Freiwillig geben

  1. Korinther 8, 1 – 9

 1 Wir tun euch aber kund, liebe Brüder, die Gnade Gottes, die in den Gemeinden Mazedoniens gegeben ist. 2 Denn vielfach bewährt in Bedrängnis war ihre Freude doch überschwänglich, und obwohl sie sehr arm sind, haben sie doch reichlich gegeben in aller Lauterkeit.

             Paulus leitet ein neues Thema ein. Gewichtig: Wir tun euch kund. Was kommen wird, ist keine Nebensächlichkeit. Es geht um die Gnade Gottes. χάρις. Charis – von dem Wort leitet sich das Charisma, die Gnadengabe ab. Gnade ist eines der Hauptworte des Apostels, nicht nur in seinen Briefen nach Korinth. „Dieser Begriff trägt in den Kapiteln 8f unterschiedliche Bedeutungsnuancen. Immer jedoch verbindet er die Kollekte als Akt zwischen-menschlicher Solidarität mit dem Wirken Gottes.“ (T. Schmeller, aaO. S.45) 

             Hier steht die Gnade für die überraschende Freigiebigkeit der Makedonier, die so von Paulus nicht erwartet worden war. Weil er die Umstände kennt, unter den sie leben: Sie sind bedrängte Leute. Sie sind sehr arm. Aber diese Christen in Mazedonien haben es sich nicht nehmen zu lassen, in „schlichter Güte“(T. Schmeller, aaO. S. 4&) für die Kollekte nach Jerusalem zu sammeln und zusammenzulegen.

Diese Sammlung geht zurück auf das „Apostelkonzil in Jerusalem“ (Apostelgeschichte 15). Auf dieses Treffen führt Paulus seine Missionsarbeit unter den Heiden zurück, geschah es doch da, „dass Jakobus und Kephas und Johannes, die als Säulen angesehen werden, mir und Barnabas die rechte Hand gaben und wurden mit uns eins, dass wir unter den Heiden, sie aber unter den Juden predigen sollten, nur dass wir an die Armen dächten, was ich mich auch eifrig bemüht habe zu tun.“ (Galater 2,9-10) Seitdem wirbt Paulus in allen seinen Gemeinden für die Sammlung zur Unterstützung der Gemeinde in Jerusalem. Mit Erfolg, wie sich in Mazedonien zeigt.

  3 Denn nach Kräften, das bezeuge ich, und sogar über ihre Kräfte haben sie willig gegeben  4 und haben uns mit vielem Zureden gebeten, dass sie mithelfen dürften an der Wohltat und der Gemeinschaft des Dienstes für die Heiligen; 5 und nicht nur das, wie wir hofften, sondern sie gaben sich selbst, zuerst dem Herrn und danach uns, durch dem Willen Gottes.

             „Die Initiative, sich an der Kollekte zu beteiligen, ging von den Makedoniern aus.“(T. Schmeller, aaO. S.47) Man darf Paulus sicher unterstellen, dass er das gerne betont, weil diese Freiwilligkeit der Armen in Mazedonien doch ein gutes Argument in dem sicherlich reicheren Korinth sein dürfte. In Mazedonien haben sie verstanden, dass es um mehr als um Geld geht, um die Hingabe an den Herrn. In ihrem Sich selbst hingeben gleichen sie der arme Witwe, von der Jesus sagt: „Diese arme Witwe hat mehr in den Gotteskasten gelegt als alle, die etwas eingelegt haben. Denn sie haben alle etwas von ihrem Überfluss eingelegt; diese aber hat von ihrer Armut ihre ganze Habe eingelegt, alles, was sie zum Leben hatte.“ (Markus 12, 42-43) Wie diese Witwe haben die Mazedonier über ihre Kräfte hinaus willig gegeben. Durch dieses Geben fühlt sich auch Paulus reich beschenkt

  6 So haben wir Titus zugeredet, dass er, wie er zuvor angefangen hatte, nun auch diese Wohltat unter euch vollende.

             Es ist diese Erfahrung, die Paulus kühn macht, mit der Sendung des Titus die Sammlung, die der schon vorher angefangen hatte, jetzt zum Abschluss zu bringen.  So, dass es für alle Beteiligten eine Wohltat wird.  Für die Geber und für die Empfänger.

 7 Wie ihr aber in allen Stücken reich seid, im Glauben und im Wort und in der Erkenntnis und in allem Eifer und in der Liebe, die wir in euch erweckt haben, so gebt auch reichlich bei dieser Wohltat. 8 Nicht als Befehl sage ich das; sondern weil andere so eifrig sind, prüfe ich auch eure Liebe, ob sie echt sei.

             Wird Paulus jetzt unverschämt? Oder nur freimütig? Jedenfalls nennt er Signalworte, von denen er weiß, dass sie in Korinth hoch im Kurs stehen: In Korinth sind sie stolz darauf, dass sie in allen Stücken reich sind, im Glauben und im Wort und in der Erkenntnis und in allem Eifer und in der Liebe. Paulus setzt darauf: Dieser Reichtum wird sich auch umsetzen in die Wohltat der Kollekte. Sie werden nicht geizen.

            „Paulus bleibt auch jetzt der, der die Freiheit der Gemeinde wahrt. Er weiß, dass die Liebe nicht zu kommandieren ist.“ (W. de Boor, aaO. S. 179) Es ist aber auch schlichte Klugheit, hier nichts zu befehlen. Nirgendwo sind Menschen so empfindlich, wie wenn ein anderer über ihren Geldbeutel zu verfügen beansprucht. Legendär, aber doch glaubwürdig bezeugt aus meinen Verwandtenkreis ist eine Kollektenansprache noch zu D-Mark-Zeiten, die nach hinten losgegangen ist: „5 Mark – das ist dem lieben Gott in die Hand geschissen“ Nie war der Kollektenkasten leerer!

Man darf nicht befehlen. Aber man kann vielleicht, wie der Apostel, durch die positiven Beispiele anderer zur Freigiebigkeit locken und reizen. Wobei die Formulierung: Ich prüfe auch eure Liebe, ob sie echt sei, schon einen nicht unbedenklichen moralische Beiklang hat. 

  9 Denn ihr kennt die Gnade unseres Herrn Jesus Christus: Obwohl er reich ist, wurde er doch arm um euretwillen, damit ihr durch seine Armut reich würdet.

             Nach dem Beispiel der Mazedonier greift Paulus jetzt noch einmal nach dem höchsten Argument, das ihm überhaupt zur Verfügung steht – nach dem Beispiel und Vorbild unseres Herrn Jesus Christus.  Paulus führt die Menschenwerdung Jesu an. Er ist arm geworden, damit ihr durch seine Armut reich werdet. Es geht nicht um die Armut des Zimmermanns-Sohnes. Es geht um den Verzicht auf den himmlischen Reichtum. Alles, was er an Herrlichkeit hätte haben können, was sein Reichtum ist, was ihm gehört, gibt Jesus dran, damit sie in Korinth reich werden, die Herrlichkeit es Himmels gewinnen.

„Die freiwillige Weitergabe des eigenen Besitzes gehört zur Grundstruktur christlicher Existenz, weil Christus sie vorgelebt hat.“(T. Schmeller, aaO. S.55) Ich lese das und der Satz verschlägt mir die Sprache. Wie gut, dass er „nur“ in einem Kommentar steht, den normale Christen nicht lesen, den die mediale Öffentlichkeit nicht zur Kenntnis nimmt. Ich stelle mir vor, ich sage das in einer Predigt! Und weiß: besser nicht. Nur: Genauso argumentiert Paulus! Und fordert uns, mich und andere, damit heraus: Wie hältst du es mit dem freiwilligen Geben und Weitergeben?

Zum Weiterdenken

            Ich kenne seit Jahren ein kleine Szene: „Zwei Männer trinken auf ihre Freundschaft. Sagt der eine: Wenn du fünf Fernsehgeräte hättest, würdest du mir einen schenken?“- „Freilich“ sagt der andere. „Wenn du fünf Auto hättest, würdest du mir eines schenken?“ fragt er weiter. „Aber gewiss“ sprach sein Freund. „Wenn du fünf Hemden hättest würdest du mir eines geben?“ wollte er weiter wissen. Der Gefragte schüttelte ablehnend den Kopf. „Warum nicht? fragt der Freund. Antwort: „Ich habe fünf Hemden.“

     So ist das. Es lässt sich trefflich über das richtige Verhältnis zum Besitz diskutieren. Es ist auch relativ einfach, Forderungen aufzustellen, die andere zu erfüllen haben. Beispielsweise Gehaltsverzicht in Corona-Zeiten. Die hochbezahlten Profis in der Bundesliga- alle 50% weniger. Die Mulitmillionäre und Milliardäre – alle mehr Steuern für das Allgemeinwohl. Wunderbar und rasch gefordert. Ich habe keine Millionen, die ich dann teilen müsste.

Gott, öffne Du die Hände, dass wir geben. Öffne Du die Augen, dass wir sehen, wo unser Geben nötig ist. Öffne Du die Herzen, dass wir gerne geben aus unserem Überfluss, ohne Angst, dass wir am Ende mit leeren Händen da stehen könnten. Amen