Lebensfolgen

  1. Korinther 6, 1 – 10

 1 Als Mitarbeiter aber ermahnen wir euch, dass ihr nicht vergeblich die Gnade Gottes empfangt. 2 Denn er spricht (Jesaja 49,8): »Ich habe dich zur Zeit der Gnade erhört und habe dir am Tage des Heils geholfen.« Siehe, jetzt ist die willkommene Zeit, siehe, jetzt ist der Tag des Heils!

             Wieder Mitarbeiter. Und einmal mehr ein Ermahnen, das zugleich wohl auch ermutigen ist. Die Gnade soll nicht leer laufen in ihrem Leben. Wörtlich: nicht ins Leere. εἰς κενὸν . Geht das denn, bin ich versucht zu fragen, dass die Gnade ins Leere läuft?  Ja, wenn sie zur „billigen Gnade“ wird. „Billige Gnade heißt Gnade als Schleuderware, verschleuderte Vergebung, verschleuderter Trost…Billige Gnade heißt Gnade als lehre, als Prinzip, als System; heißt Sündenvergebung als allgemeine Wahrheit, heißt Liebe Gottes als christliche Gottesidee…. Billige Gnade heißt Rechtfertigung der Sünde und nicht des Sünders. Weil Gnade doch alles allein tut, darum kann alles beim alten bleiben.“ (D. Bonhoeffer, Nachfolge München 1976, S.13)

Ich stimme: Billig wird die Gnade, wenn sie zum Freifahrtschein wird: `Es ist ja Gottes Profession zu vergeben. Er kann nicht anders.´ Wenn aus dem Geschenk der Gnade nicht das Ringen um einen neuen Weg wird. Es ist das völlige Missverständnis der Gnade, dass sie moralisch indifferent seinlässt, dass sie so ansehen lässt, als würde sie alles Verhalten gleich gültig machen, weil Gott ja doch auf alles Verhalten seine Gnade legt.

            Das ist die Sorge des Paulus: Die Verkündigung der Gnade könnte dazu führen, Verhaltensveränderungen auf die lange Bank zu schieben. Deshalb erinnert er mit den Worten des Jesaja noch einmal an die Dringlichkeit: Jetzt ist es Zeit. Nicht irgendwann. „Indem die Botschaft von der geschehenen Versöhnung ausgerufen wird, ist die große Entscheidungsstunde da, die Glauben und Gehorsam fordert.“ (H.D. Wendland, Die Brief an die Korinther, NTD 7, Göttingen 1968, S.208) Das Jesaja-Wort ist ein Wort in bedrängter Zeit. Vielleicht ist auch gerade deshalb ein Wort, das dem so oft bedrängten Apostel wichtig und wegweisend ist.

 3 Und wir geben in nichts irgendeinen Anstoß, damit dieser Dienst nicht verlästert werde; 4 sondern in allem erweisen wir uns als Diener Gottes:

  Paulus selbst weiß sich durch die Gnade verpflichtet. Er sucht so zu leben, dass er vermeidet, Anstoß zu geben. Damit das Amt – so die Lutherübersetzung für διακονία – verlästert wird. Es klingt zu sehr nach heutiger Zeit: „Wer seine Amtsführung angreift, hat nicht verstanden, dass Paulus ganz und gar in diesem Amt aufgegangen ist und nur noch der Diener Christi ist.“ (H.D. Wendland, Die Brief an die Korinther, NTD 7, Göttingen 1968, S.209) Paulus führt kein Pfarramt, dotiert nach Besoldungsgruppe A 14. Darum liegt näher: Damit nicht seine Aufgabe beschädigt wird. Paulus liegt nicht am guten Ruf um seiner selbst willen. Sondern ihm liegt daran, dass nicht durch seine Person seine Verkündigung konterkariert wird. Er will keine Vorwände liefern, die das Evangelium schädigen und kraftlos machen.

            Woran ihm aber liegt: Wie immer sein Leben aussieht, er erweist sich darin als Diener Gottes.  Was das mit sich bringt, Diener Gottes zu sein – diesmal gebraucht er nicht das sonst häufiger verwendete Wort Knecht, Sklave – δοῦλος – , sondern nur „Diener“, Diakon – διάκονος – das führt er im Folgenden eindrucksvoll auf:

  in großer Geduld, in Bedrängnissen, in Nöten, in Ängsten, 5 in Schlägen, in Gefängnissen, in Verfolgungen, in Mühen, im Wachen, im Fasten,

  Das ist zuerst einmal seine paradoxe „Erfolgsgeschichte“. Das Eintreten für das Evangelium bringt ihm Schwierigkeiten ohne Ende ein, wobei Schwierigkeiten schon stark untertrieben ist. Man mag sich die seelische Belastung gar nicht vorstellen. Paulus verkündigt die Gnade Gottes und erfährt, wie er laufend an höchst ungnädige Menschen preisgegeben ist.  Er verkündigt den Frieden Gottes und wird selbst friedlos gemacht. Diesen Widerspruch zwischen seiner Botschaft und seinem Ges hick, der sich in den Feindseligkeiten der Menschen äußert, erträgt der Apostel in großer Geduld. Es ist seine „Standhaftigkeit“, so kann man πομονή auch übersetzen, die ihn das alles aushalten lässt.

 6 in Lauterkeit, in Erkenntnis, in Langmut, in Freundlichkeit, im Heiligen Geist, in ungefärbter Liebe, 7 in dem Wort der Wahrheit, in der Kraft Gottes, mit den Waffen der Gerechtigkeit zur Rechten und zur Linken,

     Aber Paulus sagt nicht einfach: So bin ich – ein Riese an Geduld. Sondern der Aufzählung der Widrigkeiten folgt die Aufzählung der Gegenkräfte. Wichtiger aber noch ist, dass diese Gegenkräfte Lauterkeit, Erkenntnis, Langmut, ungefärbte Leibe, Freundlichkeit Wurzeln haben, einen Nährboden, aus dem sie ihre Kraft gewinnen: im Heiligen Geist, im Wort der Wahrheit, in der Kraft Gottes. Was Paulus den Quälereien entgegen zu setzen hat, ist nicht seine ihm verfügbare seelische Stärke, sondern es sind „die göttlichen Kräfte als Quelle der menschlichen Stärken“. (T. Schmeller, Der zweite Brief an die Korinther 1,1 – 7,4, EKK VIII/1,  Neukirchen 2010, S.352) Wenn man so will: es ist ein unauflösliches Ineinander von menschlichen Qualitäten und göttlicher Gabe.

            Bemerkenswert: diese göttliche Kraft erweist sich nun aber nicht nur „in dem Schwachen stark“ (12,9), sondern sie stärkt auch seine eigenen menschlichen Stärken. So ist das Leiden nicht der einzige „Ort“, an dem Paulus die Kraft Gottes erfährt – auch in seinen menschlichen Vorzügen ist sie beteiligt und am Werk.

  8 in Ehre und Schande; in bösen Gerüchten und guten Gerüchten, als Verführer und doch wahrhaftig; 9 als die Unbekannten und doch bekannt; als die Sterbenden, und siehe, wir leben; als die Gezüchtigten und doch nicht getötet; 10 als die Traurigen, aber allezeit fröhlich; als die Armen, aber die doch viele reich machen; als die nichts haben und doch alles haben.

      Das, was Gott gibt und was sich mit den seelischen Kräften des Paulus verbindet, lässt ihn in den großen Spannungen durchhalten, die er erfährt. Auf diese Spannungen weisen ja die Gegensatzpaare hin. Menschen mögen ihn ansehen, wie sie wollen, ihn beurteilen, wie sie wollen, ihm die Ehre absprechen, üble Gerüchte verbreiten, ihn für einen Verführer halten oder für irgendeinen, den keiner kennt. Das alles zählt nicht, weil Paulus weiß, wie es um ihn steht: er ist wahrhaftig und bei Gott bekannt. Vom Tod mehrfach berührt und gezeichnet und doch am Leben.

             Der Schluss erinnert an die Seligpreisungen der Bergpredigt Jesu. Auch da geht es ja um Traurige und Arme, um Habenichtse. In den Seligpreisungen wird dem Ist-Zustand des Mangels die Fülle entgegen gesetzt, die aus Gott kommt. Hier bei Paulus wird daraus ein erlebtes Ineinander. Man könnte sagen: In der Erfahrung des Paulus realisiert sich, was man im Wort Jesu wie eine zukünftige Verheißung hören könnte. Es ist schon jetzt so. 

            Merkwürdig genug: Man kann auf ein Leben schauen und sieht nur Schmerz und Defizit, nur Anspannung und Schwäche. Das gleiche Leben aber zeigt auch die andere Seite – die Freude und das Glück, die Lust am Leben, Erfahrungen von Fülle, weil der eine Augenblick so ist, dass alles Leben in ihm erfüllt ist. Es stimmt in mancherlei Hinsicht: „Es gibt kein richtiges Leben im falschen.“ (Th. Adorno, Minima Moralia) Politisch. Moralisch. Auch religiös. Aber es stimmt nicht für das Leben des Paulus. Da läuft so vieles nach den vordergründigen Glücks- und Erfolgsmaßstäben falsch und schief – und doch ist Paulus einer der glücklichsten Menschen der Welt – weil sein Leben geborgen ist in Christus, der ihn kennt.

Zum Weiterdenken

Die Spannung zwischen Außensicht und Innenseite ist wohl nicht das Privileg des Paulus, des Apostels. Es gibt sie in jedem Leben. Es gibt die sichtbare Seite, anschaulich von außen und die andere, die nicht offen zu Tage liegt. Eine innere Seite, die für einen selbst wichtiger ist als das, was andere sehen können. Eine Seite, die es mit der eigenen Motivation zu tun hat, mit der Wahrheit, der man sich verpflichtet weiß. Mit Gott für den, der im Glauben seine Mitte sucht. Das ist der Ort, von dem man sich selbst ansieht, mit sich selbst einig sein will und mit seinem Gott. Aber für den Blick von außen ist das alles verborgen. Das Leiden des Paulus, das deutlich zu spüren ist, hat genau damit zu tun, dass er diese Innenseite seines Lebens nicht gewürdigt sieht. Was man von außen sieht, ist der ein wenig mickrige, kleine Mann, ein Eiferer, der manchmal wie von Sinnen ist, außer sich (5,13), nicht ganz bei Trost. Es ist ein mühsames Ringen im die eigene Innere Balance, die Paulus nur gewinnen kann, indem er ich seines ungeteilten Vertrauens, seiner Bindung an Jesus Christus versichert. Darin ist er Vorbild und Beispiel – über die Zeiten hinweg. Mir. Nicht nur mir.

            Vor Jahren lag ich mit ungeklärter Krankheit und größten Schmerzen und Ängsten über Monate in der Klinik. Neben mir ein etwa 60-jährige Mann mit Down-Syndrom und schwerer Krebserkrankung, unfähig zum Sprechen. Er konnte nichts, nur sich die Hilfe der Pfleger gefallen lassen. Und beantwortete sie durch sein Lächeln. So war er, genannt „Mäuschen“, in seiner großen Hilflosigkeit der Liebling der Station. Geplagt, aber allezeit fröhlich; arm, aber wie reich in dieser Armut, ein Habenichts und Nichtskönner, der Glück und Freude mit leeren Händen verschenkte. Ein später Nachfahre des Paulus. Einer, der das wahre Leben lebt: sich beschenken lassen ohne Gegenleistung.

 

Herr Jesus, ich danke Dir, dass mein Leben nicht so durch Leiden gefordert ist wie es das Leben des Paulus war. Ich danke Dir, dass ich in ruhigen Zeiten Deinen Weg suchen darf, dass ich nicht misstrauisch beobachtet, nicht staatlich überwacht worden bin, nicht gesellschaftlich ausgegrenzt. Ich weiß nicht, wie ich es ausgehalten hätte in einer feindseligen Umwelt , unter Druck und Bedrohung.

Ich danke Dir, dass Du mich gehalten und bewahrt hast in der großen Freiheit, in der unübersichtlichen Gemengelage unserer Gesellschaft, in den Gefährdungen der vielen Optionen und unbegrenzten Möglichkeiten

Ich danke Dir, dass ich immer noch bei Dir bin, dass Du bei mir bist Amen