Vorausschau hilft. Transparenz auch

  1. Korinther 8, 10 – 24

10 Und damit gebe ich einen Rat; denn das ist euch nützlich, die ihr seit vorigem Jahr angefangen habt nicht allein mit dem Tun, sondern auch mit dem Wollen. 11 Nun aber vollendet auch das Tun, damit, wie ihr geneigt seid zu wollen, ihr auch geneigt seid zu vollenden nach dem Maß dessen, was ihr habt.

             Schon vor einem Jahr haben sie in Korinth angefangen, sich auf die Kollekte vorzubereiten. Paulus hatte das durch einen klugen Ratschlag unterstützt: „An jedem ersten Tag der Woche lege ein jeder von euch bei sich etwas zurück und sammle an, so viel ihm möglich ist, damit die Sammlung nicht erst dann geschieht, wenn ich komme.“ (1. Korinther 16,2) So sind seine Worte eine Erinnerung – sowohl an den Start der Sammlung als auch an den Grundsatzbeschluss. An das Tun und auch das Wollen.

Der lebenserfahrene Apostel weiß es zur Genüge, nicht zuletzt auch aus dem Blick auf sich selbst: „Wollen und Tun fallen nicht immer zusammen, sondern können einander auch widersprechen.“(T. Schmeller, aaO. S. 61) Darum gilt es jetzt zu tun, zu vollbringen, nach dem Maß dessen, was ihr habt. Paulus setzt keine Unter- und keine Obergrenze. Sondern er vertraut, dass jeder sich selbst einschätzen kann. Sein Maß kennt, sein Vermögen.

12 Denn wenn der gute Wille da ist, so ist jeder willkommen nach dem, was einer hat, nicht nach dem, was er nicht hat. 13 Nicht, dass die andern Ruhe haben und ihr Not leidet, sondern dass es zu einem Ausgleich komme.

             Das Ziel ist nicht, sich selbst arm zu machen. Sich selbst durch falsche Großzügigkeit in Not zu stürzen. Das ist ja der Verdacht, der dem „urchristlichen Kommunismus“ der Jerusalemer Gemeinde nachhängt – sie haben sich selbst durch allzu unvernünftige Freigiebigkeit in die Verarmung geführt. Es ist ein hochwillkommener Verdacht für alle, die den Kapitalismus bis heute für die überlegene Wirtschaftsform halten. Dazu sagt Paulus klugerweise – und glücklicherweise? – nichts.

Aber das Ziel der Sammlung benennt er. Nicht durch einen Betrag, sondern durch die Zielsetzung: dass es zu einem Ausgleich komme. ἰσότης – „Gleichheit, Rechtsgleichheit, Gleichmäßigkeit, Billigkeit.“(Gemoll, aaO. S.392)  Es ist ein durchaus steiles Argument, das hier anklingt: „Weil alle Glaubenden die gleiche Stellung haben und von Gott mit derselben Gnade beschenkt sind, soll es unter ihnen auch im materiellen Bereich Gleichheit geben.“ (T. Schmeller, aaO. S.64) Nicht erzwungen, nicht kommandiert, sondern freiwillig hergestellt.

  Auf lange Sicht beschädigt es die Gemeinschaft des Glaubens, wenn die einen nicht wissen, wohin mit ihrem Reichtum und die anderen nicht wissen, wovon sie ihr Leben fristen sollen. Das gilt für einzelne Christen wie für Gemeinden und Kirchen.

  Die Regeln der Besitzlosigkeit, wie sie in den Orden gelten, versuchen diesem Ausgleich Rechnung zu tragen. Auch das System der Zuweisung von Geldmitteln an die einzelnen Gemeinden, wie es in den Landeskirchen üblich ist, versucht dem gegenzusteuern, dass es sehr reiche Gemeinden geben kann – weil da ein oder mehrere Millionäre leben – und sehr arme, weil da lauter Habenichtse zum Gottesdienst zusammen kommen. Dass dieser Ausgleich auch auf das Miteinander von Einzelnen bezogen wird, ist kirchengeschichtlich eher die Ausnahme.

14 Jetzt helfe euer Überfluss ihrem Mangel ab, damit danach auch ihr Überfluss eurem Mangel abhelfe und so ein Ausgleich geschehe, 15 wie geschrieben steht (2.Mose 16,18): »Wer viel sammelte, hatte keinen Überfluss, und wer wenig sammelte, hatte keinen Mangel.«

Bis es soweit ist, dass überall gleiche Lebensverhältnisse herrschen, braucht es das Teilen des Überflusses. Mal in die eine, mal in die andere Richtung. Der Überfluss der einen behebt den Mangel der anderen. Es scheint, als hätte Paulus das als Vorstellung: Die Korinther, die jetzt teilen, werden selbst einmal davon profitieren, dass andere mit ihnen teilen. Das Vorbild für diese Gleichheit findet Paulus in der Schrift. Da wird von der täglichen Manna-Sammlung, nach dem Auszug aus Ägypten, in der Wüste, notiert, dass es immer genug ist, nie zu viel und nie zu wenig.

 16 Gott aber sei Dank, der dem Titus solchen Eifer für euch ins Herz gegeben hat. 17 Denn er ließ sich gerne zureden; ja, weil er so sehr eifrig war, ist er von selber zu euch gereist.

             Hinter allen Geschehen steht Gott. Er ist es, der den Titus antreibt, ihm die Gemeinde ans Herz gelegen sein lässt. Es wird wohl so sein: Paulus sieht im Eifer des Titus für die Gemeinde sein eigenes Spiegelbild. Paulus hat ihn beredt, ihm die Reise nahegelegt und aufgetragen und doch ist es so, „dass es des Zuredens des Apostels eigentlich gar nicht bedurfte.“ (H.D. Wendland, Die Brief an die Korinther, NTD 7, Göttingen 1968, S.221) Titus wollte auch schon von selber reisen.  Dass Gott hinter allem steht, schließt eben mit ein und nicht aus, dass einer etwas von selber will.

18 Wir haben aber den Bruder mit ihm gesandt, dessen Lob wegen seines Dienstes am Evangelium durch alle Gemeinden geht. 19 Nicht allein aber das, sondern er ist auch von den Gemeinden dazu eingesetzt, uns zu begleiten, wenn wir diese Gabe überbringen dem Herrn zur Ehre und zum Erweis unsres guten Willens. 20 So verhüten wir, dass uns jemand übel nachredet wegen dieser reichen Gabe, die durch uns überbracht wird. 21 Denn wir sehen darauf, dass es redlich zugehe nicht allein vor dem Herrn, sondern auch vor den Menschen.

   Titus kommt nicht allein. Er wird begleitet „von einem von den Gemeinden gewählten Vertrauensmann für die Kollektensache.“ (H.D. Wendland, ebda.) Er hat einen guten Leumund bei allen Gemeinden. Das mag darauf hindeuten, dass er nicht ein ortfester Mensch ist, sondern schon oft mit Paulus und seinen Leuten unterwegs.  Die Gemeinden haben ihm eine Aufgabe gestellt: Er soll Paulus bei der Übergabe der Kollekte begleiten.

Das dient der vorbeugenden Abwehr aller möglichen Verdächtigungen. Es könnte ja sein, dass jemand auf die Idee kommt, Paulus oder seine Gruppe hätten sich an der Kollekte vergriffen – immerhin ist es eine reichen Gabe, die Paulus anvertraut ist.  Da ist es gut, schon dem Anschein zu wehren. „Aufs Ganze gesehen ist klar: Die Delegation dient dazu, Paulus vor dem Verdacht eines unredlichen Umgangs mit der offenbar ansehnlichen Kollekte zu schützen.“ (T. Schmeller, aaO. S.76) Diese Vorsicht mag ein Hinweis darauf sein, wie hochgradig gefährdet und schutzbedürftig die Beziehung zwischen Paulus und der Gemeinde in Korinth doch immer noch ist.

Hier hat das „Vier-Augen-Prinzip“ – es sind immer mindestens zwei Leute, die zählen-, das für den Kollektendienst in der Kirche gilt, seine Wurzel. Es entzieht allen möglichen Verdächtigungen den Boden. Transparenz, so lernen es die Kirchen – manchmal mühsam, wie man am Bistum Limburg sehen kann – ist nicht nur, aber doch auch in Finanzangelegenheiten ein hoher Wert.

 22 Auch haben wir mit ihnen unsern Bruder gesandt, dessen Eifer wir oft in vielen Stücken erprobt haben, nun aber ist er noch viel eifriger aus großem Vertrauen zu euch.

             Noch ein weiterer Mitarbeiter des Paulus, unser Bruder, begleitet Titus auf der Reise. Auch auf ihn hält der Apostel große Stücke und rühmt seinen Eifer für die Gemeinde in Korinth. Es ist offen, ob er sie schon kennt. Es befremdet, dass Paulus die Namen der Reisegefährten des Titus nicht nennt. „Der Verzicht auf die Namen ist auffällig, weil die beiden ja empfohlen werden und Paulus in solchen Zusammenhängen sonst die Namen nennt.“ (T. Schmeller, aaO.; S.74) Vielleicht erübrigt sich eine Namensnennung auch deshalb, weil sie ja bei der Verlesung des Briefes in Korinth anwesend sein werden. Man sollte aus dem Nichtnennen der Namen kein allzu großes Problem heraus lesen wollen.

 23 Es sei nun Titus, der mein Gefährte und mein Mitarbeiter unter euch ist, oder es seien unsere Brüder, die Abgesandte der Gemeinden sind und eine Ehre Christi: 24 Erbringt ihnen den Beweis eurer Liebe und des Ruhmes, den wir euretwegen haben, öffentlich vor den Gemeinden.

       Wie auch immer, ob Titus oder diese beiden, Paulus legt es der Gemeinde sehr ans Herz, dass sie freundlich mit ihnen umgehen, dass sie ihnen Liebe γπη, Agape   – erzeigen. Er hat so viel Gutes über die Gemeinde erzählt. Jetzt möchte er, dass seine Leute bestätigen können: Paulus hat sie zu Recht gelobt und gerühmt.

Zum Weiterdenken

                     Wenn es ums Geld geht, wird es leicht ein wenig kompliziert. Das ist nicht erst heute so und auch nicht nur bei der Kirche. Nur – der AWO-Skandal in Frankfurt und Wiesbaden lässt mich relativ kalt, weil es eben nicht um die Kirche geht. Was dagegen alles im Zusammenhang der Bischofswohnung im Limburg passiert ist, wo es um das Vermögen des „Bischöflichen Stuhls“ ging, das jeder öffentlichen Kontrolle entzogen ist, dss hat mich nicht kalt gelassen. Weil alle Verdächtigungen an dieser Stelle nicht mehr differenzieren zwischen katholischer, evangelischer und freikirchlicher Kirche, zwischen Rom, Limburg und Darmstadt. Da sind wir in der Außenperspektive alle gleich und alle verdächtig.

 

  Es ist ein Dauerthema, leicht unterschätzt, aber nicht tot zu kriegen: Die Kirche und ihr Geld. Es gibt, weit verbreitet, den Verdacht, dass die Kirchen reich sind, dass sie mit verdeckten Kassen arbeiten. Mit Schwarzgeldern. Ihr Besitz in Grundstücken entzieht sich der öffentlichen Wahrnehmung. Ihre Position als einer der größten Arbeitgeber in der Republik lässt sich nicht leugnen, ist aber nicht sonderlich transparent. So viele Landeskirchen, Diözesen, Werke. Das wirkt wie Verschleierung der tatsächlichen Besitzstände und fällt als Misstrauen auf die Akzeptanz zurück. Es wäre gut, von Paulus zu lernen: Transparenz fördert das Vertrauen und man muss sich an dieser Stelle auch Maßstäben unterwerfen, die wie Instrumente des Misstrauens wirken können. Durch so einfache Maßnahmen wie öffentlich zugängliche Haushalte und öffentliche Rechenschaftsablegung.

Mein Gott, habe Dank für alle Menschen, die mir geholfen haben, meinen Weg einigermaßen gradlinig zu gehen. Habe Dank für alle, die mich davor bewahrt haben, je unter falschen Verdacht zu geraten. Habe Dank für alle Menschen, die mich gelehrt haben, in kleinen Dingen gewissenhaft und treu zu sein. Habe Dank, dass Du uns die Achtung vor den unscheinbaren Tugenden lehrst, vor der Sorgfalt, der Gewissenhaftigkeit, der Treue im Kleinen. Amen