Gesicht zeigen

  1. Korinther 3,12 – 18

 12 Weil wir nun solche Hoffnung haben, sind wir voller Freimut 13 und nicht wie Mose, der eine Decke über sein Angesicht legte, damit die Israeliten nicht sahen das Ende dessen, was da vergeht.

             Es überliest sich leicht: Der Motor, die Motivation, das treibende Moment für Paulus ist seine Hoffnung. λπίϛ, elpis. Sie hängt daran, dass mitten in einer Welt, in der alles vergeht, das Unvergängliche sichtbar geworden ist: Die Liebe Gottes in Jesus Christus. Der Bund Gottes, der bleibt. Unkündbar in Ewigkeit, weil Gott ihn gewollt und gestiftet hat. „Denn ich bin gewiss, dass weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte noch Gewalten, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Hohes noch Tiefes noch irgendeine andere Kreatur uns scheiden kann von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserm Herrn.“(Römer 8,38-39) Was er im Brief nach Rom wenig später als seine Gewissheit beschreiben wird, das ist zugleich seine Hoffnung, die ihn trägt und treibt.

             Vorweg: ich glaube nicht, dass im ganzen Abschnitt eine Auseinandersetzung mit Gegnern des Paulus geführt wird. Sondern Paulus setzt sich mit dem auseinander, was ihn bis zu seiner Christus-Erfahrung geprägt hat. In seiner jüdischen Prägung, seiner Treue zum Gesetz als Pharisäer, der er einmal war, allerdings spielt Mose eine herausragende Rolle. Umso wichtiger: Die Hoffnung, die Paulus erfüllt und der Freimut – παρρησα -, mit dem er Menschen begegnet, unterscheidet ihn von Mose. Mose hat sein Angesicht nach den Gottesbegegnungen verhüllt. Paulus sagt: Damit die Israeliten nicht sehen, wie die Herrlichkeit verblasst.

            Man wird der Ehrlichkeit halber sagen müssen: So erzählt das 2. Mosebuch nicht! Das ist die Interpretation des Paulus. Im AT heißt es: „Als nun Mose vom Berge Sinai herabstieg, hatte er die zwei Tafeln des Gesetzes in seiner Hand und wusste nicht, dass die Haut seines Angesichts glänzte, weil er mit Gott geredet hatte. Als aber Aaron und ganz Israel sahen, dass die Haut seines Angesichts glänzte, fürchteten sie sich, ihm zu nahen. 31 Da rief sie Mose und sie wandten sich wieder zu ihm, Aaron und alle Obersten der Gemeinde, und er redete mit ihnen. Danach nahten sich ihm auch alle Israeliten…. Und wenn er hineinging vor den HERRN, mit ihm zu reden, tat er die Decke ab, bis er wieder herausging. Und wenn er herauskam und zu den Israeliten redete, was ihm geboten war, sahen die Israeliten, wie die Haut seines Angesichts glänzte. Dann tat er die Decke auf sein Angesicht, bis er wieder hineinging, mit ihm zu reden.“ (2. Mose 34, 29 -32.34-5) Nach der alten Erzählung verbirgt Mose den Glanz auf seinen Angesicht, um der Furcht zu wehren, nicht um zu verbergen, dass der Glanz irgendwann nachlässt.  

14 Aber ihr Sinn wurde verstockt. Denn bis auf den heutigen Tag bleibt diese Decke über dem Alten Bund, wenn daraus gelesen wird; sie wird nicht aufgedeckt, weil sie in Christus abgetan wird. 15 Aber bis auf den heutigen Tag, wenn Mose gelesen wird, liegt die Decke auf ihrem Herzen.

             Es ist Paulus, der aus der Geschichte mit der Decke etwas sehr Grundsätzliches macht. Er deutet sie darauf, dass „der volle Glanz Gottes“, die Herrlichkeit Gottes für Israel um dieser Decke willen verborgen ist. Sie verhüllt nicht etwa den Glanz auf dem Angesicht des Mose, sondern sie verhüllt den Israeliten die Herrlichkeit Gottes und darum die Herrlichkeit Christi. Was Paulus hier macht, ist ein Musterbeispiel für eine Auslegung, die Sachverhalte umformt, indem sie sie symbolisch überhöht.

Also: Paulus geht hier sehr frei mit dem Text des Mosebuches um. Aber damit ist noch nicht alles gesagt. Sondern Paulus richtet hier gleichzeitig eine Auslegung auf, die seitdem in allen christlichen Kirchen befolgt wird: Wir legen – wie er auch – das Alte Testament als Christen aus. Wir glauben, dass es in Christus seine Erfüllung findet. Wir sehen, geprägt durch unseren Glauben an Jesus Christus  als das eine Wort, „dem wir im Leben und im Sterben zu vertrauen haben“ (Barmer Theologische Erklärung, I, 1934, EG 810) Texte des Alten Testamentes, der Hebräischen Bibel  immer in ihrem Bezug auf Jesus Christus, als Verheißung, die in ihm ihre Erfüllung findet.

So lese ich auch den Satz, den er über die Israeliten sagt – dass die Decke auf ihrem Herzen liegt und sie deshalb nur Mose hören, aber nicht seine Öffnung auf Christus hin, zunächst einmal als einen biographischen Satz des Paulus über die eigene Vergangenheit. So hat er ganz lange die Schrift gelesen. Mose gehört. Heute weiß er: Das war nur ein eingegrenztes Lesen und Hören.    

 16 Wenn es aber umkehrt zu dem Herrn, so wird die Decke abgetan..

             Wieder von sich selbst her weiß Paulus: Die Hinkehr zu Christus verändert alles. „Was also wird für die erkennbar, bei denen die Hülle beseitigt ist? Sie sehen, dass die Tora kein Ziel in sich selbst ist, sondern ihr Ziel in Christus hat.“ (T. Schmeller, Der aaO. S.218) Die Umkehr zu Christus, weiß Paulus, verändert auch den Blick auf die Hebräische Bibel.

 17 Der Herr ist der Geist; wo aber der Geist des Herrn ist, da ist Freiheit.

             Auf den ersten Blick wirkt das wie ein Gedankensprung. Aber Paulus bleibt bei seinem Thema: Hinkehr zum Herrn – das ist Wirkung des Geistes. Das ist zugleich ein Schritt über die eigenen engen Grenzen hinaus. Wer sich auf den Herren einlässt, wer sich ihm öffnet, der erfährt Freiheit. Der erfährt Weite. Der findet sich aber auch geborgen.

            Weil da, wo der Geist des Herrn ist, Freiheit ist, gibt es neue Möglichkeiten. Darum gilt: Man braucht die alten Schutz-Mechanismen nicht mehr. Die Enge, die schützt und birgt. Man muss die Augen nicht mehr zu machen, sie verschließen, weil es so Vieles gibt, was man nicht begreift. Man kann durch die Decke hindurchschauen in den weiten Horizont. Man kann in der Weite Gottes geborgen sein. Keine Furcht mehr vor der Freiheit – auch so kann man diese Sätze verstehen.

 18 Wir alle aber spiegeln mit aufgedecktem Angesicht die Herrlichkeit des Herrn wider, und wir werden verwandelt in sein Bild von einer Herrlichkeit zur andern von dem Herrn, der der Geist ist.

            Wem die Augen aufgehen in der Begegnung mit Christus, im Hören auf sein Wort, man dürfte vielleicht auch anfügen: im Annehmen der Botschaft, für die Paulus und seine Gefährten einstehen, im Ja zum Evangelium, der sieht auf einmal die Herrlichkeit des Herrn. Sie leuchtet auf im Evangelium. Sie spiegelt sich in den Worten der Boten. Und wer diese Worte hört, wer sich in ihr Licht hineinhält, der wird verklärt. Ich sage: Er wird zu einem Christus-Reflex. Wird selbst einer, der ausstrahlt.

            Paulus spricht vom Schauen und sprengt damit doch zugleich die eigenen Worten. Denn was es da zu Schauen gibt, wird ja erste am Ende der Zeiten ganz sichtbar sein. Jetzt ist es immer noch „nur“ vermittelt. Durch das Wort. Durch das Zeugnis der Boten. Aber – und darauf kommt es Paulus wohl an: „Das Schauen ist ein Verwandeltwerden.“ (H.D. Wendland, aaO. S.184)

 Zum Weiterdenken

            Man kann es leicht vergessen: Paulus beginnt seinen Gedankengang mit einem Blick auf Mose. Der wird in der Gottesbegegnung so verwandelt, dass sein Angesicht leuchtet. Deshalb verhüllt er es. Am Ende seines Gedankenganges sagt Paulus von allen Christen: Sie werden durch das Schauen der Herrlichkeit Gottes so verwandelt, dass sie verklärt werden, zum Christus-Reflex werden. Dass sie die Herrlichkeit Gottes spiegeln. Es ist kaum zu weit gegriffen: „Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn.“(1. Mose 1, 27) Im Spiegeln seiner Herrlichkeit erreicht die Schöpfungsabsicht Gottes ihr Ziel. Imago dei, Bild Gottes zu sein ist die Berufung des Menschen. Jedes Menschen. Diese Berufung zu leben hilft der Geist. So bringt der Geist die Schöpfung voran.

Was ist das – Herrlichkeit des Herrn? δόξα κυρίου.  Überirdischer Glanz, erdrückende Majestät? Eine Helligkeit, die wir nicht aushalten können und vor der wir die Augen verschließen müssen? In der Mitte des Evangeliums sehe ich das Erbarmen Gottes mit dem Verlorenen, den Verlorenen, den Gottlosen. Mit denen, die am Leben scheitern und zerbrochen sind. „Der Menschensohn ist nämlich gekommen, um Verlorene zu suchen und zu retten.«(Lukas 19,10, Neues Leben) Das ist die Herrlichkeit Gottes, die wir zu sehen bekommen –  am irdischen Jesus. Das ist die Herrlichkeit Gottes, die sich – hoffentlich – in unserem Leben spiegelt. In gelebter Solidarität. In der Zuwendung zu denen, die sonst zugrunde gehen. Bis in das politischen Handeln hinein. Die Verweigerung gegenüber den Flüchtlingen auf Lesbos ist die Decke, die wir vor die Herrlichkeit Gottes hängen. Verstockt, mit verfetteten Herzen

            Der Gegensatz zu Mose: Christ*innen verhüllen ihr Angesicht nicht mehr. Was an ihnen geschehen ist, ist keine Geheimsache, sie haben kein Exklusiv-Recht auf diese Erfahrung. Darum leben sie mit aufgedecktem Angesicht.  Ihre Existenz strahlt aus, mehr als ihre Worte. Alle Welt darf den Glanz Gottes an ihnen sehen. Seitdem gilt für Christ*innen: Gesicht zeigen!

 

Herr Jesus Christus, lege den Glanz Deiner Liebe auf uns. Gib uns die Freiheit Deiner Güte ins Herz. Weite unseren Sinn, damit wir keine Angst mehr haben, uns in Deiner Weite zu verlieren, maßlos zu werden durch Deine Güte.

Du gehst in Deiner Liebe bis zum Äußersten, bis ans Ende, damit wir auch am äußersten Rand des Lebens, am Ende der Welt noch geborgen sind, damit Dir am Ende keiner verloren geht.

Ich danke Dir für Deine grenzenlose Liebe. Amen