Zwischen Freude und Traurigkeit

  1. Korinther 2, 1 – 11

 1 Ich hatte aber dies bei mir beschlossen, dass ich nicht abermals in Traurigkeit zu euch käme. 2 Denn wenn ich euch traurig mache, wer soll mich dann fröhlich machen? Er, der von mir traurig gemacht wird? 3 Und eben dies habe ich geschrieben, damit ich nicht, wenn ich komme, von denen traurig gemacht werde, über die ich mich freuen sollte. Habe ich doch zu euch allen das Vertrauen, dass meine Freude euer aller Freude ist.

             Hat Paulus seinerzeit in Korinth Traurigkeit erfahren, Trübsinn? Oder spielt er an auf die vielen Nachrichten aus der Gemeinde, die ihn zu seinem ersten Brief gebracht haben, dem man ja über weite Strecken den Schmerz nur zu sehr anspüren kann? Oder gibt es einen Zwischenbesuch, von dem wir nichts wissen und der so traurig für ihn war? Auch diese Vermutung gibt es: „Statt des Besuchs schickt Paulus der Gemeinde den sogenannten Tränenbrief“ (T. Schmeller, aaO. S. 122) Diesen Brief kennen wir nicht. Er ist wohl verloren gegangen. Jedenfalls ist das der Grundgedanke des Paulus – nicht noch einmal in Traurigkeit. Nicht per Post und nicht beim Besuch.

Denn: Wie aus der Falle der Traurigkeit herauskommen? Wer einmal in der Traurigkeit festsitzt, der ist manchmal wie eingemauert. Nichts erreicht ihn mehr. Nicht freut ihn mehr. Alles ist irgendwie grau in grau. Paulus weiß: Es liegt an ihm selbst – er muss den Ausweg finden und gehen. Er kann nicht erwarten, dass andere ihn aufheitern, ihm Gründe zur Freude liefern.  Er muss einen Weg finden, um die verfahrene Lage zu wandeln.

Weil er niemand für die eigene Freude verantwortlich machen kann, hält er sich und den Korinthern vor Augen: meine Freude ist euer aller Freude – und umgekehrt: Ihr seid meine Freude. So wie sie auch sein Ruhm (1,14) sind. Es ist das Suchen nach einem anderen Ton im miteinander – nicht mehr nur Kritik, nicht mehr nur Belehrung, nicht mehr nur Richtigstellungen – Freude. Die Freude, so hofft Paulus, könnte das Fundament einer neuen, heilen Beziehung zwischen ihm und der Gemeinde sein.

 4 Denn ich schrieb euch aus großer Bedrängnis und Angst des Herzens unter vielen Tränen; nicht damit ihr betrübt werden sollt, sondern damit ihr die Liebe erkennt, die ich habe, besonders zu euch.

             Um den Wechsel, auf den er hofft, in den Vordergrund zu rücken, erinnert Paulus an einen früheren Brief, einen, den er verfasst hat aus großer Trübsal und Angst des Herzens unter vielen Tränen. Ein „Tränenbrief“. In der jüngeren Auslegungsgeschichte wird oftmals die These vertreten, die Kapitel 2. Korinther 10 – 13 seien dieser Tränenbrief. Aber es gibt auch die andere Überzeugung, der ich zuneige: Der Tränenbrief ist „ein verloren gegangener Zwischenbrief, ein zwischen dem 1. Korintherbrief und dem 2. Korintherbrief an die Gemeinde gesandtes Schreiben.“ (T. Schmeller, aaO. S.130) Wir können nur vermuten, was seine Kerninhalten waren.

5 Wenn aber jemand Betrübnis angerichtet hat, der hat nicht mich betrübt, sondern zum Teil – damit ich nicht zu viel sage – euch alle. 6 Es ist genug, dass derselbe von den meisten gestraft ist, 7 sodass ihr nun ihm desto mehr vergeben und ihn trösten sollt, damit er nicht in allzu große Traurigkeit versinkt. 8 Darum ermahne ich euch, dass ihr Liebe an ihm beweist.

             Eine Vermutung geht in diese Richtung: Paulus hat in einer bitteren und schmerzensreichen Auseinandersetzung mit einem Gemeindeglied um die Unterstützung der anderen Gemeindeglieder gekämpft. Er hat sie auf seine Seite ziehen wollen und hat es auch tatsächlich erreicht. Sie haben Paulus unterstützt und seinen Gegner gestraft. „Die Mehrheit der Gemeinde hat eine Rüge oder Strafe beschlossen, die den Betreffenden in Verzweiflung zu stürzen und damit über das Ziel hinauszuschießen droht.“(T. Schmeller, aaO. S.133) Darum schreibt Paulus: Jetzt ist es genug. Jetzt ist Zeit zu vergeben, Zeit zu trösten. Zeit für einen neuen Anfang. Auch der, der sich so gegen Paulus gestellt hat, soll nicht in allzu große Traurigkeit versinken. Strafen wird falsch, wenn es zur Vernichtung führt, wenn es dazu führt, dass einer sich von der Gemeinde abwendet, sich ausgestoßen fühlt. Das Ziel von Konflikten und Streit in der Gemeinde ist nie der Sieg der einen Seite, sondern immer, dass alle neu zusammenfinden. Dass die Freude siegt. Darum ermutigt und ermahnt Paulus: Zeigt ihm Liebe. Zeigt ihm, wie viel euch an ihm liegt.

            Der Abschnitt lebt von der Spannung zwischen Freude und Traurigkeitχαρ oder λπη. Es mag schier unausweichlich sein, dass es zu Traurigkeiten kommt. Das Ziel für Paulus aber ist die Freude. Und die Liebe – γπη, Agape – ist der Weg dorthin. Wenn Paulus nun das Schweigen bricht du wieder schreibt – und vielleicht auch wieder kommt, dann ist auch da das Ziel die Freude. Seine und die der Korinther.

9 Denn darum habe ich auch geschrieben, damit ich erkenne, ob ihr rechtschaffen seid, gehorsam in allen Stücken. 10 Wem aber ihr etwas vergebt, dem vergebe ich auch. Denn auch ich habe, wenn ich etwas zu vergeben hatte, es vergeben um euretwillen vor Christi Angesicht, 11 auf dass wir nicht überlistet werden vom Satan; denn uns ist nicht unbekannt, was er im Sinn hat.

             Noch einmal kommt Paulus auf seinen vorigen Brief zurück. Es ging nicht nur um den Streit, sondern es ging auch darum, dass die Gemeinde Klarheit gewinnt. Dass sie sich bewährt. „Die Qualität der Gemeinde wird an ihrem Gehorsam erkennbar.“ (T. Schmeller, aaO.; S.138) Aber wie ist der Gehorsam zu verstehen? Immerhin – diesen Satz schreibt der, der sich selbst als „Mitarbeiter an der Freude“ (1,24) bestimmt hat, der ausdrücklich verzichtet hat: wir sind nicht die „Herren über euren Glauben“(ebda). Und damit müsste es klar sein: es geht nicht um blinden Gehorsam, schon gar nicht gegen Paulus. Es geht um den Gehorsam, ich sage lieber, um die Übereinstimmung mit dem Evangelium. Um ein Handeln, dass sich an Jesus Christus und seinem Erbarmen orientiert.

            Es ist konsequent, dass Paulus noch einmal das Vergeben ins Zentrum rückt. Wenn man so will: Vergeben ist göttlich.  Nicht Vergeben ist ein Verhalten, das dem Satan in die Hände spielt. „Sein Werk ist die Zerstörung und Entzweiung der Gemeinde durch Feindschaft und Hass. Der Satan ist ein Feind des Friedens und der vergebenden Liebe.“ (H.D. Wendland, aaO. S.175) Wer den Frieden sucht, wer dem Erbarmen Raum gibt, der gräbt ihm das Wasser ab.

Zum Weiterdenken

             Was bewegt Paulus, dass er so um einen Neuanfang ringt? Man könnte glauben: Er hat nicht nur wegen des Streites ein schlechtes Gewissen. Man könnte auch auf die Idee kommen: Er ist nicht sonderlich konfliktfähig. Dass es mit der Gemeinde, die er doch gegründet hat, so schwierig ist, macht ihm zu schaffen. Alles möglich, vielleicht sogar alles richtig. Und doch: Mir scheint, dass Paulus mehr von einem positiven Ziel her kommt. Er will mit der Gemeinde einen Weg nach vorne gehen. Auf dem Weg, den die Liebe weist. Auf dem Weg, der von der Vergebung seine Dynamik gewinnt.  Vergeben ist nichts Schwächliches. Vergeben ist ein Akt der Stärke. Vergeben ist aktiver Widerstand gegen das Böse und den Bösen. Das soll die Gemeinde sein – ein Ort des Sieges über das Böse.  

 

Weil Du die Freude willst, mein Gott, vergibst Du. Weil Du Dich freuen willst an Menschen, die umkehren zu Dir, die aufbrechen aus ihren alten Wegen, vergibst Du. Weil Du unsere Freude suchst, machst Du Dich auf und suchst uns, auch da, wo die Freude erloschen scheint.

Du vergibst Dir nichts in Deinem Vergeben. Du öffnest uns den Weg in Deine Freude. Amen