Das Haus jenseits der Zeit

  1. Korinther 5, 1 – 10

1 Denn wir wissen: wenn unser irdisches Haus, diese Hütte, abgebrochen wird, so haben wir einen Bau, von Gott erbaut, ein Haus, nicht mit Händen gemacht, das ewig ist im Himmel.

             Es scheint, alle Auseinandersetzungen sind vergessen. Paulus bleibt an der Frage der Zukunft, die über den Tod hinaus weist, hängen. Und gibt seine persönliche Antwort, die aber gar nicht nur sein ist. Wir wissen – dieses Wissen teil er mit den Korinthern. Da sind sie einer Meinung, da teilen sie eine Einsicht des Glaubens.  Wenn das irdische Haus, diese Hütte, – das Zelt, so wörtlich σκήνη im Griechischen – abgebrochen wird, ist da immer noch Zukunft. Denn haben wir einen Bau, von Gott erbaut. Es ist ein Bild-Wort, so wie ja auch der innere Mensch, von dem Paulus zuvor geschrieben hat (4,16), ein Bild ist. Wir können von der Zukunft, die über den Tod hinaus reicht, nicht anders als in Bildern reden. Ja, wir können auch von der Zukunft in der Zeit nur in Bildern reden.

            Was Paulus hier sagt, ist nicht so ungewöhnlich für seine Zeit. Ganz ähnliche Worte können auch aus anderen Ecken kommen, aus der Philosophie, aus den Kulten. Dass mit dem Tod alles aus und vorbei ist, wie es heute gerne geglaubt und als allein mögliche Sicht der Dinge behauptet wird, hätte damals weitgehend Widerspruch geerntet. Man war sehr dafür, dass irgendetwas, meistens die Seele, am Menschen unsterblich sei.

            Daran aber liegt Paulus: Das, was dann kommt, ist ewig im Himmel. Wörtlich: ν τος ορανοςin den Himmeln. Plural. Weil dort Raum ist für „viele Wohnungen“(Johannes 14,2)? Paulus kann später auch von sich selbst sagen: „entrückt bis an den dritten Himmel“(12,3) Das legt die Vorstellungeines mehrstufigen Raumes nahe.

            Aber darauf kommt es nicht an. Sondern vor allem darauf: Das Haus in den Himmeln ist nicht unser Projekt, unser Machwerk. Es ist Gottes Werk. Immer schon da und für immer da. Einzugsfertig. Mit diesen knappen Sätzen sind schon Vorstellungen abgewiesen, wie sie in der Umwelt der Korinther Gang und gäbe sind: „Wenn der Geist sich zur Himmelswelt aufschwingt, kehrt er, wie von Fesseln befreit, zu seiner Heimat zurück. Dort ist er nicht wie ein Fremdling, sondern wie in seinem Eigentum.“ (Seneca, Naturfragen, Vorwort, zitiert bei Schenk, aaO. S.120) Paulus aber redet nicht von einer unsterblichen Seele – er redet von einem neuen Handeln Gottes. Daran hängt seine Hoffnung, dass Gott sich treu bleibt und nicht, dass irgendetwas am Menschen substanziell Ewigkeitsbestand garantiert.

 2 Denn darum seufzen wir auch und sehnen uns danach, dass wir mit unserer Behausung, die vom Himmel ist, überkleidet werden, 3 weil wir dann bekleidet und nicht nackt befunden werden. 4 Denn solange wir in dieser Hütte sind, seufzen wir und sind beschwert, weil wir lieber nicht entkleidet, sondern überkleidet werden wollen, damit das Sterbliche verschlungen werde von dem Leben.

             So ist es auch in sich schlüssig, wie er fortfährt: „Wir sind uns dieser Behausung sicher, wir sehnen uns ja auch nach ihr.“(T. Schmeller, aaO. S. 290) Paulus kann es sich und den Korinthern eingestehen: Das Leben in der Gegenwart ist oft genug Last, Mühsal. „Jammertal“ haben unsere Vorfahren die Welt manchmal genannt.

    Auch im Brief nach Rom wird Paulus vom „ängstlichen Harren der Kreatur, vom Sehnen, Ängstigen und Seufzen“(Römer 8, 19 – 23) reden. Weil das Leben mühsam ist, auch das Leben als Christ. „Das Stöhnen entspringt der Spannung zwischen den Leiden im gegenwärtigen „Zelt“ und dem Hoffen auf die künftige himmlische Behausung.“ (T. Schmeller, aaO. S.291) Fast könnte man sagen: Gäbe es diese Erwartung der himmlischen Heimat nicht, gäbe es auch kein Stöhnen. Weil dann einfach gelten würde: Es ist, wie es ist.

            So aber gehört das Stöhnen, die Erwartung, die Hoffnung zur Existenz der Christen. „Eia, wär´n wir da“ (EG 35) Es kann durchaus fröhlich klingen, dieses Stöhnen.  Ganz nahe an der Begründung dieses Stöhnens ist Dorothee Sölle: „Es ist gerade die versprochene Heimat, die heimatlos macht.“

    Es sind zwei Bilder, die sich ineinander schieben – das Bild von der neuen Behausung und das Bild von den neuen Kleidern. Mit beiden Bildern kann Paulus an Vorstellungen anknüpfen, wie sie auch im Umfeld der Korinther bekannt sind. Worauf Paulus nicht antwortet, ist die ungestellte Frage, wann das denn geschieht: Ob in der Stunde des Todes oder am Jüngsten Tag, „wenn alle Welt ihr Urteil nimmt“ (R.A. Schröder 1937, EG 184). Man könnte auf die Idee kommen, dass Paulus die exakte Bestimmung dieses Zeitpunktes für unnötig und unwesentlich hält, vielleicht sogar ein wenig für naseweis. Wichtig ist ihm nur das „Dass“, nicht das „Wann“.

 5 Der uns aber dazu bereitet hat, das ist Gott, der uns als Unterpfand den Geist gegeben hat.

             Das Stöhnen des Paulus hat eine Richtung und ist getragen von Gewissheit. Gott steht für die Zukunft ein. Diese Gewissheit gründet im Geist. Was Gott angefangen hat, das bringt er auch ans Ziel. ρραβών – Handgeld, Unterpfand“(Gemoll, aaO. S. 125) – ein Wort, belehrt mich das Wörterbuch, das aus dem Hebräischen ins Griechische eingewandert ist: ẻrâbôn. Salopp könnte man sagen: Gott hat schon eine Anzahlung geleistet – in der Gabe des Geistes aber hat die Neuschöpfung ja schon ihren Anfang genommen. Sie wird nicht als Bauruine Gottes unvollendet bleiben.

 6 So sind wir denn allezeit getrost und wissen: solange wir im Leibe wohnen, weilen wir fern von dem Herrn; 7 denn wir wandeln im Glauben und nicht im Schauen.

            Darum kann Paulus auch aushalten, was jetzt ist. Das Leben in der unverstellten und bleibenden Gegenwart Christi wird erst dann da sein, wenn es zum Schauen gekommen ist. Jetzt aber ist es noch nicht so weit. Der Weg im Leib ist ein Weg fern vom Herrn. „Natürlich ist Paulus nicht der Ansicht, im irdischen Leben sei keine Gemeinschaft mit Christus möglich, sondern er stellt nur eine noch unvollkommenen Gemeinschaft auf der Basis des Glaubens einer vollkommenen gegenüber, die durch echte Wahrnehmung ausgezeichnet ist.“(T. Schmeller, aaO. S. 300) Paulus überspringt es nie: Der Herr ist im Himmel. Wir sind auf der Erde. Die Gegenwart des Herrn ist eine Gegenwart im Geist, die im Glauben erfahren wird. Die größere Gegenwart kommt erst noch. Dessen ist Paulus gewiss und getrost.

 8 Wir sind aber getrost und begehren sehr, den Leib zu verlassen und daheim zu sein bei dem Herrn.

            Zum zweiten Mal eine Form des Verbes θαρρέωmutig, getrost sein, Mut fassen. (Gemoll, aaO. S. 368) Als Imperativ θαρσετε seid getrost taucht es im Markus-Evangelium nur im Mund Jesu auf!  Weil er so getrost sein kann, darum kann Paulus auch dazu kommen zu sagen, dass er Lust hat, den Leib zu verlassen. Im Klartext: Sterben ist für ihn kein Schrecken mehr. Der Tod keine Barriere mehr, die ihm Angst machen dürfte. Man tut gut daran, diese Worte nicht als Aussage über den Sterbe-Prozess zu lesen. Der kann damals wie heute quälend lang sein. Aber wie auch immer das Sterben sich gestaltet – es ist ein Weg, daheim zu sein bei dem Herrn.

             Das ist weit entfernt von dem heutigen: „Sterben ist eine Aufgabe für das Leben und muss selbstbestimmt erfüllt werden.“ Es ist auch weit weg von dem „Der Tod ist ein natürlicher Teil des Lebens.“ Paulus hat kein Interesse an diesem Denken, sondern für ihn geht es allein darum: Der Tod kann uns nicht mehr fern halten von Christus. Wir sterben nicht in die Gottesferne, sondern wir gehen durch den Tod in die Heimat, die uns im Himmel bereitet ist. Oder anders gesagt: Im Tod nimmt uns der Himmel auf, weil Gott selbst uns aufnimmt.

9 Darum setzen wir auch unsre Ehre darein, ob wir daheim sind oder in der Fremde, dass wir ihm wohlgefallen. 10 Denn wir müssen alle offenbar werden vor dem Richterstuhl Christi, auf dass ein jeder empfange nach dem, was er getan hat im Leib, es sei gut oder böse.

             Aus der Sehnsucht nach dem Himmel wird aber keine Weltflucht. Sondern daraus wird ein Mühen um das Leben, das Gott entspricht, das bei ihm Anklang findet. Mit dem wir vor ihm gut dastehen. εὐάρεστοιwohlgefällig, angenehm“(Gemoll, aaO. S.335). Salopp und ein wenig provozierend: Es hat den Anschein, Paulus will einer von den Gutmenschen sein! Darf man überspitzt sagen: Wer so lebt, der darf auf Lob hoffen: „Recht so, du guter und treuer Knecht, du bist über wenigem treu gewesen, ich will dich über viel setzen; geh hinein zu deines Herrn Freude!“(Matthäus 25,21)

            Darauf kommt es in jedem Fall an. Das Haus im Himmel macht nicht träge. Das Leben hier wird nicht durch die Hoffnung auf die himmlische Heimat gleichgültig. Gewissermaßen nur Vorspiel für das Eigentliche. Sondern das Leben hier wird in der dem Wissen um die Verantwortung vor dem Richterstuhl Christi geführt.

Zum Weiterdenken

            Das ist in einer doppelten Weise wichtig. Einmal: Alles kommt noch einmal zur Sprache, das Tun und das Unterlassen, die Versäumnisse und die Untaten, der Becher Wasser und das das tröstenden Wort. Nichts ist gleichgültig. Und die Taten der Liebe werden aufgehoben für den Himmel. Zum anderen aber: Der Richter unseres Lebens ist Christus. Niemand sonst. Das verweist alle Urteile und Beurteilungen durch wen auch immer – durch uns selbst oder durch andere – in die zweite Reihe, relativiert sie. Unsere Urteile sind allemal nur Vor-Urteile. Vorläufig. Ihre endgültige Revision steht noch aus. Das letzte Wort über uns spricht Christus. Er, der in seiner Liebe bis zum Äußersten gegangen ist. Bis ans Ende. Bis ans Kreuz. Damit ihm nur ja keiner verloren geht.

 

Herr Jesus Christus, in Deine Hände befehle ich mich und die Meinen, jeden Abend. Aus Deinen Händen nehme ich meine Tage. Dafür danke ich Dir.

Ich glaube daran, dass mein Leben in Dir geborgen ist, über den Tod hinaus, bleibend in aller Ewigkeit. Ich glaube, dass es durch den Tod hindurch Dir entgegen geht, dass das Vaterhaus schon eine offene Tür hat, an der ich erwartet werde – und nicht nur ich. Aber vielleicht ist ja alles ganz anders. Nur daran liegt mir: Am Ende werde ich bei Dir sein, aufgehoben in Deiner Liebe, weil Du keinen von uns fallen lässt. Amen

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.