Spürbarer Schmerz

  1. Korinther 4, 1 – 6

 1 Darum, weil wir dieses Amt haben nach der Barmherzigkeit, die uns widerfahren ist, werden wir nicht müde,  2 sondern wir haben uns losgesagt von schändlicher Heimlichkeit und gehen nicht mit List um, verfälschen auch nicht Gottes Wort, sondern durch Offenbarung der Wahrheit empfehlen wir uns dem Gewissen aller Menschen vor Gott.

             Manchmal mag es zum Ermüden sein – immer wieder die gleichen Unterstellungen, die gleichen Vorwürfe. Paulus aber kennt kein Ermüden. Auch kein mutlos Werden. Weil er sich berufen weiß. Weil er seinen Auftrag – so übertrage ich hier Amt, im Griechischen steht da διακονία, Diakonia, Dienst kennt, der ihn zugleich trägt. Paulus hat keine Job und macht auch keinen guten Job. Sein Dienst ist ihm Geschenk und Leben.

            Mir ist wichtig: Paulus redet hier von sich. Er sagt eben nicht: Christen können nie mutlos und müde werden. Darum ist die Frage falsch gestellt: „Warum kann ein integer auftretender Verkündiger nicht mutlos werden?“ (T. Schmeller, aaO. S.238) Das ist ein Musterbespiel dafür, wie gefährlich es ist, aus persönlichen Sätzen für alle gültige Wahrheiten ableiten zu wollen. Denn die Müdigkeit und Mutlosigkeit machen eben nicht wie von selbst vor den Verkündigern kehrt. Auch heute nicht.

            Mit diesem Dienst, seiner Diakonia verträgt sich allerdings Vieles nicht: Heimlichkeit, List, hinten herum reden. Auch nicht die Anpassung des Wortes Gottes an den Zeitgeschmack oder die Hörer-Vorlieben. Paulus passt sich nicht an und opfert die Klarheit des Evangeliums nicht dem Erfolg bei seinen Hörern.

              Paulus ist für Eindeutigkeit. Was er macht, was er redet, wie er lebt, das dient der Offenbarung der Wahrheit. Der Wahrheit, die aus Gott ist. φανερσει τς ληθεας „Gottes Wirklichkeit offenzulegen“(K. Berger/C. Nord, aaO. S. 119) Es geht Paulus bei der Wahrheit nicht um das, was wir Wahrhaftigkeit nennen würden. Sondern es geht ihm um das Zeugnis vom Handeln Gottes in Jesus. Oder anders gesagt: Die Wahrheit Gottes ist „das Wort vom Kreuz“(1. Korinther 1,18) und ist die Botschaft, dass dieser Gekreuzigte nicht im Tod geblieben ist: „Nun aber ist Christus auferstanden.“(1. Korinther 15, 20) Diese Wahrheit ist die Mitte der Verkündigung des Paulus.  Mit dieser Wahrheit, so ist sich Paulus sicher, können er und seine Gefährte vor dem Gewissen aller Menschen vor Gott bestehen.

             Es ist eine Eigenart im Denken des Paulus: Das Gewissen – συνεδησις, syneidesis, wörtlich: Mit-Wissen – ist ihm nicht nur die Instanz zur Selbstbeurteilung. Sondern „Paulus schreibt ihm auch die Fähigkeit zur Beurteilung anderer Menschen zu.“ (T. Schmeller, aaO. S.240) Aber auch das ist deutlich: Das Gewissen, dem Paulus solches Urteilen zutraut, ist keine autonome Instanz, sondern es ist gebunden. Es ist auch keine nur auf sich selbst bezogene Größe. Andere können Anteil daran haben und vor allem: Es hat seinen Ort vor Gott. Es ist im Wortsinn ein „Mit-Wissen“ mit Gott. Damit ist Paulus freilich weit entfernt von dem, wie heutzutage vom Gewissen gesprochen wird.

 3 Ist aber unser Evangelium verdeckt, so ist’s denen verdeckt, die verloren werden, 4 den Ungläubigen, denen der Gott dieser Welt den Sinn verblendet hat, dass sie nicht sehen das helle Licht des Evangeliums von der Herrlichkeit Christi, welcher ist das Ebenbild Gottes.

             Dass das Evangelium das Wort der Wahrheit ist, schließt nicht wie von selbst mit ein, dass es überall Gehör und Aufnahme findet. Es gibt eine „völlige Verblendung, die die göttliche doxa (Herrlichkeit) Christi nicht wahrnehmen kann.“(H.D. Wendland, aaO. S.186) Sie bleibt verdeckt. Sie wird nicht geschaut.

             Das ist nicht böser Wille bei denen, die hören und doch nicht hören, sehen und doch nicht sehen.  Sondern das ist die Wirkung dessen, der der Gott dieser Welt ist. Mit dieser im gesamten Brief-Korpus des Paulus einmaligen Formel „ist ersten sein Gegensatz zu Gott, zweitens seine Herrschermacht über die alte Welt, endlich die Vergänglichkeit seiner Herrschaft zusammen mit dieser Weltzeit ausgedrückt.“(H. D. Wendlandt, aaO. S. 186) Sie werden so zu Menschen, die nicht mehr glauben können. Ob sie einmal nicht glauben wollten, wird hier nicht reflektiert.

        Mir scheint: es ist müßig, sich auf Debatten über die Existenz des Satan einzulassen. Ich halt es ein bisschen mit Goethe: „Den Teufel spürt das Völkchen nie, und wenn er sie beim Kragen hätte.“ (J-W. Goethe: Faust I, Auerbachs Keller) Mir liegt daran zu verstehen: Es gibt Weltwirklichkeiten, die den Blick auf Christus verstellen. Die die Botschaft des Evangeliums verdunkeln. Die dazu führen, dass manche gar nicht hören und verstehen können. Die den Sinn – gemeint sind mit νοήματα der Verstand, die Auffassungsgabe und die Willenskräfte – von Menschen blenden und verblenden.

            Es ist die Ohnmachtserfahrung – niemand kann sich selbst die Augen öffnen, niemand kann sich selbst zum Sehen der Wahrheit Gottes bringen, die sich im Lied verdichtet.

„Jesu, gib gesunde Augen, die was taugen, rühre meine Augen an;
denn das ist die größte Plage, wenn am Tage man das Licht nicht sehen kann.“          
F. Richter, 1676 – 1711, Reichsliederbuch 179

             Die so verblendet werden, blind bleiben, nennt Paulus Ungläubige, die verloren werden. πστοι und πολλυμνοι. Das sind keine moralischen Urteile. Das sind auch keine humanen Defizite, die hier benannt werden. Sondern das ist streng vom Standpunkt des Glaubens aus gesprochen. Sie finden keinen Zugang zum Glauben. Sie schöpfen kein Vertrauen auf die Gnade Gottes. Und darum sind sie verloren. Die Güte Gottes findet bei ihnen keinen Widerhall. Darum müssen sie allein aus dem leben, Kraft schöpfen, was sie in sich tragen, ohne Gott. Das aber ist für Paulus „Verloren sein“.

            Mir ist wichtig: Das alles sind keine Sätze, die Paulus unbeteiligt schreibt, distanziert, mit kühlem Herzen und klarem, aber kaltem Verstand. Es sind Sätze, die ihm wehtun, weil er nichts lieber möchte als das alle Menschen das helle Licht des Evangeliums von der Herrlichkeit Christi, welcher ist das Ebenbild Gottes sehen, darin ihre Lebenskraft finden, davon geleitet werden. Diese Leidenschaft treibt ihn ja durch die Länder rund um den Mittelmeerraum.

  5 Denn wir predigen nicht uns selbst, sondern Jesus Christus, dass er der Herr ist, wir aber eure Knechte um Jesu willen.

             Aber es geht nicht um die Leidenschaft des Paulus. Selbst nicht um die Aufrichtigkeit. Es geht nicht darum, dass er als Person gut dasteht. Sein Thema ist nicht Paulus und seine Frömmigkeit. Sein Thema ist einzig und allein:  Jesus Christus, dass er der Herr ist. Es ist gewiss kein Zufall: Hier greift Paulus auf das Grundbekenntnis zurück, das er schon im 2. Brief nach Korinth angeführt hat: „keiner kann sagen: Jesus ist der Herr!, wenn er nicht aus dem Heiligen Geist redet.“ (1. Korinther 12,3, Einheitsübersetzung) Es zieht sich durch die so wortgewaltigen Briefe nach Korinth wie ein roter Faden: Jesus Christus ist der Herr – das ist die Botschaft, der sich Paulus verpflichtet weiß, die ihn antreibt, die er weitergibt. Für diese Botschaft schuftet er wie ein Sklave. δολος.  Ihr ist er Knecht.

            Wenn Paulus sagt: Wir predigenκηρσσομεν – dann darf man nicht den Mann oder die Frau im Talar vor sich sehen. Dann muss man sich den Apostel im Gespräch an der Waschstelle vorstellen, im Gespräch am Arbeitsplatz, in der Diskussion mit solchen, die sich auf ein Gespräch mit ihm eingelassen haben. Dieses Predigen ist aus der Situation heraus Stellung nehmen, in eine Debatte hinein sagen, wie sich das Leben mit Jesus anfühlt, was da für eine verwegene Hoffnung ist, an das Leben über den Tod hinaus zu glauben, weil Jesus in seiner Auferweckung Herr über den Tod geworden ist.

            So weit geht Paulus, dass er sagt: um dieser Botschaft willen sind wir – er und seine Weggefährten – eure Knecht in Korinth. Es ist ein wenig überraschend – es könnte sich doch gut an den Satz über den Herrn Jesus anschließen: Wir aber sind seine Knechte. Stattdessen: eure Knechte. Das ist die Logik des Paulus: „Weil Paulus Sklave Christi ist, ist er auch Sklave der Gemeinde.“(T. Schmeller, aaO. S. 246) Es sind Sätze wie diese Sätze des Paulus, die Luther zu seinen Sätzen gebracht haben: Ein Christenmensch ist ein freier Herr über alle Dinge und niemandem untertan. Ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan.“(M. Luther, Von der Freiheit eines Christenmenschen, 1520)

            Paulus weiß: Ich habe eine Bringschuld euch in Korinth gegenüber. Ich bin beauftragt, nicht von der Gemeinde, sondern von Christus und kann deshalb nicht schweigen. Und er weiß doch zugleich: „Wir werden nie Diener der Gemeinde, um sie zu bedienen. Wir wollen ihr wirklich dienen. Aber allein um Jesu willen, weil wir ihm unsere ganze Existenz als Kinder Gottes verdanken.“(E. Schnepel, aaO. S. 101)

 6 Denn Gott, der da sprach: Licht soll aus der Finsternis hervorleuchten, der hat einen hellen Schein in unsre Herzen gegeben, dass die Erleuchtung entstünde zur Erkenntnis der Herrlichkeit Gottes in dem Angesicht Jesu Christi.

             Es ist eine geradezu irre Spannung – Demut auf der einen Seite, die Paulus sich selbst Knecht nennen lässt. Und auf der anderen Seite: durch uns: Erleuchtung zur Erkenntnis der Herrlichkeit Gottes in dem Angesicht Jesu Christi. φωτισμὸς – „Erleuchtung, Lichtglanz“(Gemoll, aaO. S. 796) Paulus sieht sich und seine Gefährten, aber auch die Christinnen und Christen in Korinth als „Lichtgestalten“. Nicht, weil sie irgendwelche überragenden Fähigkeiten ihr eigen nennen. Sondern weil Gott einen hellen Schein in unsre Herzen gegeben hat. Weil er in das Dunkel der Herzen sein Licht geschenkt hat. Weil seine Herrlichkeit  – δξα – sich in ihrem armen Leben und in ihrem Dienst spiegelt.

Weil Gott in Herzen, in denen nach dem Wort Jesu „böse Gedanken, Unzucht, Diebstahl, Mord, Ehebruch, Habgier, Bosheit, Arglist, Ausschweifung, Missgunst, Lästerung, Hochmut, Unvernunft“ (Markus 7, 21-22) ihren Wohnsitz haben, sein Licht gegeben hat – die Erkenntnis seiner Gnade, seiner Güte, seines Erbarmens, seiner Treue – kurz: die Erkenntnis Christi.

Mit anderen Worten bringt das Evangelium den gleichen Sachverhalt zur Sprache. Jesus sagt: „Ich bin das Licht der Welt. Wer mir nachfolgt, der wird nicht wandeln in der Finsternis, sondern wird das Licht des Lebens haben.“ (Johannes 8,12)

Noch einmal anders und doch ähnlich sagt es der Dichter Jochen Klepper in der Bedrängnis eines Lebens:

„Noch manche Nacht wird fallen auf Menschenleid und -schuld.                           Doch wandert nun mit allen der Stern der Gotteshuld.                                          Beglänzt von seinem Lichte, hält euch kein Dunkel mehr.                                         Von Gottes Angesichte kam euch die Rettung her.

 Gott will im Dunkel wohnen und hat es doch erhellt.                                                   Als wollte er belohnen, so richtet er die Welt.                                                                       Der sich den Erdkreis baute, der lässt den Sünder nicht.                                                Wer hier dem Sohn vertraute, kommt dort aus dem Gericht.“                                                                               J. Klepper 1938, EG 16

  Zum Weiterdenken

Man muss sich als Leser*in frei machen von einem Denken, das in Paulus eine herausregende Persönlichkeit sehen will. Einen Charismatiker. Den herausragenden Theologen der ersten Christenheit. Womöglich gar den „Erfinder des christlichen Glaubens“. Das alles sind unsere Prädikate, aber nicht solche, die der Apostel auf sich selbst angewendet sehen möchte. Er ist in seiner eigenen Sicht nichts als einer, der weitersagt, was er selbst empfangen hat. Der die Liebe zu spiegeln versucht, in der er geliebt ist. Der Antwort sein möchte auf das Widerfahrnis Gottes. In dieser Antwort will er treu sein. Mehr nicht. Darin allerdings ist er für uns Vorbild, Beispiel und Herausforderung in einem.

Als im 3. Reich starke Fraktionen in der Kirche auf eine Anpassung des Evangeliums an das Denken in den Kategorien der arischen Rasse und der nationalsozialistischen Herren-Ideologie forderten, stand die Kirche insgesamt vor der Herausforderung: Verfälschen wir das Evangelium, um uns die Anerkennung des „erwachten Deutschlands“ zu sichern?  Aber auch heute steht die Kirche vor der fundamentalen Herausforderung: Passen wir das Evangelium dem an, was gerade „in“ ist, dem Mainstream der öffentlichen Meinung. Sagen wir nur noch, was alle sagen? Oder wagen wir es, beim Evangelium zu bleiben, auch wenn es uns der Zustimmung beraubt und in den Gegenwind der Vielen stellt. Es ist relativ einfach, mit vielen anderen Rassismus zu geißeln, schon schwieriger, ihn Sünde zu nennen.  Es wird aber komplizier, wenn man den Versuch, die Corona-Krise einfach nur als Alp-Traum zu verstehen, aus dem man erwacht zurück ins alte Leben vor dem März will, oberflächlich nennt. Der Sorge Ausdruck verleiht, dass wir ein Umkehr-Signal missachten, dass wir einen Weckruf – Gottes?! – überhören könnten.

 

Herr Jesus Christus. Lass Dein Licht aufleuchten in das Dunkel der Welt. Lass Deine Herrlichkeit aufstrahlen in die Leiden der Zeit.

Öffne mir die Augen, den Glanz der Welt und ihren Schmerz zu sehen, Deine Gegenwart zu entdecken inmitten von Fragen und Leid. Heile Du unsere Blindheit, die uns glauben machen will, dass diese Welt ein Gefängnis ist, ein Kerker, aus dem es kein Entrinnen gibt.

Heile Du unsere Blindheit, die in Deinem Leiden nur das eigene Leiden wiederholt sieht und nicht den Weg in die Freiheit erkennt, den Du uns öffnest.  Öffne Du mir die Augen, Deine Liebe zu sehen, Dein Erbarmen, tief verborgen im Kreuz, in der Ohnmacht, die doch der Sieg ist über allen Tod.

Lass  Deine Herrlichkeit  aufleuchten an mir. Amen

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