Es ist ganz schön schwierig

  1. Korinther 10, 12 – 18

12 Denn wir wagen nicht, uns unter die zu rechnen oder mit denen zu vergleichen, die sich selbst empfehlen; aber weil sie sich nur an sich selbst messen und mit sich selbst vergleichen, verstehen sie nichts.

              Eigenlob stinkt. So habe ich es gelernt, so bin ich gelehrt worden. Es ist nur zu wahr: Mancher findet sich selbst großartig, weil er sich immer nur nach unten vergleicht. Mancher hat überhaupt keinen Blick auf andere, sondern sieht nur immer sich selbst. In meinen Augen ist es ein Teil der Krankheit unserer Zeit: Die einen leben nur aus dem Vergleichen. Sie verlieren sich selbst dabei aus den Augen – ob in Verzagen oder im Hochmut ist dabei gleich gültig. Andere allerdings sehen überhaupt nicht, dass sie nicht der Mittelpunkt der Welt und die Krone der Schöpfung sind, sondern ganz normaler Durchschnitt. Beides macht blind für die Wirklichkeit.  Darum: ο συνισιν. Sie verstehen nichts. Sie sind unverständig, sie sind „nicht bei Verstand.“(T. Schmeller, aaO. S. 172)

13 Wir aber wollen uns nicht über alles Maß hinaus rühmen, sondern nur nach dem Maß, das uns Gott zugemessen hat, nämlich dass wir auch bis zu euch gelangen sollten. 14 Denn es ist nicht so, dass wir uns zu viel anmaßen, als wären wir nicht bis zu euch gelangt; denn wir sind ja mit dem Evangelium Christi auch bis zu euch gekommen 15 und rühmen uns nicht über alles Maß hinaus mit dem, was andere gearbeitet haben.

            Paulus muss sich nicht vergleichen. Er muss nicht die eigene Größe dadurch vergrößern, dass er andere klein macht. Er hat sein Aufgabenfeld durchschritten. Es ist ein selbstbewusster und zugleich demütiger Satz: Gott hat uns sein Maß zugemessen. Wenn Gott uns nichts zugetraut hätte, nicht beauftragt hätte, nicht geschickt hätte – wir hätten nichts tun können. Weil Gott uns den Raum eröffnet hat – so ist das Wort κανών, Kanon hier zu deuten, ist Paulus mit seinen Leuten nach Korinth gekommen, weil er diesen sendenden Gott traut.

Umgekehrt gilt aber auch: Gott hat Zutrauen zu uns gehabt. Gott hat uns geschickt in der Erwartung, dass wir uns gebrauchen lassen. Gott hat uns sein Evangelium gegeben, damit wir es weitertragen. So sagt Paulus – ein bisschen stolz auch? : Wir sind bis zu euch gekommen. Wir haben es euch gesagt und es hat Frucht gebracht. Seht euch selbst an, euren Glauben, eure Hoffnung, eure Liebe. Das ist das, woran Paulus sich freut. Das Wort ist nicht leer geblieben. Sein Wort, mit dem er Christus verkündigt hat. Das ist auch das, was er vorweisen kann: eine Gemeinde in Korinth, die auf seine Arbeit zurückverweist.

Bei denen, gegen die sich Paulus abgrenzt, fehlt es am Respekt vor der Arbeit anderer. Sie gehen nicht maßvoll mit dem um, was andere gearbeitet haben. Das könnte man so lesen, als wolle Paulus keine anderen Mit-Arbeiter Gottes in der Gemeinde in Korinth akzeptieren. Fast, als wäre sie sein alleiniges Arbeitsfeld. Aber Paulus hat früher schon gesagt: Jeder baut auf seine Weise, alle aber bauen auf dem gleichen Fundament. Die Kritik hier lässt sich mit der früheren Weite „vereinbaren, wenn man annimmt, dass die Fremdmissionare in Korinth eben nicht weiterbauen, sondern das paulinische Fundament verändern wollten. Konkret heißt das: sie erkannten seine Gründerautorität nicht an, sondern versuchten, ihn aus der Gemeinde zu verdrängen und seine Rolle zu ersetzen.“ (T. Schmeller aaO. S.184) Kein Wunder, wenn Paulus sich da energisch wehrt.

Ein bisschen spielt der angeblich so sprachlich unbegabte Paulus mit Worten – μετρiα – „Maßlosigkeit“ (Gemoll, aaO. S. 41); μετρος„unmäßig, maßlos“(ebda);  μτρον – „Maß, Länge, Ziel Reife“ (Gemoll, aaO. S. 501); κανών –„Norm Richtschnur, Regel.“ (Gemoll, aaO. S. 407) Die vielen Worte haben nur eine Richtung: Paulus als den zu erweisen, der sich immer im von Gott selbstgesteckten Rahmen gehalten hat – auch auf seinem Weg nach Korinth und in seiner Verkündigung in Korinth.  Nie war er sich selbt das Maß und nie über das Maß Gottes hinaus.

Wir haben aber die Hoffnung, dass wir, wenn euer Glaube in euch wächst, nach unserem Maß, überschwänglich zu Ehren kommen

             Aus dieser Erfahrung, dass Gott sein Wort mit Leben erfüllt, wächst Hoffnung. Der Glaube der Korinther wird weiter wachsen. Er wird Kraft gewinnen und Tiefe. Und das wird zum Rückenwind für Paulus. Er ist überzeugt, dass er am Ende nicht beschämt dastehen wird, sondern ehrenvoll. So wie es mit seinen Mühen übereinstimmt. Übertragen auf seine Arbeit: „Die Ausrichtung der Mission bleibt unverändert, aber die Mission selbst bekommt eine neu Dynamik.“ T. Schmeller, aaO. S. 183)

 16 und das Evangelium auch denen predigen, die jenseits von euch wohnen, und rühmen uns nicht mit dem, was andere nach ihrem Maß vollbracht haben. 17 »Wer sich aber rühmt, der rühme sich des Herrn« (Jeremia 9,22-23). 18 Denn nicht der ist bewährt, der sich selbst empfiehlt, sondern der, den der Herr empfiehlt.

Paulus ist mit Korinth ist noch nicht am Ziel seiner Wege und Korinth ist auch nicht das Ende aller Wege für Paulus. „Finis terre“ – bis an die Enden der Erde, „nach Spanien“ (Römer 15,22) will er ja mit dem Evangelium gehen. Dabei blickt er nicht auf andere. Der Einzige, auf den er blickt, ist der Herr, dessen Namen er weit hinaus tragen will, dessen Lob alle singen sollen. Und das wird sein Ruhm sein, dass sein Namen erhöht und gepriesen wird.

Zum Weiterdenken

Wir tun uns schwer damit, diese ganze Auseinandersetzung zu verstehen. Es geht um Vorwürfe, die im Vorwurf der Maßlosigkeit zu gipfeln scheinen. Ein wenig absurd: Auf der einen Seite wird Paulus vorhalten, dass er klein sei, mickrig, keine Ausstrahlung habe. Auf der anderen Seite, dass er maßlos sei. Man kommt wohl nur so weiter, wenn man nach den heutigen Eifersüchteleien fragt. Die es doch auch gibt. Nach meinem Eindruck: Reichlich. Der Zulauf zu Gottesdienst wird „erklärt“: Anpassung, den Leuten nach dem Mund geredet, das Evangelium verschwiegen oder gar billig gemacht. Die Frage heißt immer: Wie geht der/die so Kritisierte mit den Vorwürfen um? Ignorieren, widerlegen, sich selbst erklären? Können wir an dieser Stelle von Paulus lernen? Mein Verdacht: Jede*r muss seinen Weg finden, wie er/sie sich verhält. Es muss mit der eigenen Person zusammen stimmen, mit dem eigenen Maß.

Herr Jesus, ich weiß nicht, wie es sein wird, wenn ich einmal auf den ganzen Weg meines Lebens zurückblicke. Werde ich nur sehen, was ich versäumt habe? Werde ich nur auf das schauen wollen, was mir gelungen ist?

Gib Du mir, dass mein Blick nicht hängen bleibt bei dem, was ich geleistet habe und was ich mir geleistet habe. Gib Du mir, dass mein Blich weiter geht und ich Dich sehe. Amen