Beschenkt leben

Markus 10, 28 – 31

 28 Da fing Petrus an und sagte zu ihm: Siehe, wir haben alles verlassen und sind dir nachgefolgt.

             Erschrecken über die Worte Jesu ist das eine. Auch Petrus sitzt der Schrecken über diese harte Botschaft: Bei den Menschen unmöglich in den Knochen. Aber er weiß ja, was ihn und die anderen, die um Jesus herum sind, von dem, der da eben gegangen ist, unterscheidet: wir haben alles verlassen.

             Für Petrus ist das keine theoretische Überlegung geblieben: loslassen. Sich lösen vom Besitz. Sich lösen aus der Geschichte des eigenen Lebens, wie sie bis dahin gelaufen ist.  Petrus mag begriffsstutzig sein, aber er ist kein Theoretiker des Glaubens. Und dass er und die anderen jetzt hier bei Jesus sind, irgendwo auf dem Weg in Galiläa, das ist doch Folge: wir sind dir nachgefolgt.

             Das Missliche an der Feststellung des Petrus: sie klingt wie eine Erfolgsmeldung. Sie hat etwas von: Wir haben es doch gemacht. Gut gemacht.

  29 Jesus sprach: Wahrlich, ich sage euch: Es ist niemand, der Haus oder Brüder oder Schwestern oder Mutter oder Vater oder Kinder oder Äcker verlässt um meinetwillen und um des Evangeliums willen, 30 der nicht hundertfach empfange: jetzt in dieser Zeit Häuser und Brüder und Schwestern und Mütter und Kinder und Äcker mitten unter Verfolgungen – und in der zukünftigen Welt das ewige Leben.

             Aber so wenig Jesus den reichen Mann gerügt hatte für sein: „das habe ich alles gehalten von meiner Jugend auf.“ (10,20), so wenig widerspricht er Petrus jetzt. In diesem Verzicht auf Widerspruch steckt die Anerkennung: Du sagst die Wahrheit. Die Jünger wären nicht da, wenn sie sich nicht vom See gelöst hatten, wenn sie nicht ihre Arbeit aus den Händen gegeben hätten, wenn sie nicht ihre Familien zurück gelassen hätten. Sie wären nicht da, wenn sie nicht hinter Jesus her gegangen wären.

Jesus nimmt in seiner Antwort auf, was Wirklichkeit der Jünger und vieler in den ersten Gemeinden ist. „Das Haus ist dabei nicht ein Gebäude, sondern die Familie.“ (W. Klaiber, aaO. S. 196) Die nachfolgende detaillierte Aufzählung der Verwandtschaftsgrade und der zugefügte Besitz zeigen: Es geht um so etwas wie einen völligen Bruch. Ein Auswandern aus den seitherigen Lebensverhältnissen. Nicht als Forderung, der man zu genügen hatte, sondern als Wirklichkeit, die sich ergeben hat.

Ergeben aus der Hingabe an das Evangelium. Aus der Zuwendung zu Jesus. Vor allem die Wendung um des Evangeliums willen zeigt, dass hier eben nicht nur die versammelte Jüngerschar, die Jesus umsteht, im Blick ist. Hier ist die Rede von der Erfahrung der Gemeinde. Von der Erfahrung nach Ostern.

             Aber auch hier: Es geht nicht um Verzicht, nicht um eine Ethik, die die Verluste rühmt. Sondern das Wort Jesu ist eine Verheißung! „Es ist der schönste Lohn, den Jesus schon hier auf Erden in Aussicht gestellt hat: dass man Menschen, die man niemals zuvor kannte, als „geschwisterlich erlebt.“ (E. Drewermann, aaO. S. 126) Die Verluste werden mehr als ausgeglichen. Und das nicht erst in einem irgendwie fernen Jenseits, sondern schon jetzt in dieser Zeit.

Es ist die Nüchternheit, die die Gegenwart nicht verklärt. Was die Jünger erleben, was da geschieht,  ereignet sich mitten unter Verfolgungen. Aber – das ist die Botschaft – auch in diesen Verfolgungen erfahren sie, dass alle Schmerzen bei weitem aufgewogen sind durch das Geschenk der Gemeinde. Das ist gemeint mit Häuser und Brüder und Schwestern und Mütter und Kinder und Äcker.

Es stimmt wohl: „Praktisch wird uns mit der Rückerstattung von Häusern und Familien in diesem Leben ein Spiegel der Gemeinde vorgehalten, die sich als Bruderschaft versteht und in der man zu teilen bereit ist…. Die Erwartung oder Verheißung ist gleichzeitig Verpflichtung für die Gemeinde, die den ihr übertragenen Bruderschaftsgedanken verwirklichen muss.“(J. Gnilka, aaO. S. 93) Zum Glück gibt es bis heute solche bruderschaftlichen Ansätze, die wie Leuchtfeuer ausstrahlen, auch für solche, die dem Glauben tief skeptisch gegenüber stehen.

Aber auch das gehört dazu: So reich auch die Gemeinde sein mag, so großartig es auch sein mag, hier schon zu erfahren, dass alles Hingeben in ein neues Empfangen mündet – das große Empfangen steht in der Zeit noch aus. Aber es kommt gewiss: in der zukünftigen Welt das ewige Leben.

 31 Viele aber werden die Letzten sein, die die Ersten sind, und die Ersten sein, die die Letzten sind.

             Abschluss der ganzen Passage ist ein Wort, „das auch ohne den Zusammenhang unserer Spruchreihe umlief.“ (J. Schniewind, aaO. S. 136) Im Zusammenhang hier schiebt es aller Selbstgefälligkeit von Christen einen Riegel vor. Es verhindert, dass man aus dem eigenen Ist-Zustand so etwas wie eine Garantie für Zukünftiges macht. Die Zukunft in der zukünftigen Welt, das ewige Leben bleibt Gottes freie Gabe.

Zum Weiterdenken

Ich gestehe mir ein: Was ewiges Leben ist, weiß ich nicht. Ich habe keine Vorstellung, wie es aussehen wird, sich anfühlen wird. Ich liebe die Bilder vom himmlischen Jerusalem, von der Erfüllung, wie sie Jesaja sieht: „Es sollen keine Kinder mehr da sein, die nur einige Tage leben, oder Alte, die ihre Jahre nicht erfüllen, sondern als Knabe gilt, wer hundert Jahre alt stirbt, und wer die hundert Jahre nicht erreicht, gilt als verflucht. Sie werden Häuser bauen und bewohnen, sie werden Weinberge pflanzen und ihre Früchte essen. Sie sollen nicht bauen, was ein anderer bewohne, und nicht pflanzen, was ein anderer esse. … Sie sollen nicht umsonst arbeiten und keine Kinder für einen frühen Tod zeugen.“ (Jesaja 65, 20 -22a. 23) Aber ich weiß: Es sind nur Bilder. Alle Bilder für die Ewigkeit, auch die biblischen bleiben zurück hinter der Realität des ewigen Lebens, können sie nicht abbilden. Wir haben keine angemessene Sprache für die Zukunft in Gott. Nur unser irdisches Gestammel, die Sehnsucht und die Liebe. Aber vielleicht reicht das ja auch – Sehnsucht und Liebe.

 

Herr Jesus, Du hast mich überreich beschenkt. Du hast mir Freunde gegeben, die mich ein Leben lang begleiten. Brüder und Schwestern. Du hast meinen Lebensweg gesegnet. Du hast mich fernab von allem Mangel leben lassen. Deinem Geben und Schenken gegenüber ist all mein Loslassen ohne Gewicht, mein Verzichten ein Nichts. Ich danke Dir für Deine Fülle. Amen