Der Gestus der Mission: Bitten

  1. Korinther 5, 11 – 21

 11 Weil wir nun wissen, dass der Herr zu fürchten ist, suchen wir Menschen zu gewinnen; aber vor Gott sind wir offenbar. Ich hoffe aber, dass wir auch vor eurem Gewissen offenbar sind.

             Die Furcht des Herrn ist der Weisheit Anfang. (Sprüche 1,7) In der Tradition eines solchen Denkens ist Paulus unterwiesen. Deshalb klingt es für ihn auch nicht schief, seine Motivation, Menschen zu gewinnen, mit der Furcht zu begründen. Es ist Auftragstreue, sonst nichts. Genährt aus dem Wissen um die Verantwortung vor dem Richterstuhl Christi. In unseren Zeiten heute gilt das als „Angstmachen“. Paulus aber verspürt aus der Gottesfurcht keine Angst, sondern Verantwortung.

Paulus weiß, dass er über seine innere Motivation Gott nichts vormachen kann. Auch hier gilt: Er weiß, dass Gott ihn kennt. πεφανερμεθα. Vor ihm ist er wie ein offenes Buch.  Er hat es gelernt und wohl auch oft genug gesprochen, als eine Weise, sich in Gott zu bergen:

„HERR, du erforschest mich und kennest mich.                                                              Ich sitze oder stehe auf, so weißt du es;                                                                                du verstehst meine Gedanken von ferne.                                                                            Ich gehe oder liege, so bist du um mich                                                                                und siehst alle meine Wege.                                                                                                  Denn siehe, es ist kein Wort auf meiner Zunge,                                                                   das du, HERR, nicht schon wüsstest.                                                                                         Von allen Seiten umgibst du mich  und hältst deine Hand über mir.“                             Psalm 139, 1 – 5

 Seine Hoffnung, die über dieses Wissen hinausgeht: Weil er sich vor Gott nicht verbergen muss und kann, kann er es sich leisten, auch für die Korinther offenbar zu sein – durchschaubar. Er muss nicht Versteck spielen und sie müssen sich nicht Täuschungen über ihn hingeben, auch nicht Täuschungen durch ihn befürchten. Gewissen – συνειδσιςmeint hier: „Es ist eine Instanz, die zu einer Sicht der Wahrheit fähig ist, die der Sichtweise Gottes nahekommt.“(T. Schmeller, aaO. S. 311) Wenn die Korinther Paulus wirklich vorurteilslos beurteilen, werden sie ihn – hoffentlich – so sehen, wie Gott ihn sieht.

 12 Damit empfehlen wir uns nicht abermals bei euch, sondern geben euch Anlass, euch unser zu rühmen, damit ihr ihr etwas habt gegen die, die sich des Äußeren rühmen und nicht des Herzens. 13 Denn wenn wir außer uns waren, so war es für Gott; sind wir aber besonnen, so sind wir’s für euch.

             Will Paulus so Kritiker mundtot machen, überreden? Es scheint „er will etwas anderes: nicht sich selbst loben, sondern die Gemeinde in Korinth veranlassen, sich an ihrem Apostel zu freuen.“ (W. de Boor, aaO., S.128) Aber es ist auch deutlich, dass Paulus mit seinen Worten Leute im Blick hat, die ihn so kritisieren: Er macht nichts her. Die ihrerseits den großen Auftritt beherrschen, die sich des Äußeren rühmen, „die sich sichtbarer (ihrer Meinung nach. besonderer geistlicher) Vorzüge rühmen.“(W. Schenk, aaO. S.127) Dem setzt Paulus das Innere entgegen, das Herz, das Gott kennt und das vor Gott offenbar ist. Er hätte auch sagen können: Lauterkeit.

      Es ist diese Lauterkeit, die Paulus auch unterscheiden lässt: Wenn er in Ekstase gerät, ξστημεν, exestemen, so hat Gott etwas davon. Für die Gemeinde ist es ihm wichtiger, dass er besonnen ist, vernünftig, klar verständlich. Darum ist es auch unsinnig, ihm vorzuwerfen, dass er seine ekstatischen Erfahrungen für sich behält. So hat er es sinngemäß ja schon einmal nach Korinth geschrieben: „Wer in Zungen redet, der redet nicht für Menschen, sondern für Gott; denn niemand versteht ihn, vielmehr redet er im Geist von Geheimnissen… Ich danke Gott, dass ich mehr in Zungen rede als ihr alle. Aber ich will in der Gemeinde lieber fünf Worte reden mit meinem Verstand, damit ich auch andere unterweise, als zehntausend Worte in Zungen.“(1. Korinther 14,2.18-19) Auf dieser Linie bleibt er auch hier – es geht ihm um den Dienst an der Gemeinde.

14 Denn die Liebe Christi drängt uns, zumal wir überzeugt sind, dass, wenn „einer“ für alle gestorben ist, so sind sie „alle“ gestorben. 15 Und er ist darum für alle gestorben, damit, die da leben, hinfort nicht sich selbst leben, sondern dem, der für sie gestorben und auferstanden ist.

             Diese Lebensausrichtung des Paulus – auf den Dienst und nicht auf die eigene Erbauung – hat ihren Grund in der Liebe Christi. Sie treibt Paulus an. Sie beherrscht ihn. „Sie hat ihn überwältigt, sie ist es, von der er umfangen, gehalten, getrieben ist. Alle diese Bedeutungen schwingen in dem Wort συνχειν mit.“ (W. de Boor, aaO. S.131)

             Aus dem Schauen auf diese Liebe nährt sich die Überzeugung des Paulus, sein Urteil – so wörtlich.  Der Tod des Einen – gemeint ist Jesus – ist der Tod aller. Weil er für alle, gestorben ist. πρ πντων – „Zugunsten von allen“, wird man lesen dürfen. Anstelle aller sind wir gewohnt zu lesen. „Es ist der Gedanke einer geheimnisvollen Schicksalsgemeinschaft: Der Tod Christi ist zugleich der Tod des Menschen als Sünder, sofern sie mit Christus in Verbindung gekommen sind.“ (H.D. Wendland, aaO. S.202)

             Wir tun gut daran, hier nicht in einer dogmatischen Engführung zu landen. Paulus spricht weder von dem stellvertretenden Opfer noch vom stellvertretenden Sühnetod, nicht einmal ausdrücklich von Erlösung. Ihm liegt allein daran: Dieser Tod kommt allen, die glauben zugute. Die Formulierungen des Paulus stellen auch „nicht in Abrede, dass das Sterben Christi ganz universal für die ganze Welt geschehen ist, nur dass nicht alle dies im Glauben annehmen und erkennen.“ (H.D. Wendland, ebda.)

             Daran aber liegt Paulus: Dieser Tod des Einen gibt dem Leben aller einen neue Richtung. Es kann nicht so weitergehen, wie es bisher war. Bis dahin konnte man sich selbst leben, glauben, dass man sich selbst gehört. Jetzt aber steht das Leben unter einer neuen Herrschaft: es gilt dem zu leben, der für uns gestorben und auferstanden ist. Der den Weg nach vorne frei gemacht hat. Glauben heißt nichts anderes als sich auf diesen Weg machen – hinter ihm her. „Das neue Leben hat seinen Mittelpunkt nicht mehr im eigenen Ich, sondern in Christus.“ (T. Schmeller, aaO. S.323) So gesehen sind Christen exzentrische Menschen. Sie haben ihre Mitte außerhalb ihrer selbst. Extra nos.

            Paulus wird es später so schreiben: „Leben wir, so leben wir dem Herrn; sterben wir, so sterben wir dem Herrn. Darum: wir leben oder sterben, so sind wir des Herrn. Denn dazu ist Christus gestorben und wieder lebendig geworden, dass er über Tote und Lebende Herr sei.“ (Römer 14, 8-9)   

16 Darum kennen wir von nun an niemanden mehr nach dem Fleisch; und auch wenn wir Christus gekannt haben nach dem Fleisch, so kennen wir ihn doch jetzt so nicht mehr.

             „Niemand wird mehr rein menschlich angesehen und verstanden.“(W. Schenk, aaO. S.130) Das ist ja der normale Vorgang: Man sieht einen Menschen, man erhält ein paar Informationen, man macht sich ein Bild von ihm. Das aber will Paulus nicht mehr so halten – weil er hinter jedem Menschen Christus sieht als den, der für ihn gestorben ist. Das „will er sagen: Ich beurteile jetzt keinen Christen mehr nach der Weise des Fleisches; jedermann beurteilen wir „geistlich“, als Pneumatiker, als Menschen in Christus, denn wir stehen jetzt nicht mehr in der alten, sondern in der neuen Weltzeit.“ (H.D. Wendland, aaO. S.203) Mit meinen Worten: Wenn der andere Christus seine Liebe wert ist – wie sollte Paulus ihn da nur noch auf das hin ansehen können, was vor Augen ist!

            Wie aber passt dazu, dass er das auch auf Christus ausdehnt. Will Paulus damit sagen: Was ich über Jesus wissen kann, über den Mann aus Nazareth, das spielt alles keine Rolle? Das ist gleichgültig. Man könnte solch eine Sicht dadurch bestätigt finden, dass Paulus nichts von den Wundern Jesu weiß und erzählt, nichts von seinen Gleichnissen. Der ganze Weg Jesu, den die Evangelien vor Augen malen – bei Paulus fällt er aus. Nicht von Belang. Oder bestätigt er nur sein Defizit: Er hat mit Jesus zu dessen Lebzeiten vor dem Kreuz nichts zu tun gehabt – und überhöht das jetzt? „Über die Frage, ob Paulus den geschichtlichen Jesus gesehen und gekannt habe, sagt der Satz weder bejahend noch verneinend irgendetwas aus.“ (H.D. Wendland, aaO.;S.202)

 Das freilich wird man sagen dürfen: Das Bild, das Paulus zunächst von Christus hatte, war fleischlich. Es setzte sich zusammen aus den Fakten, die über Jesus im Umlauf waren, aus den Beurteilungen, die er von anderen Pharisäern kannte. Nicht zuletzt war wohl bestimmend: Er ist gekreuzigt worden. Aber: „War Christus zunächst für ihn ein gescheiterter, von Gott verfluchter Messiasprätendent, so hat die Erfahrung bei Damaskus dieses Urteil auf den Kopf gestellt. Die neue Sicht Christi ist nicht einfach ein extremes Beispiel für derartige Änderungen, sondern ihre Bedingung und ihr Anfang.“(T. Schmeller, aaO. S.325)Seit seiner Christus-Begegnung vor Damaskus kennt Paulus Christus, nur noch als den Herrn, als Kyrios. Κΰριος. Nicht mehr als den Mann aus Nazareth.

 17 Darum: Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur; das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden.

             Das ist ein atemberaubender Satz. Die Wirklichkeit ist von Grund auf anders geworden für die, die in Christus sind. Sie sind neue Schöpfung. καινὴ κτσις – eine Wortverbindung, die es vor Paulus nicht gibt. Die sich allerding aus der Prophetie speist: „Gedenkt nicht an das Frühere und achtet nicht auf das Vorige! Denn siehe, ich will ein Neues schaffen, jetzt wächst es auf, erkennt ihr’s denn nicht?“ (Jesaja 43, 18-19) oder: „Denn siehe, ich will einen neuen Himmel und eine neue Erde schaffen, dass man der vorigen nicht mehr gedenken und sie nicht mehr zu Herzen nehmen wird.“ (Jesaja 65,17) Aber was bei Jesaja als neue Schöpfung angekündigt ist, bezieht sich auf den Kosmos, auf Himmel und Erde.

            Paulus dagegen bezieht sein Wort auf den Einzelnen, der in Christus ist. „Es ist ein schöpferischer Akt Gottes, der uns dieses neue Denken und diesen neuen Blick auf Christus und die Menschen ermöglichte.“ (E. Schnepel, aaO. S. 131) In der Existenz des Einzelnen tritt durch den Schritt zum Glauben die Zeitenwende schon ein. „Die neue Weltzeit, die mit Christus beginnt, bringt auch die Schöpfung eines neuen Menschen mit sich.“ (H.D. Wendland, aaO.; S.206) Heißt doch: die neue Zeit beginnt im Leben jedes einzelnen Christen.

             Atemberaubend ist der Satz nicht zuletzt dann, wenn man sich selbst anschaut. Ich mit meinem kümmerlichen Glauben – eine neue Schöpfung? Ein neuer Mensch? Wer sich ehrlich anschaut, sieht an sich selbst so viel eingeschliffene Verhaltensweisen, entdeckt die immer gleichen alten Tanzlieder im eigenen Verhalten. Sieht sich an den immer gleichen Stellen scheitern. Wo bleiben die Veränderungen, die wir mit dem neuen Menschen verbinden?

            Ich überlege: Vielleicht ist das Leiden an diesen alten Mustern das Kennzeichen des neuen Menschen. Dass er nicht selbstzufrieden sagen kann: So wie ich bin, so soll es sein. Dass es auch vorbei ist mit dem Urteilen nach den alten Maßstäben der Welt. Es ist das überwältigend Neue, das mit dem Sein in Christus gegeben ist, die Welt, wie sie ist, alt sein lässt, sie vergänglich sein lässt. Das frühere Leben zum alten Leben macht. Ganz so, wie es Paulus nach Philippi schreibt: „Aber was mir Gewinn war, das habe ich um Christi willen für Schaden erachtet. Ja, ich erachte es noch alles für Schaden gegenüber der überschwänglichen Erkenntnis Christi Jesu, meines Herrn. Um seinetwillen ist mir das alles ein Schaden geworden, und ich erachte es für Dreck, damit ich Christus gewinne und in ihm gefunden werde.“ (Philipper 3, 7 – 9) Wer dieses neue Leben geschmeckt hat, wer sich in Christus aufgehoben gefunden hat, für den gibt es kein Zurück mehr in das alte Sein.

18 Aber das alles ist von Gott, der uns mit sich selber versöhnt hat durch Christus und uns das Amt gegeben, das die Versöhnung predigt. 19 Denn Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit sich selber und rechnete ihnen ihre Sünden nicht zu und hat unter uns aufgerichtet das Wort von der Versöhnung.

          Ein neues Stichwort: versöhnt. Damit beschreibt Paulus das Geschehen, das Gott in Gang und in Kraft gesetzt hat. „Die grundlegende Tat Gottes geschah Durch Christus am Kreuz.“(E. Schnepel, aaO. S. 134) Ein für allemal gültig. Er hat uns mit sich versöhnt. καταλλάσσω – „austauschen, ausgleichen, versöhnen“ (Gemoll, aaO. S.416) Es ist durch das Tun Gottes dazu gekommen, dass sich in der Beziehung zwischen ihm und uns Grundlegendes geändert hat: Wenn es nur ums Verändern ginge, stünde lediglich ἀλλάσσω. So aber geht es um mehr, um Versöhnung.

            Das deutsche Wort ist dabei in wunderbarer Weise über die exakte Etymologie hinaus deutlich. Versöhnung – wieder zu Söhnen machen. Es geht nicht um Sühne, sondern um das Sohn-Sein. Das verspielt worden war und jetzt neu geschenkt wird. Dem Einzelnen und der Welt. Dem Kosmos – κόσμος.  Hier ist in der gleichen Weise von der Welt die Rede, wie im Wort Jesu:Denn also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben.“ (Johannes 3,16) Die Welt signalisiert beide Mal nicht Allversöhnung, sondern ein Geschehen in der Welt, das allen zugutekommt, die es sich gefallen lassen.

            Dass es um ein personal ausgerichtetes Geschehen geht und nicht um eine kosmische Absolution, zeigt auch die Wendung: Er rechnete ihnen ihre Sünden nicht zu. Nirgends in der Schrift finde ich ein Reden von den Sünden der Welt. Es geht immer um Sünden von Menschen.  „Der Verzicht – ich ergänze: Gottes – , die Übertretungen anzurechnen, beendet versöhnend die Feindschaft, ohne so etwas wie „Reue“ oder „Buße“ als Voraussetzung einzuführen.“ (W. Schenk, aaO.; S.131) Die Versöhnung ist ganz Geschenk. Reine Gnade – und aller menschlichen Antwort voraus. In diesem Sinn glauben Christen an einen zuvorkommenden Gott. Er kommt allen unseren Bemühungen um Rückkehr zuvor.

 20 So sind wir nun Botschafter an Christi statt, denn Gott ermahnt durch uns; so bitten wir nun an Christi statt: Lasst euch versöhnen mit Gott!

             Das aber braucht es in der Welt: Menschen, die das Wort von der Versöhnung weitertragen und weitersagen.  Weil die Welt es ja nicht von sich aus weiß. Weil das Bild von Gott, das von Natur aus in der Welt ist, ein anderes ist. Das Bild eines fordernden Gottes, das Bild eines richtenden Gottes. Das Bild eines Gottes, der auf Schuld mit Abwendung antwortet.

            Wer aber für sich selbst die Versöhnung erfahren und empfangen hat, der kann doch gar nicht anders als Botschafter zu werden. Botschafter für Christus – verlängerter Arm. „Gesandter (πρέσβυς, πρεσβεύς, πρεσβευτής) war ein offizieller Titel für den Vermittler in einem (bereits bestehenden oder möglichen) Konflikt, der das Versöhnungs- und Friedensangebot der einen an die andere Seite zu überbringen, also Feindschaft in Freundschaft zu verwandeln hatte.“ (T. Schmeller, aaO. S. 334) Christen sind von diesem Wort des Paulus her vor allem anderen Friedensboten. Die das Friedensangebot Gottes weiter zu geben haben. Unser Wort „Presbyter“ hat in diesem griechischen Wort seine Wurzel und von daher birgt es eine schöne Aufgabenstellung.   

             Die Weitergabe des Versöhnungsangebotes Gottes erfolgt im Gestus der Bitte. So wie Christus selbst seine Versöhnung bittend ausgeteilt hat, so bitten die Christen. Versöhnung kann man nicht kommandieren, kann man nicht anordnen, kann man nicht per Dekret in Kraft setzen. Man kann sie dem anderen anbieten, offerieren – aber es ist seine Sache, sie zu akzeptieren. Das ist der Inhalt der Bitte: „Nehmt die Versöhnung an, widersetzt euch diesem Wollen und Tun Gottes nicht.“ (H.D. Wendland, aaO.; S.208) Die Versöhnung Gottes findet ihre Grenze in der Bereitschaft des Einzelnen sich versöhnen zu lassen.         

21 Denn er hat den, der von keiner Sünde wusste, für uns zur Sünde gemacht, auf dass wir in ihm die Gerechtigkeit würden, die vor Gott gilt. 

            Noch einmal liefert Paulus Argumente für seine Sicht nach. Er sieht auf das Geschehen am Kreuz. Und kommt dazu, dass er eine Art Tausch beschreibt. Christus wird für uns zur Sünde gemacht. Zum Verstehen helfen kann, was Paulus nach Galatien schreibt: „Christus aber hat uns erlöst von dem Fluch des Gesetzes, da er zum Fluch wurde für uns.“ (Galater 3,13) Es bietet sich ein paralleler Gedanke an: „Wie Jesus zum Fluch wurde, um die Verfluchten zu befreien, so wurde er zur Sünde, um die Sünder von der Sünde zu befreien.“ (T. Schmeller, aaO. S.338) Dadurch ist Raum geschaffen, in dem die Gerechtigkeit bei uns einziehen kann. Mehr noch: in dem wir die Gerechtigkeit werden, die vor Gott gilt. Das ist mehr als nur gerechte Dinge tun oder sich gerecht verhalten. Es ist ein neues Wesen – wir sind „Gerechte“. Die Leute, die Gott vergeblich in Sodom suchte.

Zum Weiterdenken

             Für mich ist dieser Satz das Leitmotiv aller meiner Arbeit als „Missionar“ meiner Kirche gewesen. Der Ruf und die Einladung zum Glauben kann nicht anders laut werden als in der Form der Bitte. Christus „will nur Freiwillige, die aus Liebe und Dankbarkeit für seine Tat am Kreuz zu ihm gehören. Darum können auch seine Boten nicht als Befehlende auftreten und keine Gewaltmittel anwenden, um Menschen zu Christus zu bringen. Sie treten ohne jede Macht auf.“ (E. Schnepel, aaO. S. 139) Nur so im Gestus der Bitte ist die Einladung glaub-würdig. Das verlangt auch nach sprachlicher „Abrüstung“ und Zurückhaltung. Kein Drohen, kein Drängeln, kein Überreden. Wo die Werbung für den Glauben die Züge einer Agitation annimmt, einer Propaganda-Veranstaltung, da ist man nicht mehr in der Spur des Paulus.    

 

Wer wird bezahlen? So fragen wir und hoffen,  dass wir nicht bezahlen müssen, wenn die Rechnung zu hoch ist, wenn es über unsere Kräfte geht, wenn es uns ruinieren würde.

Aber:Wer bezahlt, wenn wir es nicht können? Wer nimmt auf sein Schuldkonto, was unsere Kräfte übersteigt? Wer steht ein für die schnellen, harten Worte, die wir nicht mehr zurückholen können? Wer steht ein für das Tun, das wir nicht mehr ungeschehen machen können? Wer trägt die Fehler, die wir nicht mehr ertragen können?

Einer muss bezahlen – keine Rechnung in dieser Welt erledigt sich von selbst.

Von Dir, Jesus, sagen sie, Du hättest bezahlt – für die Bosheit, für den Hass, für die Ungerechtigkeit, für die schnellen Worte und die harten Taten. Von Dir sagen sie, Du hättest alles gegeben, damit uns nicht mehr alles genommen wird – Leben und Vertrauen, Hoffnung und Zuversicht. Du hättest bezahlt – für uns.

So stehen wir in Deiner Schuld und haben immer Kredit bei Dir? „Es ist bezahlt“, sagst Du und lädst uns ein zum Leben – auf Deine Rechnung. Amen