Eine absurde Erfolgsliste.

  1. Korinther 11, 16 – 33

16 Ich sage abermals: Niemand halte mich für töricht; wenn aber doch, so nehmt mich an als einen Toren, damit auch ich mich ein wenig rühme. 17 Was ich jetzt rede, das rede ich nicht dem Herrn gemäß, sondern wie in Torheit, weil wir so ins Rühmen gekommen sind. 18 Da viele sich rühmen nach dem Fleisch, will ich mich auch rühmen.

            Was jetzt kommen wird, ist uneigentliche Rede. Aufgezwungen, weil die Korinther nicht anders zu beeindrucken und beeinflussen sind. Es ist ein Reden, in dem so häufig „ich“ gesagt werden wird, wie es Paulus überhaupt nicht gefällt. „Er ist kein Tor; aber wenn die Korinther ihn doch dafür halten, dann sollen sie auch seine Narrenrede ertragen.“ (H.D. Wendland, aaO. S.239) Sein Reden in Torheit, im Unverstand – so wieder φροσνη. Dabei weiß Paulus doch, wenn es um Verkündigung geht: Nicht er ist das Thema seiner Verkündigung, sondern Christus. Es läuft etwas schief, wenn mehr vom Verkündiger und seiner Person gesprochen wird als von Christus und seiner Tat für uns.

            Es ist ein verständliche Reaktion: Weil andere sich groß machen – καυχάομαι „sich rühmen, prahlen“ (Gemoll, aaO. s. 429) wird Paulus dagegen halten, mit gleicher Münze zurückzahlen. Er wird sich rühmen. Man darf gespannt sein in Korinth, was da als Ruhmesliste kommen wird

19 Denn ihr ertragt gerne die Narren, ihr, die ihr klug seid! 20 Ihr ertragt es, wenn euch jemand knechtet, wenn euch jemand ausnützt, wenn euch jemand gefangen nimmt, wenn sich jemand über euch erhebt, wenn euch jemand ins Angesicht schlägt. 21 Zu meiner Schande muss ich sagen: Dazu waren wir zu schwach!

        Die Gemeinde in Korinth liebt den großen Auftritt. Sie liebt die Prediger, deren Predigen sie klein macht, knechtet, erniedrigt, ausnützt. Sie liebt die wortgewaltigen, imponierenden Prediger. Sie liebt Prediger, die von unglaublichen Erfahrungen zu erzählen wissen: Von Himmelsreisen von Entrückungen und Verzückungen. Sie liebt Prediger, die von Dingen reden, die sie als Gemeinde noch nie gehört haben. Sie liebt die Prediger, die sie fordern, ihnen Vorwürfe machen, die sie unter Leistungsdruck setzen. Wenn es nur wortgewaltig ist, muss es nicht mehr verständlich und realitätsnah sein.  φρονέω – „unvernünftig sein.“(Gmoll, aaO. S. 147) Es ist ein bisschen absurd: sie in Korinth, die so vernünftig sein wollen unterwerfen sich Predigern, die für Paulus durch uns durch unvernünftig sind. Narren eben.

            Es ist ein harter Vorwurf an die Korinther: Dass sie sich gerne denen unterwerfen, die sie beanspruchen, die sie die fordern, die ihnen Lasten auferlegen. Aber – es ist eine Erfahrung, weit über Paulus hinaus: Wer von seiner Gemeinde viel fordert, wer sie zum Tun anstachelt, ihre hohe Aufgaben stellt, große Anstrengungen verlangt, der wird häufig gut ankommen. Er kommt  dem entgegen, dass wir eher Täter sein möchten als Opfer, eher aktiv als passiv, eher selbst unseres Glückes Schmied als angewiesen auf das Geschenk. Das Evangelium der Gnade ist auch deshalb für manchen schwierig, weil es nicht Tatkraft verlangt, sondern Hingabe und die Bereitschaft zu empfangen – mit leeren Händen. Das ist bis heute eine schwierige Botschaft. „ Eine absurde Erfolgsliste.“ weiterlesen

Darf man so draufhauen?

2.Korinther 11, 1 – 15

1 Ach wolltet ihr doch ein wenig Torheit von mir ertragen! Gewiss, ihr ertragt mich

  Paulus hat in seinen Verteidigungen und seinen Angriffen wohl das Gefühl, dass er sich zum Narren macht. Dass er Dinge sagt und schreibt, die er für völlig unangemessen hält. Die deutsche Übersetzung Torheit für φροσνη führt in eine falsche Richtung. „Diese „Narrheit“ (φροσνη) ist etwas anderes als die Torheit (μωρία) von 1. Korinther 1 – 3.“ (T. Schmeller, aaO. S.199) Es ist ein närrisches Verhalten, das ihm aufgezwungen ist – weil die anderen sich so aufspielen. Weil sie in Korinth so darauf aus sind und anerkennen, wenn sich Leute inszenieren, darum werden sie es auch dem Paulus nachsehen. Vielleicht sogar positiv anerkennen: Er verkauft sich endlich einmal gut.  

 In einer Zeit, in der man sich in Bewerbungsgesprächen „gut verkaufen muss“, in der alles daran zu hängen scheint, dass „man etwas aus sich macht“, etwas hermachen und darstellen kann, ist das, was Paulus Narrheit nennt, Allgemeingut geworden. Ein Muss. Es ist, so gesehen, ein närrische Zeit, nicht nur zu Zeiten der Karnevals-Kampagnen, sondern immer.

2 Denn ich eifere um euch mit göttlichem Eifer; denn ich habe euch verlobt mit einem einzigen Mann, damit ich Christus eine reine Jungfrau zuführte. 3 Ich fürchte aber, dass wie die Schlange Eva verführte mit ihrer List, so auch eure Gedanken abgewendet werden von der Lauterkeit und Reinheit vor Christus.

       Es geht nicht um Paulus, obwohl es doch dauernd auch um Paulus geht. Aber für Paulus ist klar: Es geht um die Gemeinde, um ihren Weg in der Nachfolge Jesu, im Glauben an ihn. Das ist die Mitte, auf die die Gemeinde verpflichtet ist, gegründet, von der allein sie leben kann: Sie gehört zu Jesus Christus. In ihm hat sie ihr Leben, aus ihm ihre Kraft. Aber das ist kein Besitz, ein für alle Mal. Das wird immer wieder angefragt und angefochten durch fremde Botschaften, die sich gut anfühlen. Aber sie sind gleisernisch, verführerisch und in Wahrheit Verführungen.

            Es ist ein harter Vorwurf, den Paulus hier erhebt durch seine Rückzug auf die Verführung Evas durch die Schlange. Es ist nur gut, dass er dabei irgendwie im Vagen bleibt, nicht Personen direkt verantwortlich macht.  Aber auch so bleibt der harte Vorwurf: Die fremden Lehrer treiben das Geschäft des Verführers. „Darf man so draufhauen?“ weiterlesen

Es ist ganz schön schwierig

  1. Korinther 10, 12 – 18

12 Denn wir wagen nicht, uns unter die zu rechnen oder mit denen zu vergleichen, die sich selbst empfehlen; aber weil sie sich nur an sich selbst messen und mit sich selbst vergleichen, verstehen sie nichts.

              Eigenlob stinkt. So habe ich es gelernt, so bin ich gelehrt worden. Es ist nur zu wahr: Mancher findet sich selbst großartig, weil er sich immer nur nach unten vergleicht. Mancher hat überhaupt keinen Blick auf andere, sondern sieht nur immer sich selbst. In meinen Augen ist es ein Teil der Krankheit unserer Zeit: Die einen leben nur aus dem Vergleichen. Sie verlieren sich selbst dabei aus den Augen – ob in Verzagen oder im Hochmut ist dabei gleich gültig. Andere allerdings sehen überhaupt nicht, dass sie nicht der Mittelpunkt der Welt und die Krone der Schöpfung sind, sondern ganz normaler Durchschnitt. Beides macht blind für die Wirklichkeit.  Darum: ο συνισιν. Sie verstehen nichts. Sie sind unverständig, sie sind „nicht bei Verstand.“(T. Schmeller, aaO. S. 172)

13 Wir aber wollen uns nicht über alles Maß hinaus rühmen, sondern nur nach dem Maß, das uns Gott zugemessen hat, nämlich dass wir auch bis zu euch gelangen sollten. 14 Denn es ist nicht so, dass wir uns zu viel anmaßen, als wären wir nicht bis zu euch gelangt; denn wir sind ja mit dem Evangelium Christi auch bis zu euch gekommen 15 und rühmen uns nicht über alles Maß hinaus mit dem, was andere gearbeitet haben.

            Paulus muss sich nicht vergleichen. Er muss nicht die eigene Größe dadurch vergrößern, dass er andere klein macht. Er hat sein Aufgabenfeld durchschritten. Es ist ein selbstbewusster und zugleich demütiger Satz: Gott hat uns sein Maß zugemessen. Wenn Gott uns nichts zugetraut hätte, nicht beauftragt hätte, nicht geschickt hätte – wir hätten nichts tun können. Weil Gott uns den Raum eröffnet hat – so ist das Wort κανών, Kanon hier zu deuten, ist Paulus mit seinen Leuten nach Korinth gekommen, weil er diesen sendenden Gott traut.

Umgekehrt gilt aber auch: Gott hat Zutrauen zu uns gehabt. Gott hat uns geschickt in der Erwartung, dass wir uns gebrauchen lassen. Gott hat uns sein Evangelium gegeben, damit wir es weitertragen. So sagt Paulus – ein bisschen stolz auch? : Wir sind bis zu euch gekommen. Wir haben es euch gesagt und es hat Frucht gebracht. Seht euch selbst an, euren Glauben, eure Hoffnung, eure Liebe. Das ist das, woran Paulus sich freut. Das Wort ist nicht leer geblieben. Sein Wort, mit dem er Christus verkündigt hat. Das ist auch das, was er vorweisen kann: eine Gemeinde in Korinth, die auf seine Arbeit zurückverweist. „Es ist ganz schön schwierig“ weiterlesen

Gib mir die richtigen Worte

  1. Korinther 10, 1 – 11

1 Ich selbst aber, Paulus, ermahne euch bei der Sanftmut und Güte Christi, der ich in eurer Gegenwart unterwürfig sein soll, aber kühn gegen euch, wenn ich fern bin. 2 Ich bitte aber, dass ich, wenn ich bei euch bin, nicht kühn sein muss in der Festigkeit, mit der ich gegen einige vorzugehen gedenke, die unsern Wandel für fleischlich halten.

             Es fällt wohl auch unbefangenen Lesenden auf, wie der Ton wechselt. In den ersten neun Kapiteln ist Paulus über die Maßen freundlich. Er wirbt um Versöhnung und wirbt um die gemeinsame Kollekte. Jetzt wird der Ton rauer, härter. Es wirkt, als wechselte Paulus vom Zuckerbrot zur Peitsche.

             Man hat über lange Zeit hinweg diesen Wechsel der Tonlage damit zu erklären versucht, dass die Kapitel 10 – 13 ein neuer Brief seien. Vielleicht der Tränenbrief. Vielleicht mit einigem Abstand und in einer neuen Situation nach neuen, schwierigen Nachrichten aus Korinth geschrieben. Aber es gibt auch eine andere Erklärung, die mir einleuchtet: Paulus will Versöhnung nicht dadurch erreichen, dass er die immer noch vorhandenen Probleme unter den Teppich kehrt. Sie totschweigt. Sondern er benennt sie. „Paulus nimmt den Streit an. Wenn es darauf ankommt, muss in der Kirche gestritten werden.“ (W. Schenk, aaO. S.142) Weil er weiß: Versöhnung durch Ausklammern der Differenzen und Schwierigkeiten im Miteinander wird nicht tragfähig sein. Um der gemeinsamen Zukunft willen, auf die er hofft, die er in einem erneuten Besuch in Korinth befestigen will, will er klären, was zu klären ist.

              Paulus setzt sich mit Vorwürfen auseinander und entzieht sich ihnen nicht. Er nimmt sie auf, aber er beugt sich nicht unter sie. Sein Maß in der Auseinandersetzung gewinnt er an Christus – seiner Güte und seiner Sanftmut. Man kann nicht einfach so auf den Tisch hauen in der Nachfolge dessen, der von sich selbst sagt: „Ich bin sanftmütig und von Herzen demütig.“ (Matthäus 11,29) und der über seine Leute sagt: „Selig sind die Frieden stiften“ (Matthäus 5,9). Es wäre gegen die innerste Überzeugung des Paulus, wenn er Macht und Lautstärke als Argument einsetzen müsste. „Gib mir die richtigen Worte“ weiterlesen

Samen genug

  1. Korinther 9, 10 – 15         

    10 Der aber Samen gibt dem Säemann und Brot zur Speise, der wird auch euch Samen geben und ihn mehren und wachsen lassen die Früchte eurer Gerechtigkeit. 11 So werdet ihr reich sein in allen Dingen, zu geben in aller Lauterkeit, die durch uns wirkt Danksagung an Gott.

             Gott gibt – und er gibt gern.  Auch euch. Es geht Paulus ja um eine Ermutigung der Korinther. So ist wohl zu verstehen, „dass Gott den Korinthern reichlich Mittel zum Spenden zur Verfügung stellen und statt des zu erwartenden Mangels für fülle sorgen wird.“ (T. Schmeller, aaO. S.97) Sie teilen also in ihrem Geben nur den Reichtum Gottes aus, nichts sonst.  Was Gott aber gibt, ist ein Geben auf Hoffnung hin. Nicht die fertigen Früchte sind seine Gaben, sondern der Samen. σπρον, sporon – Samen, damit noch Raum bleibt für die eigene Mühe. Und es ist wohl so: „Mit dem Samen kann nur die Kollekte gemeint sein.“(T. Schmeller, aaO. S. 96) Gott gib den Korinthern, damit sie etwas zu geben haben.

Ein Mann betritt einen Laden. Hinter der Theke steht ein Engel. Hastig fragte er ihn: » Was verkaufen Sie hier?« Der Engel antwortete freundlich: »Alles, was Sie wollen.« Der Mann begann aufzuzählen: »Dann hätte ich gern das Ende aller Kriege in der Welt, bessere Bedingungen für die Randgruppen der Gesellschaft, Beseitigung der Elendsviertel in Lateinamerika, Arbeit für die Arbeitslosen, mehr Gemeinschaft und Liebe in der Kirche, eine bessere Welt für alle, mehr Frieden, freundlichere Mitmenschen, eine gerechtere Verteilung der Güter dieser Welt, folgsamere Kinder, mehr Verständnis für Jugendliche bei den Erwachsenen, mehr Menschlichkeit und .. und …« Da fällt ihm der Engel ins Wort: »Entschuldigen Sie, Sie haben mich falsch verstanden. Wir verkaufen keine reifen Früchte, wir verkaufen nur den Samen.«“

             Es ist eine Form von Beteiligung, die hier in den Blick rückt. Wer das fertige Werk gibt, macht die anderen zum „bloßen“ Empfänger. Wer den Samen gibt, macht den anderen zum Teilhaber an der eigenen Mühe, an der eigenen Hoffnung.  Auch das ist auffällig: Das Geben wird Dankbarkeit auslösen – Dankbarkeit, die allerdings nicht den Korinthern gilt, sondern Gott. Ein Denken, das nah an Worten Jesu ist: „So lasst euer Licht leuchten vor den Leuten, damit sie eure guten Werke sehen und euren Vater im Himmel preisen.“(Matthäus 5,16) „Samen genug“ weiterlesen

Gott aber kann machen

  1. Korinther 9, 1 – 9

1 Von dem Dienst, der für die Heiligen geschieht, brauche ich euch nicht zu schreiben. 2 Denn ich weiß von eurem guten Willen, den ich an euch rühme bei denen aus Mazedonien und sage: Achaja ist schon voriges Jahr bereit gewesen! Und euer Beispiel hat die meisten angespornt.

             Noch einmal: Die Gemeinde in Korinth weiß schon Bescheid. Es ist kein neues Projekt, das jetzt mühsam vorgestellt werden muss. Darum ist Schreiben in dieser Sache im Grunde überflüssig – so wörtlich περισσν. Im Gegenteil: Paulus kann anknüpfen an den guten Vorerfahrungen mit der Zustimmung der Korinther. Sie haben schon vor einem Jahr entsprechend ihr Wollen festgelegt. Sie haben dadurch andere zum Mitmachen animiert – und werden jetzt selbst zur Treue gegen ihre ersten Schritte aufgerufen.

            Wenn er aber nun doch schreibt, so ist das darin begründet, „dass die Sammlung in Korinth unter all den Spannungen und Nöten ins Stocken geraten oder überhaupt noch nicht ernsthaft in Angriff genommen“ (W. de Boor, aaO. S.189) ist. Es droht also peinlich zu werden und der Brief hat – wie nebenbei die Aufgabe, eine Blamage zu verhindern, weil die Gemeinde noch nicht so weit ist, Geld übergeben zu können. Es ist eine berechtigte Sorge, dass er den Makedoniern gegenüber den Mund zu voll genommen haben könnte: Achaja ist schon voriges Jahr bereit gewesen. Darum, dem Vorsatz müssen jetzt Taten folgen.

  3 Ich habe aber die Brüder gesandt, damit nicht unser Rühmen über euch zunichte werde in diesem Stück und damit ihr vorbereitet seid, wie ich von euch gesagt habe, 4 dass nicht, wenn die aus Mazedonien mit mir kommen und euch nicht vorbereitet finden, wir – um nicht zu sagen: ihr – zuschanden werden mit dieser unsrer Zuversicht. 5 So habe ich es nun für nötig angesehen, die Brüder zu ermahnen, dass sie voran zögen zu euch, um eure angekündigte Segensgabe vorher bereit zu stellen, sodass sie bereitliegt als eine Gabe des Segens und nicht des Geizes.

      Darum schickt Paulus seine Gefährten voraus. Sie sollen in der Gemeinde für die Kollekte werben, an sie erinnern. Sie sollen dazu helfen, dass keine Peinlichkeiten entstehen – nicht für sie selbst und nicht für Paulus, der mit ihrem Engagement Werbung für die Kollekte gemacht hat. Dem also dient diese Sendung der Brüder um Titus: „Die Realität muss in Übereinstimmung gebracht werden mit dem Bild, das Paulus zur Zeit der Abfassung des Briefes in Makedonien von den Korinthern zeichnet.“ (T. Schmeller, aaO. S. 83) Was wäre das für eine Katastrophe – die Makedonier kommen und erfahren: Da ist in Sachen Kollekte noch nichts passiert. „Gott aber kann machen“ weiterlesen

Vorausschau hilft. Transparenz auch

  1. Korinther 8, 10 – 24

10 Und damit gebe ich einen Rat; denn das ist euch nützlich, die ihr seit vorigem Jahr angefangen habt nicht allein mit dem Tun, sondern auch mit dem Wollen. 11 Nun aber vollendet auch das Tun, damit, wie ihr geneigt seid zu wollen, ihr auch geneigt seid zu vollenden nach dem Maß dessen, was ihr habt.

             Schon vor einem Jahr haben sie in Korinth angefangen, sich auf die Kollekte vorzubereiten. Paulus hatte das durch einen klugen Ratschlag unterstützt: „An jedem ersten Tag der Woche lege ein jeder von euch bei sich etwas zurück und sammle an, so viel ihm möglich ist, damit die Sammlung nicht erst dann geschieht, wenn ich komme.“ (1. Korinther 16,2) So sind seine Worte eine Erinnerung – sowohl an den Start der Sammlung als auch an den Grundsatzbeschluss. An das Tun und auch das Wollen.

Der lebenserfahrene Apostel weiß es zur Genüge, nicht zuletzt auch aus dem Blick auf sich selbst: „Wollen und Tun fallen nicht immer zusammen, sondern können einander auch widersprechen.“(T. Schmeller, aaO. S. 61) Darum gilt es jetzt zu tun, zu vollbringen, nach dem Maß dessen, was ihr habt. Paulus setzt keine Unter- und keine Obergrenze. Sondern er vertraut, dass jeder sich selbst einschätzen kann. Sein Maß kennt, sein Vermögen.

12 Denn wenn der gute Wille da ist, so ist jeder willkommen nach dem, was einer hat, nicht nach dem, was er nicht hat. 13 Nicht, dass die andern Ruhe haben und ihr Not leidet, sondern dass es zu einem Ausgleich komme.

             Das Ziel ist nicht, sich selbst arm zu machen. Sich selbst durch falsche Großzügigkeit in Not zu stürzen. Das ist ja der Verdacht, der dem „urchristlichen Kommunismus“ der Jerusalemer Gemeinde nachhängt – sie haben sich selbst durch allzu unvernünftige Freigiebigkeit in die Verarmung geführt. Es ist ein hochwillkommener Verdacht für alle, die den Kapitalismus bis heute für die überlegene Wirtschaftsform halten. Dazu sagt Paulus klugerweise – und glücklicherweise? – nichts.

Aber das Ziel der Sammlung benennt er. Nicht durch einen Betrag, sondern durch die Zielsetzung: dass es zu einem Ausgleich komme. ἰσότης – „Gleichheit, Rechtsgleichheit, Gleichmäßigkeit, Billigkeit.“(Gemoll, aaO. S.392)  Es ist ein durchaus steiles Argument, das hier anklingt: „Weil alle Glaubenden die gleiche Stellung haben und von Gott mit derselben Gnade beschenkt sind, soll es unter ihnen auch im materiellen Bereich Gleichheit geben.“ (T. Schmeller, aaO. S.64) Nicht erzwungen, nicht kommandiert, sondern freiwillig hergestellt. „Vorausschau hilft. Transparenz auch“ weiterlesen

Freiwillig geben

  1. Korinther 8, 1 – 9

 1 Wir tun euch aber kund, liebe Brüder, die Gnade Gottes, die in den Gemeinden Mazedoniens gegeben ist. 2 Denn vielfach bewährt in Bedrängnis war ihre Freude doch überschwänglich, und obwohl sie sehr arm sind, haben sie doch reichlich gegeben in aller Lauterkeit.

             Paulus leitet ein neues Thema ein. Gewichtig: Wir tun euch kund. Was kommen wird, ist keine Nebensächlichkeit. Es geht um die Gnade Gottes. χάρις. Charis – von dem Wort leitet sich das Charisma, die Gnadengabe ab. Gnade ist eines der Hauptworte des Apostels, nicht nur in seinen Briefen nach Korinth. „Dieser Begriff trägt in den Kapiteln 8f unterschiedliche Bedeutungsnuancen. Immer jedoch verbindet er die Kollekte als Akt zwischen-menschlicher Solidarität mit dem Wirken Gottes.“ (T. Schmeller, aaO. S.45) 

             Hier steht die Gnade für die überraschende Freigiebigkeit der Makedonier, die so von Paulus nicht erwartet worden war. Weil er die Umstände kennt, unter den sie leben: Sie sind bedrängte Leute. Sie sind sehr arm. Aber diese Christen in Mazedonien haben es sich nicht nehmen zu lassen, in „schlichter Güte“(T. Schmeller, aaO. S. 4&) für die Kollekte nach Jerusalem zu sammeln und zusammenzulegen.

Diese Sammlung geht zurück auf das „Apostelkonzil in Jerusalem“ (Apostelgeschichte 15). Auf dieses Treffen führt Paulus seine Missionsarbeit unter den Heiden zurück, geschah es doch da, „dass Jakobus und Kephas und Johannes, die als Säulen angesehen werden, mir und Barnabas die rechte Hand gaben und wurden mit uns eins, dass wir unter den Heiden, sie aber unter den Juden predigen sollten, nur dass wir an die Armen dächten, was ich mich auch eifrig bemüht habe zu tun.“ (Galater 2,9-10) Seitdem wirbt Paulus in allen seinen Gemeinden für die Sammlung zur Unterstützung der Gemeinde in Jerusalem. Mit Erfolg, wie sich in Mazedonien zeigt. „Freiwillig geben“ weiterlesen

Nichts schönreden!

  1. Korinther 7, 5 – 16

 5 Denn als wir nach Mazedonien kamen, fanden wir keine Ruhe; sondern allenthalben waren wir bedrängt, von außen Streit, von innen Furcht. 6 Aber Gott, der die Geringen tröstet, der tröstete uns durch die Ankunft des Titus; 7 nicht allein aber durch seine Ankunft, sondern auch durch den Trost, mit dem er bei euch getröstet worden war. Er berichtete uns von eurem Verlangen, eurem Weinen, eurem Eifer für mich, sodass ich mich noch mehr freute.

             Das war nicht immer so. Paulus erinnert sich und die Korinther daran, wie er bei seinem Aufenthalt in Mazedonien voll Unruhe war. Innerlich und äußerlich bedrängt. Erst die Ankunft des Titus hat in dieser Lage eine Wende herbeigeführt. Einmal mehr „zeigt sich, wie völlig „theozentrisch“ Paulus lebt und denkt: „Aber der, der die Niedrigen tröstet, Gott, tröstete uns durch die Ankunft des Titus.“ (W. de Boor, aaO. S.166) Es ist alles andere als zufällig, dass Paulus hier zu dem großen Stichwort des Briefanfanges zurückkehrt. Trost, Gott als Tröster.

            Das hat Paulus nötig, getröstet zu werden, in seiner inneren und äußeren Bedrängnis gestärkt. Es schüttelt ihn durch, es reißt in seiner Seele Wunden. ξωθεν μχαι, σωθεν φβοι. Die äußeren Umstände führen zu innerlichen Furchtattacken. Paulus ist kein Stoiker, den nichts berühren kann. Er ist nicht so weltabgeschieden, dass ihn nichts mehr erschüttern, und durchrütteln kann. „Der Apostel, der Christ sind den Schwankungen und dem Widerstreit der Gefühle in der Seele keineswegs entnommen.“ (H.D. Wendland, aaO. S.215) Es ist kein christliches Ideal, das es anzustreben gilt, dass einen nichts mehr berührt, kränkt, bewegt und betrifft. „Nichts schönreden!“ weiterlesen

Zwischen Nähe und Distanz

  1. Korinther 6, 11 – 7,1

 11 O ihr Korinther, unser Mund hat sich euch gegenüber aufgetan, unser Herz ist weit geworden. 12 Eng ist nicht der Raum, den ihr in uns habt; eng aber ist’s in euren Herzen. 13 Gebt uns, was wir euch geben – ich rede wie zu meinen Kindern – und macht auch ihr euer Herz weit.

             Paulus hält inne und setzt neu ein. Er überschaut, was er bis hierher geschrieben hat. Sein Herz hat er aufgemacht. Er hat sich selbst restlos geöffnet. Ohne Vorbehalte, ohne irgendwelche Gedanken zurück zu halten. „Die Gemeinde kann in das weit geöffnete Herz des Paulus hineinblicken.“ (T. Schmeller, Der zweite Brief an die Korinther 1,1 – 7,4, EKK VIII/1,  Neukirchen 2010, S.364) In Lauterkeit (6,6) hat er geschrieben und alles Werben um die Korinther  zielt darauf, dass sie Anteil an seiner weite gewonnen.

            Es kann sein, dass ein Vorwurf im Raum stand, Paulus sei engherzig, weil er so entschieden moralische Defizite ansprechen konnte. Auch weil er sich der vermeintlichen Weite der Großen enthusiastischen Erfahrungen verweigerte. Weil er sie auf der Besuchsliste nach hinten geschoben hatte. Solche Vorwürfe sind schnell gemacht.

            Paulus weist sie alle zurück. Kontert: Nicht ich, ihr seid die mit dem engen Herzen. Ihr seid die, die sich der Liebe nicht öffnen, die sie untereinander in den Abgrenzungen schuldig bleiben. Die nur die eigene geistliche Weise zulassen und anerkennen wollen. Ihr merkt die Engführung eurer Herzen gar nicht.

            Es wirkt fast ein wenig hilflos, wie Paulus dann bittet. Spürt doch, dass ich freundlich zu euch rede, väterlich, wie einer zu seinen Kindern liebevoll zugewandt ist. Antwortet doch, in dem ihr euch auch so verhaltet. Der ganze Satz lässt spüren, „dass die von einem Vater zu erwartende Liebe der Kinder im Blick ist.“ (T. Schmeller, aaO. S.366) „Zwischen Nähe und Distanz“ weiterlesen