Es gilt zu wählen

Markus 9, 42 – 50

 42 Und wer einen dieser Kleinen, die an mich glauben, zum Abfall verführt, für den wäre es besser, dass ihm ein Mühlstein an den Hals gehängt und er ins Meer geworfen würde.

 Hier werden Sprüche aneinander gereiht. Sie wirken nur lose verbunden. Es ist, als wirkte in ihrem Anfang in den Worten Jesu noch die Debatte um die Größe nach. Vielleicht, so überlege ich, muss man sich immer noch vorstellen: „Das Kind“ steht in der Mitte (9,36). Nicht nach oben, nach unten wird der Blick gelenkt. Auf die Kleinen. Μίκροι. Die Mikrigen. Die Geringen, die Letzten. Immerhin vermeidet Markus das in der Umwelt geringschätzige, abwertende ταπεινόϛ. Die Kleinen stehen unter besonderem Schutz. Wer sich an ihnen vergreift, vergreift sich an den besonders Geliebten und Geschützten Gottes.

Das ist ein starker Akzent in einer Umwelt, in der Kinder nicht wirklich zählen. Das ist heute ein starker Akzent in einer Umwelt, in der Kinderpornographie wie ein Kavaliersdelikt wirken kann, in der skrupellose Geschäftemacher millionenfachen Gewinn damit erzielen, dass sie Kinder seelisch und körperlich ausbeuten. Das ist auch ein starker Akzent in einem Land, in dem Kindergärten immer noch beklagt werden können, weil der Kinderlärm Anwohner stört und den Grundstückswert anliegender Ländereien mindert.

Es wirkt, als würde der – wohl spätere – Zusatz die an mich glauben die Reichweite des Satzes einschränken. Als wäre gemeint: „Wer einen Glaubenden um seinen Glauben bringt, für den wäre es besser, ein gewaltsamer Tod hätte ihn vor dieser Möglichkeit der Verschuldung getroffen.“ (W. Grundmann, aaO. S.265)

   Es ist nicht abzustreiten, dass damit ein Problem in der Gemeinde angesprochen ist. Paulus ist dafür Zeuge: „Seht aber zu, dass diese eure Freiheit für die Schwachen nicht zum Anstoß wird! Denn wenn jemand dich, der du die Erkenntnis hast, im Götzentempel zu Tisch sitzen sieht, wird dann nicht sein Gewissen, da er doch schwach ist, verleitet, das Götzenopfer zu essen? Und so wird durch deine Erkenntnis der Schwache zugrunde gehen, der Bruder, für den doch Christus gestorben ist. Wenn ihr aber so sündigt an den Brüdern und verletzt ihr schwaches Gewissen, so sündigt ihr an Christus. Darum, wenn Speise meinen Bruder zu Fall bringt, will ich nie mehr Fleisch essen, damit ich meinen Bruder nicht zu Fall bringe.“ (1. Korinther 8, 9 – 13) Aber es ist – in meinen Augen – nicht zulässig, die Achtsamkeit nur auf die in der Gemeinde zu richten. Sie gilt in gleicher Weise denen draußen vor der Tür.  

. 43-44 Wenn dich aber deine Hand zum Abfall verführt, so haue sie ab! Es ist besser für dich, dass du verkrüppelt zum Leben eingehst, als dass du zwei Hände hast und fährst in die Hölle, in das Feuer, das nie verlöscht. 45-46 Wenn dich dein Fuß zum Abfall verführt, so haue ihn ab! Es ist besser für dich, dass du lahm zum Leben eingehst, als dass du zwei Füße hast und wirst in die Hölle geworfen.  47 Wenn dich dein Auge zum Abfall verführt, so wirf’s von dir!

     Aber es gilt nicht nur die Achtung auf die Anderen. Es gilt auch, auf sich selbst zu achten. „Die erste uns anvertraute Seele ist unsere eigene.“(A.Viney) Darum gilt es, der Hand, dem Fuß, den Augen Grenzen zu setzen. Ihnen nicht die Führung im Leben zu überlassen. Übersetzt in unsere Sprache: Es gilt, der Triebstruktur nicht das Bestimmungsrecht im eigenen Leben zu überlassen. Unsere Triebe wollen und sollen „kultiviert“ werden. Auch begrenzt. Wir sind mehr als das, was sich animalisch in uns regt. Wunderbar formuliert: Es geht darum „dass der Jünger Herr werde. Dass er Herr werde, indem er – seiner selbst Herr wird.“ (P. Schütz, aaO., S.360)

Wer sich seinen eigenen Begierden unterwirft, der wird unfrei, gefangen, ein Besessener. Der verliert seine Bestimmung, Bild Gottes zu sein und reduziert sich selbst auf die Herkunft aus den Säugetieren. Die ganze Debatte um die Abstammung des Menschen vom Affen hat hier ihren zentralen Punkt: Sind wir nur, was wir nach unserer tierischen Herkunft sind – instinkt- und triebgesteuert? Oder ist da doch noch eine andere Möglichkeit in uns, geschaffen durch den Lebensodem Gottes, die ruach, die Geistkraft?

Es wäre geradezu albern, diese Worte Jesu als Aufforderung zu einer Art kultischer Selbstverstümmelung zu lesen, „wie sie damals in manchen Religionen geübt wurde.“ (E. Schweitzer, aaO. S. 112) Dagegen spricht allein schon das Alte Testament, das wieder und wieder das Geschenk des unverletzten Lebens betont. Was Jesus hier tut: er stellt in „grell gemalten Bildworten“ (J. Gnilka, aaO. S.66), der Bildersprache seiner Zeit die Prioritäten-Frage. Was ist mehr – das unversehrte Ausleben der eigenen Triebe, Gefühle, des Willens und der eigenen Pläne oder der Weg ins Reich Gottes, der diesem „unbegrenzt“ seine Grenze entgegen setzt, den Verzicht auf manche – auch schöne – Möglichkeiten.

Die Worte führen in eine Auseinandersetzung mit einem Begriff, der seit Jahren durch das Land geistert – man redet gern vom „gelingenden Leben“. Alle vier Jahre  zeigt die Olympiade, was gemeint ist: Perfekte Körper mit perfekten Leistungen. Dazu braucht es die Mentalität der Sieger. Die Olympioniken erfüllen, wenn sie denn siegen, das Ideal unserer Gesellschaft: Sieger und Siegerinnen.

Wie anders klingt das bei Jesus. „Es hat keinen Sinn, in äußerem Sinne seine Haut retten zu wollen.“(E. Drewermann, aaO. S. 81) Es sind nicht die Siege, die den Weg in das Reich Gottes bahnen. Es sind nicht die perfekten, vollkommenen Leistungen. Weil der Abschied von diesem Irrglauben so schwer fällt, wählt Jesus so drastische Worte. Aber nur so wird der kategoriale Wechsel ja sichtbar. Aus der Kategorie der Sieger in die Kategorie der Beschädigten, der Verlierer, der Deformierten. Aus der Kategorie der Alleskönner und Alleskönnerinnen in die Kategorie deren mit den Defiziten. Mit Defiziten, für die es keine angemessene Kompensation gibt. Damals sind Prothesen für Hände, Füße, Augen nicht handelsüblich und auf dem freien Markt käuflich.

Es scheint, als wollte Jesus lehren: Was wir zu lernen haben, ist nicht das gelingende Leben – an manchen Tagen gelingt ja fast alles, aber im Leben aufs Ganze gesehen, ist das nur selten so – sondern das Leben mit Defiziten, mit Beschädigungen, mit Ecken und Macken, mit Niederlagen und unerfüllten Träumen. Vielleicht kann ich das erst jetzt so sehen, weil mein Körper mich lehrt, was meine Seele lange verdrängt hat: Du bist begrenzt. Du bist beschränkt. Du verlierst Möglichkeiten und kannst diesen Prozess nicht umdrehen und wegtrainieren, wegsiegen. So gesehen steckt in den so schrägen Worten Jesu zugewandte, liebevolle Seelsorge, wie ich, aber nicht nur ich, sie bitter nötig habe.

Es ist besser für dich, dass du einäugig in das Reich Gottes gehst, als dass du zwei Augen hast und wirst in die Hölle geworfen, 48 wo ihr Wurm nicht stirbt und das Feuer nicht verlöscht.

   Jetzt macht Jesus Angst mit der Hölle! So kann man lesen und es ist doch falsch. Es ist ungewöhnlich für Jesus, dass er ihr überhaupt Aufmerksamkeit schenkt, sie erwähnt. Die Gehenna, Γεννα, Hölle, ist wahrlich kein Lieblingsthema Jesu. Auch nicht des Neuen Testamentes. Wenn man so will: sie ist mit ihrem Feuer das Gegenbild, die dunkle Folie für das Reich Gottes, in dem Frieden und Freude ist, Gott alles in allem.

Was die Worte Jesu auslösen sollen: „Der Christ ist der sich selbst Richtende. Dieses Selbstgericht des Glaubenden lagert sich wie ein Schutzwall um das Christusmysterium her.“ (P. Schütz, ebda.) Der Christ, die Christin wird sich über sich selbst klar. Er erforscht seine Motive. Er redet nichts an sich schön, verharmlost nicht. Und indem er so wahrhaftig über sich selbst urteilt, wird er frei, frei von der Angst vor dem letzten Gericht. „Wenn uns unser Herz verdammt, Gott größer ist als unser Herz und erkennt alle Dinge.“ (1.Johannes 3,20)

 49 Denn jeder wird mit Feuer gesalzen werden. 50 Das Salz ist gut; wenn aber das Salz nicht mehr salzt, womit wird man’s würzen? Habt Salz bei euch und habt Frieden untereinander!

Hier werden Bilder zusammengeführt, die ein wenig ratlos machen. Mit Feuer salzen? Es geht wohl darum, dass es Prüfungen im Leben gibt, die wie Feuer sind, die nach dem fragen, was denn Bestand hat. „Wir sollen uns nicht von den zu erwartenden Widerständen der Umwelt einschüchtern lassen.“ (E. Drewermann, aaO. S. 80) Das ist das Wesen von Salz: es macht Speisen beständig, es hilft zum Konservieren, es würzt. So zielt dieses Wort nun nicht mehr auf das kommende Gericht, sondern auf die Gegenwart. Es geht um Prüfungen und Leiden jetzt, in denen sich zeigen muss, ob der Glaube bewahrt wird, ob das Salz Kraft hat.

Zum Weiterdenken

Ich habe Bilder vor Augen, in der Corona-Krise, die davon erzählen, dass manche Feiern anscheinend für ein Menschenrechthalten, ohne Rücksicht auf Verluste. Ohne Rücksicht auf Ansteckungsgefahren, für sich selbst und andere. Hier wird das Wort Jesus plötzlich hochaktuell. Zurückstecken, weil es Größeres gibt als die eigene Lebensmöglichkeit. Von einem anderen Wert her denken als vom Recht, sich auszuleben. Zu denken und zu handeln vom Schutz des Lebens her, vom Schutz anderer her. Das ist noch nicht das Reich Gottes, so denken zu lernen. Aber es wehrt einer Rücksichtslosigkeit, die nur sich selbst und die eigenen Bedürfnisse kennt. Man würde wohl die Vorwürfe an sich selbst ein Leben lang nicht los, wenn man wüsste: ich mit meinem Feiern haben einen Menschen zum Tode infiziert.  Dieser Wurm brennt unauslöschlich.

Gerade die letzten Sätze Jesu machen deutlich: „Die Sprüche bieten Regeln für das Diesseits, nicht Aufklärung über das Jenseits. Gott kann äußerste Warnungen und letzte Verheißungen aussprechen. Die einen sollen uns in der Versuchung stark machen, die anderen in der Anfechtung trösten.“(J. Gnilka, ebda.) So zu lesen, bewahrt auch davor, aus solchen Worten das Bild eines Gottes zu konstruieren, der auf die Angst setzt. Nein – Jesus setzt auf die Liebe und es ist die Liebe, die ihn so warnen lässt. Das freilich ersparen uns diese Worte nicht: Eine Wahl zu treffen. Ob wir unser Leben selbst steuern, ob wir uns treiben lassen von unseren Trieben oder ob wir den Weg gehen, der uns nicht konfliktfrei durch die Zeit bringt, aber der Spur Jesu folgen lässt.

Manchmal, mein Jesus, neige ich dazu, mir Verhalten durchgehen zu lassen: Meinen gerechten Zorn. Meinen flotten Spruch. Meine harte Analyse, die so nah an Ungerechtigkeit und Selbstgerechtigkeit grenzt.

Herr Jesus. Lehre Du mich und leite du mich durch Deinen Geist, dass ich mich richte, dass ich mich nicht herausrede: Es ist mit mir durchgegangen. Lehre Du mich achtsam zu sein, mit mir und allen, die mit mir auf dem Weg sind. Achtsam aus Deiner Liebe.  Amen