Narretei oder Klartext?

  1. Korinther 12, 11 – 21

  11 Ich bin ein Narr geworden! Dazu habt ihr mich gezwungen. Denn ich sollte von euch empfohlen werden, da ich doch den Überaposteln in nichts nachstand, obwohl ich nichts bin. 12 Denn es sind ja die Zeichen eines Apostels unter euch geschehen in aller Geduld, mit Zeichen und mit Wundern und mit Taten.

      Mit dem Vergleichen ist es fast immer eine missliche Sache. So auch hier. Paulus ist der Gemeinde-Gründer in Korinth, nicht die Leute, die jetzt als „Super-Apostel“ auftreten. Daran erinnert er mit einer merkwürdigen Mischung aus Bescheidenheit – „ich bin nichts“ – und Selbstbewusstsein. Er muss die Konkurrenz der Überapostel nicht fürchten. Die Korinther werden es wissen, was mit dem Hinweis auf Zeichen, Wunder und Taten – σημεα, τρασις, δυνμεσις – gemeint ist. Es sind Worte, die allesamt auf ein Tun aus der Vollmacht Gottes hinweisen. Ein Tun, das einem Apostel entspricht. „Τά σημεα το ποστλου begegnet sonst bei Paulus nirgends, obwohl die Überzeugung, dass Wunder zur Mission gehören und sie fördern, häufig belegt ist.( Mt. 10, 1. 8; Apg 2,43; 5,12)“ (T. Schmeller, aaO. S. 332) Immerhin, ganz so unscheinbar war der Auftritt des Apostels in Korinth also doch nicht.

            Aber das alles ist Narretei und Paulus macht sich zum Narren, φρων, indem er sich auf solche Debatten und Vergleiche überhaupt einlässt. Wenn schon loben und rühmen, dann wäre es an den Korinthern, ihn als den Apostel zu loben, auf den ihre Gemeinde zurückgeht.    

13 Was ist’s, worin ihr zu kurz gekommen seid gegenüber den andern Gemeinden, außer dass ich euch nicht zur Last gefallen bin? Vergebt mir dieses Unrecht! 14 Siehe, ich bin jetzt bereit, zum dritten Mal zu euch zu kommen, und will euch nicht zur Last fallen; denn ich suche nicht das Eure, sondern euch. Denn es sollen nicht die Kinder den Eltern Schätze sammeln, sondern die Eltern den Kindern. 15 Ich aber will gern hingeben und hingegeben werden für eure Seelen. Wenn ich euch mehr liebe, soll ich darum weniger geliebt werden? 16 Sei´s drum: Ich bin euch nicht zur Last gefallen. Aber bin ich etwa heimtückisch und habe euch mit Hinterlist gefangen? 17 Habe ich euch etwa übervorteilt durch einen von denen, die ich zu euch gesandt habe?

       Die tiefe Verunsicherung bei Paulus ist mit Händen zu greifen. Er schlägt sich mit vermuteten Vorwürfen herum, fragt nach vermeintlichen Verdächtigungen und Verdächten. Er sucht nach Gründen für das Verhalten der Korinther ihm gegenüber – und sucht auf beiden Seiten. Er fragt nach dem eigenen Verhalten und möglichen eigenen Fehlern. Er sucht und fragt, ob er mit seinem Verhalten das Verhalten der Korinther ausgelöst hat.

            Es ist gut zu sehen, dass die ganze Situation Paulus unter die Haut geht und ihn nicht gleichgültig sein lässt. Er wird davon in Frage gestellt und stellt sich auch selbst fragen. Hat er vielleicht doch die Korinther gekränkt mit seinem Konzept absoluter Unabhängigkeit? War seine Zurückweisung von Unterstützung für die, die sie angeboten hatten, eine tiefer gehende Kränkung, weil sie darin Misstrauen gespürt haben? Hätte es den Korinthern geholfen, wenn er, der ihn das Geschenk Gottes in Christus predigt, sich selbst auch etwas von ihnen schenken lässt? Hat Paulus es also an Augenhöhe fehlen lassen?

            Fragen über Fragen und es macht den Apostel ein Stück menschlich, dass diese Fragen bei ihm zu spüren sind. Er ist nicht unverwundbar. Er ist auch selbst nicht frei von Kränkungen, von Eifersucht und von der Frage: Wen habe ich irgendwie falsch und verletzend behandelt?

            Zugleich aber ist er auch merkwürdig stur. Wenn er zum dritten Mal kommt, wird er nichts ändern. Auch dann: Keine finanzielle Unterstützung. Damit nur keiner auf die Idee kommen kann: Jetzt will er doch unser Geld. Um seine Haltung zu begründen, greift er zur Regel, die gilt:  Denn es sollen nicht die Kinder den Eltern Schätze sammeln, sondern die Eltern den Kindern. Es stimmt ja: „Kinder sind nicht zu finanziellen Leistungen, wohl aber zum Ausgleich der väterlichen Leistungen durch Liebe verpflichtet.“ (T. Schmeller, aaO. S.348) Klagt Paulus also mit dieser Anleihe bei umlaufenen Sentenzen klammheimlich die Liebe der Korinther ein? Ist er so heimtückisch und hinterlistig? Paulus stellt sich den Fragen – aber indem er sie stellt, weist er sie doch gleichzeitig zurück. Nein, so ist er nicht.

18 Ich habe Titus zugeredet und den Bruder mit ihm gesandt. Hat euch etwa Titus übervorteilt? Sind wir nicht in demselben Geist gewandelt? Sind wir nicht in denselben Fußtapfen gegangen?

 Auch seinen Freund und Bruder Titus zieht er mit in sein Fragen ein. Denn er weiß: Wir sind eins und werden auch von außen als Einheit gesehen. Was Titus getan hat, kommt mir zugute oder wird mit zur Last gelegt. Darum kann und will Paulus sich nicht von Titus und dem anderen Bruder (wer ist das?) distanzieren.

19 Schon lange werdet ihr denken, dass wir uns vor euch verteidigen. Wir reden in Christus vor Gott! Aber das alles geschieht, ihr Lieben, zu eurer Erbauung.

  Das ist das Ziel: Erbauung. οκοδομή. Es geht nicht darum, sich selbst ins rechte Licht zu rücken. Es geht nicht darum, sich zu verteidigen, auch nicht gegen ungerechte Vorwürfe. „Erbauung ist das Ziel sowohl des freundlichen als auch des kämpferischen Vorgehens.“ (T. Schmeller, aaO. S.357) Das wird gewährleistet dadurch, dass Paulus in Christus vor Gott redet. Dadurch wird sowohl die Form wie auch der Inhalt bestimmt. Es geht darum, dass die Gemeinde gestärkt wird, dass es Klarheit gibt, die zu einer klaren und guten Lebensführung hilft. Wenn die Boten Jesu sich selbst ins Zentrum rücken, wird alles verrückt. Wenn sie nur eine Lehre ins Zentrum rücken, wird alles steril. Es geht um die Einweisung in das Leben mit Christus. Wo das gelingt, da wird Gemeinde gebaut und werden Einzelne in ihrem Leben zurecht gebracht.

20 Denn ich fürchte, wenn ich komme, finde ich euch nicht, wie ich will, und ihr findet mich auch nicht, wie ihr wollt, sondern es gibt Hader, Neid, Zorn, Zank, üble Nachrede, Verleumdung, Aufgeblasenheit, Aufruhr. 21 Ich fürchte, wenn ich abermals komme, wird mein Gott mich demütigen bei euch und ich muss Leid tragen über viele, die zuvor gesündigt und nicht Buße getan haben für die Unreinheit und Unzucht und Ausschweifung, die sie getrieben haben.

  Die Wahrheit ist kein Selbstzweck, auch nicht die Wahrheit über Schwierigkeiten in der Gemeinde. Es sind scharfe Worte, die Paulus hier gebraucht und es ist erschreckend, dass er damit den Zustand der Gemeinde beschreibt. Ein tief vergiftetes Klima kommt zur Sprache. „Die Situation der Gemeinde ist durch Streit und Rivalität gekennzeichnet.“(T. Schmeller, aaO. S. 358) Wie erschreckend weit ist das weg von dem Ziel, das Paulus für die Gemeinde sieht, von der Erbauung. Wo Hass und Neid, Nachrede und Verleumdung auf der Tagesordnung sind, da ist das geistliche Wachstum tief gestört und gefährdet. Da ist viel Widerspruch gegen das Evangelium, das doch den Shalom Gottes ausruft, den Frieden über alles Begreifen hinaus.

            Das sieht Paulus und es setzt ihm zu. Es macht ihn fertig, es lastet auf ihm. Er sagt mein Gott wird mich demütigen bei euch und ich muss Leid tragen. Es sind doch Leute, die ihm am Herzen liegen, die er zum Glauben gerufen hat, die er jetzt so hart angeht. Es wird nicht nur bei Paulus Demut brauchen, sondern auf allen Seiten, damit es zur Umkehr kommt, damit sie aus der Falle gegenseitiger Beschuldigungen herausfinden. Es wird Demut, die Bereitschaft des Verzichtes auf die eigene Position und das eigene Recht brauchen, damit der Missbrauch der Freiheit – das meint ja Unreinheit und Unzucht und Ausschweifung korrigiert wird.

 Einmal mehr steht hier ein Wort, das im Feld der Gemeinde Abwehr auslöst, das eine Haltung einfordert, die gegen das Ehr- und Wertgefühl von Griechen, Römern – und wahrscheinlich auch von allen anderen geht: ταπεινόω„erniedrigen, herabsetzen, demütigen“(Gemoll, aaO. S. 729) Es ist das Verhalten, mit dem ein Herr seine Sklaven zurecht stutzen, klein machen kann. „Paulus könnte dadurch gedemütigt werden, dass er die Gemeinde in einem schlechten Zustand antrifft und dass er dagegen mit harten Mitteln vorgehen muss.“(T. Shmeller, aaO. S. 359) Das fällt alles auch auf ihn zurück. So – sagt Paulus – wird Gott mit mir umgehen, um euretwillen. Der Gott, von dem wir bekennen: „Er wird arm, damit wir reich werden.“  

Zum Weiterdenken

        Ist Paulus nur stur? Oder kann er einfach nicht aus seiner Haut? Es ist zu spüren, wie er an der Situation leitet, sie auch gerne ändern möchte. Aber er sieht sich selbst irgendwie außerstande, neue Wege zu finden. Es ist ernüchternd: Man kann um die Vergebung Gottes wissen, auf sie trauen und kann sich gleichzeitig als unfähig erleben, neue Wege einzuschlagen. Es ist eben nicht ausgemacht, dass die Vergebung allen Schaden heilt, dass sie wie von selbst die Türen zu neuen Wegen öffnet. Es singt sich schön:

Wie ein Fest nach langer Trauer,
Wie ein Feuer in der Nacht.
Ein off’nes Tor in einer Mauer,
Für die Sonne auf gemacht.
Wie ein Brief nach langem Schweigen,
Wie ein unverhoffter Gruß.
Wie ein Blatt an toten Zweigen
Ein-ich-mag-dich-trotzdem-Kuss.

So ist Versöhnung, so muss der wahre Friede sein.
So ist Versöhnung, so ist vergeben und verzeih’n.       J. Werth 1988

            Die Wahrheit ist: Auf dem Weg zur Versöhnung und zur Vergebung geraten wir öfters als es uns lieb ist, ins Stolpern und kommen nicht so richtig voran. Darum ist es gut, dieses Mühen und Hängenbleiben des Paulus deutlich wahrzunehmen. Es kann einen vor dem schlechten Gewissen bewahren, weil und wenn man sich selbst so oft im alten Fahrwasser wieder findet. Dann gilt: Nicht aufhören. Sich fröhlich weiter mühen.

  Es sind harte Worte, aber sie zeigen, dass Paulus nicht aufgibt. Die Gemeinde nicht und auch nicht die Suche nach einer Verständigung mit der Gemeinde. Nach Versöhnung. Es sind Worte, in denen der Schmerz des Paulus spürbar wird. Der Schmerz darüber, dass die Gemeinde in Korinth so weit hinter dem zurückbleibt, was Gott schenken möchte. Damit rechnet der Apostel, dass Gott zu ihm ganz fremden Methoden wird greifen müssen, genötigt durch die so verfahrene Situation. Allerdings, dieser so fremdartig handelnde Gott tut das nur – uns zugute. Kein Zweifel: Paulus übt heftige Kritik an seiner Gemeinde in Korinth. Aber es ist keine vernichtende Kritik, sondern Kritik, die Umkehr, Buße, Sinnesänderung erhofft, Einsicht in die eigene Schuld und die wechselseitige Bitte um Vergebung. Nur so kann es neue Anfänge geben.

Mir geht auf, dass es mir nicht gelingt, mir einfach die Sicht des Paulus zu eigen zu machen, mich auf eine Seite zu schlagen. Ich sehe, wie er agiert, wie er dabei unglücklich ist und sich in den Konflikt schier rettungslos verhakt. Es tut mir auch weh, dass ich den Apostel an dieser Stelle auch menschlich begrenzt sehe, gefangen in der eigenen Persönlichkeit. Aber so ist das, so ist er: Menschlich und nicht übermenschlich. Wahrscheinlich haben wir auch das an Paulus zu lernen, dass eine geistliche Existenz nicht wie von Zauberhand alle menschlichen Unzulänglichkeit überfliegen lässt. Wir bleiben – auch als Christ*innen – Menschen. Mit Macken, Fehlern und Schuld.

 

Herr Jesus, wir leben nicht auf einer Insel der Seligen. Deine Gemeinde ist noch nicht das Reich Gottes. Es gibt so Vieles, was im Argen liegt: Lieblosigkeit, Gleichgültigkeit, Eitelkeit, Herrschsucht.

Hilf Du uns dazu, dass wir menschlich miteinander umgehen, wenn wir unserer Fehler benennen. Hilf Du dazu, dass wir freundlich bleiben, auch wenn einer anderer uns unsere Schwächen vorhält. Mache uns demütig, damit Du uns aufrichten kannst durch die Worte der Schwestern und Brüder. Amen