Zwischen Nähe und Distanz

  1. Korinther 6, 11 – 7,1

 11 O ihr Korinther, unser Mund hat sich euch gegenüber aufgetan, unser Herz ist weit geworden. 12 Eng ist nicht der Raum, den ihr in uns habt; eng aber ist’s in euren Herzen. 13 Gebt uns, was wir euch geben – ich rede wie zu meinen Kindern – und macht auch ihr euer Herz weit.

             Paulus hält inne und setzt neu ein. Er überschaut, was er bis hierher geschrieben hat. Sein Herz hat er aufgemacht. Er hat sich selbst restlos geöffnet. Ohne Vorbehalte, ohne irgendwelche Gedanken zurück zu halten. „Die Gemeinde kann in das weit geöffnete Herz des Paulus hineinblicken.“ (T. Schmeller, Der zweite Brief an die Korinther 1,1 – 7,4, EKK VIII/1,  Neukirchen 2010, S.364) In Lauterkeit (6,6) hat er geschrieben und alles Werben um die Korinther  zielt darauf, dass sie Anteil an seiner weite gewonnen.

            Es kann sein, dass ein Vorwurf im Raum stand, Paulus sei engherzig, weil er so entschieden moralische Defizite ansprechen konnte. Auch weil er sich der vermeintlichen Weite der Großen enthusiastischen Erfahrungen verweigerte. Weil er sie auf der Besuchsliste nach hinten geschoben hatte. Solche Vorwürfe sind schnell gemacht.

            Paulus weist sie alle zurück. Kontert: Nicht ich, ihr seid die mit dem engen Herzen. Ihr seid die, die sich der Liebe nicht öffnen, die sie untereinander in den Abgrenzungen schuldig bleiben. Die nur die eigene geistliche Weise zulassen und anerkennen wollen. Ihr merkt die Engführung eurer Herzen gar nicht.

            Es wirkt fast ein wenig hilflos, wie Paulus dann bittet. Spürt doch, dass ich freundlich zu euch rede, väterlich, wie einer zu seinen Kindern liebevoll zugewandt ist. Antwortet doch, in dem ihr euch auch so verhaltet. Der ganze Satz lässt spüren, „dass die von einem Vater zu erwartende Liebe der Kinder im Blick ist.“ (T. Schmeller, aaO. S.366)

             Aber: es ist die väterliche Bankrotterklärung schlechthin, Liebe zu fordern.  Wer Liebe fordert, hat sie schon verspielt. Darum empfinde ich den Satz auch als hochproblematisch: „Die Weite, die Paulus von der Gemeinde fordert, soll seiner eigenen Weite entsprechen.“ (T. Schmeller, aaO.; S.365) Ich glaube auch nicht, dass Paulus hier etwas fordert. Dagegen spricht, wie er seinen Gedanken anfängt, mit der ungewöhnlichen Anrede: O ihr Korinther, die ein starkes Signal der Zuwendung ist. Ich finde hier keinen fordernden Paulus, sondern den bittenden, ganz in der Linie dessen, was er nur wenig früher gesagt hat: wir bitten an Christi statt (5,20).  Es geht ihm ja auch hier zentral um Versöhnung – diesmal nicht mit Gott, wohl aber Versöhnung zwischen sich und der Gemeinde. Und auch da ist nichts zu fordern, sondern immer nur zu bitten. 

14 Zieht nicht unter fremdem Joch mit den Ungläubigen. Denn was hat die Gerechtigkeit zu schaffen mit der Ungerechtigkeit? Was hat das Licht für Gemeinschaft mit der Finsternis? 15 Wie stimmt Christus überein mit Beliar? Oder was für ein Teil hat der Gläubige mit dem Ungläubigen? 16 Was hat der Tempel Gottes gemein mit den Götzen?

             Der Abschnitt  macht Schwierigkeiten, weil er so abrupt dasteht, den Gedankengang der Werbung um die Herzen der Korinther unterbricht. Die Idee eines Einschubs wird verfolgt – heute würde man vermuten: da ist an der falschen Stelle auf die einfügen-Taste gedrückt worden. Auch der Gedanken, Paulus habe nach einer Diktierpause den Faden verloren. Und schließlich: Es sei gar nicht Paulus, der hier schreibt. Ein Anderer habe den Text später eingefügt. Aber nun steht der Abschnitt nun einmal da, wo er steht.

            Das weite Herz, auf das Paulus so stark verweist, ist kein grenzenlos offenes Herz. „Wer nach allen Seiten offen ist, kann nicht ganz dicht sein.“(Grafiti) Paulus kennt deutliche Grenzen. Keine Jochgemeinschaft mit den Ungläubigen. Kein Ziehen an einem Strang. Keine Beteiligung an Unrecht. Keine Dunkelmänner-Geschichten. Nichts, was das Licht der Wahrheit scheuen müsste.

            Im Evangelium wird das Wort Jesu überliefert: „Wisst ihr nicht, welches Geistes Kinder ihr seid? Der Menschensohn ist nicht gekommen, das Leben der Menschen zu vernichten, sondern zu erhalten.“ (Lukas 9,55b-56a) Es gibt Trennlinien, die sich aus der Zugehörigkeit zu Christus ergeben. Es gibt Verhalten, das nicht mit ihm zusammen passt.

            Heute: Die gewissenlose Raffgier passt nicht zu Jesus. Der Hass auf die Fremden passt nicht. Der Egoismus, der sagt: „Das Boot ist voll“, passt nicht. Die Abschottung gegenüber den Notleidenden passt nicht. Der gewalttätige, mörderische Kampf gegen Andersgläubige passt nicht. Der selbstgewählte Märtyrertod passt nicht. Christus ist alle Male anders und Christen müssen andere Wege als diese Wege gehen.

            Wer sich diesen Verhaltensweisen anpasst, wer sie fördert, wer sie rechtfertigt, der gleicht einem Menschen, der den Tempel Gottes für die Götzen öffnet. Paulus ist in seinen Worten sehr scharf: Er ist gegen Religionsvermischung durch die Vermischung ethischer Werte. Man darf sicher davon ausgehen: In Korinth hat keiner im Zeus-Tempel geopfert. Aber die Gefahr, gemeinsame Sache in Punkto Ethik zu machen, die dem Geist Christi zuwider läuft,  gibt  es in Hülle und Fülle.

Paulus sieht hier keinen Spielraum und keine Kompromisslinien: „Entweder man glaubt an Christus oder an die heidnischen Götter. Christusglaube ist Absage an die Götter. Das ist eine ungeheure Forderung, wenn man bedenkt, dass das Heidentum eine gesellschaftliche Form der Religion ist, die, nicht etwa nur in dem Staatskult der älteren Zeit, den ganzen Alltag des sozialen Lebens in die kultische Ordnung und Haltung einbezieht. Wer den Göttern absagte, war ein Feind des Staates, ein Asozialer.“ (H.D. Wendland, aaO. S.213) Erst wenn man das in seiner Schärfe sieht, kommt man der Herausforderung auf die Spur, die sich aus den Worten des Paulus auch für unsere ethische Orientierung ergibt.

Christen können nicht nur Mitläufer der Umwelt-Ethik sein. Auch nicht nur die religiöse Variante bürgerlicher und gesellschaftlicher Überzeugungen. Sie stehen vor der Mühe, aus der Christus-Zugehörigkeit ihre ethischen Entscheidungen abzuleiten. Auch dann, wenn sie dadurch zur randständigen Minderheit zu werden drohen.

Wir aber sind der Tempel des lebendigen Gottes; wie denn Gott sprach (3.Mose 26,11-12; Hesekiel 37,27): »Ich will unter ihnen wohnen und wandeln und will ihr Gott sein und sie sollen mein Volk sein.« 17 Darum »geht weg von ihnen und sondert euch ab«, spricht der Herr; »und rührt nichts Unreines an, so will ich euch annehmen 18 und euer Vater sein und ihr sollt meine Söhne und Töchter sein«, spricht der allmächtige Herr (Jesaja 52,11; Hesekiel 20,41; 2.Samuel 7,14).

 Paulus fordert – hier fordert er wirklich. Aber nicht den Auszug aus der Welt. Auch nicht die Abkehr von den Heiden, den Rückzug in ein christliches Ghetto. Wie sollte er als Botschafter der Liebe Gottes auch darauf verzichten können, Heiden zu begegnen. Aber er fordert die klare Trennung von ihren ethischen Spielregeln.

Es ist ein Ruf zur Selbstbesinnung und zur Selbstbestimmung. Für uns gilt doch, so erinnert er die Korinther: »Ich will unter ihnen wohnen und wandeln und will ihr Gott sein und sie sollen mein Volk sein.« Darum gibt es für Christen keine doppelte „Staatsbürgerschaft“ – im Volk Gottes und in den fremden Tempeln. Hier geht nur Entweder-oder. Das ist intolerant. Ja. Aber es gibt eine Intoleranz des Glaubens, die ihm von der Sache her zu eigen ist: Ich kann nicht „Gott lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit allen meinen Gemütskräften“ (Markus 12,30) – und daneben andere Gottheiten wie Reichtum, Erfolg, Macht, Ehre, Vaterland. Neben der Liebe zu Gott hat nur noch eines Platz: die Liebe zum Nächsten. Aber nicht die Liebe zu irgendwelchen Göttern.

In diesem Abschnitt spielt ein Gedanke eine große Rolle, den Paulus auch schon im ersten Brief nach Korinth verfolgt hat: „Die Selbstidentifikation mit dem Tempel Gottes. Weil die Glaubenden dieser Tempel sind, ist ihnen keinerlei Kontakt mit den Götzen erlaubt.“ (T. Schmeller, aaO.; S.378) Im ersten Brief hatte Paulus geschrieben: „Wisst ihr nicht, dass euer Leib ein Tempel des Heiligen Geistes ist, der in euch ist und den ihr von Gott habt, und dass ihr nicht euch selbst gehört?“ (1. Korinther 6,19) Auch da zielen die Worte auf eine Abkehr von falschem Verhalten durch die Erinnerung an das eigene Sein. Die Selbstidentifikation mit dem Tempel Gottes ist höchst anspruchsvoll an das eigene Verhalten.

 1 Weil wir nun solche Verheißungen haben, ihr Lieben, so lasst uns von aller Befleckung des Fleisches und des Geistes uns reinigen und die Heiligung vollenden in der Furcht Gottes.

        Noch einmal, ganz langsam, für die, die nicht so rasch mitkommen. Werben um Einverständnis. Werben um Verhaltensänderung. Der Hinweis auf die Heiligung, die ja beides ist, Tat Gottes, der heiligt und Tun des Menschen, das diesem Heiligen Gottes im eigenen Leben Raum gibt, erinnert daran: hier wird ein Verhalten vor Augen gestellt, das Gott gefällt und das er stützt. Es geht Paulus nie darum, dass der Mensch sich selbst so „verbessert“, dass er am Ende tadellos, rein von aller Befleckung des Fleisches und des Geistes dasteht. Wohl aber geht es darum, sich dem Heiligen Gottes auszusetzen durch die bewusste Zuwendung, Umkehr zu ihm.  Durch Bleiben in ihm.

            Ganz in diesem Geist singen wir – nicht immer, aber doch immer wieder einmal:

„Ach bleib mit deiner Treue bei uns, mein Herr und Gott;
Beständigkeit verleihe, hilf uns aus aller Not.“               J. Stegmann 1627, EG 347

 2 Gebt uns Raum bei euch! Wir haben niemand Unrecht getan, wir haben niemand verletzt, wir haben niemand übervorteilt. 3 Nicht sage ich das, um euch zu verdammen; denn ich habe schon zuvor gesagt, dass ihr in unserm Herzen seid, mitzusterben und mitzuleben.  4 Ich rede mit großem Freimut zu euch; mir wird viel Ruhm zuteil euretwegen; ich bin erfüllt mit Trost; ich habe überschwängliche Freude in aller unsrer Bedrängnis.

             Jetzt kehrt Paulus zum Gedanken der weiten Herzen, des Raumes im Herzen zurück. Er bittet um einen, seinen Platz im Herzen der Korinther. Χωρέω – Platz machen, Raum geben.“(Gemoll, aaO. S. 811) Es ist eben nicht nur so, dass Paulus Abstand fordern würde, von denen, die sich falsch verhalten haben. Er wünscht sich auch umgekehrt Nähe. Zu denen, an denen ihm so viel liegt. Er begründet seine Bitte zunächst mit einer Unschuldbeteuerung. Diese Unschuldsbeteuerung hat ihren Sinn wohl darin, dass es Vorwürfe gegeben haben kann: Er habe mit seiner rigorosen ethischen Härte Menschen verletzt. Er sei mit seinen Attacken gegen die Charismatiker zu weit gegangen. Alle so möglichen Vorwürfe weist Paulus zurück, ohne sie jedoch ausdrücklich zu benennen.

            Das ist die zweite Begründung für seine Bitte um Platz, Raum. Es liegt ihm ferne, die zu verurteilen, mit denen er in Gemeinschaft verbunden ist, die er im Herzen trägt So weit geht diese Gemeinschaft, dass er mit ihnen stirbt und mit ihnen lebt. „Wenn „ein“ Glied leidet, so leiden alle Glieder mit, und wenn „ein“ Glied geehrt wird, so freuen sich alle Glieder mit.“(1. Korinther 12,26) hatte er ihnen früher geschrieben. Jetzt sieht er sich mit ihnen in einer Schicksalsgemeinschaft zusammen, die Tod und Leben umfasst. Es wird nicht ausdrücklich gesagt, aber es steht wohl dahinter: Weil sie alle mit Christus verbunden sind, sind sie auch miteinander verbunden, im Sterben und zum ewigen Leben

            Diese Schicksalsgemeinschaft ist etwas, was Paulus wichtig ist. Was ihn mit Zuversicht erfüllt. Worüber er sich getröstet weiß. Alles Sätze, die nur eines wollen: Den Korinthern die Wertschätzung zeigen, die sie bei Paulus haben. Ihnen zeigen, wie viel Raum sie im Herzen des Paulus haben. Vielleicht wird daraus, dass Paulus umgekehrt gleichfalls in ihren Herzen Raum erhält.

            Es sind ausgesprochen warmherzige Töne, die hier laut werden. Die es nahe legen zu vermuten, dass es zu wirklichen Schritten der Versöhnung zwischen Apostel und Gemeinde gekommen ist. Das Ringen um solche Versöhnung prägt den Brief schon lange.  Ein bisschen wirkt es, als sei der Streit und damit auch Paulus selbst zur Ruhe gekommen.

 

Herr Jesus, danke für Deine Nähe, Deine Gegenwart, dass Du uns hineinnimmst in Dein Leben. Gib Du, dass ich das Geschenk Deiner Gegenwart nicht vertue, dass ich in ihr und aus ihr lebe, dass sich meine Entscheidungen aus dem ergeben, dass ich zu Dir gehöre.

Gib Du mir Klarheit, wo ich mich von falschem Verhalten zu trennen habe. Gib Du mir Liebe, wo ich mir und anderen Grenzen setzen muss. Stärke Du mir die Hoffnung, dass Deine Wahrheit am Ende Recht behalten wird. Amen