Ihr seid unser Brief

  1. Korinther 3, 1 – 11

 1 Fangen wir denn abermals an, uns selbst zu empfehlen? Oder brauchen wir, wie gewisse Leute, Empfehlungsbriefe an euch oder von euch?

             Eine schöne, eingängige Übersetzung: Das riecht ja schon wieder sehr nach Eigenlob!“(K. Berger/C. Nord, aaO. S. 117) Der Volksmund weiß bis heute: Eigenlob stinkt. „Dem Apostel ist es, als höre er an dieser Stelle beim Verlesen des Briefes in Korinth Zwischenrufe laut werden: Nun fängt er schon wieder an, sich selbst zu empfehlen!“ (W. de Boor, aaO. S. 67) Gleich neunmal taucht das Wort empfehlen, συνίστημι/συνιστω, im 2. Korintherbrief auf. Auch sonst kommt es fast nur bei Paulus vor. Es spielt also nach seiner Erfahrung und in seinem Umfeld eine große Rolle. „Selbstempfehlung wird von Paulus für sich abgelehnt (3;1; 5,2), für sich akzeptiert (4,2; 6,4) oder den Gegnern vorgeworfen (10,12.18).“ (T. Schmeller, aaO. S.172) Es geht dabei immer um die Legitimation als Apostel, um die Rechtfertigung der eigenen oder der fremden Autoritätsansprüche.

             Wo es keine „amtliche Beauftragung“ gibt, spielen gute Worte, die einer für den anderen einlegt, eine große Rolle. Solche Worte können auch als Briefe verschickt werden. Sie sind dann gewissermaßen Beglaubigungsschreiben: dem könnt ihr trauen. Dem könnt ihr euch anvertrauen. Die Rolle der Empfehlungsschreiben haben in unserer Zeit Zeugnisse übernommen. Sie werden oft genug ergänzt durch das, was an guten Gerüchten im Umlauf ist.

 2 Ihr seid unser Brief, in unser Herz geschrieben, erkannt und gelesen von allen Menschen! 3 Ist doch offenbar geworden, dass ihr ein Brief Christi seid durch unsern Dienst, geschrieben nicht mit Tinte, sondern mit dem Geist des lebendigen Gottes, nicht auf steinerne Tafeln, sondern auf fleischerne Tafeln der Herzen. 4 Solches Vertrauen aber haben wir durch Christus zu Gott

            Paulus erklärt: ich kann auf solche Briefe verzichten – denn ich habe ja euch: Ihr seid unser Brief. In unserem Herzen. Seltsam: Damit wird der scheinbar objektive Tatbestand – es gibt Empfehlungsbriefe – hier zu einer sehr persönlichen Angelegenheit: Ihr seid das, lesbar nur für die, die Zugang zu unserem Herzen haben. Denn nur im Herzen des Paulus ist dieser Brief ja zu lesen. Ob das ernst gemeint ist: erkannt und gelesen von allen Menschen! Können wirklich alle Menschen im Herzen des Paulus lesen? Vermutlich doch nur die, denen er sein Herz öffnet, ausschüttet – so wie er es in diesen Worten gerade tut!  Diese seltsame Zugänglichkeit bzw. Unzugänglichkeit – wer kann schon in das Herz des Paulus schauen – ist ein Argument dafür, dass Paulus das ganze Verfahren der Empfehlungen für unsinnig hält.

Seine Antwort ist vielmehr: Wenn ihr in euch selbst schaut, in eure eigenen Herzen, dann stoßt ihr doch auf das Evangelium. Geschrieben mit dem Geist des lebendigen Gottes. Es ist das Zeugnis des eigenen Herzens, das Paulus hier für die Korinther anzeigt. Ganz so, wie er es nach Rom schreiben wird: „Der Geist selbst gibt Zeugnis unserm Geist, dass wir Gottes Kinder sind.“ (Römer 8,16) Oder anders gesagt: „Die Gemeinde macht durch ihre Existenz erkennbar, dass sie ein Brief Christi ist.“(T. Schmeller, aaO. S.180) Adressiert nicht an das Herz des Paulus, sondern an die Welt.

 5 Nicht dass wir tüchtig sind von uns selber, uns etwas zuzurechnen als von uns selber; sondern dass wir tüchtig sind, ist von Gott, 6 der uns auch tüchtig gemacht hat zu Dienern des neuen Bundes, nicht des Buchstabens, sondern des Geistes. Denn der Buchstabe tötet, aber der Geist macht lebendig.

             „Gemeinde Jesu entdeckt man nicht nach moralischen Maßstäben. Es braucht jenen Blick, der unter allem Menschlichen und Brüchigen das Werk Jesu wahrnehmen kann. Gemeinde Jesu ist nie Idealgemeinde, nie Gemeinde von perfekten Heiligen.“(E. Schnepel, aaO. S. 66) Sie kommt aus Gott. Es sind nicht die missionarischen Fähigkeiten und Strategien des Paulus, die erfolgreich eingesetzt worden sind. Sondern Gott hat für seinen Weg in Anspruch genommen, was er bei Paulus an Tüchtigkeit und Fähigkeit gefunden hat.

            Das ist nicht Überhöhung der eigenen Leistungen. Das ist auch nicht falsche Demut, die sich nicht traut, zu den eigenen Leistungen zu stehen. Sondern so sieht Paulus sich und seine Gefährten – sie sind Diener des neuen Bundes. Sie tun, was Gott sie tun lässt und ihnen gelingt, was Gott gelingen lässt. Es ist Gottes Gabe, die seine Fähigkeit – καντης, hikanotes – ausmacht. Daran hängt für Paulus viel: Wir wirken die Werke Gottes, die er zuvor bereitet hat. So wird es auch ein Paulusschüler später schreiben: „Denn wir sind sein Werk, geschaffen in Christus Jesus zu guten Werken, die Gott zuvor bereitet hat, dass wir darin wandeln sollen.“(Epheser 2,10)

             Es ist wohl unwillkürlich mitzuhören: „Das soll der Bund sein, den ich mit dem Hause Israel schließen will nach dieser Zeit, spricht der HERR: Ich will mein Gesetz in ihr Herz geben und in ihren Sinn schreiben, und sie sollen mein Volk sein und ich will ihr Gott sein.“ (Jeremia 31,33) Und auch das wird für die Leserinnen und Leser des Briefes mitschwingen, dass sie bei der Mahlfeier hören: „Desgleichen nahm er auch den Kelch nach dem Mahl und sprach: Dieser Kelch ist der neue Bund in meinem Blut; das tut, sooft ihr daraus trinkt, zu meinem Gedächtnis.“ (1. Korinther 11,25) Auch da heißt es wie hier: καιν διαθκη.

            An die Stelle des alten Bundes – berit – tritt also ein neuer Bund. Es ist nicht der erste Bund, den Gott mit seinem Volk schließt. Die Hebräische Bibel kennt eine Abfolge von Bundesschlüssen – mit Noah, Abraham, dem Sinai-Bund, dem Haus Davids und dem Bund, der auf das Elend des Exils folgt. Das Neue an dem neuen Bund ist seine universale Ausweitung – auf alle, die sich rufen lassen.

            Dieser neue Bund sucht die Herzen, die innere Übereinstimmung. Ein Erfassen des Willens Gottes, das nicht äußerlich bleibt, sondern den ganzen Menschen durchdringt.  Man missversteht, wenn man hier nur Polemik gegen das geschriebene Gesetz des Alten Bundes hört. „Es geht nicht um „Geistigkeit“ und „Geistesfreiheit“ gegenüber einem engen Kleben am Buchstaben.“ (W. de Boor, aaO. S.74) Paulus weiß nur zu gut: Ohne dieses Geschriebene gibt es keinen Gehorsam, gibt es keine Überlieferung, geht die Spur der Worte Gottes verloren.

   Es geht um einen anderen Gegensatz: Gegenüber steht das wortwörtliche Verständnis, das sich an die einzelnen Wörter klammert und glaubt: Mit dem einen Wort, das fällt oder relativiert wird, geht alles verloren. Paulus dagegen weiß: Wer sich nur an den Buchstaben hängt, der hat keinen festen Halt. „Der buchstab ist nichts anderes denn das GESETZ ON GNAD. Also mügen wir wiederumb sagen, dass der geyst sey nit anders denn die GNAD ON GESETZ.“ (M. Luther, WA 7, 659, 2428 – zit. nach  T. Schmeller, aaO.;, S.189)

Es geht um den innersten Kern – die Botschaft von der Gnade Gottes, die allen gilt, die sie sich gefallen lassen. Die Botschaft, die in Christus Gestalt geworden ist und von Gott in der Auferweckung bestätigt. Diese Botschaft öffnet den Weg zum Leben. Sie findet den Weg in die Herzen durch den Geist.

 7 Wenn aber der Dienst, der den Tod bringt und der mit Buchstaben in Stein gehauen war, Herrlichkeit hatte, sodass die Israeliten das Angesicht des Mose nicht ansehen konnten wegen der Herrlichkeit auf seinem Angesicht, die doch aufhörte, 8 wie sollte nicht der Dienst, der den Geist gibt, viel mehr Herrlichkeit haben?

             Keine Abwertung, sondern eine Überbietung. Der Glanz auf dem Angesicht des Mose verblasst – das wird Paulus zum Bild: Es gibt einen Dienst des Gesetzes, der seine Zeit hat und der ein Ende hat. Paulus denkt gar nicht daran, die Herrlichkeit des Gesetzes zu leugnen. Aber er weiß: Das Gesetz ist „ein Zuchtmeister“ (Galater 3,24), der am Ende auf seine Überbietung hin führt – auf Christus. Durch das Kommen Christi ist der Dienst – wir würden heute wohl sagen: die Funktiondessen, das mit Buchstaben in Stein gehauen war, überholt.

9 Denn wenn der Dienst, der zur Verdammnis führt, Herrlichkeit hatte, wie viel mehr hat der Dienst, der zur Gerechtigkeit führt, überschwängliche Herrlichkeit. 10 Denn auch, was verherrlicht ist, ist nicht als Herrlichkeit zu achten gegenüber dieser überschwänglichen Herrlichkeit. 11 Denn wenn das Herrlichkeit hatte, was da aufhört, wie viel mehr wird das Herrlichkeit haben, was da bleibt.

 Was Paulus hier gewissermaßen sachlich und unpersönlich im Gegenüber Dienst, der den Tod bringt und mit Buchstaben in Stein gehauen war und Dienst, der den Geist gibt, formuliert, das sagt er in einem anderen Brief durch und durch persönlich gefärbt, bezogen auf die Werte seiner Vergangenheit: „Ich erachte es noch alles für Schaden gegenüber der überschwänglichen Erkenntnis Christi Jesu, meines Herrn. Um seinetwillen ist mir das alles ein Schaden geworden, und ich erachte es für Dreck, damit ich Christus gewinne.“ (Philipper 3,8) So über die Maßen herrlich ist die Herrlichkeit in Christus, dass alles andere dagegen verblasst, nicht konkurrenzfähig ist.

Der Vergleich verhüllt es ein wenig. Aber Paulus schwärmt hier regelrecht von seiner Aufgabe, von seinem Dienst. Er schwärmt von dem neuen Bund: „Sein Glanz ist so überwältigend, dass der erste Bund daneben ganz matt und glanzlos wirkt.“(K. Berger/C. Nord, aaO. S. 118) Etwas von diesem Glanz liegt so auch über dem Arbeiten des Paulus, seinem Dienst als Apostel. Paulus ist weit entfernt von routinierter Lustlosigkeit, bloßer Pflichterfüllung. Er ist begeistert.

Zum Weiterdenken

Hinter dem Denken des Paulus steht eine im Judentum damals verbreitete „Äonen-Theologie“: Zweitausend Jahre Tohuwabohu (Chaos), zweitausend Jahre Thora (Gesetz), zweitausend Jahre es messianischen Reiches.“(S. Ben Chorin, Paulus, München 1984, S. 60) Das ist für Paulus keine Frage mehr: In welcher Periode leben wir, in der der Thora oder in der des Messias? Für Paulus ist seit seiner Erfahrung vor Damaskus diese Frage entschieden: „Wenn mit dem Christus Jesus das dritte Kapitel der Weltgeschichte angebrochen ist, so wird es uns verständlich, dass für ihn rückblickend das Gesetz ein Zuchtmeister auf Christum hin war.“ S. Ben Chorin, aaO. S. 62)

Zu keinem Augenblick neigt Paulus dazu, das Gesetz zu entwerten oder gar zu verachten. „So ist also das Gesetz heilig, und das Gebot ist heilig, gerecht und gut.“(Römer 7, 12) schreibt dieser Lehrer der Christenheit.  Aber es ist ihm blass, relativiert, in seiner Wirkung zeitlich begrenzt im Vergleich zum Evangelium. Es leistet, wenn es seinen Zweck erfüllt, „Zubringerdienste“. Es ist gerade darin gut, dass es aufdeckt, wie es um uns steht, man kann sich nichts mehr über sich selbst vormachen durch den Spiegel des Gesetzes. Es treibt zu Christus, weil er in seiner Hingabe, seiner „Liebe die Erfüllung des Gesetzes ist.“(Römer 13,10)

Wenn der Messias schon gekommen ist, ist die Zeit der Thora vorbei. So kann wohl nur einer reden und schreiben, der von einer anderen, einer größeren Wirklichkeit regelrecht überwältigt und umgedreht worden ist. „Weil Paulus sich durch die Gegenwart Jesu vom Gesetz befreit fühlte, von dem Gesetz, dessen Joch er nicht mehrtragen konnte, fühlte er den Anbruch der Erlösung. Und weil die Erlösung angebrochen war, fühlte er da Ende des Gesetzes.“(S. Ben Chorin, aaO. S. 65)

Herr Jesus, Du bist Gottes Vergeben in Person. An Dir sehen wir, wie die Liebe Gottes über alle Schuld hinweg uns sucht, uns zu sich ziehen will. Dafür danke ich Dir, dass es für dieses Vergeben keine Grenze gibt. Es wird keine Zeit kommen, in der Dein Vergeben nicht allen Schaden heilt, alle Sünde zudeckt, alle Eigenmächtigkeit überwindet. Diese Zeit ist angebrochen und Du wirst sie zur Vollendung bringen – in Deiner Herrlichkeit.

Gib Du mir und uns allen doch, dass wir uns in Dein Vergeben bergen und so die Herrlichkeit schauen, für die wir bestimmt sind – von Anfang an. Amen