Geschenkt

Markus 10, 13 – 16

13 Und sie brachten Kinder zu ihm, damit er sie anrühre. Die Jünger aber fuhren sie an.

             Diese Szene wird wohl, so legt es der Zusammenhang nahe, im Haus stattfinden. Es kommen Leute, die nicht näher bezeichnet werden und bringen Kinder zu Jesus. παιδα. Für den Vorgang spielt es keine Rolle, wer diese Leute sind – ob die Eltern, Verwandte oder wer auch immer. Ihr Anliegen: Er soll sie anrühren. πτω„berühren erfassen“ (Gemoll, aaO. S. 117). Das griechische Wort hat nicht wie von selbst eine religiöse Bedeutung. Es taucht an sehr bedeutsamer Stelle im Mund des auferstanden auf: Rühre mich nicht an. (Johannes 20,17) Worum es also denen geht, die die Kinder zu Jesus bringen, muss offen bleiben. Es kann sein: Er soll sie durch ein Berühren segnen. Ihnen Kraft aus seiner Kraft vermitteln.

Es ist wie eine Wiederholung: In Betsaida „brachten sie zu ihm einen Blinden und baten ihn, dass er ihn anrühre.“ (8,22) Da ging es um Heilung. Davon ist hier aber keine Rede. Sondern die Parallele ist eher, dass manche Rabbis segnen, dass Eltern ihre Kinder segnen.

Es ist schwer zu verstehen, was die Jünger dazu bringt, diese Leute so anzufahren, abzuweisen. Zu bedrohen. Liegt es nur daran, dass sie sich gestört fühlen? Oder spielt mit, dass Kinder im Grunde noch nicht zählen? Spielen sie sich nur auf, als die, die über die Zugangsberechtigung zu Jesus verfügen? Sie wirken wie Leute, die sagen: So einfach kann man doch nicht zu Jesus kommen. Da muss man schon etwas vorzuweisen haben, den Willen, ihm nahe zu sein, die Bereitschaft, hinter ihm her zu gehen. „Jedenfalls ist das geschilderte Gebahren der Jünger herrschsüchtig und wenig liebevoll. Gegenüber Kinder konnte man es sich leisten, sie standen innerhalb der Rangordnung der Gesellschaft ziemlich weit unten.“ (J. Gnilka, aaO., S.80) Die früheren Auftritte der Jünger in ihrem Streit um die eigene Größe (9,33ff.) und ihr Abweisung des fremden Exorzisten (9,38f.) lassen solche Motive nicht unmöglich erscheinen.

14 Als es aber Jesus sah, wurde er unwillig und sprach zu ihnen: Lasst die Kinder zu mir kommen und wehret ihnen nicht; denn solchen gehört das Reich Gottes.

             Für Jesus aber ist das Verhalten der Jünger unmöglich, ärgerlich. So will er sie nicht erleben, sie so nicht agieren sehen. Deshalb wird er unwillig. Er reagiert ärgerlich und weist sie zurecht: Lasst sie zu mir kommen. Hindert sie nicht. Er hat eine andere Einstellung zu diesen Kindern als seine Jünger: „Ein Kind muss man lieben, einfach dafür, dass es da ist; es hat noch nichts, es kann noch nichts. … Ein Kind ist einfach nur.“ (E. Drewermann, aaO. S. 109) Es spielt dabei keine Rolle, dass die Kinder gebracht werden, oder ob sie schon aus eigenen Stücken den Weg zu ihm suchen. Ob es große Kinder sind, die schon selbst laufen oder kleine Kinder sind, die noch getragen werden. Sie sollen kommen dürfen. Alle.

Man hat aus diesen Worten, vor allem aus dem wehrt ihnen nicht lesen wollen, dass die Taufliturgie der frühen Gemeinde hier mitschwingt. Diese Überlegung hängt an dem Wort κωλειν, das vermutlich in der Taufliturgie vorkam, wenn nach einem Hinderungsgrund für die Taufe gefragt wurde – so wie wir es aus der Erzählung vom Kämmerer aus Äthiopien kennen. Da fragt der Kämmerer selbst: τ κωλει με βαπτισθναι; „Gibt es ein Hindernis dafür, mich zu taufen?“ (Apostelgeschichte 8,37) Weil er weiß: Im Judentum ist er als Verschnittener außen vor.

Mir kommt das zu weit hergeholt vor. Vor allem: So formal dürfte es bei den Taufen in der Frühzeit nicht zugegangen sein. Und – was könnte für Jesus ernsthaft ein Taufhindernis für Kinder sein? Für ihn, der grenzenlos alle will, alle ruft. Seine Haltung wird ja auch genau durch den Schluss-Satz aus seinem Mund getroffen: solchen gehört das Reich Gottes. Es ist ja buchstäblich so, dass Jesus die Rangordnungen auf den Kopf stellt: „Hoch wird niedrig, niedrig hoch; arm wird reich, reich wird arm; mächtig wird schwach, schwach wird mächtig; Verachtetes wird erhöht, Hohes verachtet.“ (W. Grundmann, aaO. S. 274) So liegt es ganz auf seiner Linie: Diesen Kindern kommt das Reich Gottes zu. Es ist ihnen zugedacht.

 15 Wahrlich, ich sage euch: Wer das Reich Gottes nicht empfängt wie ein Kind, der wird nicht hineinkommen.

             Der nachfolgende Satz weitet die Szene. Jetzt geht es nicht mehr um die Kinder, die gerade da sind. Jetzt geht es um alle, die wie ein Kind sind. Die darauf angewiesen sind, dass sie empfangen, dass sie beschenkt werden. Dass sich einer ihnen zuwendet in ihre Armut und Hilflosigkeit hinein. In ihre Defizite. Sie alle lehrt „das Leben“ eine Haltung, die nötig ist, um das Reich Gottes zu erlangen: empfangen. δχομαι. Es ist das gleiche Wort, das Jesus schon einmal gleichsam zur Aufnahmemöglichkeit in das Reich Gottes gemacht hatte: „Und er nahm ein Kind, stellte es mitten unter sie und herzte es und sprach zu ihnen: Wer ein solches Kind in meinem Namen aufnimmt, der nimmt mich auf; und wer mich aufnimmt, der nimmt nicht mich auf, sondern den, der mich gesandt hat.(9,36-37)

             Es sind die Habenichtse, die mit den leeren Händen und ohne Gegenleistung, die wie prädestiniert für das Reich Gottes erscheinen. Die von sich selbst wissen, dass sie nichts haben, was sie als recht ins Feld führen können, als Anspruch. Die einfach nur da sind und sich gefallen lassen, dass sie da sind. Dass sie beschenkt werden. Dieses eigene Aufnehmen, sich beschenken lassen korrespondiert dann dem Aufnehmen Gottes, erlebt eine Art „Handlungsanweisung“ und gewinnt Handlungsfreiheit. Wer sich die leeren Hände füllen lässt, der wird auch leere Hände füllen lernen. Und wer empfangen lernt, wird selbst einer, eine werden können, der, die empfangen kann. Und dann als Folge daraus auch andere aufnehmen.

16 Und er herzte sie und legte die Hände auf sie und segnete sie.

Damit ist der Disput entschieden. Jesus wendet sich den Kindern zu. Herzt sie, rührt sie liebevoll an, segnet sie. Ein bisschen wirkt es, als ließe er die Jünger – für einen Augenblick – da stehen. Sie sollen verdauen, was sie gehört haben. Sich gefälligst Gedanken machen. Es ist doch alles gesagt.

Zum Weiterdenken

Mir scheint, diese Worte Jesu stehen unausgesprochen hinter den folgenden Sätzen: „Im normalen Leben wird es einem oft gar nicht bewusst, dass der Mensch überhaupt unendlich mehr empfängt als er gibt, und dass sie Dankbarkeit das Leben erst reich macht. Man überschätzt wohl leicht das eigene Wirken und Tun in seiner Wichtigkeit gegenüber dem, was man durch andere geworden ist.“ (D. Bonhoeffer, Brief vom 13. 9. 43, Widerstand und Ergebung, München 1968, S. 50)

Man wird auch das sagen dürfen: die Worte Jesu stellen unsere Weise, Ziele zu erreichen, völlig in Frage. In unserer Welt gilt es, zielbewusst zu leben, sich anzustrengen, sich die eigene Position zu erwerben, ja gar zu erkämpfen. Ohne eigene Leistung geht gar nichts. So ist unsere Welt gestrickt. Wie anders dagegen das Reich Gottes. „Das Reich Gottes kann nur empfangen, nicht erworben werden.“ (W. Grundmann, aaO. S. 277) Was hier von uns verlangt wird, ist ein Paradigmen-Wechsel, ein grundsätzlich anderes Verhalten als wir es gelernt und eingeübt haben.

Ob man aber als Kirche gut daran tut, mit diesem Wort und diesem Geschehen die Praxis der Säuglingstaufe begründen zu wollen, steht für mich auf einem völlig anderen Blatt. Da ist mir zu formal – weil es die Szene gibt, dürfen wir das. Da wünsche ich mir tiefergehende theologische Begründungen   – von der zuvorkommenden Gnade, von der grundsätzlichen Angewiesenheit aller, dass Jesus sich ohne Vorleistung zuwendet. Für mich gilt: Weil ich an den zuvorkommenden Christus glaube, ist mir die Taufe, in der er meinem armseligen Gauben zuvorkommt, ein wichtiges Zeichen. Das gilt jenseits vermeintlicher Bibeltreue.

Ich bin schon lange keine Kind mehr, Jesus. Ich bin einer, der viele Pflichten erfüllt hat, viele Aufgaben wahrgenommen hat, der für andere gesorgt hat.

Umso mehr danke ich Dir, dass Du mich lehrst, vor Dir wieder wie ein Kind zu sein, mich beschenken zu lassen, nicht auf das zu trauen, was ich zu bieten habe, sondern alles von Dir zu erwarten.

Lehre mich ganz neu zu empfangen, was mir geschenkt wird – das Leben. Amen