Was ist der Dank?

 Jeremia 2, 1 – 13

 1 Und des HERRN Wort geschah zu mir:

             Alles, was folgen wird, ruht auf dem Reden Gottes. Er hat zu Jeremia gesprochen. Er hat ihm seinen Auftrag gegeben. Jeremia nimmt das Wort, weil Gott ihm sein Wort gegeben hat. Wie man sich das vorzustellen hat? Daran liegt dem Buch nichts. Es greift mit der Wendung des HERRN Wort geschah auf eine gebräuchliche Form zurück. Wichtig ist nicht das wie, sondern die Autorität hinter den Worten des Jeremia.

2 Geh hin und predige öffentlich der Stadt Jerusalem und sprich: So spricht der HERR: Ich gedenke der Treue deiner Jugend und der Liebe deiner Brautzeit, wie du mir folgtest in der Wüste, im Lande, da man nicht sät. 3 Da war Israel dem HERRN heilig, die Erstlingsfrucht seiner Ernte. Wer davon essen wollte, machte sich schuldig, und Unheil musste über ihn kommen, spricht der HERR.

            Keine Geheimverhandlung – ein öffentlicher Auftritt. Gerichtet an die Stadt Jerusalem. Sie wird hier angesprochen als Person. Heutzutage nennt man das „corporate identity“ und meint damit das, was hier auch anklingt: Die einzelnen Bewohner der Stadt sind zusammen mehr denn als Einzelne. Sie sind ein Ganzes. Und werden so auch angesprochen.

Es fängt gut an, was der HERR spricht. So wie es Israel liebend gerne auch selbst sieht: Wenn Israel seiner Geschichte gedenkt, so ist da Lobpreis und Freude. Der Auszug aus Ägypten und die Landnahme waren Gründe zum Jubel über Gottes Größe. Es hat alles so gut angefangen mit Israel und seinem Gott. Es hat alles so gepasst: Gott hat sein Volk aus der Knechtschaft in die Freiheit geführt. Gott hat sein Volk seine Güte erfahren lassen, seine Fürsorge, seine Treue. Gott war für sein Volk da und sein Volk war glücklich vor ihm und mit ihm. Es war wie in den Flitterwochen einer Ehe: das Glück aneinander – unbeschreiblich.

Dieser Liebe und Treue Gottes hat die Liebe und Treue Israels entsprochen! In seiner Jugendzeit konnte Israel gar nicht genug von seinem Gott haben. Treue, Hingabe – hebräisch chäsäd und Liebe – hebräisch habā – haben Israel bestimmt, nicht als lästige Pflicht, sondern als eine zwingende Konsequenz der Brautzeit in der Wüste. „Es ist der Fundamentalsatz des alttestamentlichen Glaubens, dass Gott dieses Volk für sich beschlagnahmt hat als ein ihm „heiliges Volk.“…Aus dieser Grundgegebenheit der Erwählung des Gottesvolks am Anfang der Heilsgeschichte leitet sich alles andere ab.“ (A. Weiser, aaO. S.16)

            Aber nun ist es wichtig: Diese Erwählung ist ein Akt der Liebe. Sie ist keine Erwählung unter Nützlichkeitsgesichtspunkten – weil Israel so fruchtbar ist. sondern hinter der Wahl steht die Liebe Gottes. Darum greift Jeremia auch „die in der Umwelt vorhandene zeitgenössische Religiosität auf, die den Bundesgedanken mit dem Ehe-Motiv verknüpft.“(D. Schneider, aaO. S.38) Nur, es geht ihm nicht um „Heilige Hochzeit“, nicht um eine Rechtfertigung sexueller Praktiken an den Heiligtümern. Sondern es geht allein darum: Die Wahl Gottes ist von der Liebe geleitet.  

Der Blick in die Geschichte Israels wird zur Anklage. Wer in diese Liebe einbricht, wer diese Liebe bricht, wer Gott seine Erstlingsfrucht wegnimmt, wird schuldig an Gott.

4 Hört des HERRN Wort, ihr vom Hause Jakob und alle Geschlechter vom Hause Israel! 5 So spricht der HERR: Was haben doch eure Väter Unrechtes an mir gefunden, dass sie von mir wichen und hingen den nichtigen Götzen an und wurden so zunichte 6 und dachten niemals: Wo ist der HERR, der uns aus Ägyptenland führte und leitete uns in der Wüste, im wilden, ungebahnten Lande, im dürren und finstern Lande, im Lande, das niemand durchwandert und kein Mensch bewohnt?  

            Es ist ein vorsichtiges Fragen. Fast ein Spiel mit der „unmöglichen Möglichkeit.“(K. Barth). Ist die Abwendung der Väter das Versäumnis Gottes? Ist er doch, trotz aller Mühe, Liebe schuldig geblieben? Oder ist es Bosheit des Volkes? Ist das Volk in seiner Glückserwartung maßlos geworden? Oder ist es einfach die furchtbare Frucht der Gewöhnung?

Gott hat keine Mühe gescheut um sein Volk – und hat doch das Herz seines Volkes verloren. Er war das Licht im Dunkel – aber nun gehen sie lieber ohne ihn weiter im Dunkel der Welt. Sie setzen auf andere Wegweiser. Sie suchen andere Lichter, die besser zu dem neuen Land, zu der neuen Zeit passen.

7 Und ich brachte euch in ein fruchtbares Land, dass ihr äßet seine Früchte und Güter. Aber als ihr hineinkamt, machtet ihr mein Land unrein und mein Eigentum mir zum Gräuel. 8 Die Priester fragten nicht: Wo ist der HERR?, und die Hüter des Gesetzes achteten meiner nicht, und die Hirten des Volks wurden mir untreu, und die Propheten weissagten im Namen des Baal und hingen den Götzen an, die nicht helfen können.

            Noch einmal die Erinnerung: ich habe euch in ein fruchtbares Land gebracht. Über der Fülle der Gaben ist Israel blind geworden. Die Tagesordnung hat den Blick gefesselt und den Ausblick verstellt: Was werden wir essen? Was werden wir trinken? Wie sichern wir unser Leben? Alle, die Leiter des Volkes sein sollten, ließen sich von dieser Aufgabe faszinieren: Das Leben des Volkes zu sichern. Aus dem Empfangen der Gaben Gottes wurde die Aufgabe, die Gaben allezeit bereit zu stellen. Empfangen wurde aufgelöst und abgelöst in das eigene Produzieren. Wie bitter ist das: „Sünde ist weniger die Verzweiflung an Gott in Zeiten der Bedrängnis als vielmehr Undankbarkeit gegen Gott in der Stunde des Segens.“(D. Schneider, aaO. S.40)

             Wie tief steckt das nicht nur in Israel, sondern in uns drin, dass wir aus dem Empfangen heraus wollen, dass es schwer ist, sich mit dem Leben beschenken zu lassen, dass wir lieber mühsam selbst gestalten wollen und selbst alles im Griff haben wollen. Wenn die Wohltaten Gottes normal werden, dann verschwindet der Wohltäter hinter seinen Gaben. Israel hat die Gaben gewollt und den Geber darüber aus den Augen verloren.

9 Darum muss ich noch weiter mit euch und mit euren Kindeskindern rechten, spricht der HERR.

             Weil das alles so ist, eröffnet Gott den Rechtsstreit, macht er Israel den Prozess. Und nun eben nicht nur den Vätern, sondern auch der gegenwärtigen Generation und ihren Kindeskindern.

 10 Denn geht hin zu den Inseln der Kittäer und schaut, und sendet nach Kedar und gebt genau Acht und schaut, ob’s daselbst so zugeht: 11 ob die Heiden ihre Götter wechseln, die doch keine Götter sind. Aber mein Volk hat seine Herrlichkeit eingetauscht gegen einen Götzen, der nicht helfen kann!

            Wir hören – so denke ich – zu schnell irgendwelche kultischen Abweichungen, fremde Götter. In Wahrheit aber geht es um die Ablösung der Gaben von ihrem Geber und um die dann folgende Abwendung hin zu den Gaben, weg vom Geber. Wo immer das geschieht, wird die Gabe vergötzt und der Geber vergessen und verlassen. Die Heiden bleiben ihren Göttern, die doch nur Götzen sind, treu.  Das Volk Gottes aber wechselt, tauscht seinen Gott gegen Götzen ein.

Israel ist darin wie ein Spiegel für uns und unsere Zeit. Statt die Herrlichkeit Gottes zu ehren und uns an ihr zu freuen, beten wir die Werke unserer Hände an. Auch das wird man feststellen können: In den Tempeln unserer Zeit ist Gnade ein Fremdwort – ob es nun die Konsum-Tempel sind oder die Geld-Kathedralen oder die Oasen der Gesundheits-Industrie. Die Anbetung der eigenen Werke verliert die Gnade aus den Augen.

 12 Entsetze dich, Himmel, darüber, erschrick und erbebe gar sehr, spricht der HERR. 13 Denn mein Volk tut eine zwiefache Sünde: Mich, die lebendige Quelle, verlassen sie und machen sich Zisternen, die doch rissig sind und kein Wasser geben.

            Keinen, auch nicht die unbelebte Schöpfung, kann das kalt lassen. Der Himmel ist Gottes Zeuge: So war das nicht gedacht. Was hier geschieht – dass Gott von seinem Volk verlassen wird, das widerspricht allem, was im Anfang der Welt gedacht und gewollt war von Gott. Alle Sünde auf dem Weg Israels wurzelt in der Abwendung von dem lebendigen Gott und der Zuwendung zu den Götzen, die doch das Leben zerstören.

Auf der Suche nach dem Leben wollen sie leben ohne Gott und diese Gottlosigkeit macht das Leben leblos – mit der Abkehr von Gott kehrt man sich auch vom Leben ab. Sie tauschen den frischen Quellgrund gegen abgestandenes Brunnenwasser. Das ist das unheimliche Gesetz, das bis heute nichts an Kraft verloren hat. Wer sich von dem barmherzigen und gnädigen Gott abwendet, dem „Brunnquell guter Gaben“(J. Heermann, 1630, EG 495), der gerät in den Zwang, aus fauligem Wasser und Pfützen am Weg schöpfen zu müssen.

Zum Weiterdenken

Wir haben uns angewöhnt: Jede und jeder glaubt, wie er oder sie will, an wen er will. Ob einer den Weg des Glaubens verlässt, verliert, das ist allein sein Ding. „Der nüchterne Rückblick auf die vergangenen fast fünfzig Jahre lässt recht konkrete Fragen hochkommen., nicht zuletzt die schlichte, aber gravierende Frage danach, ob uns die Mitglieder der Kirche ernsthaft interessiert haben. In jedem dieser fünfzig Jahre kam es zu enormen Kirchenaustrittszahlen. Hat uns das wirklich bewegt? Habe ich wenigsten bei einigen Leuten den Kirchenaustritt verhindert und einige andere zum Kircheneitritt bewegt?“(G. Wegner, Die nicht-missionarische Anstalt, Hess. Pfarrerblatt 4/2020: S. 140) Wie himmelweit sind wir mit dieser scheinbaren Toleranz von Jeremia entfernt. Er kann zu den Irrwegen des Volkes nicht schweigen. Gott lässt es ihm nicht zu.

Was wir Toleranz nennen, würde Jeremia wohl eher Gleichgültigkeit nennen. Gleichgültigkeit, der sowohl die verletzte Liebe Gottes nichts gilt als auch der Irrweg, auf den sich die begeben, die ohne Gott leben wollen. Vorsichtig gefragt: Kann es sein, dass unsere Toleranz eine Form der Unbarmherzigkeit ist? Wer zusieht, wie einer das eigne Leben ruiniert, der macht sich doch mitschuldig, der ist ohne Erbarmen.

Wieder vorsichtig gefragt: Kann es uns wirklich egal sein, wie sich Menschen in die Gottesferne verrennen? Wie Leute stolz davon ausgehen, dass sie ihren Weg schon allein finden, dass sie sich selbst genug sind. Wie Menschen das abgestandene Wasser der Weltweisheit, der Ratgeber und Gurus schlürfen und den frischen Quell des Wortes Gottes, der Gottesgegenwart links liegen lassen. Der Prophet kann nicht anders. Er muss rufen, schreien, warnen, auch drohen, an Gott erinnern. Gott nötigt ihn dazu.

Wir aber können anders. Wir lassen die Leute in Ruhe. Wir haben schließlich, vom Gesetz garantiert, Religionsfreiheit. Jede und jeder, wie er will. Auch auf dem Weg in den Abgrund, in das Gottesdunkel.

            Wie gut, dass Gott sich nicht damit abfindet und sagt: Sollen sie doch sehen, wo sie bleiben. Er vergisst über allem Entsetzen des Himmels nicht, sein innerstes Wesen. Wie gut, dass er über die Zeiten hinweg ruft: „Aber am letzten Tag des Festes, der der höchste war, trat Jesus auf und rief: Wen da dürstet, der komme zu mir und trinke! Wer an mich glaubt, wie die Schrift sagt, von dessen Leib werden Ströme lebendigen Wassers fließen.“ (Joh. 7, 37-38)

Mein Gott, wie viel hast Du mir zugut getan. Wie viel Mühe hast Du Dir mit mir gegeben. Du hast mir Gesundheit, Verstand, Glauben geschenkt. Du hast mir Menschen zur Seite gestellt, die mich mögen.

Habe ich Dir dafür gedankt, nicht nur mit Worten, mit meinem Leben? Habe ich nicht immer wieder gezögert, mich Dir ganz hinzugeben?

Halbherzig, kleingläubig, schwankend wie ein Rohr im Wind, so ist mein Leben mit Dir. Sieh Du mich dennoch gnädig an. Amen