitter nötig haben werden, ist eine verdienstvolle Tat. Das bringt Geld und Ehren – und absolute Wahlsiege ein. Der allergrößte Witz aber ist der, dass man den ganzen Betrieb damit begründet, man arbeite für eine bessere Zukunft.“ (H. Gruhl, Ein planet wird geplündert, Frankfurt 1975, S. 96)

            Es gilt, Abschied zu nehmen vom Götzendienst des Mehr, Schneller, Weiter, Höher, Besser. Es gilt, Bescheidenheit zu lernen – und nicht nur, sie andere zu lehren. Wir müssen Ja sagen lernen zu unseren Grenzen, individuell, gemeinschaftlich, global. Das aber lernen wir wohl nur in einem neuen Ja zu unserem Gott. „Der Herr schafft deinen Grenzen Frieden.“ (Psalm 147,14)

    Dieses Wort „Pflüget ein Neues und säet nicht unter die Dornen!“zu übertragen auf das eigene Leben, auf die Arbeit in der Kirchengemeinde, auf die Suche nach Lösungen in tausend Lebensproblemen – das könnte ein unglaublicher Schritt nach vorne sein.

            Es ist einigermaßen aufregend: „Alles wird immer weniger und schwieriger, aber man nimmt es so hin. Hauptsache, die Stimmung unter uns bleibt gemeinschaftlich.“(G. Wegner, Die nicht-missionarische Anstalt, Hess. Pfarrerblatt 4/2020, S. 153) Wir verwenden und verschwenden so viel Energie, um das Netz weiter zu machen, um das Bestehende anzupassen – auch und gerade als Kirche. Aber ist die Umkehr, zu der Jeremia ruft, nicht viel radikaler? Tut sie nicht viel mehr weh, weil sie das Alte fahren lässt und sich ganz dem Neuen anvertraut – Gott anvertraut? Wirkliche Umkehr ist radikal und tut weh. Aber sie befreit auch aus den alten Bindungen.

 

Mein Gott, wie weit her ist es mit unserer Bereitschaft zur Umkehr, zum Verzicht, zu einer radikalen Wende? Wie weit ist es her damit, dass wir nicht mehr auf uns selbst vertrauen, sondern uns ganz an Dich hängen?

Wie tief geht das bei mir? Ich weiß, dass Umkehr nicht geht mit „weiter so“, nicht geht mit „ich gebe mir Mühe“, nicht geht mit „ich habe es doch gut gemeint“. Das alles weiß ich und doch fällt es mir schwer.

Nimm Du mein Leben in Deine Hand.Nimm meinen schwachen guten Willen und kehre Du mich hin zu Dir. Amen

Ein Gedanke zu „Einsicht und Umkehr“

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