Darf man so draufhauen?

2.Korinther 11, 1 – 15

1 Ach wolltet ihr doch ein wenig Torheit von mir ertragen! Gewiss, ihr ertragt mich

  Paulus hat in seinen Verteidigungen und seinen Angriffen wohl das Gefühl, dass er sich zum Narren macht. Dass er Dinge sagt und schreibt, die er für völlig unangemessen hält. Die deutsche Übersetzung Torheit für φροσνη führt in eine falsche Richtung. „Diese „Narrheit“ (φροσνη) ist etwas anderes als die Torheit (μωρία) von 1. Korinther 1 – 3.“ (T. Schmeller, aaO. S.199) Es ist ein närrisches Verhalten, das ihm aufgezwungen ist – weil die anderen sich so aufspielen. Weil sie in Korinth so darauf aus sind und anerkennen, wenn sich Leute inszenieren, darum werden sie es auch dem Paulus nachsehen. Vielleicht sogar positiv anerkennen: Er verkauft sich endlich einmal gut.  

 In einer Zeit, in der man sich in Bewerbungsgesprächen „gut verkaufen muss“, in der alles daran zu hängen scheint, dass „man etwas aus sich macht“, etwas hermachen und darstellen kann, ist das, was Paulus Narrheit nennt, Allgemeingut geworden. Ein Muss. Es ist, so gesehen, ein närrische Zeit, nicht nur zu Zeiten der Karnevals-Kampagnen, sondern immer.

2 Denn ich eifere um euch mit göttlichem Eifer; denn ich habe euch verlobt mit einem einzigen Mann, damit ich Christus eine reine Jungfrau zuführte. 3 Ich fürchte aber, dass wie die Schlange Eva verführte mit ihrer List, so auch eure Gedanken abgewendet werden von der Lauterkeit und Reinheit vor Christus.

       Es geht nicht um Paulus, obwohl es doch dauernd auch um Paulus geht. Aber für Paulus ist klar: Es geht um die Gemeinde, um ihren Weg in der Nachfolge Jesu, im Glauben an ihn. Das ist die Mitte, auf die die Gemeinde verpflichtet ist, gegründet, von der allein sie leben kann: Sie gehört zu Jesus Christus. In ihm hat sie ihr Leben, aus ihm ihre Kraft. Aber das ist kein Besitz, ein für alle Mal. Das wird immer wieder angefragt und angefochten durch fremde Botschaften, die sich gut anfühlen. Aber sie sind gleisernisch, verführerisch und in Wahrheit Verführungen.

            Es ist ein harter Vorwurf, den Paulus hier erhebt durch seine Rückzug auf die Verführung Evas durch die Schlange. Es ist nur gut, dass er dabei irgendwie im Vagen bleibt, nicht Personen direkt verantwortlich macht.  Aber auch so bleibt der harte Vorwurf: Die fremden Lehrer treiben das Geschäft des Verführers.

4 Denn wenn einer zu euch kommt und einen andern Jesus predigt, den wir nicht gepredigt haben, oder ihr einen andern Geist empfangt, den ihr nicht empfangen habt, oder ein anderes Evangelium, das ihr nicht angenommen habt, so ertragt ihr das recht gern! 5 Ich meine doch, dass ich den Überaposteln in nichts nachstehe. 6 Und wenn ich schon ungeschickt bin in der Rede, so bin ich’s doch nicht in der Erkenntnis; sondern in jeder Weise und vor allen haben wir sie bei euch kundgetan.

             Die Korinther haben ein weites Herz. Sie nehmen andere Boten des Evangeliums auf. Sie hören gerne andere Worte, die das Bild Jesu anders malen. Freundlicher? Charismatischer? Offen nach allen Seiten? Paulus sagt es noch schärfer: Es sind Verkündiger, die einen anderen Jesus predigen. Sie sind in Korinth auch durchaus offen für Variationen des Evangeliums – und wieder sagt Paulus es härter: für ein anderes Evangelium. Sie schenken diesen Verkündigern und ihrer Verkündigung nicht nur Gehör, sondern auch Vertrauen. Sie scheinen fast ein bisschen befreit von der immer gleichen Stimme des Eiferers Paulus.

7 Oder habe ich eine Sünde begangen, als ich mich erniedrigt habe, damit ihr erhöht würdet? Denn ich habe euch das Evangelium Gottes ohne Entgelt verkündigt. 8 Andere Gemeinden habe ich beraubt und Geld von ihnen genommen, um euch dienen zu können. 9 Und als ich bei euch war und Mangel hatte, fiel ich niemandem zur Last. Denn meinem Mangel halfen die Brüder ab, die aus Mazedonien kamen. So bin ich euch in keiner Weise zur Last gefallen und will es auch weiterhin so halten. 10 So gewiss die Wahrheit Christi in mir ist, so soll mir dieser Ruhm im Gebiet von Achaja nicht verwehrt werden. 11 Warum das? Weil ich euch nicht lieb habe? Gott weiß es.

              Es ist ein hohes Gut, niemand zu irgendetwas verpflichtet zu sein. Autokratie nennt man so etwas bezogen auf Staaten. Paulus hat immer darauf geachtet, dass er sich nicht den Vorwurf einhandelt: Du lebst vom Evangelium. Er lebt für das Evangelium und natürlich lebt er geistlich auch vom Evangelium. Aber was sein Auskommen angeht – da will er sich nur auf seiner Hände Arbeit stützen und auf den Spender-Kreis in Mazedonien. Die durften, was er ihnen in Korinth verweigert hat.

Das betont Paulus, weil er zweierlei unterstreichen will. Er hat den Korinthern das Evangelium als kostenloses Geschenk verkündigt. Ich habe euch das Evangelium Gottes ohne Entgelt verkündigt. Indem er sie von jeder finanziellen Beteiligung ferngehalten hat, hat er so den Geschenk-Charakter des Evangeliums auch äußerlich unterstrichen. Zum anderen aber: „Ganz anders als Paulus sind in Korinth seine Rivalen aufgetreten.“ (T. Schmeller, aaO. S.222) Sie haben sich bezahlen lassen.

            Ich verstehe das und frage mich gleichzeitig: Empfinden Menschen das nicht möglicherweise auch als Zurückweisung? Da ist der Apostel, der davon spricht, dass wir alle vom Gnaden-Geschenk Gottes leben – aber er will sich auf keinen Fall beschenken lassen mit Fürsorge. Jedenfalls nicht von ihnen im Gebiet von Achaja. Ist das nicht eine zwiespältige Botschaft, mit der das Achten auf die eigene Unabhängigkeit einen schiefen Ton erzeugt? Womöglich auch kränkt?

12 Was ich aber tue, das will ich auch weiterhin tun und denen den Anlass nehmen, die einen Anlass suchen, sich zu rühmen, sie seien wie wir. 13 Denn solche sind falsche Apostel, betrügerische Arbeiter und verstellen sich als Apostel Christi. 14 Und das ist auch kein Wunder; denn er selbst, der Satan, verstellt sich als Engel des Lichts. 15 Darum ist es nichts Großes, wenn sich auch seine Diener verstellen als Diener der Gerechtigkeit; deren Ende wird sein nach ihren Werken.

            Was hier steht, lässt mich erschrecken. Die Härte, mit der Paulus über andere spricht – „falsche Apostel“ – klingt in meinen Ohren intolerant. Aber vor aller Aufregung muss man erst einmal den Sachverhalt klären: „Die Rivalen sind keine echten Apostel, sondern Falsch- oder Lügenapostel. Die Bezeichnung ψευδαπστολοι begegnet im NT nur hier. Vermutlich handelt es sich um eine Neubildung, die auf Paulus zurückgeht.“ (T. Schmeller; aaO. S.227) Pseudo-Apostel – so etwas kennt also nur Paulus.

Maßt Paulus sich hier nicht an, was ihm nicht zusteht, zu unterscheiden zwischen gutem Samen und Unkraut? Wie weit ist Paulus entfernt von der geradezu grenzenlose Weite, wie sie Jesus zeigt: „Wer nicht gegen uns ist, der ist für uns.“ (Markus 9,40) Paulus scheint es völlig zu vergessen: Es sind doch Menschen, die für das Evangelium eintreten, die er als Diener Satans bezeichnet. Es sind doch Leute, denen die Gemeinde in Korinth Gehör und Vertrauen schenkt, die er so angreift und abstempelt: Sie betreiben das Geschäft Satans..

 Was und wen Paulus angreift, ist unklar. Es wird wohl auch um die Lehre gehen, um theologische Sätze. Aber es geht eben auch darum, dass sie anders leben. Sie lassen sich versorgen – und hätten wohl gerne, dass Paulus ist wie sie. Sie wollen Diener der Gerechtigkeit sein und preisen dabei Freiheiten im Lebenswandel an, wo Paulus eher „eng“ denkt. Unterschiedliche Vorstellungen vom Leben aus dem Evangelium prallen aufeinander. Paulus sieht bei ihnen ein Aufweichen der Forderungen der Christus-Nachfolge, des Gehorsams aus dem Glauben. Was wir lehren, wirkt sich im Leben aus. Was wir leben, wirkt sich auf unser Lehren aus.

              Das gilt auch für Paulus. Die Maßlosigkeit im Urteil fällt auf seine geistliche und theologische Sicht zurück. Wer im Urteilen über das Leben so keine Gnade kennt, steht der noch für das Evangelium von der Gnade? Und wer so radikal ist in seinen Urteilen, ist der womöglich auch theologisch allzu radikal? Wenn einer im menschlichen Miteinander so eklatante Schwäche hat – ist er dann in geistlichen Dingen noch ein guter Wegweiser?

Zum Weiterdenken

       Ist Paulus rechthaberisch, intolerant? Kennt er neben sich keine anderen Apostel? Ist er allein im Besitz des Evangeliums? So fragt es sich leicht über die Jahrhunderte hinweg. Aber es sind Fragen, die sich aufdrängen. Offensichtlich ist im Denken des Paulus kein Platz für eine Variationsbreite in der Verkündigung des Evangeliums. So, wie ihr es angenommen habt, so soll es bleiben und muss es bleiben. Schlägt die alte Mentalität des ehemaligen Christenjägers hier in seiner Absolutheit wieder durch?

      Wenn Paulus heute lebte und so schriebe und spräche, wie er es damals tat – er wäre ein Fall für die Sekten-Beauftragten der Landeskirchen. Dieser Absolutheitsanspruch ist einfach unerträglich. Nur: wenn Paulus nicht so absolut geschrieben hätte – wir würden ihn heute nicht mehr kennen und auch nicht mehr lesen. Heilige Einseitigkeit!

            „Der Erklärer des 2. Korintherbriefes steht hier vor einer Entscheidung: entweder muss er die Aussagen des Apostels für maßlose Übertreibungen ausgeben, die weder der Wahrheit noch der Liebe gemäß sind (rein historisch gesehen, ist dies durchaus möglich) – oder er muss seinerseits den Anspruch des Paulus als gültig und pneumatisch anerkennen, und damit seinen Kampf als einen Kampf im Dienst Christi gegen eine dämonische Bedrohung der Kirche in der Kirche für legitim erklären.“ (H.D. Wendland, aaO. S.238) Was der Ausleger im Jahr 1968 als die Herausforderung an sich formuliert, ist bis heute doch auch die Herausforderung an jeden Leser und jede Leserin des Paulus und seines Briefes.

       Es sind Fragen, um die wir heute nicht herum kommen. Erst recht nicht, wenn wir uns in unserem geistlichen Urteilen und Leben an Paulus orientieren wollen. Wenn wir in ihm einen Verkündiger des Evangeliums sehen, der uns eine Spur des Glaubens vorgibt, die wir gerne aufnehmen möchten. Dass Paulus für uns ein wichtiger Lehrer des Glaubens ist, vielleicht sogar einer der wichtigsten, schließt nicht aus, sondern ein, dass wir seine menschlichen Schwächen ernst zu nehmen haben. Es ist ein aufgeregter Paulus, der hier das Wort führt. Einer, der um seinen Ruf kämpft, um seine Reputation. Einer, der in diesem Kampf von eigener Maßlosigkeit gefährdet wird. Der aus seiner Prägung als Eiferer nicht herausfindet. Das führt – mich – zu der leicht verstörten Frage, ob Paulus das Evangelium womöglich als seinen exklusiven Privatbesitz beansprucht. Weniger aufgeregt und mit mehr Abstand, zu den Gegnern, aber auch zu sich selbst, würde er das sicher nicht so behaupten wollen.

            Das alles schließt auch ein, dass wir darüber nachdenken, wo er in seinem geistlichen Urteil vielleicht hier und da zu sehr dem eigenen Geist gefolgt ist und zu wenig dem Geist Christi Raum gelassen hat.

 

Herr Jesus, ich sehe das immer mehr: Auch ein Paulus hat seine Ecken und Kanten, seine Macken gehabt. Auch ein Paulus hat manchmal geurteilt, wo er sich besser zurück genommen hätte. Und doch hast Du ihn erwählt, gebraucht, durch ihn Deine Gemeinde vorwärts gebracht. Seine Schwächen waren Dir nicht im Weg. Das lässt mich hoffen für uns, für mich. Du kannst uns brauchen für Dein Werk, auch mit unseren Schwächen. Amen

2 Gedanken zu „Darf man so draufhauen?“

  1. Da wir nicht genau wissen, was Paulus bei den anderen Verkündigern so aufregt, kann man doch nicht beurteilen, ob seine heftige Ablehnung berechtigt war. In Matt.12 wird berichtet, wie Jesus sehr erbost die falschen Lehrer zurückweist (Otterngezücht) und klar stellt, wer nicht für ihn ist, der ist gegen ihn.

    1. Wohl wahr: Jesus ist direkt – aber „Otterngezücht“ ist nicht „Diener Satans“. Und Jesus kann eben auch sagen:“Wer nicht gegen uns ist, der ist für uns.“(Markus 9,40 Das fehlt hier bei Paulus, der doch nicht immer so eng ist: „Hauptsache, Christus wird verkündigt, ob zum Vorwand oder in Wahrheit.“ (Philipper 18) Von dieser, seiner Weite ist Paulus hier weit entfernt. Das könnte zeigen, wie sehr ihn die Vorgänge in Korinth persönlich verletzen.

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