Mutig!

  1. Korinther 1, 1 – 11

1 Paulus, Apostel Christi Jesu durch den Willen Gottes, und der Bruder Timotheus an die Gemeinde Gottes in Korinth samt allen Heiligen in ganz Achaja:

             So fängt man in der Antike einen Brief an, indem man sich selbst vorstellt und den Empfänger angibt. So hält es auch Paulus immer, weshalb sich auch seine Briefanfänge so ähneln. Auch im ersten Brief nach Korinther hat er es hervorgehoben: er ist was er ist – Apostel Jesu Christi – weil das Gottes Wille ist. Paulus schreibt seinen Brief, wieder wie beim ersten Brief auch diesmal nicht allein: Timotheus wird als Mit-Autor genannt.

            Allerdings: „Der Brief lässt sonst nirgends erkennen, dass Timotheus mit zu Wort käme.“ (T. Schmeller, Der zweite Brief an die Korinther 1,1 – 7,4, EKK VIII/1, Neukirchen 2010, S. 52) Darauf aber kommt es wohl auch gar nicht an. Sondern die Nennung des Timotheus ist ein Signal: „Der Brief gibt mehr als nur den Standpunkt des Paulus wieder.“ (T. Schmeller, ebda.) Es ist ein Schreiben, das aus der Paulus-Gruppe stammt. Sie steht kollegial hinter dem Apostel. Das unterstreicht den offiziellen Charakter – „amtlich“ wäre in dieser Früh-Zeit des Glaubens allerdings zu viel gesagt.

Es ist mutig, diesen Brief zu schreiben! An eine Gemeinde, in deren Verhältnis zwischen ihm und der Gemeinde ziemlich alles festgefahren. war. Er schreibt einen „Versöhnungsbrief.“ (W. Schenk, Gemeinde im Lernprozess, Die beiden Korintherbriefe, Bibelauslegung für die Praxis 22, Stuttgart 1979, S.17) Paulus hat diese Gemeinde gegründet, sich um sie gekümmert und sich für sie stark gemacht. Aber dann hatten sich andere eingemischt und es kam zu Streit und Missverständnissen. Schließlich hatte Paulus für einige Verhaltensweisen sehr deutliche Worte gefunden – das machte ihn der Gemeinde fremd. Plötzlich stehen zwischen dem Gemeindegründer Paulus und der Gemeinde in Korinth gegenseitige Verurteilungen. Sie werden zu schier unüberwindlichen Mauern.

Aber, es mag sein, wie es ist, es mag tiefe Spannungen gegeben haben – das ändert nichts: Sie sind die Gemeinde Gottes in Korinth, alle Heiligen in ganz Achaja. Das ist der erste Schritt über alle Missstimmungen hinaus: Ihr bleibt für mich Gottes Gemeinde. „Die Gemeinde Gottes lebt nicht nur in der unsichtbaren Welt, sondern sichtbar und real auf Erden – so tatsächlich, dass in Brief sie erreichen kann. Sie besteht aus tatsächlichen Menschen, die man mit Namen kennen und ansprechen kann.“ (E. Schnepel, Das Werk Jesu in uns und durch uns, Stuttgart 1972, S. 10)

 2 Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus!

             Kein Wunsch. Ein Zuspruch. Und indem er es den Korinthern zuspricht rechnet er damit: das ist die Wirklichkeit, die euch bestimmt: Gnade und Friede. χρις und ερνη. Das sind keine Allerweltsworte – das ist das Fundament, auf dem Christenleben sich entfaltet, von dem es getragen wird.  

3 Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus, der Vater der Barmherzigkeit und Gott allen Trostes, 4 der uns tröstet in aller unserer Bedrängnis, damit wir auch trösten können, die in allerlei Bedrängnis sind, mit dem Trost, mit dem wir selber getröstet werden von Gott.

             Nahtlos schließt sich ein Lobruf auf Gott an. Indem ein Wort in die Mitte gerückt wird: Trost.  παρακλήσις. Gott ist Trost. Aller Trost hat seine Wurzel in dem tröstenden Gott: Er schenkt den Trost, damit wir – so sagt Paulus trösten können.

5 Denn wie die Leiden Christi reichlich über uns kommen, so werden wir auch reichlich getröstet durch Christus. 6 Werden wir aber bedrängt, so geschieht es euch zu Trost und Heil;. werden wir getröstet, so geschieht es zu eurem Trost, der sich wirksam erweist, wenn ihr mit Geduld dieselben Leiden ertragt, die auch wir leiden. 7 Und unsre Hoffnung steht fest für euch, weil wir wissen: wie ihr an den Leiden teilhabt, so werdet ihr auch am Trost teilhaben.

             Weil er auf diesen Trost baut, kann Paulus „die schweren Erfahrungen, durch die der Apostel hindurchgegangen ist“, (H.D. Wendland, die Brief an die Korinther, NTD 7, Göttingen 1968, S.168), andeuten und zur Sprache bringen. Ohne Einzelheiten aufzählen zu müssen.  Denn ihm geht es nicht darum, als Leiden groß dazustehen. Sondern: „Was der Apostel immer erfährt, Bedrängnis oder Trost, das kommt der Gemeinde zugute. Die Gemeinschaft zwischen ihm und der Gemeinde ist eine Leidens- und Trostgemeinschaft.“(H.D. Wendland, ebda.) Kein Schönwetterpakt.

8 Denn wir wollen euch, liebe Brüder, nicht verschweigen die Bedrängnis, die uns in der Provinz Asien widerfahren ist, wo wir über die Maßen beschwert waren und über unsere Kraft, sodass wir auch am Leben verzagten 9 und dachten bei uns selbst, zum tode verurteilt zu sein.

             Es ist die Wirklichkeit der ersten christlichen Gemeinden: sie sind kleine Gruppen im Gegenwind.  Misstrauisch beobachtet. Oft genug bedrängt. θλψις, Bedrängnis. Trübsal, Enge ist nicht von ungefähr ein Wort, das oft auftaucht, wenn es darum geht, die Situation der Gemeinden zu beschreiben. Manchmal ist die Bedrängnis so hart, dass alles am Ende erscheint, dass nichts zu bleiben scheint als am Leben verzagen. Jetzt ist es vorbei. 

            Schon diese dürren Sätze zeigen: Bei Paulus ist der Glaube, ist Christsein kein Garantieschein für Sorgenfreiheit und leichtes Leben, für Euphorie und andauernde, wachsende Glücksgefühle. Christen haben nicht dieses „ewige Lächeln der Erlösten“ um den Mund. Man könnte den entsprechenden Satz auch so übersetzen: „Wir selbst haben uns ja, dadurch, dass wir Christen wurden, einen Todesbescheid ausgestellt.“(W. Schenk, aaO.; S.104) Es geht manchmal über die seelischen und auch die körperlichen Kräfte.

Das geschah aber, damit wir unser Vertrauen nicht auf uns selbst setzten, sondern auf Gott, der die Toten auferweckt, 10 der uns aus solcher Todesnot errettet hat und erretten wird. Auf ihn hoffen wir, er werde uns auch hinfort erretten. 11 Dazu helft auch ihr durch eure Fürbitte für uns, damit von vielen auf vielfältige Weise um unsertwillen Dank dargebracht werde für die Gabe, die uns gegeben ist.

             In solcher Enge, schwer bedrängt hat Paulus Rettungserfahrungen gemacht. Die ihn vor dem Tod bewahrt haben. Nicht, weil er immer noch, gerade rechtzeitig, einen Ausweg gefunden hätte. Auch nicht unter dem Motto: „Wenn du glaubst, es geht nicht mehr, kommt von irgendwo ein Lichtlein her.“ Paulus könnte einiges aufzählen, was er an schwersten Gefährdungen erlebt und überlebt hat. Später wird er das auch wirklich tun. Hier erspart er sich das, weil es ihm allein darauf ankommt: Gott hat uns aus solcher Todesnot errettet hat. Das macht ihn gewiss: Gott bleibt sich darin auch in Zukunft treu. Er wird erretten. Er ist von der Art, dass er aus den Toten auferweckt. Das ist das stärkste Bild, das Paulus für seine eigenen Erfahrungen zur Verfügung steht. Die Hoffnungen des Paulus speisen sich doppelt – aus seinen Erfahrungen in der Vergangenheit und aus dem, wie er Gott, Christus in solchen Erfahrungen kennen gelernt hat.

            Es kann gut sein: Er wird erretten öffnet den Blick weit über die Zeit hinaus. Auch am jüngsten Tag, auch im Gericht wird Gott sich als der erweisen, der errettet. Alle, die sich sein Retten gefallen lassen.

            Die Korinther sind nicht mit in diesen Gefährdungen. Sie machen nicht alles mit, was Paulus mitmacht. Aber ihre Fürbitte trägt Paulus und seine Leute. So haben sie nicht nur Anteil an seinem Wohlergehen. Sondern sie bewahren ihn regelrecht und tragen dazu bei, dass er tun kann, was ihm aufgetragen ist: Dass er das Evangelium weitertragen kann – das ist ja seine Gabe – und dass Menschen dafür dankbar werden.

Zum Weiterdenken

Trost – als Kinder haben wir alle wohl ähnliches erfahren: Wenn wir hingefallen sind, wenn wir uns das Knie aufgeschlagen haben, wenn wir uns nicht mehr mit Freunden verstanden haben, wenn die ganze Welt gegen uns war, dann sind wir zur Mutter oder zum Vater gelaufen. Wir haben unser Leid geklagt. Auf dem Schoß der Mutter, des Vaters konnten wir uns ausweinen – und wussten irgendwie zugleich: Der Schmerz ist nicht das Ende aller Dinge. Obwohl vieles ungeklärt bleiben mochte, das Knie noch wehtat, der Freund nicht wiederkam, war uns geholfen, waren wir getröstet. So dürfen wir von Gott denken!

Trost – das ist also, dass wir mitten in der harten Realität einen Beistand haben, einen, der uns zugetan ist. Trost ist, dass wir wieder einen weiten Horizont „sehen“ können. Es gilt nicht nur das, was vor Augen ist. Es ist nicht wahr, dass alles nur schwierig, nur verfahren, nur schmerzhaft ist – Trost verspricht neue Wege über den Schmerz hinaus, einen Weg, der auch in der Sackgasse nicht endet.  Es ist schrecklich, trostlos leben zu müssen, nicht bei Trost zu sein: um sich herum nur das Gefängnis der Ausweglosigkeiten, nur die Mauern der Ratlosigkeiten, nur den Schmerz und die Angst – und darin ganz allein zu sein. Es ist schrecklich, wenn es keine Perspektive gibt, die einen hoffen machen kann.

„Bist du noch bei Trost?“ So fragen wir leicht einmal, wenn einer außer Rand und Band ist, die Fassung verloren hat, die Haltung verliert. Bei Trost sein – das ist in Ordnung sein. Seelisch im Gleichgewicht. Nicht erschüttert, weil nicht alles so läuft wie gewünscht. Mir geht der Satz nach, vor Jahren gehört: „Wir alle sind trostbedürftiger als wir es wahrhaben wollen.“(Johanna. Jesse) Es ist nicht so weit her mit der stabilen Mitte in uns selbst. Manchmal reicht es, einen zu haben, der einem zuhört in den eigenen Ängsten.

Manchmal braucht man einen, der mit einem geht.                                              Manchmal braucht man einen, der einen versteht.                                                 Manchmal finden wir alleine nicht den Weg zurück.                                            Manchmal braucht man eine Hand zum Glück.“                                                                         C. Bittlinger, Fingerspitzengefühle 2004

Darum redet Paulus von dem Trost, der uns von außen zukommt. Gehalten. „Behütet und getröstet wunderbar.“ (D. Bonhoeffer) Zum Getröstet-Sein reicht, dass Gott nah ist, da ist, der Halt, der Fels, Vater allen Trostes. Zuflucht in allen Ängsten und Nöten.

Trost ist nichts anderes als diese Perspektive zu finden, die Hoffnung ins Dunkel bringt, einen neuen Weg in eine verfahrene Situation. Das mag der so einfache Satz signalisieren: „Alles wird gut.“ Das glauben wir Christen. Allerdings nicht, weil wir Menschen alles zurecht bringen, weil wir am Ende doch alle Probleme gelöst bekommen und irgendwie in den Griff kriegen. Sondern weil es Gottes Sache ist, diesen Trost zustande zu bringen.

Wer selbst getröstet worden ist, wird merken, wem er zum Tröster werden kann. Wer selbst gelernt hat, über die engen Grenzen hinauszusehen, die die tausend Schwierigkeiten des Lebens uns stecken wollen, der wird auch lernen, anderen zu helfen, neue Zukunft zu sehen und neue Schritte zu gehen. Davon bin ich überzeugt: Jedem, der sich von Gott trösten lässt, so dass er seine Zukunft in der Hand Gottes glaubt, den will Gott auch gebrauchen, dass er diesen Trost weitergibt – mit Worten, mit Zeichen der Freundschaft, mit seiner Aufmerksamkeit für die, die am Leben schwer zu tragen haben.

 

Wie gut, mein Gott, dass Du der Gott allen Trostes bist, dass ich mich zu Dir flüchten darf, wenn ich nicht mehr bei Trost bin.  Wie gut, dass Du so trösten kannst, dass wir neuen Mut fassen, neue Hoffnung auch in trostlosen Situationen.

Wie gut, dass Du uns Menschen zur Seite stellst, deren Worte uns neu aufrichte können, die sich uns so zuwenden, dass uns der Rücken gestärkt wird. Ich danke Dir für allen Trost, den ich erfahren habe und auch dafür, dass ich – manchmal – trösten darf ohne zu vertrösten. Amen