Wo geht es nach oben?

Markus 9, 30 – 37

30 Und sie gingen von dort weg und zogen durch Galiläa; und er wollte nicht, dass es jemand wissen sollte. 31 Denn er lehrte seine Jünger und sprach zu ihnen:

             Dort – das ist wohl nach wie vor die Gegend um Cäsarea Philippi, am Fuß des Hermon. Diese Gegend verlassen sie und ziehen weiter durch Galiläa. Heimlich. Verborgen vor den Augen der Öffentlichkeit. Ein Motiv für dieses Versteckspiel? Man kann es sich  aussuchen: Die Ahnung, dass es gefährlich wird, dass Feindseligkeiten zu erwarten sind. Ausweichen von Herodes? Oder weil er „auf dem Weg nach Jerusalem nicht unnötig aufgehalten werden will“ (J. Gnilka, aaO. S.53) Es ist ja unvermeidlich: weil überall Wunder erwartet und erbeten werden, geht es nicht vorwärts auf dem Weg.

Markus deutet die Zeit der Verborgenheit als Zeit, die Jesus braucht, um seine Jünger zu lehren. Bis dahin ist meistens das Volk, die Menge, der Adressat des Lehrens Jesu. Die Jünger dagegen müssen immer wieder daheim nachfragen, damit sie verstehen. Gerade weil es nach Jerusalem geht und Jesus weiß, was ihn da erwartet, ist es umso dringlicher, dass er jetzt Zeit für seine Jünger hat.  Dass er sie lehren kann. Er, der Lehrer, διδάσκαλος, lehrt sie, δίδασκεν, weist sie ein, schließt ihnen den Weg auf, der auf ihn und sie zukommt. Das braucht nach den vorausgegangen Erfahrungen Zeit. Die Jünger sind nicht so rasch im Verstehen.

Der Menschensohn wird überantwortet werden in die Hände der Menschen und sie werden ihn töten; und wenn er getötet ist, so wird er nach drei Tagen auferstehen. 32 Sie aber verstanden das Wort nicht und fürchteten sich, ihn zu fragen.

             Das also lehrt er sie. Zum zweiten Mal: Der Weg nach Jerusalem wird zum Weg der Auslieferung. Der Menschensohn in den Händen der Menschen. „Das einprägsame Wortspiel artikuliert das Skandalon der Passion, das darin besteht, dass Gott seinen Erwählten der brutalen Gewalt der Menschen preisgeben wird.“ (J. Gnilka, aaO. S.54) Er, der Mensch unter den Menschen ist, er wird an sie überliefert, überantwortet, ausgeliefert. Es ist, darauf deutet das Passiv, aber auch die Wortwahl hin, der Weg Gottes, der sich vollzieht. Und, auch wenn es nicht ausdrücklich gesagt ist: „Dass Jesus an die Besatzungsmacht zur Verurteilung „ausgeliefert“ wird, ist die äußere Seite der Tatsache, dass er um der Sünde der Menschen willen in den Tod „dahingegeben“ wird.“ (W. Klaiber, aaO. S.174) Immer steht da das gleiche Wort: παραδδοται.

Der Auslieferung folgt das Töten. Und dem Töten folgt, dass er nach drei Tagen auferstehen wird.  Es sind Menschen, die handeln, ausliefern, töten. Aber ihr Handeln darf das Leben nicht besiegen. Ihr Tun kann ihn nicht im Tod beiseiteschaffen, endgültig beseitigen. Die Frage nach der Verantwortung für dieses Geschehen kann nicht auf Gottes Plan abgewälzt werden. Deshalb ist es einigermaßen töricht, aus dem, was in Jerusalem geschehen wird, abzuleiten, Gott sei blutrünstig, kaltherzig, tyrannisch gewaltaffin und was dergleichen Urteile mehr sind. Es sind die Brutalitäten der Menschen.

Markus erzählt an dieser Stelle nichts von einer Reaktion der Jünger. Beim ersten Mal hatte noch Petrus widersprochen. Hier nichts. Sie verstehen nicht, aber sie fragen auch nicht. Weil sie sich fürchten – doch wohl vor einer Antwort, nicht vor ihm. Vor dem Weg, den er andeutet.

33 Und sie kamen nach Kapernaum. Und als er daheim war, fragte er sie: Was habt ihr auf dem Weg verhandelt? 34 Sie aber schwiegen; denn sie hatten auf dem Weg miteinander verhandelt, wer der Größte sei.

             Sie setzen den Weg durch Galiläa fort und kommen nach Kapernaum. In seine Stadt, ihre Stadt. Dort, ν τ οκίᾳ, im Haus – das ist vorsichtiger und genauer übersetzt als zuhause oder gar daheim – nimmt er das Gespräch wieder auf. Sie wagten nicht ihn zu fragen. Jetzt aber fragt er sie: Worum ging es unter euch? Was war Thema? Und wieder – Schweigen. Wohl auch, weil sie spüren, wie unangemessen ihr Thema war. Sie waren nach seiner Ankündigung des Leidens zum Alltag zurückgekehrt, zu den Fragen, wie sie so gerne erhandelt werden: wer der Größte ist. Wer Spitze ist, das Sagen hat – und doch wohl auch: wie man da hinkommt, an die Spitze.

Es ist so urmenschlich, solche Fragen zu bedenken, sich mit ihnen zu befassen, sie auch unter Weggefährten zu bewegen und zu beraten. Reihenfolgen, Rangfolgen, Rankings- das alles hat bis heute Konjunktur, auch in der Kirche. „Ich bin nur Pfarrer“ ohne aufwertende Attribute – Supervisor, Coach, Gemeindeberater, Oberkirchenrat. Nur.

Ich erschrecke manchmal, weil ich an mir selbst spüre, auch außerhalb der Berufs-Welt, wie tief dieses Denken in mir steckt, die Suche nach Anerkennung, Wertschätzung, nach eigener Größe. Das muss gar nicht sofort in einem Überbietungswettbewerb landen – der Größte sein. Groß sein reicht schon.       

 

35 Und er setzte sich und rief die Zwölf und sprach zu ihnen: Wenn jemand will der Erste sein, der soll der Letzte sein von allen und aller Diener.

             Die Antwort Jesu: Er setzt sich und nimmt damit die Position des Lehrenden ein. Es wird feierlich und würdevoll. Was jetzt zu klären ist, geht nicht beiläufig. Es sind die Zwölf, der engste Jüngerkreis, den er jetzt um sich sammelt. Sie sind die Adressaten seiner Worte. In den Zwölfen aber steht zugleich die Kirche aller Zeiten vor ihm.

„Die Größe, die einer haben will, fällt ihm nur beim Aufgeben jeder Größe zu.“ (J. Schniewind, aaO. S. 122) Es ist ein Platzanweisung besonderer Art: Ganz unten ist der Platz für den Größten. Man wird es mitlesen müssen: Was Jesus hier seinen Jüngern sagt, ist die Wegbeschreibung seines eigenen Weges. Er wird der Letzte, er macht sich selbst zum Letzten. Von ihm wird es heißen: das ist doch das Letzte – so einer, den braucht kein Mensch. „Er war der Allerverachtetste und Unwerteste, voller Schmerzen und Krankheit. Er war so verachtet, dass man das Angesicht vor ihm verbarg; darum haben wir ihn für nichts geachtet.“ (Jesaja 53,3)

Es ist sein Weg, den er geht, der uns daran hindert, aus diesem Wort eine Lebensweisheit zu machen, einen schönen Spruch. Er lebt dieses Wort und macht es damit zum Muster unseres Lebens. Auch wenn wir wieder und wieder lieber ausweichen, den Weg doch lieber so suchen, wie ihn alle suchen – als den Weg nach oben. Wir alle lieben – nicht nur im Sport – die Aufsteiger mehr als die Absteiger und identifizieren und lieber mit den Aufsteigern.

Wie wichtig, wesentlich, herausfordernd für die Gemeinde dieses Wort ist, mag man allein daran sehen, dass es in Variationen zusätzlich zur Stelle hier gleich fünfmal überliefert ist – Markus 10,43f.; Matthäus 20, 26f; Lukas 22,26; Matthäus 23,11; Lukas 9,48. Sogar beim Abendmahl (Lukas 22,24) gibt es diesen Streit, wer denn der Größte sei.

Es singt sich leichter als es sich lebt:

Trag die Last, die den andern beugt, weil allein Liebe überzeugt.                             Wahre Größe zeigt, wer auch dienen kann. Im Namen Jesu, fang damit an.“                                   P. Simiojoki, dt. G. Vorländer, CD Geh den Weg nicht allein

             Jesus aber sagt nicht: auch dienen. Seine Wegweisung gilt für ein Leben als Dienen, ein ganzes Leben. Diener aller. Letzter von allen. Es ist kein Wunder, dass wir uns damit schwer tun. Eher ist es schon ein Wunder, dass so ein ärgerliches, dem gesunden Menschenverstand und dem natürlichen Verhalten entgegenlaufendes Wort so treu überliefert worden ist.

 36 Und er nahm ein Kind, stellte es mitten unter sie und herzte es und sprach zu ihnen: 37 Wer ein solches Kind in meinem Namen aufnimmt, der nimmt mich auf; und wer mich aufnimmt, der nimmt nicht mich auf, sondern den, der mich gesandt hat.

             Es folgt eine Zeichenhandlung Jesu.  Dass er das Kind in die Mitte stellt, es umarmt, herzt, ist mehr als nur eine Gesprächsfortsetzung anderer Art. „Kinder gehören in der Rangordnung der antiken Gesellschaft zu den Geringsten und am wenigsten Geachteten“ (W. Klaiber, aaO. S.176) So stellt Jesus mit diesem Kind in der Mitte schon ihren ganzen Rangstreit auf den Kopf, entlarvt ihn als Un-Sinn.

Und dann, noch weitergehend: Im Aufnehmen eines solchen Kindes kommt es zum Aufnehmen Christi, mehr noch, zum Aufnehmen dessen der ihn gesandt hat, des ewigen unfassbaren, unbegreiflichen Gottes. Ganz knapp gesagt: die Parole heißt nicht aufsteigen, sondern aufnehmen. Oder anders gesagt: „Es gilt ganz einfach, das Kind in uns selbst anzunehmen und dann auch im anderen leben zu lassen.“ (E. Drewermann, aaO. S. 51) Ob das allerdings „ganz einfach“ ist, weiß ich nicht.

δχομαι „nehmen, freundlich aufnehmen, in Empfang nehmen“ (Gemoll, aaO. S. 190) „Wie soll ich dich empfangen und wie begegn´ ich dir“ (P. Gerhardt, 1653, EG 11)  singen wir und Jesus antwortet: Indem ihr die aufnehmt, die sonst in der Welt nicht zählen. Was für eine Handlungsanweisung. Was für ein Weg zur Christuserfahrung und zur Gotteserfahrung.

 Zum Weiterdenken

Es ist gut, vernünftig und notwendig, sich darüber Rechenschaft zu geben: Welche inneren Reaktionen lösen diese Worte in mir aus? Will ich mir das gefallen lassen, den Platz ganz hinten, die Demut, zuerst nach den Bedürfnissen der anderen zu fragen? Will ich mir das zu eigen machen, immer vom anderen herzu denken, mich selbst zurück zu nehmen, eigene Interessen zurück zu stellen?  Ist die Art des Kindes – es steht für „Schlichtheit, Einfalt und Demut“ (Chrysostomos) eine reizvolle Herausforderung, die uns lockt oder der wir uns instinktiv verweigern, weil es die Eigenschaften der Verlierer sind?

            Es ist eine seltsame Beziehung zwischen Jesus und den Jüngern. Manche Fragen schlucken sie herunter, weil sie sich fürchten. So versuchen sie auch, ihre Debatte auf dem Weg vor ihm zu verbergen. Was würde er auch sagen, wenn er es hörte. Es wäre ein bisschen, als hätten sie seine Ankündigung von Leiden und Tod beantwortet mit einer Diskussion darüber, wer denn am meisten abbekommen wird vom Erbe. Erbstreitigkeiten, während sie mit ihm auf dem Weg sind. Manches in den Kirchen Jesu Christi mutet genauso an und entlarvt sich darin als ein völlig schräger Ehrgeiz. Umso wichtiger diese schlichte Korrektur Jesu, ganz ohne Tadel: Ein Kind in der Mitte – und er herzt es. Statt Kampf um Sieg und Platz. Um den größeren Anteil am Erbe – Zuwendung und Liebe.

 

Herr Jesus, ich kenne die Lust am Aufstieg, meinen inneren Zug nach oben, den Willen, andere zu überholen, der Bessere zu sein. Ich kenne auch das, dass ich manchmal nur zu feige bin zu sagen und zu zeigen, was ich will und erhoffe.

Gib Du mir, dass ich meinen Platz annehme, dass ich meine Möglichkeiten ergreife, dass ich zufrieden bin in dem, was Du mir an Lebensaufgaben gibst, wo Du mir meinen Platz zeigst. Amen