Zum Riechen

  1. Korinther 2, 12 – 17

 12 Als ich aber nach Troas kam, zu predigen das Evangelium Christi, und mir eine Tür aufgetan war in dem Herrn, 13 da hatte ich keine Ruhe in meinem Geist, weil ich Titus, meinen Bruder, nicht fand; sondern ich nahm Abschied von ihnen und fuhr nach Mazedonien.

             Troas liegt im Nordwesten Kleinasiens, der heutigen Türkei.  „In der Stadt oder ihrem Umland begann der Apostel mit einer erfolgreichen Mission.“ (T. Schmeller, aaO. S.144) Es ist Gott, selbst, der Herr, Kyrios – κυρίος, der ihm den Zugang öffnet – zu den Häusern und zu den Menschen. Das ist die Grundvoraussetzung für die Arbeit des Paulus: der Herr muss Menschen öffnen, muss Türen auftun, muss Herzen bereiten. „Es ist das Wirken Gottes, das sein Wirken trotz aller Schwächen und aller Rückschläge zum Erfolg bringt.“ (T. Schmeller, aaO. S.154) Das ist auch heute die Grundvoraussetzung aller Verkündigung.

Aber, auch wenn es in Troas „gut läuft“ mit dem Evangelium – Paulus findet keine innere Ruhe. Die Unruhe des Apostels hat einen Grund: Titus lässt auf sich warten. Er ist nicht am vereinbarten Treffpunkt. So macht sich Paulus auf die Suche nach ihm. Es mag nur eine Nebensächlichkeit sein, aber diese innere Ruhelosigkeit wegen eines Mitarbeiters, der nicht wie erwartet kommt, zeigt, wie Paulus „nicht einem starren Schema des Dienstes folgt, sondern der lebendige Mensch bleibt“(W. de Boor, aaO. S.60), der sich sorgt und der wegen seines Mitarbeiters Seine Pläne ändert. Erst kommen die Menschen! Das verstehe, wer will: Da ist ein Zugang zu Menschen und Paulus bricht ab, „mitten in dem Erfolg, zu dem ihn der Herr durch die geöffnete Tür geführt hat.“ (T. Schmeller, aaO. S.146)

 14 Gott aber sei gedankt, der uns allezeit im Triumph mitführt in Christus und offenbart den Geruch seiner Erkenntnis durch uns an allen Orten! 15 Denn wir sind für Gott ein Wohlgeruch Christi unter denen, die gerettet werden, und unter denen, die verloren werden: 16 diesen ein Geruch des Todes zum Tode, jenen aber ein Geruch des Lebens zum Leben.

             Es sind Gottes Siege, die Paulus feiert. Paulus ist nicht die Hauptfigur. „Paulus versteht sich in jeder Stunde seines Lebens als einer, der in einer großen Siegesparade mitziehen darf.“ (W. Schenk, aaO. S.107) Hier bezieht sich sein Dank auf die offene Tür in Troas, auf den Zugang zu den Menschen. Das sind Siege, wie sie die Welt nicht feiert. Diese Siege wie in Troas allerdings liegen nicht sozusagen offen zu Tage.

Denn vor aller Augen ist ja schlicht nur Paulus. Keine besonders ansehnliche Gestalt. Vor Augen ist auch nur der kleinen Anfang, ob in Troas oder die kleine Gemeinde in Korinth. Damit mehr gesehen werden kann, muss es zum Offenbaren kommen. „Das Verbum „offenbaren“ (φανερόω – phaneróo) bezieht sich entweder auf die geschehene Heilsoffenbarung (Römer 3,21; 16,26) oder auf die zukünftige (Kolosser 3,4); die Offenbarung im ersteren Sinne vollzieht sich durch die apostolische Missionspredigt.“(H.D. Wendland, aaO. S.176) Im griechischen Wort schwingt immer schon mit – es geht um ein Sichtbarwerden über das Sichtbare hinaus, um die verborgene Wirklichkeit Gottes. Wenn man so will: um Durchblick in die Transzendenz. 

Was hier geschieht, ist wirksam, aber auf die sanfte Art, wie ein Duft wirksam wird. Darum verwendet Paulus für seine Arbeit das Wort Wohlgeruch. σμ. Osme – unser Wort Osmose hat hier seine Herkunft. Er bleibt bei dem Duft und bestimmt ihn dann, noch einmal eindeutiger positiv: εωδα. Der Wohlgeruch verbreitet sich – unaufdringlich, aber auch unaufhaltsam. Näher als der „Wohlgeruch der Weisheit“ (Jesus Sirach 24,15) liegt mir die Erinnerung an die Salbung in Bethanien, zumal hier das gleiche Wort σμ für den Geruch verwendet wird: „Das Haus aber wurde erfüllt vom Duft des Öls“ (Johannes 12,3) Wird dort das ganze Haus mit dem Duft des Öls erfüllt, so erfüllt Paulus den ganzen Erdkreis mit dem Wohlgeruch der Erkenntnis Christi. 

 Man darf aber nicht überlesen: Was so duftet, was durch die Verkündigung geschieht, bewirkt auch Trennung. Scheidung, die in der Gegenwart beginnt, auch wenn sie noch nicht abgeschlossen ist. Paulus weiß aus seiner Arbeit nur zu gut: Das Evangelium, sein Evangelium findet nicht überall offene Türen und offene Herzen. „An der Gotteserkenntnis, die Paulus mitteilt – sie dringt ja durch alles hindurch – scheidet sich die Menschheit in Gerettete und Verlorene; das Wort des Apostels wirkt Tod und Leben, Verderben und Heil.“(H.D. Wendland, ebda.) Das ist die Sicht des Paulus. Die Frage an uns Heutige ist: Teilen wir diese Sicht von der scheidenden Wirkung des Evangeliums eigentlich noch?

 Und wer ist dazu tüchtig? 17 Wir sind ja nicht wie die vielen, die mit dem Wort Gottes Geschäfte machen; sondern wie man aus Lauterkeit und aus Gott reden muss, so reden wir vor Gott in Christus.

             Wozu tüchtig? κανς. „Geeignet. Imstande. Fähig. Geschickt.“ (Gemoll, aaO., S.385) Ein Wohlgeruch Gottes zu sein? Den Auftrag, das Evangelium weiter zu sagen? Das ist kein Amt, zu dem man sich bewerben könnte. Da ist keiner, der von sich aussagen dürfte: Ich kann das. Ich bin dafür brauchbar. Man kann diese Frage so lesen: „Paulus wolle zeigen, dass ein solcher Dienst für Menschen grundsätzlich unmöglich sei.“ (T. Schmeller, aaO. S.165)

             Mir scheint, hier liegt ein verborgener Hinweis auf eine andere Erfahrung vor: Paulus ist zu seinem Aposteldienst berufen. Er hat sich nicht selbst dazu gemacht. Er ist kein selbsternannter Apostel oder Missionar.  Er hat sich nicht selbst in den Dienst Gottes, den Dienst Christi gestellt, sondern er ist gestellt und gerufen worden. Und er übt seinen Dienst aus Lauterkeit und aus Gott aus. Genötigt durch Gott und geleitet durch seinen Geist. Darin fühlt sich Paulus deutlich unterschieden von anderen, denen er unterstellt, dass die mit dem Wort Gottes Geschäfte machen. Es ist die gleiche Unterstellung, die heute viele „Profi-Christen“ trifft: Die reden ja nur so, weil sie dafür gut bezahlt werden. Keine Frage: Solche Unterstellungen können tief verletzen. Sie müssen nicht stimmen. Sie rücken nur die Motive anderer ins Zwielicht.   

 Zum Weiterdenken

            Ich lese diese Sätze auch als eine Anfrage an die heutige Praxis, kirchliche Leitungsämter zu besetzen. Es gab Zeiten, in denen konnte man sich nicht auf das Amt eines Kirchenpräsidenten, eines Bischofs bewerben. Man wurde gefragt – und dann vielleicht berufen. Heute kann man sich melden: Ich will das. Ich fühle mich geeignet. Die alte Praxis der Berufung in solche Aufgaben war in meinen Augen sachgemäßer. Ich bin an dieser Stelle sehr zögerlich, Ausschreibung und Bewerbung für einen guten Weg zu halten. Nicht zuletzt deshalb, weil ich die Last solcher Leitungsämter ahne.

            Und, noch einmal anders und persönlich: ich bin tief dankbar dafür, dass mein Weg in den Verkündigungsdienst nicht so angefangen hat, dass ich den Finger gehoben hätte und gesagt hätte: Ich kann das. Ich bin – ohne alles Zutun von meiner Seite – gerufen worden und habe diesen äußeren Ruf – die vocatio externa – immer als eine Berufung geglaubt. Sie ist mir dann auch zur vocatio interna, zur inneren Berufung geworden. Das hat mich manchmal in Zeiten großer Belastung getragen und getröstet. Mir geholfen, bei der Sache zu bleiben.

 

Mein Gott, das möchte ich, dass von mir ein guter Geruch ausgeht, der für das Leben spricht, der nichts vom Gestank des Todes an sich hat. Das möchte ich gerne, dass man mir abspüren kann: Es geht mir um Dich. Nur um Dich, weil Du das Glück meines Leben bist.

Heiliger Gott. Erfülle mich mit Deinem Geist und Deiner Liebe, damit ich Dir diene mit einem lauteren Herzen. Amen

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