Gib mir die richtigen Worte

  1. Korinther 10, 1 – 11

1 Ich selbst aber, Paulus, ermahne euch bei der Sanftmut und Güte Christi, der ich in eurer Gegenwart unterwürfig sein soll, aber kühn gegen euch, wenn ich fern bin. 2 Ich bitte aber, dass ich, wenn ich bei euch bin, nicht kühn sein muss in der Festigkeit, mit der ich gegen einige vorzugehen gedenke, die unsern Wandel für fleischlich halten.

             Es fällt wohl auch unbefangenen Lesenden auf, wie der Ton wechselt. In den ersten neun Kapiteln ist Paulus über die Maßen freundlich. Er wirbt um Versöhnung und wirbt um die gemeinsame Kollekte. Jetzt wird der Ton rauer, härter. Es wirkt, als wechselte Paulus vom Zuckerbrot zur Peitsche.

             Man hat über lange Zeit hinweg diesen Wechsel der Tonlage damit zu erklären versucht, dass die Kapitel 10 – 13 ein neuer Brief seien. Vielleicht der Tränenbrief. Vielleicht mit einigem Abstand und in einer neuen Situation nach neuen, schwierigen Nachrichten aus Korinth geschrieben. Aber es gibt auch eine andere Erklärung, die mir einleuchtet: Paulus will Versöhnung nicht dadurch erreichen, dass er die immer noch vorhandenen Probleme unter den Teppich kehrt. Sie totschweigt. Sondern er benennt sie. „Paulus nimmt den Streit an. Wenn es darauf ankommt, muss in der Kirche gestritten werden.“ (W. Schenk, aaO. S.142) Weil er weiß: Versöhnung durch Ausklammern der Differenzen und Schwierigkeiten im Miteinander wird nicht tragfähig sein. Um der gemeinsamen Zukunft willen, auf die er hofft, die er in einem erneuten Besuch in Korinth befestigen will, will er klären, was zu klären ist.

              Paulus setzt sich mit Vorwürfen auseinander und entzieht sich ihnen nicht. Er nimmt sie auf, aber er beugt sich nicht unter sie. Sein Maß in der Auseinandersetzung gewinnt er an Christus – seiner Güte und seiner Sanftmut. Man kann nicht einfach so auf den Tisch hauen in der Nachfolge dessen, der von sich selbst sagt: „Ich bin sanftmütig und von Herzen demütig.“ (Matthäus 11,29) und der über seine Leute sagt: „Selig sind die Frieden stiften“ (Matthäus 5,9). Es wäre gegen die innerste Überzeugung des Paulus, wenn er Macht und Lautstärke als Argument einsetzen müsste.

       Einer Vorwürfe an Paulus: er macht nichts her. Sein Auftritt ist schwach. ταπεινς. „Om persönlichen Kontakt ist Paulus ταπεινς, also demütig, niedrig, unterwürfig. Diese Qualifizierung ist im griechisch-römischem Bereich eindeutig negativ.“ (T. Schmeller, aaO. S. 129) Wer sich in der Debatte verheddert, vergeblich nach Worten sucht, der hat verloren. Damals. Heute. Gleichgültig, ob seine Argumente richtig und stichhaltig sind.

3 Denn obwohl wir im Fleisch wandeln, kämpfen wir doch nicht auf fleischliche Weise. 4 Denn die Waffen unsres Kampfes sind nicht fleischlich, sondern mächtig im Dienste Gottes, Festungen zu zerstören. 5 Absichten zerstören wir und alles Hohe, das sich erhebt gegen die Erkenntnis Gottes, und nehmen gefangen alles Denken in den Gehorsam gegen Christus. 6 So sind wir bereit, zu strafen allen Ungehorsam, sobald euer Gehorsam vollkommen geworden ist.

            Auseinandersetzungen müssen sein. Das ist so, solange wir im Fleisch leben. Der Kampf um die Wahrheit und Wahrhaftigkeit muss sein. Aber er darf nicht nach den Maßstäben geführt werden, nicht fleischlich, κατ σρκα, nach dem Fleisch, in der Art, wie es sonst allzu menschlich zugeht, nach den Spielregeln der Welt: Der Wortgewandtere, der Stärkere, der sich besser in Szene setzen kann, gewinnt. Es geht immer um die Frage nach dem Willen Gottes, um die Ausrichtung an seinem Wort, um den Gehorsam gegen Christus – und das heißt auch: um das Maß Christi in der Art des Umgangs miteinander.

            Paulus zieht auch nicht gegen das Denken ins Feld. „Nur gegen ein Ablehnen der wahren Erkenntnis kämpft Paulus, nicht gegen Erkenntnis an sich. … Gegen ein Denken oder eine Gesinnung, die Christus nicht gehorsam ist.“ (T. Schmeller, aaO. S. 136) Er ist sich darin ganz treu, wird er doch später als seine Aufgabe beschreiben: „Durch Christus haben wir empfangen Gnade und Apostelamt, in seinem Namen den Gehorsam des Glaubens aufzurichten unter allen Heiden.“ (Römer 1, 5) Das ist auch sein Anliegen, mit dem er nach Korinth gekommen war.

            Das freilich glaubt und weiß der Apostel auch: Seine Botschaft steht im Gegensatz zu den festen Überzeugungen, den Lehrgebäuden, auf die sich so machen verlassen.  Alles Hohe – πν ψωμα kann beides sein – eine „Festung auf der Höhe“, ein gewaltiges Lehrgebäude, aber auch der Hochmut.  So trifft das Wort wohl dieses Gemisch von anerkannter Lehre und angemaßter Autorität.

 7 Seht, was vor Augen liegt! Verlässt sich jemand darauf, dass er Christus angehört, der bedenke wiederum auch dies bei sich, dass, wie er Christus angehört, so auch wir! 8 Auch wenn ich mich noch mehr der Vollmacht rühmen würde, die uns der Herr gegeben hat, euch zu erbauen und nicht zu zerstören, so würde ich nicht zuschanden werden.

            Es wirkt, als habe Paulus bestimmte Leute vor Augen, höre bestimmte Floskeln. Guckt ihn euch doch an – sagen sie und weisen auf die mickrige Erscheinung des Paulus hin. „Es scheint sich um die Kreise zu handeln, die schon nach 1. Korinther 1,12 die Parole ausgaben: Ich gehöre zu Christus.“(W. de Boor, aaO. S.203) Der Vorwurf dahinter: Paulus fehlt es an Christusnähe. Schließlich wissen doch alle, auch von ihm selbst, dass er „Christus nicht nach dem Fleisch kennt.“(5,16) Damit stellen sie zugleich seine apostolische Vollmacht in Frage.

     Ihnen setzt Paulus entgegen: Ja, seht hin. Auch ich bin wer. Auch ich kann mich auf das berufen, was ich bin, auch was ich von Gott, von Christus her bin. Meine Vollmachtξουσα – ist gegeben, von ihm, dem Herrn, dem κριος. Daon – so Paulus , lebt er und seine Srbiet. Darum auch: Ich würde nicht schwindeln und nicht hochstapeln, wenn ich mich darauf berufe. Aber es trägt nichts aus.

9 Das sage ich aber, damit es nicht scheint, als wollte ich euch mit den Briefen schrecken. 10 Denn seine Briefe, sagen sie, wiegen schwer und sind stark; aber wenn er selbst anwesend ist, ist er schwach und seine Rede kläglich. 11 Wer so redet, der bedenke: wie abwesend durch das Wort unsrer Briefe wirken, so auch anwesend mit der Tat.

         So reden sie in Korinth von Paulus: Ja, solange er schreiben kann, da ist er groß und gewaltig. Aber so – von Angesicht zu Angesicht – da verliert er doch deutlich an Wirkung. Da bleibt nicht viel an Eindruck. Ein bisschen ist Paulus wohl in den Augen so mancher Korinther wie der Scheinriese Turtur in den Geschichten von Jim Knopf: Wenn man weit weg ist von ihm, dann ist er riesengroß. Aber je näher man ihm kommt, umso kleiner wird er!

      Das gibt es auch in unserer Alltagserfahrung: Da ist jemand unglaublich berühmt, gilt als wahnsinnig klug, alle reden von ihm. Aber wenn man ihn oder sie näher kennen lernt, dann sagt man womöglich: Der kocht auch nur mit Wasser. Große Leute verehren sich leichter auf Abstand – aus der Nähe sieht man auch die kleinen Schwächen. Vielleicht ist das mit ein Grund, weshalb manche*r keinen nahe an sich heran lässt.

            Paulus ist sich seiner Sache und seiner selbst sicher. „Beim nächsten Besuch wird er die Wirkkraft seiner Briefe durch ein entsprechendes Auftreten bestätigen.“ (T. Schmeller, aaO.; S.147)  Sie werden in Korinth Paulus neu kennen lernen. Für mache wird es dann wohl so sein, als würden sie einen neuen Paulus kennen lernen.

Auch das kennen wir durchaus aus eigener Erfahrung, dass uns jemand so begegnet, dass wir verblüfft sagen: „So habe ich dich noch nie erlebt.“ „So kenne ich Sie ja noch gar nicht.“ Gut, wenn es dabei nicht um negative Erfahrungen und Entdeckungen geht.

Zum Weiterdenken

            Wie ist das mit unseren Auseinandersetzungen in der Kirche? Wer hat die besseren Karten -der Eloquente, Wortgewandte oder der Einfältige, der sich um Worte mühen muss? Vielleicht ist es mehr als nur eine Anekdote: Ein berühmter Schauspieler, der in einer Familie eingeladen war, wurde gebeten, etwas vorzutragen. Er bat um Vorschläge. Ein älterer Geistlicher bat um den Psalm 23. Der Schauspieler, etwas verlegen, willigte ein unter der Bedingung, dass der alte Herr den Psalm nach ihm wiederhole. Dann trug er den bekannten Hirtenpsalm mit wundervoller Stimme und klarster Betonung vor. Er erntete dafür reichen Beifall. – Dann wiederholte der alte Pfarrer den Psalm. Niemand spendete Beifall, aber mancher der Anwesenden war angesprochen. Da sagte der Schauspieler zu dem alten Pfarrer: »Ich darf wohl sagen, ich kenne den Psalm, Sie aber kennen den Hirten.« Es muss kein alter Pfarrer sein – es genügt, dass es jemand ist, der sein Leben mit Jesus lebt.

Gib mir die richtigen Worte, Herr Jesus, wenn ich schreibe und wenn ich rede, im Zustimmen und im Streiten. Gib mir, dass ich mich nicht klein mache, wenn Konflikte zu lösen sind, und nicht hoch daher fahre, wenn es um nichts geht. Verleihe es mir, dass ich mit meinen Worten dem Leben und dem Glauben diene. Amen