Nichts schönreden!

  1. Korinther 7, 5 – 16

 5 Denn als wir nach Mazedonien kamen, fanden wir keine Ruhe; sondern allenthalben waren wir bedrängt, von außen Streit, von innen Furcht. 6 Aber Gott, der die Geringen tröstet, der tröstete uns durch die Ankunft des Titus; 7 nicht allein aber durch seine Ankunft, sondern auch durch den Trost, mit dem er bei euch getröstet worden war. Er berichtete uns von eurem Verlangen, eurem Weinen, eurem Eifer für mich, sodass ich mich noch mehr freute.

             Das war nicht immer so. Paulus erinnert sich und die Korinther daran, wie er bei seinem Aufenthalt in Mazedonien voll Unruhe war. Innerlich und äußerlich bedrängt. Erst die Ankunft des Titus hat in dieser Lage eine Wende herbeigeführt. Einmal mehr „zeigt sich, wie völlig „theozentrisch“ Paulus lebt und denkt: „Aber der, der die Niedrigen tröstet, Gott, tröstete uns durch die Ankunft des Titus.“ (W. de Boor, aaO. S.166) Es ist alles andere als zufällig, dass Paulus hier zu dem großen Stichwort des Briefanfanges zurückkehrt. Trost, Gott als Tröster.

            Das hat Paulus nötig, getröstet zu werden, in seiner inneren und äußeren Bedrängnis gestärkt. Es schüttelt ihn durch, es reißt in seiner Seele Wunden. ξωθεν μχαι, σωθεν φβοι. Die äußeren Umstände führen zu innerlichen Furchtattacken. Paulus ist kein Stoiker, den nichts berühren kann. Er ist nicht so weltabgeschieden, dass ihn nichts mehr erschüttern, und durchrütteln kann. „Der Apostel, der Christ sind den Schwankungen und dem Widerstreit der Gefühle in der Seele keineswegs entnommen.“ (H.D. Wendland, aaO. S.215) Es ist kein christliches Ideal, das es anzustreben gilt, dass einen nichts mehr berührt, kränkt, bewegt und betrifft.

            Sein Trost – παράκλησις, vom Anfang an ein Hauptwort dieses Briefes ist nicht nur, dass Titus endlich da ist, sondern auch, was er zu berichten hat. Es sind gute Nachrichten aus Korinth, die er überbringt. „Schon die freundliche Aufnahme des Titus ist Ausdruck des Wohlwollens der Gemeinde gegenüber Paulus; ihre Sehnsucht (nach ihm), ihr Wehklagen (über das Vorgefallene) und ihr Eifer (bei der Wiedergutmachung) bestätigen und konkretisieren diese positive Einstellung.“ (T. Schmeller, aaO. S.14)

             Paulus legt es sich so aus: In seinem Boten, dem sie freundlich begegnen, begegnen sie ihm selbst, dem Apostel, freundlich. Das ist als Gedanke nahe bei dem Wort Jesu: „Wer euch aufnimmt, der nimmt mich auf; und wer mich aufnimmt, der nimmt den auf, der mich gesandt hat.“ (Matthäus 10,40) Das Gute, das wir tun, kommt nie nur einem zugute. Es zieht weitere Kreise.

8 Denn wenn ich euch auch durch den Brief traurig gemacht habe, reut es mich nicht. Und wenn es mich reute – ich sehe ja, dass jener Brief euch wohl eine Weile betrübt hat -, 9 so freue ich mich jetzt, doch nicht darüber, dass ihr betrübt worden seid, sondern darüber, dass ihr betrübt worden seid zur Umkehr. Denn ihr seid betrübt worden nach Gottes Willen, sodass ihr von uns keinen Schaden erlitten habt.

   Paulus hebt über dieser Wende zum Guten nicht euphorisch ab. Er vergisst nicht, dass es nicht immer gut zwischen ihm und der Gemeinde stand. Und er benennt deutlich seinen Anteil: er hat sie durch den Brief traurig gemacht. Gemeint ist mit dem Brief wohl der verloren gegangene „Tränenbrief“.  Der die Korinther sehr herausgefordert, eine Weile betrübt hat. Aber: „Er bereut den verletzenden Brief nicht – er hat ihn eine Zeit lang bereut – er freut sich im Nachhinein über ihn, allerdings nicht direkt über die verletzende Wirkung.“ (T. Schmeller, aaO. S.15) Was ihn freut ist die Umkehr, die Reue, die durch den Brief zustande gekommen ist.

            Umkehr – so übersetzt die Luther-Bibel, Buße die Elberfelder Übersetzung; Sinnesänderung die Einheitsbibel und Umkehr die Neue Genfer Übersetzung. Im Griechischen steht μετάνοια, Metanoia. Das Wort, das das Haupt-Wort der Predigt des Täufers und zu Beginn auch der Predigt Jesu war: Seit der Zeit fing Jesus an zu predigen: Tut Buße, denn das Himmelreich ist nahe herbeigekommen!“ (Matthäus 4,17) Das Wort Metanoia hat die ganze Bandbreite, die die unterschiedlichen Übersetzungen signalisieren. Es meint, darin müssen wir verbreitete Vorverständnisse korrigieren, stärker neues Verhalten als reumütiges Gefühl.

10 Denn die Traurigkeit nach Gottes Willen wirkt zur Seligkeit eine Umkehr, die niemanden reut; die Traurigkeit der Welt aber wirkt den Tod.

             Gleich fünfmal betrüben, traurig machenλυπέω, lypeo, und zweimal Traurigkeit – λύπη, lype. Es geht um intensive Gefühle, die aufgewühlt haben. Um Zumutungen, die ihnen in Korinth zugesetzt haben.  Das hat Paulus ihnen nicht ersparen können – um des Zieles willen. Diese Wirkung des Briefes schreibt Paulus aber nicht selbst zugute. Sondern er sieht darin den Willen Gottes am Werk, der diese Umkehr zustande bringt. Der auch das bewirkt, dass die Korinther durch die Härte und Verletzung des Briefes dennoch nicht zu Schaden gekommen sind.

            Auch im Rückblick sieht Paulus: Sein Brief war hoch riskant. Er hätte die Beziehung, die Gemeinschaft völlig zerstören können. Das es anders gekommen ist, hat damit zu tun, dass die Traurigkeit nach Gottes Willen zur Seligkeit eine Reue wirkt. Immer? „Mit einem sentenzartigen Lehrsatz wird der konkrete Fall als Ausdruck einer allgemeinen Wahrheit gedeutet.“ (T. Schmeller, aaO. S.18) Ich lese anders. Das ist einmal mehr ein Satz, der zwar allgemein gesprochen wirkt, aber nicht verallgemeinert werden darf. Er bezieht sich auf die konkrete Situation und beschreibt eben keine Regel.  Die Gefahr des Satzes liegt darin, dass er, zur Regel gemacht, auch als Instrument angewendet werden könnte. Von Leuten, die den Anspruch haben zu wissen, wie die Traurigkeit nach dem Willen Gottes aussieht.

            Was wir allenfalls wissen ist das andere: dass die Traurigkeit der Welt geradezu tödlich ist. Trauer zerfrisst allzu oft die Seele.  Raubt die letzten Kräfte. Zwingt in eine Isolation und Einsamkeit, die wie eine Gefängnismauer jeden Außenkontakt zum Leben unterbindet.

 11 Siehe: eben dies, dass ihr betrübt worden seid nach Gottes Willen, welches Mühen hat das in euch gewirkt, dazu Verteidigung, Unwillen, Furcht, Verlangen, Eifer, Bestrafung! Ihr habt in allen Stücken bewiesen, dass ihr rein seid in dieser Sache.

             Noch einmal: Fast staunend stellt Paulus fest, was sein so harter Brief an positiven Wirkungen hervorgebracht hat. Das konnte er beim Schreiben nicht wissen. „In heißen Ängsten hat er gebangt, die Gemeinde könne zugrunde gehen.“ (W. de Boor, aaO. S.170) Sich völlig von ihm abwenden. Umso froher ist er, dass es anders gekommen ist.  Sie haben sich ganz auf die Seite des Paulus gestellt. Im Hintergrund steht der Konflikt, der schon im Briefanfang (2, 5-11) angesprochen war. Jemand hatte Paulus angegriffen. Diesen Angriff hat die Gemeinde abgewehrt durch ihre Verteidigung des Paulus und die Bestrafung des Gemeindegliedes. Wir müssen uns eingestehen: Wir wissen nichts über den konkreten Inhalt des Konfliktes.

12 Darum, wenn ich euch auch geschrieben habe, so ist’s doch nicht geschehen um dessentwillen, der Unrecht getan hat, auch nicht um dessentwillen, der Unrecht erlitten hat, sondern damit euer Mühen für uns offenbar werde bei euch vor Gott. 13 Dadurch sind wir getröstet worden.

             Fast wirkt es, als würde Paulus jetzt herunterspielen, nachträglich die Aufregung dämpfen und umdeuten. Unrechtἀδικία ist so vage, dass es alles oder auch nichts heißen kann. Eine Schmähung, eine üble Nachrede, eine heftige Beschuldigung. Fast eine Bagatelle. Aber dann schreibt man doch nicht so einen Tränenbrief! Das eigentliche Ziel war nicht der Konflikt, auch nicht irgendwie ein Art Revanche für Beleidigungen, die bei einem Zwischenbesuch des Paulus laut geworden sind. Das eigentliche Ziel war, dass euer Mühen für uns offenbar werde bei euch vor Gott. Man könnte auch sagen: dass die Korinther sich klar geworden sind, wo sie stehen, wie sie zu Paulus – und zu Gott – stehen. Es ist wunderbar, ein großer Trost für Paulus, dass diese Angelegenheiten jetzt geklärt erscheinen.

 Mehr noch als über diesen Trost aber haben wir uns gefreut über die Freude des Titus; denn sein Geist ist erquickt worden von euch allen. 1 14 Denn was ich vor ihm von euch gerühmt habe, darin bin ich nicht zuschanden geworden; sondern wie alles wahr ist, was wir mit euch geredet haben, so hat sich auch unser Rühmen vor Titus als wahr erwiesen. 15 Und er ist überaus herzlich gegen euch gesinnt, wenn er an den Gehorsam von euch allen denkt, wie ihr ihn mit Furcht und Zittern aufgenommen habt. 16 Ich freue mich, dass ich mich in allem auf euch verlassen kann.

             Daneben tritt das andere – die Freude, die sich aus den Mitteilungen des Titus ergibt. Es ist eine Freude, die Paulus mit Titus teilt. Man wird es so zu lesen haben: Was Titus aus Korinth berichtet, ist durch und durch positiv. Der Aufenthalt in Korinth hat Titus gut getan, ihn gestärkt, erquickt. Alles, was Paulus an Gutem über die Gemeinde erzählt hatte, hat sich für Titus bestätigt. So sieht Paulus sich selbst in seinen Worten bestätigt. Er hat nicht zu großartig von der Gemeinde in Korinth gesprochen, nicht übertrieben. Sein Rühmen der Gemeinde hat sich als wahr erwiesen. Tragfähig. Belastbar. Die Gemeinde hat Titus aufgenommen, wie es einem gesandten des Apostels entspricht – mit Furcht und Zittern. Sie haben seine Autorität akzeptiert. Und – so ergänze ich: in der Autorität des Titus die Autorität des Paulus.

            Man kann durchaus auf die Idee kommen: Paulus lobt in diesen Worten die Gemeinde so sehr, dass sie in Korinth gar nicht anders können werden als auf seine alsbald folgenden Bitten positiv zu reagieren. Seine Worte sind „weniger eine Situationsbeschreibung als in Mittel der Versöhung.“(T. Schmeller, aaO. S. 24) Vielleicht ist ja der so gelobte Titus schon wieder unterwegs nach Korinth – oder als der Überbringer dieser so überaus freundlichen Worte vorgesehen.

Zum Weiterdenken

            Für mich vorbildlich ist, wie Paulus ehrlich damit umgeht, dass er Menschen gekränkt hat. Er redet sich nicht heraus: Am Ende hatte ich ja doch Recht, sondern er weiß: Ich habe verletzt. Dass es gut ausgegangen ist, liegt nicht an mir. Es ist Gottes Güte. Das kann beispielhaft sein auch für uns – eigene Fehler nicht im Nahhinein zu rechtfertigen, weil aus den Fehlern Gutes entstanden ist. Sondern sie einzugestehen und dankbar zu sein dafür, dass „Gott manchmal auf krummen Linien gerade schreibt.“ Es aber nicht im Voraus für die eigenen Fehler einzukalkulieren und zu reklamieren.

Heiliger Gott, es scheint so einleuchtend, sich herausreden und die eigene Unschuld beteuern: Das habe ich nicht gewollt. Hilf Du mir, dass ich zu verunglückten Worten stehen lerne, nichts beschönige, wenn ich einem anderen zu nahe getreten bin dass ich nicht unter den Teppich kehre, wo ich jemand verletzt habe.

Gib Du mir, dass ich auch dann zur Wahrheit stehe, wenn sie für mich nicht schön und schmeichelhaft ist. Gib Du mir auch, dass ich nicht vom guten Ende her alles rechtfertige, was vorher schief gelaufen ist. Amen