Gott aber kann machen

  1. Korinther 9, 1 – 9

1 Von dem Dienst, der für die Heiligen geschieht, brauche ich euch nicht zu schreiben. 2 Denn ich weiß von eurem guten Willen, den ich an euch rühme bei denen aus Mazedonien und sage: Achaja ist schon voriges Jahr bereit gewesen! Und euer Beispiel hat die meisten angespornt.

             Noch einmal: Die Gemeinde in Korinth weiß schon Bescheid. Es ist kein neues Projekt, das jetzt mühsam vorgestellt werden muss. Darum ist Schreiben in dieser Sache im Grunde überflüssig – so wörtlich περισσν. Im Gegenteil: Paulus kann anknüpfen an den guten Vorerfahrungen mit der Zustimmung der Korinther. Sie haben schon vor einem Jahr entsprechend ihr Wollen festgelegt. Sie haben dadurch andere zum Mitmachen animiert – und werden jetzt selbst zur Treue gegen ihre ersten Schritte aufgerufen.

            Wenn er aber nun doch schreibt, so ist das darin begründet, „dass die Sammlung in Korinth unter all den Spannungen und Nöten ins Stocken geraten oder überhaupt noch nicht ernsthaft in Angriff genommen“ (W. de Boor, aaO. S.189) ist. Es droht also peinlich zu werden und der Brief hat – wie nebenbei die Aufgabe, eine Blamage zu verhindern, weil die Gemeinde noch nicht so weit ist, Geld übergeben zu können. Es ist eine berechtigte Sorge, dass er den Makedoniern gegenüber den Mund zu voll genommen haben könnte: Achaja ist schon voriges Jahr bereit gewesen. Darum, dem Vorsatz müssen jetzt Taten folgen.

  3 Ich habe aber die Brüder gesandt, damit nicht unser Rühmen über euch zunichte werde in diesem Stück und damit ihr vorbereitet seid, wie ich von euch gesagt habe, 4 dass nicht, wenn die aus Mazedonien mit mir kommen und euch nicht vorbereitet finden, wir – um nicht zu sagen: ihr – zuschanden werden mit dieser unsrer Zuversicht. 5 So habe ich es nun für nötig angesehen, die Brüder zu ermahnen, dass sie voran zögen zu euch, um eure angekündigte Segensgabe vorher bereit zu stellen, sodass sie bereitliegt als eine Gabe des Segens und nicht des Geizes.

      Darum schickt Paulus seine Gefährten voraus. Sie sollen in der Gemeinde für die Kollekte werben, an sie erinnern. Sie sollen dazu helfen, dass keine Peinlichkeiten entstehen – nicht für sie selbst und nicht für Paulus, der mit ihrem Engagement Werbung für die Kollekte gemacht hat. Dem also dient diese Sendung der Brüder um Titus: „Die Realität muss in Übereinstimmung gebracht werden mit dem Bild, das Paulus zur Zeit der Abfassung des Briefes in Makedonien von den Korinthern zeichnet.“ (T. Schmeller, aaO. S. 83) Was wäre das für eine Katastrophe – die Makedonier kommen und erfahren: Da ist in Sachen Kollekte noch nichts passiert.

Es ist ein Gebot der Klugheit, gute Vorbereitungen zu treffen. Wer unvorbereitet ist, wird leicht unsicher und, wenn etwas von ihm gefordert ist, überfordert und reagiert dann auch genervt oder abweisend. Es ist eine schlichte Erfahrung: Rechtzeitig angekündigte Aktivitäten sind leichter zu stemmen als adhoc erfundene Schritte. Das gilt auch und erst recht für das Sammeln von Geld.

6 Ich meine aber dies: Wer da kärglich sät, der wird auch kärglich ernten; und wer da sät im Segen, der wird auch ernten im Segen. 7 Ein jeder, wie er’s sich im Herzen vorgenommen hat, nicht mit Unwillen oder aus Zwang; denn einen fröhlichen Geber hat Gott lieb.

            Hier zeigt sich eine großartige Freiheit. Paulus hat keine Angst, den Korinthern auf den Leib zu rücken und sie um ein Opfer zu bitten. Auch wenn die Leute in der Gemeinde vielleicht nicht alle ganz arm waren, so waren sie doch wohl auch nicht alle reich begütert. Darum bittet Paulus um die Gabe, aber er lässt den Gebetenen Freiheit. Ein jeder, wie er’s sich im Herzen vorgenommen hat. Er limitiert die Gabe nicht, weder nach oben noch nach unten: wenigstens…. Das könnte nur eine Überflussgesellschaft der Reichen. Paulus will sicher eine reichhaltige, hohe Kollekte, aber er will sie auch mit kleinsten Gaben. Und vor allem will er, dass sie freiwillig gegeben wird. „Es geht um eine wirklich selbstgewählte Beteiligung an der Kollekte.“ (T. Schmeller, aaO. S.92)  

Paulus erinnert hier an ein Grundgesetz: Nur da gibt es reiche Ernte, wo man vorher auch reich gesät hat. Im Segen – das meint hier: reichlich! Das ist an einem Säemann zu sehen: Wenn er sät, so wirft er den Samen mit vollen Händen im großen Bogen. Wer sein Saatgut in der Hand behalten will, wer es nicht der Erde anvertraut, der wird nichts oder nur kärglich ernten.

       Hinter dem weisheitlich anmutenden Wort steht das Wissen: Wer nur an sich denkt, ist am Ende allein. Wer großzügig schenken und weitergeben kann, der wird nicht einsam sein. Die geöffneten Hände machen offene Herzen. Im Segen meint aber auch: Im Vertrauen auf Gott, der segnet. Wer im Segen gibt, stellt sich mit seinem Tun in den Strom der Güte Gottes

            Ein Wort Jesu lässt sich im Hintergrund mithören: „Wer sein Leben für sich behalten will, der verliert es.“(Markus 8,35) Es zerrinnt ihm unter den Fingern. Aber wer sein Leben loslässt – in der Hingabe an Gott und in der Zuwendung zu den Menschen, der gewinnt Leben in Fülle. Wer säen will, muss loslassen, der Erde anvertrauen, auf Regen und Sonne hoffen, auf Wind und Wetter. Wer Leben säen will, auch der muss loslassen.

8 Gott aber kann machen, dass alle Gnade unter euch reichlich sei, damit ihr in allen Dingen allezeit volle Genüge habt und noch reich seid zu jedem guten Werk;

            Das ist unser Trau-Wort. Irritierend. Ich erinnere mich an die Frage: Ihr wisst schon, dass das in dem Kollekten-Kapitel steht? Seit fast fünfzig Jahren leben wir mit diesem Wort, diesem Versprechen. Wir haben Gottes Segen reich und reichlich erfahren. Wir sind so oft beschenkt worden – mit unseren Kindern, den Enkeln, mit wunderbaren Tagen, mit reichem Auskommen und großem Glück. Wir haben so viel empfangen durch diese Jahre hin. Was wiegt dagegen der Kummer, den wir auch erfahren haben und an dem wir manchmal schwer tragen.

            αὐτάρκεια – Autarkie. Volle Genüge in allem – schreibt Paulus. Und meint doch nicht das, was wir unter Autarkie allzu leicht hören: Selbstgenügsamkeit. So viel haben, dass man von nichts und niemand mehr abhängig ist. Das staatliche Streben nach Autarkie hat – geschichtlich betrachtet -zu Kolonialismus und Kriegen geführt. Wenn Paulus Autarkie, Genüge sagt, meint er genau das Gegenteil: So viel haben, dass es geradezu widersinnig ist, es alles für sich behalten zu wollen und nicht zu teilen.

9 wie geschrieben steht (Psalm 112,9): »Er hat ausgestreut und den Armen gegeben; seine Gerechtigkeit bleibt in Ewigkeit.«

            Das ist mehr als ein Augenblickseindruck. Das ist Erfahrung, die sich auf das Gotteswort stützen kann, die mit der Treue Gottes rechnen darf. Gott gibt den Armen – genug zum Leben, genug zum Teilen. Die Gerechtigkeit Gottes bewährt sich in seiner Fürsorge für die Armen. Dazu braucht und will er uns haben, unser Geben und Teilen. Sein Geben und Austeilen geht durch unsere Hände.

Zum Weiterdenken

  Ich habe es in den letzten Wochen neu sehen gelernt: In den alten Schriften, Exodus, Leviticus, Numeri, wird immer wieder stark betont: freiwillig. Viele Opfer sind freiwillig. Gaben für den Aufbau der Stiftshütte: freiwillig. Gott will keine erzwungenen Gaben keine Pflichtabgaben. Das Gesetz kennt auch die Pflichtabgaben, den Zehnten, der für die Versorgung der Priester geregelt erfolgen muss.  Aber es gibt eine breite Tradition, an die Paulus anknüpfen kann: freiwillig. Ohne Zwang. Ohne Pflicht.

    Mir stellt sich eine mich manchmal bedrängende Frage: Haben wir den reichen Segen Gottes auch ordentlich weiter gegeben? Haben wir nicht für uns behalten, was doch nur geliehen war? Das ist das Ziel der Geschenke Gottes, dass sie unter die Leute kommen, dass sie sich im Weitergeben mehren und Glück und Freude spenden.

  So persönlich diese Frage zunächst an mich gerichtet ist – ich lese sie auch als Frage an die in unserem Land finanziell gesehen reiche Kirche. Auch als Frage an das reiche Land Bundesrepublik: Haben wir den Reichtum, den wir als Kirchen und Land unser eigene nennen, nicht allzu oft als Besitz und gutes Recht verbucht und nicht gesehen, dass es ein Reichtum ist, der überfließend aufs Teilen hin drängt?

      Es könnte doch sein. Das wundersame Gedicht von C. F. Meyer kann auch auf den Umgang mit den Gaben ausgelegt werden: „Der römische Brunnen“

Aufsteigt der Strahl und fallend gießt
Er voll der Marmorschale Rund,
Die, sich verschleiernd, überfließt
In einer zweiten Schale Grund;
Die zweite gibt, sie wird zu reich,
Der dritten wallend ihre Flut,
Und jede nimmt und gibt zugleich
Und strömt und ruht.                                                    
                                                                                  C.F. Meyer, Gedichte 1882

 

Mein Gott, Du hast uns reichlich versorgt. Wir kennen keinen Mangel an irgendeinem Gut. Wir haben immer genug gehabt und auch Abgeben hat uns nicht arm werden lassen.

Mein Gott, führe Du uns in die Freiheit von unserem Besitz, dass wir haben als hätten wir nicht, dass wir teilen ohne Angst, dass wir geben ohne Verdruss. Du füllst die Hände gern, die durch das Teilen mit anderen leer geworden sind. Öffne uns die Augen, dass wir sehen, wo wir helfen können und sollen. Amen

 

Ein Gedanke zu „Gott aber kann machen“

  1. Das war auch 1965 unser Trauspruch!
    Als Bekenntnis, dass er sich immer wieder bewahrheitet hat,
    habe ich dieses Wort auch für die Traueranzeige beim Tod meines Mannes gewählt.

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