Gefäße mit Sprüngen

  1. Korinther 4, 7 – 18

 7 Wir haben aber diesen Schatz in irdenen Gefäßen, auf dass die überschwängliche Kraft von Gott sei und nicht von uns.

             Jetzt blickt Paulus wieder auf die Christen. Im Wir schließt er sich mit der Gemeinde in Korinth zusammen. Da ist kein Unterschied zwischen dem Apostel und den „normalen“ Leuten in Korinth: Wir haben aber diesen Schatz in irdenen Gefäßen, Es ist ein Bild, das den Korinthern aus ihren Alltag wohl vertraut ist. „Damals wurden tatsächlich äußerst wertvolle Dinge in Tonkrügen verwahrt. Das Tongefäß ist wertlos, zerbrechlich, vielleicht schon abgeschabt und rissig. Wer es nur von außen sieht, bemerkt nichts von dem Schatz, den es in sich birgt.“ (W. de Boor, aaO. S.102f.)

 Es ist auch nicht das erste Mal, dass Paulus Menschen mit Tongefäßen vergleicht – im Töpfergleichnis (Römer 9, 21 – 23) folgt er dem gleichen gedanklichen Weg. Aber während es im Töpfergleichnis darum geht, jeden Rechts-Anspruch von Seiten des Menschen abzuwehren, ist hier der Vergleichspunkt ein anderer: Gott erwählt, was arm und schwach ist, in den Augen der Welt wertlos. „Der großartige Dienst des neuen Bundes, der sogar den des Mose übertrifft, wird von einem schwachen, zerbrechlichen Menschen ausgeübt.“(T. Schmeller, aaO. S. 256) Sagt Paulus aber eben nicht nur von sich selbst – im Wir sagt er es von einen Gefährten und auch von der Gemeinde! Sie alle sind in den Augen der Umwelt nicht Spitze, sondern Fußvolk, nicht Avantgarde, sondern eher fußkranke Nachhut. Umso heller leuchtet der Inhalt. Umso deutlich wird: Es geht um Gottes Kraft und nicht um menschliches Vermögen und können.

  8 Wir sind von allen Seiten bedrängt, aber wir ängstigen uns nicht. Uns ist bange, aber wir verzagen nicht. 9 Wir leiden Verfolgung, aber wir werden nicht verlassen. Wir werden unterdrückt, aber wir kommen nicht um. 10 Wir tragen allezeit das Sterben Jesu an unserm Leibe, auf dass auch das Leben Jesu an unserm Leibe offenbar werde. 11 Denn wir, die wir leben, werden immerdar in den Tod gegeben um Jesu willen, auf dass auch das Leben Jesu offenbar werde an unserm sterblichen Fleisch.

      Jetzt spricht Paulus wohl von den eigenen Erfahrungen. Von den Ängsten und Mühen, den Gefährdungen, die sein Dienst im Lauf der Jahre mit sich gebracht hat. Damit kennen sich diese Missionare der ersten Stunde aus. Da ist viel Widerstand, da ist Feindschaft, da ist Angriff auf Angriff – aber das alles läuft ins Leere. Es macht das Leben schwer, aber es bringt Paulus und seine Gefährten nicht vom Weg ab. Wenn man seine Worte verallgemeinert: „Notlagen bewirken für den Christen nicht, dass er sich selbst beweist in seiner Tragfähigkeit. Was ihn hält, ist nicht zuerst ein eigener Widerstandswille, sondern der, der ihn auch in der letzten Tiefe des Todes nicht fallen lässt.“ (W. Schenk, aaO.S.116) Darauf freilich kommt alles an – hier wird nicht die Willensstärke und Widerstandskraft und Leidensbereitschaft des Paulus in den Vordergrund gerückt, sondern die Zukunftsperspektive, die am Leben Jesu hängt. An der Gemeinschaft mit ihm, die bleibt.

             Was Paulus für sich sieht, ist eine Schicksalsgemeinschaft mit Jesu. Mit ihm in den Tod gegeben – so denkt Paulus ja über die Taufe – und mit ihm ins Leben gerufen. „Christus-Gemeinschaft ist Leidens-Gemeinschaft.“ (H.D. Wendland, aaO. S.189) Aber eine Leidensgemeinschaft mit der großartigen Perspektive der Auferstehung, des ewigen Lebens.

 „Ich hang und bleib auch hangen an Christus als ein Glied;
wo mein Haupt durch ist gangen, da nimmt er mich auch mit.
Er reißet durch den Tod, durch Welt, durch Sünd, durch Not,
er reißet durch die Höll; ich bin stets sein Gesell.

 Er bringt mich an die Pforten, die in den Himmel führt,
daran mit güldnen Worten der Reim gelesen wird:
Wer dort wird mit verhöhnt, wird hier auch mit gekrönt;
wer dort mit sterben geht, wird hier auch mit erhöht.“                                                                      P.
Gerhardt 1647, EG 112

 Man muss es schon beachten: das schreibt Paul Gerhardt am Ende des 30-jährigen Krieges, als ein Land in Schutt und Asche liegt und die Bevölkerung auf ein Drittel des Bestandes von 1618 reduziert ist.

 12 So ist nun der Tod mächtig in uns, aber das Leben in euch.

             In diesem Satz höre ich Kritik an den Korinthern, an ihrer Sucht nach Höhenflügen, an ihrer Beschwörung des vollen Lebens. Sie sehen nur das Lebensversprechen, das mit dem Evangelium verbunden ist. Sie wollen ein Evangelium ohne Kreuz. Man kann allerdings durchaus auch anders lesen: „Nur weil Paulus die Leiden eines Apostels auf sich genommen hat, bekommt die Gemeinde Anteil am Auferstehungsleben Jesu.“(T. Schmeller, aaO. S.265) Dann würde Paulus mit diesem Satz die Kritiker zurückweisen, die auf seine Leidensgestalt hinweisen und darin einen Einwand gegen seine Glaubwürdigkeit als Apostel finden.

 13 Weil wir aber denselben Geist des Glaubens haben, wie geschrieben steht (Psalm 116,10): »Ich glaube, darum rede ich«, so glauben wir auch, darum reden wir auch; 14 denn wir wissen, dass der, der den Herrn Jesus auferweckt hat, wird uns auch auferwecken mit Jesus und wird uns vor sich stellen samt euch.

             Wieder schließt sich Paulus mit der Gemeinde zusammen, über alle Differenzen hinweg: Wir haben denselben Geist des Glaubens. „Den einen Geist, den einen Herrn“ (1. Korinther 12, 4.5) Daraus erwächst die Hoffnung des Paulus: Der eine Herr, Gott, der aus den Toten ruft, der wird auch uns aus den Toten rufen. „Jesu Auferweckung ist die Bürgschaft für die Auferstehung der an ihn Glaubenden.“ (H.D. Wendland, aaO. S.190) Wieder hat Paulus die Schicksals-Gemeinschaft mit Jesus im Blick – nun aber nicht hinsichtlich der Leiden in der Zeit, sondern hinsichtlich der Zukunft, der Ewigkeit in der Gegenwart Gottes.

 15 Denn es geschieht alles um euretwillen, auf dass die überschwängliche Gnade durch die Danksagung vieler noch reicher werde zur Ehre Gottes.

             Es wirkt wie eine Zusammenfassung. Das Kämpfen und Leiden des Paulus und seiner Leute, die Mühe, das Evangelium weiter zu tragen – das alles hat ein Ziel: Es soll den Korinthern zugutekommen, so dass sie und viele andere dankbar werden für die überschwängliche Gnade. Und indem sie dankbar werden, wird die Gnade reicher. Sie gewinnt mehr und mehr „Land in den Herzen“. Und sie mehrt die Ehre Gottes.

            Auf die überschwängliche Kraftπερβολ τς δυνμεως – folgt hier die überschwängliche Gnade – χρις πλεονσασα. Beide Male ist die Quelle dieses Überschwanges in Gott zu suchen: Gott gibt reichlich. Er geizt nicht, nicht mit deinen Gaben, nicht mit einer Liebe, nicht mit seiner Gnade. Und beide Male ist das Ziel, dass die ehre gottrs gemehrt wird.

 16 Darum werden wir nicht müde; sondern wenn auch unser äußerer Mensch verfällt, so wird doch der innere von Tag zu Tag erneuert. 17 Denn unsre Bedrängnis, die zeitlich und leicht ist, schafft eine ewige und über alle Maßen gewichtige Herrlichkeit, 18 uns, die wir nicht sehen auf das Sichtbare, sondern auf das Unsichtbare. Denn was sichtbar ist, das ist zeitlich; was aber unsichtbar ist, das ist ewig.

             Noch einmal greift Paulus eine Wendung auf, die er zuvor schon gebraucht hatte.  Darum werden wir nicht müde. Nicht mutlos. Paulus macht die Augen nicht zu vor der eigenen Wirklichkeit. Er ist ein angegriffener Mensch, manchmal wohl auch erschöpft. Am Ende mit seinen Kräften. Nüchtern hält er es sich selbst und den Korinthern vor: Unser äußerer Mensch verfällt. Er könnte sich auch Worte bei den Vätern leihen: „Alles Fleisch ist Gras, und alle seine Güte ist wie eine Blume auf dem Felde. Das Gras verdorrt, die Blume verwelkt; denn des HERRN Odem bläst darein. Ja, Gras ist das Volk!“ (Jesaja 40, 6-7)

            Aber er bleibt nicht stehen bei diesem Blick auf den Verfall, auf das Zerbrechliche, auf die irdenen Gefäße:  der innere Mensch wird von Tag zu Tag erneuert. Das ist Geschehen in der Gegenwart. Genau wie auch die Gewissheit der ewigen und über alle Maßen gewichtigen Herrlichkeit nicht einfach nur Zukunftsmusik ist. Sie bestimmt Paulus schon jetzt. Sie hilft ihm, schon jetzt, aktuell, die Trübsal als zeitlich und leicht zu sehen. Ihr nicht zu zugestehen, dass sie ihm den Blick verstellt, dass sie ihm den Mut nimmt, dass sie seine Hoffnung zum Schweigen bringt.

             Wohl wahr: Hier gibt es noch nichts zu sehen. „Zum Sichtbaren gehören das Vergängliche, der äußere Mensch, die tönernen Gefäße, die gegenwärtigen Leiden als Anteil am Sterben Jesu.“(T. Schmeller, aaO. S. 280) Dem steht aber gegenüber, was zum Unsichtbaren gehört: „Das Unvergängliche, der innere Mensch, der Schatz, das gegenwärtige und zukünftige Leben als Anteil am Leben Jesu.“ (T. Schmeller, ebda.) Auch das weiß Paulus ja – und wird es später nach Rom schreiben: „Ich bin überzeugt, dass dieser Zeit Leiden nicht ins Gewicht fallen gegenüber der Herrlichkeit, die an uns offenbart werden soll.… Denn wir sind zwar gerettet, doch auf Hoffnung. Die Hoffnung aber, die man sieht, ist nicht Hoffnung; denn wie kann man auf das hoffen, was man sieht?“ (Römer 8, 18.24) 

 Zum Weiterdenken

            Es ist mehr als eine Anleihe bei der griechischen Philosophie, die die eigentliche Welt im Bereich des Unsichtbaren sieht. Paulus erzählt hier keine Variante des Höhlengleichnisses, wie es sich bei Plato findet. Sondern er sieht in der Gegenwart, so wie sie ist, das Versprechen der Zukunft, so wie sie kommen wird. „Was Paulus als die dunkle Seite seines Dienstes erfährt, ist Partizipation am Geschick Jesu.“(T. Schmeller, aaO. S. 269) Weil er im Leiden mit ihm zusammen geführt ist, wird er auch in der Freude zu ihm gehören.  Sondern er bezeugt die Hoffnung, die sich an der Auferweckung Jesu nährt und daran, dass Gott in dieser Auferweckung nicht ein einmaliges Mirakel fabriziert hat, sondern den Beginn der neuen Schöpfung im Kraft gesetzt hat. Auch wenn wir noch nichts davon sehen.

„Er bringt mich an die Pforten, die in den Himmel führt,
daran mit güldnen Worten der Reim gelesen wird:
Wer dort wird mit verhöhnt, wird hier auch mit gekrönt;
wer dort mit sterben geht, wird hier auch mit erhöht.“                                                                                                  P.
Gerhardt, 1647, EG 112

 

Gott, könnte ich das doch auch sagen: Wir werden nicht müde. Könnte ich das doch auch sagen: Unsere Trübsal ist leicht. Ob es daran liegt, dass wir immer nur sehen, was wir zu schaffen haben und was alles noch nicht geschafft ist; woran wir scheitern, auch wenn uns vieles gelingt;wo wir nicht weiterwissen, obwohl wir vieles verstehen und erklären können; wo wir ratlos werden, und anderen doch manchen guten Rat gegeben haben.

Gott, Paulus hat anders als wir auf die Welt geschaut: Sie war ihm leicht, weil er nicht an ihr hing. Sie war ihm weit, weil er durch den Horizont des Himmels hindurch schauen konnte. Sie war ihm hell, weil in allem Dunkel Dein Licht ihm leuchtete.

Lehre mich durch Deinen Geist, die Hoffnung auf Dich zu verinnerlichen, ohne in Selbstgenügsamkeit zu verfallen, mich an dieser Welt zu freuen und mich in ihr zu engagieren, ohne zu veräußerlichen. Lehre mich in Bedrängnis standhalten, nicht vor Trübsalen resignieren – nicht vor denen, die in den Nachrichten sind und nicht vor denen,um die nur ich tief in meinem Herzen weiß.

Lass mich nicht vergessen, wohin ich unterwegs bin, nicht übersehen, was es an Schönheit in dieser Welt gibt, nicht blind dafür werden, wer mir in allem Dunkel entgegenkommt: Du. Ich danke Dir – Du siehst mich heute schon so, wie ich sein werde in Deiner Vollendung. Amen