Eine Athos-Erinnerung

Markus 9, 38 – 41

38 Johannes sprach zu ihm: Meister, wir sahen einen, der trieb böse Geister in deinem Namen aus, und wir verboten’s ihm, weil er uns nicht nachfolgt.

             Ist Johannes mutig geworden, dass er jetzt das Wort ergreift? Weil es eben nicht so sein muss, dass es nach Rangfolge geht und immer Petrus der Sprecher des Jüngerkreises ist. Aber, Vorsicht ist geboten: „Johannes gilt zusammen mit seinem Bruder in der synoptischen Überlieferung als eifernder, leidenschaftlicher und Ansprüche stellender Mensch.“(W. Grundmann, aaO. S.263) Darauf könnte auch sein Beiname „Donnersohn“ beruhen. Gesichert ist das allerdings alles nicht – weil Autoren wie Markus sparsam und äußerst zurückhaltend mit psychologisch fundierten Profilen umgehen.

Immerhin: Er hat keine Scheu zu erklären: wir haben nicht nur untereinander mit Eifersucht zu tun. Wir grenzen uns auch deutlich ab. Einem, der im Namen Jesu böse Geister ausgetrieben hat, dem haben sie das Handwerk gelegt. Es ihm untersagt. Aber nicht mit dem Argument: Das funktioniert bei dir nicht.

Das Erfolgskriterium spielt offenkundig keine Rolle – im Gegenteil:  er trieb böse Geister in deinem Namen aus. Es hat bei diesem unbekannten Exorzisten funktioniert. Er hat den Namen Jesus wie eine mächtige Zauberformel verwendet und damit Erfolg gehabt. „Der gegebene Fall belegt eine bestimmte Einschätzung Jesu seitens der Nichtchristen. Man sah in ihm einen mächtigen Thaumaturgen.“ (J. Gnilka, aaO.   S.60)

             Eine Bezugsgeschichte bietet sich an: „Es unterstanden sich aber einige von den Juden, die als Beschwörer umherzogen, den Namen des Herrn Jesus zu nennen über denen, die böse Geister hatten, und sprachen: Ich beschwöre euch bei dem Jesus, den Paulus predigt. Es waren aber sieben Söhne eines jüdischen Hohenpriesters mit Namen Skevas, die dies taten. Aber der böse Geist antwortete und sprach zu ihnen: Jesus kenne ich wohl und von Paulus weiß ich wohl; aber wer seid ihr? Und der Mensch, in dem der böse Geist war, stürzte sich auf sie und überwältigte sie alle und richtete sie so zu, dass sie nackt und verwundet aus dem Haus flohen.“(Apostelgeschichte 19, 13 – 16) Das hat man sicher in der ersten Gemeinde gerne und mit Lächeln erzählt: Das kommt davon, wenn man sich mit fremden Federn schmückt.

Johannes begründet dann auch sein Handlungsverbot wie ein Gemeindemensch. Wir haben ihn vom Platz gestellt, weil er uns nicht nachfolgt. Uns! sagt Johannes. Und macht damit erkennbar: Es geht um Mitgliedschaft und Abgrenzung der Gemeinde. „Es handelt sich bei der Frage der Mitgliedschaft in der Gemeinde deutlich um eine Problem, das erst in der Gemeinde selbst akut wurde.“ (E. Drewermann, aaO. S.62) Nicht schon zur Zeit der Wanderschaft in Galiläa. Nach innen ist das Wetteifern verboten. Aber nach außen muss es doch möglich sein, deutliche Grenzen zu ziehen. Es muss doch klar sein, wer zu uns gehört und wer nicht. Noch spitzer gesagt: Es muss doch klar sein, wer im Namen Jesu handeln darf! Oder anders gefragt: „Wie sehr muss eine Person in die Kirche eingebunden sein, um sich auf Jesus berufen zu können?“ (W. Klaiber aaO.   S.178)

 39 Jesus aber sprach: Ihr sollt’s ihm nicht verbieten. Denn niemand, der ein Wunder tut in meinem Namen, kann so bald übel von mir reden.

             Jesus geht entspannt damit um. Nicht verbieten. Wer in meinem Namen Wunder tut – wie sollte der schlecht von mir reden?  Von Wunder spricht der griechische Text nicht – nur von δναμις – Kraft-Tat, Tat. Die Antwort Jesu findet einen frühen Reflex in einem Satz des Paulus: „Darum tue ich euch kund, dass niemand Jesus verflucht, der durch den Geist Gottes redet; und niemand kann Jesus den Herrn nennen außer durch den Heiligen Geist.“ (1. Korinther 12,3) Es ist der gleiche Geist der Freiheit und Sorglosigkeit im Wort Jesu und im Satz des Paulus. Vielleicht darf man sogar so weit gehen zu sagen: Problematischer als der Gebrauch des Jesus-Namen durch einen, der nicht zur Gemeinde gehört ist die Angst derer, die zur Gemeinde gehören, die sie eng werden lässt, die sie eifersüchtig werden lässt, die sie dazu bringt, anderen das Handeln im Namen Jesu – und damit doch vielleicht auch in seinem Geist zu verbieten. Diese real existierende Engstirnigkeit hat so manchem den Weg in die Gemeinde, die Kirche versperrt.

 40 Denn wer nicht gegen uns ist, der ist für uns.

             Das ist die Weite Jesu. „So spricht niemand, der um sein Ansehen oder seinen Besitzstand fürchtet; so spricht nur jemand, der voller Vertrauen voraussetzt und erwartet, dass etwas, das wahr und hilfreich für die Menschen ist, sich auf jedem nur möglichen Weg verbreitet und durchsetzt, und sei es auch außerhalb der unmittelbaren Gemeinschaft der Jünger.“ (E. Drewermann, aaO. S.63f.) In dieser Weite und Furchtlosigkeit, in diesem Vertrauen schließt er sich mit seinen Jüngern im uns zusammen. Das macht er auch sonst: „Wer euch hört, der hört mich; und wer euch verachtet, der verachtet mich; wer aber mich verachtet, der verachtet den, der mich gesandt hat.“ (Lukas 10, 16) Jesus weist also das uns des Johannes nicht als unangemessen zurück. Er bestätigt: Ja – ihr und ich, wir gehören zusammen. Er tadelt Johannes nicht, aber er lehrt ihn einen anderen Blick – nicht den Blick auf die Grenzen, sondern den Blick in die Weite. Nicht auf die Abgrenzung, sondern auf das Gewinnen.

 41 Denn wer euch einen Becher Wasser zu trinken gibt deshalb, weil ihr Christus angehört, wahrlich, ich sage euch: Es wird ihm nicht unvergolten bleiben.

             Schließlich macht er Johannes und die Gemeinde aufmerksam: Es gibt doch auch die, die euch um meinetwillen Gutes tun. Weil ihr zu Christus gehört. „Es wird Menschen geben, die den Jüngern Jesu menschlich und gastfreundlich gegenüber treten, einfach weil in ihnen etwas vom Reich Gottes lebt und sichtbar wird.“(E. Drewermann, aaO. S. 71) Es ist nicht so, dass die Welt nur voller Feindseligkeiten gegen die Christen wäre. Das ist eine gefährliche Blickverengung, die nur noch Märtyrer sehen lässt. „Ist an solche Helfer gedacht, die auf den Messias warteten, sich aber noch nicht zu Jesus zu bekennen wagten?“(J. Schniewind, aaO. S. 125) Es gibt sie, damals wie heute, Sympathisanten der Gemeinde, des Glaubens, ein bisschen auf Abstand, die den Becher Wasser reichen – einfach, weil sie da sind. Auf diesem Tun, das so unscheinbar ist, eine schlichte Geste der Menschlichkeit, liegt eine große Verheißung.

Die Nähe dieser Worte zu dem, was Jesus vom großen Weltgericht (Matthäus 25, 31 – 40) erzählt, ist offensichtlich. Auch da bleiben die Taten der Liebe, der Barmherzigkeit nicht unbemerkt und unvergolten.

Zum Weiterdenken

Mich erschreckt, dass dieser Streit – wer gehört dazu, wer nicht – bis heute nicht aufhört. Er wird auch nicht dadurch gelöst, dass man bescheinigt: „Die von Johannes geäußerte Jünger-Reaktion ist intolerant.“ (J. Gnilka, ebda.) Mit diesem Satz ist gar nichts gewonnen, sondern nur ein Etikett vergeben. Es gilt vielmehr hinzuschauen und die offenen und verdeckten Besitzansprüche, die auf Jesus erhoben werden, zu erkennen und zu entlarven. Oft genug kleiden sie sich in den Anspruch der Auslegungshoheit. Nur, was „bibeltreu“ ist. Nur, was „historisch-kritisch“ auf dem neuesten Stand ist. Nur was „religiös“ tiefgehend schürft, „tiefenpsychologisch“ auslegt….  Die Reihe lässt sich beliebig fortsetzen.

Es gibt Zeiten in meinem Leben, in denen ich näher bei dem ab- und ausgrenzenden Johannes als bei der Weite Jesu war, die er zeigen wird. Es gibt Zeiten, in denen ich einen Alleinvertretungsanspruch der Frommen und Gläubigen zwar nicht lautstark proklamiert habe, wohl aber geglaubt und gelebt habe. Ich wusste genau, unter welchen Bedingungen man im Namen Jesu reden und handeln darf und wer das fälschlich für sich beansprucht.

Ich sehe das heute und spüre, dass ich damals enger war als es nötig ist, enger erst recht, als es dem Geist Jesu entspricht. Wahrscheinlich habe ich diese Enge für meine eigene Sicherheit – Luther nennt sie securitas – gebraucht, weil mir die Gewissheit des Glaubens, die Luther certitudo nennt, nicht hinreichend war. Ich wollte den sicheren Besitz, „meinen Jesus“. Die securitas ist menschlich, ängstlich und eng, die certitudo ist Geschenk Gottes und kann sich Weite leisten.

Eine Erinnerung. An meine Athoswanderung 1992. Im Esfigmenou-Kloster – nicht gerade der Hort der Toleranz – kommen wir nachmittags an. Müde, von der Sonne geschafft. Ausgedorrt. Einer der Brüder sieht uns, greift nach der Wasserkanne, schüttet uns ein Glas Wasser ein, schlägt das Kreuz darüber und reicht es uns. Der Becher Wasser – um Jesu willen. An uns, die Fremden, die nicht als Orthodoxe erkennbar waren.

 

Herr Jesus, Wie viele haben mir Gutes getan und ich habe es nicht bemerkt. Wie viel habe ich empfangen und nie dafür gedankt. Wie viel war und ist mir selbstverständlich. Ich danke Dir für alles Gute, das mir andere erwiesen haben, Menschen, deren Namen ich nicht weiß, nicht behalten habe.

Ich bitte Dich: Lehre Du mich Gutes zu tun, wem auch immer – Nahen und Fernen, Lieben und nicht so Liebenswürdigen, einfach deshalb, weil es getan werden muss. Jetzt. Amen