Berufen – ohne Wenn und Aber

Jeremia 1, 1 – 19

 1Dies sind die Worte Jeremias, des Sohnes Hilkijas, aus dem Priestergeschlecht zu Anatot im Lande Benjamin. 2 Zu ihm geschah das Wort des HERRN zur Zeit Josias, des Sohnes Amons, des Königs von Juda, im dreizehnten Jahr seiner Herrschaft 3 und hernach zur Zeit Jojakims, des Sohnes Josias, des Königs von Juda, bis ans Ende des elften Jahres Zedekias, des Sohnes Josias, des Königs von Juda, bis Jerusalem weggeführt wurde im fünften Monat.

             Was für ein Auftakt: Es geht im ganzen Buch um Worte Jeremias. Ausgelöst dadurch, dass das Wort des HERRN zu ihm geschah. So liegt hier schon in den ersten beiden Sätzen ineinander, was wir gerne gedanklich trennen: Menschenwort und Gotteswort. Das Gotteswort löst das Menschenwort aus. Damit stellt sich eine Frage, weit über das Buch Jeremia hinaus: Kann es sein, dass wir das Gotteswort nie anders haben als im Wort von Menschen? Die Stimme von oben – senkrecht und unmittelbar – ist auch biblisch betrachtet, die Ausnahme. Und wir wissen von ihr nur durch das Erzählen von Menschen. Durch die Schrift in ihrer so durch und durch menschlich geformten Gestalt.

            Wobei es wichtig ist, im Auge zu behalten: „Worte Jeremias – das hebräische Wort dibrē (von dabār) das hier steht, umfasst mehr als das deutsche Worte. Es ist zugleich ein Ausdruck für das, was wir im Deutschen „Taten“, „Ereignisse“ nennen würden. Die beiden ersten Worte wollen also in die Geschichte und Ereignisse, die das Wort Jahwes in den Worten Jeremias hatte und durch die Worte Jeremias bewirkte, einführen.,“(D. Schneider, Der Prophet Jeremia, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1977. S.24)

             Ausgelöst werden Jeremias Worte dadurch, dass das Wort des HERRN geschah, an Jeremia erging. Das ist eine „fest geprägte, abgeschliffene Stilform („Wortereignisformel“), die eine längere Geschichte prophetischer Tradition voraussetzt.“(A. Weiser, Das Buch Jeremia, Kap. 1 – 25,14, ATD 20, Göttingen . S.3) Dahinter steht ein Ereignis. In einer bestimmten Zeit. Zur Zeit Josias, des Sohnes Amons, des Königs von Juda. im dreizehnten Jahr seiner Herrschaft. Diese Zeit lässt sich historisch bestimmen – Josia ist von 639 – 609 v. Chr. König. Damit liegt der Anfang im Jahr 626.

            Wenn man genau hinschaut, sieht man in V. 2 zwei Zeitangaben: „Von… bis geschah das Wort des Herrn und hernach von bis …“ Zwischen diesen beiden Anrufen an Jeremia liegt Zeit, viel Zeit. Von der wir nichts wissen, weil das Buch über die schweigt. Jeremia hat nicht immer und nicht zu allem etwas zu sagen. Die Beauftragung zum Propheten ist keine Beauftragung mit der Rolle eines Chef-Kommentators zum Zeitgeschehen. In der ersten Zeit seines Wirkens hat Jeremia anderes zu sagen als in der zweiten Zeit. Gottes Wort an die Geschichte und in der Geschichte ändert sich. Jeremia muss jeweils das sagen, was in der Zeit und Situation dran ist. Wenn Gott Jeremia in einer bestimmten geschichtlichen Situation beruft und beauftragt, dann soll das Auswirkungen auf die Geschichte haben.

Aber gerade das ist eminent wichtig: Gottes Ruf ist konkret, zu bestimmter Zeit, am bestimmten Ort, an einen bestimmten Menschen. Jeremia wird gerufen als der Priestersohn aus Anathot im Lande Benjamin. Aus einem Ort, ca. 7 km nördlich von Jerusalem. Das gehört zu seinem Botensein dazu. Er ist nicht gerufen als ein geschichtsloses XY, sondern als ein so und so erzogener, aufgewachsener, geprägter Mann. Gottes Ruf ist ein Datum der Biografie des Jeremia, das nie mehr zu löschen ist und das dieses Leben in neue Zusammenhänge führt.

4 Und des HERRN Wort geschah zu mir:  5 Ich kannte dich, ehe ich dich im Mutterleibe bereitete, und sonderte dich aus, ehe du von der Mutter geboren wurdest, und bestellte dich zum Propheten für die Völker.

 Ehe ich dich im Mutterleibe bereitete. Über Jeremia ist entschieden, bevor er irgendetwas zu entscheiden hatte. Von allem Anfang an. Von Ewigkeit her hat Gott gesehen, was er mit diesem Menschen will. Da fallen Lebensentscheidungen pränatal. Gott sondert aus, erwählt und der Mensch ist ausgesondert, erwählt – zu dem, was Gott von ihm will. Statt ausgesondert kann man auch übersetzen; „geheiligt“. „Geheiligt sein heißt: Ganz für Gott in Anspruch genommen sein.“ (D. Schneider, aaO. S.28) Man muss es deutlich sagen: Hier ist kein Raum für die Autonomie, die wir für uns in Anspruch nehmen. Hier ist Beschlagnahmung durch den Stärkeren und sonst nichts.

            Auch das steckt in diesem Wort: Gott weiß, wen er da ruft. Ich kannte dich! Von Anfang an erkannt, erforscht, durchschaut. Gott setzt nicht auf ein unbeschriebenes Blatt. Er wartet auch nicht ab, bis sich ein bisschen gezeigt hat, was denn wohl mit Jeremia anzufangen sein wird. Er ruft den, den er kennt – mit seiner Herkunft, seinen Grenzen, seinen Stärken und seinen Schwächen. Er setzt auf den, den er bis in die letzten Tiefen und Abgründe seines Wesens kennt. Er erwählt vor aller Zeit und diese Erwählung vor aller Zeit wird dann verdichtet, konkretisiert in seinem Ruf in der Zeit.

      6 Ich aber sprach: Ach, Herr HERR, ich tauge nicht zu predigen; denn ich bin zu jung. 7 Der HERR sprach aber zu mir: Sage nicht: »Ich bin zu jung«, sondern du sollst gehen, wohin ich dich sende, und predigen alles, was ich dir gebiete. 8 Fürchte dich nicht vor ihnen; denn ich bin bei dir und will dich erretten, spricht der HERR.

             Jeremia will nicht. „Ich doch nicht. Ich bin noch zu jung. Such dir einen anderen!“ so sagt er Gott. Einspruch mit guten Gründen aus der Biographie. Die eigene Lebensplanung – über den Haufen geworfen. Das Selbstbestimmungsrecht – verworfen. Jeremia sträubt sich. Trotz der ehrfurchtsvollen Anrede: Herr HERR – „mein Herr, Jahwe!“ schreibt die „Neue evangelistische Übersetzung“ und ist damit am Nächsten am hebräischen Text, weil sie den Gottesnamen wiedergibt. Es ist fast das Normalverhalten in biblischen Geschichten: Gott hat es mit widerspenstigen Leuten zu tun, wenn er seine Boten sucht.

           Gott gibt diesem Einwand des Jeremia nicht nach. Er unterbindet ihn – schroff, hart, ohne darauf einzugehen: Sage nicht: ich bin zu jung. „Gott lässt dieses Argument nicht gelten. Dass Jeremia sich als náʽar (Knabe) fühlt, tut nichts zur Sache.“(R. Gradwohl, Bibelauslegung aus jüdischen Quellen, Bd. 2, Stuttgart 1987, S.238) Auf gut Deutsch: Gott sagt „Ich will das nicht hören!“ So geht Gott über den Einwand des Jeremia hinweg und lässt ihn nicht gelten. Es gehört zur Härte des Lebens des Jeremia, dass Gott auf seinen Einwand nicht verständnisvoll eingeht und seinen Auftrag zurück nimmt. Du sollst gehen. Du sollst predigen. Er bekräftigt ihn sogar und wird ihn im Lauf des Lebens des Jeremia noch wiederholen. Gott weiß, dass er von Jeremia unendlich viel verlangt – und doch hält der daran fest.

Neben dieses harte, unbedingte Du sollst tritt die Zusage von Beistand und Errettung. Nichts wird schön geredet – aber es wird doch dem gewehrt, dass die Angst das Feld behalten darf: Ich bin bei dir. „Berufung ist nie nur Beauftragung, sondern immer auch Selbstmitteilung Gottes an den Gesandten.“ (D. Schneider, aaO. S.31) Daran hängt alles: „Ich bin bei dir.“ Jeremia weiß es noch nicht: Er wird angefeindet werden, für einen Vaterlands-Verräter gehalten – aber Gott verspricht: Ich bin bei Dir. Jeremia wird einsam werden und sich danach sehnen, einfach nur mit-feiern zu können im großen Haufen und er bleibt doch allein. Aber Gott verspricht: Ich bin bei Dir.  Er wird ins Gefängnis geworfen und vom Tod bedroht  – aber Gott verspricht: Ich bin bei Dir.

Jeremia geht nicht allein und nicht auf eigene Rechnung los. Er geht in größte Gefahren und Anfechtungen hinein. Da macht Gott ihm nichts vor. Gott täuscht seine Leute nicht über die Härte der Wege, die sie zu gehen haben. Darum verspricht er hier: ich will dich erretten. Die Zusage der Rettung sieht die Härte des Weges, aber sie steht gegen alle Angst, entzieht ihr den Boden. Ob das stimmt, wird aber nur der erfahren, der sich senden lässt.

 9 Und der HERR streckte seine Hand aus und rührte meinen Mund an und sprach zu mir: Siehe, ich lege meine Worte in deinen Mund.

             Das gehört zu diesem geschichtlichen Ruf: Und der HERR streckte seine Hand aus und rührte meinen Mund an und sprach zu mir: Siehe, ich lege meine Worte in deinen Mund. Es geht nicht nur um Gedankenspiele. Was auf uns wie ein Bildwort wirkt, ist doch in Wahrheit mehr: Es geht um die Beanspruchung des ganzen Menschen. Berufung und Beauftragung ist auch ein körperlich spürbares Geschehen. Es wird ja auch den Körper fordern. Jeremia ist Bote mit Leib und Seele.

         Gott gibt ihm das Wort, das er sagen soll. Er legt ihm seine Worte in den Mund.  Er bereitet die Werke, die er tun soll. Darum ist das der erste Dienst der Boten Gottes: Das Wort empfangen. Die Werke empfangen und dann beides hinein tragen in die Welt. Wenn Jeremia kein Wort von Gott hat, hat er auch nichts zu sagen. Jedenfalls nichts, von den er sagen könnte: Spruch Jahwes, Wort Gottes, so spricht der HERR.

            Die Differenz ist mit Händen zu greifen: Als Pfarrer hatte ich eine Redeverpflichtung – immer, wenn ich mit Gottesdienst „dran“ war. Ich bin ihr gerne nachgekommen, weil ich gerne gepredigt habe und immer noch gerne predige. Aber ich kenne doch auch die Furcht: Was, wenn ich gar nichts zu sagen habe? Wenn mir kein Wort von Gott her zufällt. Nur sagen, was alle sagen – das ist noch nicht Reden im Auftrag Gottes. Manchmal hätte ich den Mut haben sollen zu schweigen, solange, bis mir ein Wort von Gott her zugefallen, zugekommen ist. Bis es in mir Gestalt und Form gewonnen hat.  Bis heute bin ich froh, nicht zu allem und jedem was geschieht, auch etwas sagen zu müssen.

10 Siehe, ich setze dich heute über Völker und Königreiche, dass du ausreißen und einreißen, zerstören und verderben sollst und bauen und pflanzen.

      Das also ist der Auftrag des Jeremia. Er steht Völkern und Königreichen gegenüber. Er wird Gericht ansagen – und sein Ansagen wird das Gericht herbeiführen. Worte haben Macht. Erst recht Worte, die einer im Namen Gottes spricht. Und doch soll Jeremia nicht einfach nur ein Unheilsprophet sein. In der Reihenfolge der Worte wird sichtbar: „Doch wenn auch Jeremia vor allem zerstören muss, besteht das letzte Ziel seiner Sendung nicht darin. Das Ziel heißt Aufbauen und anpflanzen; diese Tätigkeitswörter werden in der Reihe als letzte gesetzt und dadurch deutlich hervorgehoben.“(R.-M. Gallay, Jeremia – Prophet in einer Zeit der Krise, Bibelarbeit in der Gemeinde Bd. 6; Basel 1986, S. 71)     

 11Und es geschah des HERRN Wort zu mir: Jeremia, was siehst du? Ich sprach: Ich sehe einen erwachenden Zweig. 12Und der HERR sprach zu mir: Du hast recht gesehen; denn ich will wachen über meinem Wort, dass ich’s tue.

 Das Wort ergeht und fordert die Aufmerksamkeit Jeremias. Gottes Frage nach dem Sehen beantwortet Jeremia: ich sehe. Er wird noch einmal genauso gefragt werden. Es braucht das Sehen des Propheten, seine Wahrnehmung. Es braucht die offenen Augen, weil sonst auch die deutenden Worte Gottes nicht verstanden werden können.

Jeremia sieht einen erwachenden Zweigschākēd – und was er sieht ist wie ein Gleichnis für das, wie Gott ist: Er wacht – schokēd. Es ist ein normales Bild im Frühjahr. Da blühen Zweige auf. Nichts Ungewöhnliches. Es gehört zur Eigenart prophetische Worte, dass sie häufig am Alltäglichen anknüpfen und es durchsichtig wird auf die Wirklichkeit hinter dem Alltäglichen.

Der sprachliche Gleichklang ist aber mehr als ein schönes Sprachspiel: Gott ist auf dem Sprung. Er ist nicht eingeschlafen, auch wenn vielleicht noch auf sich warten lässt, was sich als Geschehen schon ankündigt.  Als eine entfernte Parallele kann man lesen. „Siehe, der Hüter Israels schläft und schlummert nicht.“(Psalm 121,4) Es ist Verlass auf Gott. Was er ansagt, das wird geschehen. Er, der Israel hütet, wacht auch über sein Wort.

  13Und es geschah des HERRN Wort zum zweiten Mal zu mir: Was siehst du? Ich sprach: Ich sehe einen siedenden Kessel überkochen von Norden her. 14Und der HERR sprach zu mir: Von Norden her wird das Unheil losbrechen über alle, die im Lande wohnen.

             Ein zweites Mal wird das Sehen Jeremias befragt. Wieder sieht er  – Alltag: ein überkochender Kessel. Es ist erst das deutende Wort des HERRN, dass dieses Bild als eine Gefahrenansage erkennen lässt: Das Wasser kocht über – das Unheil wird losbrechen.

             Über alle, die im Land wohnen – das ist bedrohlich für Juda. Für seine Einwohner. Für alle, die da so sicher wohnen. „Wie der brodelnde Kessel sich jeden Augenblick auf die Feuerstelle ergießt, von oben her, so wird auch jeden Augenblick von Norden (=von oben) her das von mir bestellte Gerichtswerkzeug sich über Juda ergießen“. (D. Schneider, aaO. S.34) Noch ist es nicht so weit. Die beiden Schauungen sind wie ein Atemholen, wie ein Verhalten, Innehalten, bevor kommen wird, was sich da zusammenbraut. Was Gott in Gang setzen will.

 15Denn siehe, ich will rufen alle Völker der Königreiche des Nordens, spricht der HERR, dass sie kommen sollen und ihre Throne setzen vor die Tore Jerusalems und rings um die Mauern her und vor alle Städte Judas. 16Und ich will mein Gericht über sie ergehen lassen um all ihrer Bosheit willen, dass sie mich verlassen und andern Göttern opfern und ihrer Hände Werk anbeten.

             Gericht. Es klingt, als stünde eine Belagerung bevor. Es kann aber auch eine Gerichtsszene sein, in der sich die Völker auf ihre Thron setzen, um Recht zu sprechen. Über Jerusalem. Was ist das für eine Zumutung an die Hörer Jeremias, die andersherum zu denken gewohnt sind: Der Gott Israels wird die Völker richten.

„Er wird den Erdkreis richten mit Gerechtigkeit                                                              und die Völker regieren, wie es recht ist.“              Psalm 9,9

 Da war kein Zweifel: Israel ist auf der Seite dieses Richters! Jetzt aber diese Umkehrung. Die Völker richten Israel. Jerusalem. Der Anklagepunkt: Sie in Jerusalem haben mich verlassen. „Der Ausdruck verlassen stammt aus dem Eherecht. Jeremia sieht wie vor ihm der Prophet Hosea den Bund Gottes mit Israel als einen Liebes- und Ehebund an.“ (D. Schneider, ebda.) Aus diesen Bund sind sie in Jerusalem ausgebrochen.

Dieses Ausbrechen ist kein Weg in die Freiheit. Es macht abhängig von  anderen Göttern – und im Letzten von sich selbst. Die Götter, die angebetet werden, denen geopfert wird, sind ja Machwerke der eigenen Hände. So läuft die Anklage im Grunde darauf hinaus, dass sie in Jerusalem im Anbeten der eigenen Werke sich selbst anbeten. Dass sie sich selbst vergöttern.

            Man kann schon nachdenklich darüber werden, ob hier nicht eine bis in unsere Zeit hinein gültige Wahrheit ausgesprochen wird: Wo es zur Abwendung von Gott kommt, kommt es zur Vergötterung der eigenen Leistungen, wird der Mensch sich selbst das Maß und darin gleichzeitig maßlos.

17So gürte nun deine Lenden und mache dich auf und predige ihnen alles, was ich dir gebiete. Erschrick nicht vor ihnen, auf dass ich dich nicht erschrecke vor ihnen!

             Gott wartet noch zu. Sein Prophet aber soll sich auf den Weg machen. Er hat gesehen, was kommen wird. Gott hat ihm gezeigt, dass er das Volk zum Gericht fordern soll. Das ist seine Botschaft, die soll er ausrichten. Das ist Gottes Auftrag an ihn – er soll nur sagen, was Gott ihn sagen heißt. Nichts dazutun und nichts weglassen.

   Um dieser Botschaft willen soll er die Furcht überwinden. „Menschenfurcht ist Mangel an Gottesfurcht, den Gott nicht ungestraft lässt. Und nur die Gottesfurcht überwindet die Angst vor den Menschen. Darum steht dieses ernst Wort fast bedrohlich am Anfang der Prophetenlaufbahn des Jeremia.“(A.Weiser, aaO.  S.10) Es ist kein sanfter Gott, der so mit Jeremia redet. Sondern hier wird das Bild eines Gottes sichtbar, der Gehorsam sucht und Gehorsam fordert.

 18 Denn ich will dich heute zur festen Stadt, zur eisernen Säule, zur ehernen Mauer machen im ganzen Lande wider die Könige Judas, wider seine Großen, wider seine Priester, wider das Volk des Landes, 19 dass, wenn sie auch wider dich streiten, sie dir dennoch nichts anhaben können; denn ich bin bei dir, spricht der HERR, dass ich dich errette.

            „Aber Gott fordert nicht, ohne dass er zugleich gibt.“ (A.Weiser, aaO., S. 7) Er wird den schwachen, ängstlichen Jeremia zur festen Stadt machen, zur ehernen Mauer, die nicht besiegt werden kann. Aber das wird er nicht, indem er wie Batman ausgerüstet wird, in Drachenblut getaucht, mit einem Schutzpanzer bis zur Ferse überzogen. Nicht, indem er seine Psyche stärkt, sondern indem Gott ihm sein Wort aufträgt.

                Wie eine Mauer, an der alles abprallt, wird er vor den Großen Jerusalems stehen, vor den Königen Judas, den Großen, den Priestern, dem Volk des Landes. Es wird ein einsamer Weg, aber unter der Zusage Gottes. Ich bin bei dir, spricht der HERR, dass ich dich errette. Eine andere Sicherheit hat Jeremia nicht. Nur diesen Spruch Gottes. Daran wird er sich genügen lassen müssen.

Zum Weiterdenken

              Gott hat einen Plan für unser Leben. Aber dieser Plan, der im Ruf Gottes konkret wird, wischt unsere Geschichte nicht zur Seite. Er tritt in sie hinein. Er nimmt in Anspruch, was wir mitbringen, auch an Herkunft, Prägung und Begabung.

       In dieser Berufung wird ein Bild von Gott sichtbar, das heute vielen kaum gefällt und passt.Die Erwählung von Anfang an nimmt auch ein Stück Freiheit. Gott fragt Jeremia nicht: Wie hättest du es denn gerne? Gott fragt auch nicht: Traust du dich? Traust du dir das zu? Sondern Gott stellt in die Berufung! Wo Gott erwählt hat und gerufen hat, da wartet er auf das Ja des Menschen. Alles Wenn und Aber muss vor diesem Ruf Gottes verstummen.

   Manchmal tauchen alle meine Erfahrungen mit Gott ab, als würde ein großer Nebel sieverschlucken. Sie sind nicht weg, aber sie sind mir nicht mehr zugänglich. Ich kann mich an ihnen nicht mehr festhalten. Was bleibt, ist das Wort: „Ich bin bei dir.“ Nicht zu mir gesprochen, sondern zu dem Propheten vor über 2600 Jahren. Aber ich nehme es als Wort für mich. Über die Zeiten hinweg stelle ich mich in eine lange Linie, die von Jeremia her zu mir reicht. Damit dieses Wort zu mir reicht. Mir reicht. Mich hält und trägt und mi den Rücken stärkt. An meinem Ort.   

            Jahrhunderte später hört ein anderer Bote Gottes in seine Einsamkeit und seine Anfechtung hinein ein Wort, das auch hier gesagt sein könnte: „Lass dir an meiner Gnade genügen; denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.“(2. Korinther 12,9)

 

Heiliger Gott, ich erschrecke vor der Härte, die ich hier spüre, vor der unbedingten Forderung nach Gehorsam, vor der Fremdheit, die Du Deinem Boten zumutest. Ich erschrecke vor Dir. So tapfer bin ich nicht, so unabhängig vom Urteil der Menschen, dass ich mir diese heilige Einseitigkeit zutrauen würde.

Mache Du mich standfest, wenn Zurückweichen Verrat an Dir wäre. Mache Du mich fest in Dir. Mache Du mich frei von der Ängstlichkeit, die Dir nicht zutraut, dass Du auch die Kraft gibst, die Du forderst, den Mut und den Glauben, der Dir vertraut, auch gegen die Ängste des eigenen Herzens. Amen