Festhalten geht nicht

Markus 8,34 – 9,1

34 Und er rief zu sich das Volk samt seinen Jüngern und sprach zu ihnen: Wer mir nachfolgen will, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach. 

Stehen sie denn nicht schon längst um ihn, so dass er sie rufen muss – das Volk und seine Jünger? Es wird wohl so sein: Was Jesus jetzt an Worten sagt, gilt allen, nicht nur der besonderen Gruppe der Zwölf. Es gilt der ganzen Gemeinde der Christinnen und Christen. Es gibt nach Markus keine Zwei-Klassen-Ethik – für das gemeine Volk und die auserwählten Jünger.

Es ist die Fortsetzung seiner Leidensankündigung. Ausgedehnt auf seine Leute. Sie sollen es wissen, am Anfang des Weges nach Jerusalem: Wer hinter ihm hergehen wird – hier steh das gleicheπσω μου, mit dem er Petrus auf seinen Platz verwiesen hat (8,33), der wird sein Geschick teilen. Wer das will, der muss wissen, was es kostet. „Die Preisgabe seiner selbst ist Hingabe an Gottes Willen und Absicht.“ (W. Grundmann, aaO. S. 227) Sich selbst verleugnen, von sich selbst absehen, sich nicht mehr selbst schützen wollen, die eigenen Belange hintanstellen – alles, um auf dem Weg hinter Jesus her zu bleiben. Aber nie geht es darum, das eigene Ich auszulöschen. Nachfolgen kann nur, wer ein eigenes Ich hat und es auch achten gelernt hat.

Auf dem Weg hinter Jesus her wird aus dem Nachgehen ein Nachfolgen. Im Griechischen wird das schön deutlich. Da steht zuerst das ganz normale λθεν, das durch Mitgehen und durch Verleugnung des Ichs und Aufnehmen des Kreuzes zum κολουθεν wird, zum Nachfolgen. Das gibt dem Weg hinter Jesus her seinen Inhalt: „Die Bereitschaft, Nachteile, Widerstände und Schwierigkeiten, die durch konsequente Nachfolge entstehen, auf sich zu nehmen.“ (W. Klaiber, aaO. S.158) Ja zu sagen zu einer Schicksalsgemeinschaft mit ihm, die möglicherweise auch den Weg zum Kreuz miteinschließt.

Für viele am Anfang der Christenheit ist das zur Wirklichkeit geworden. Wir tun auch deshalb gut daran, dieses Wort nicht allzu einfach nur auszudehnen auf ein Einverstanden werden mit den natürlichen Unbilden des Lebens. Die kreatürlichen Leiden – Krankheit, Alter, Tod – gehören dazu. Aber sie treffen ja alle Welt. Es gilt nicht, sie auf sich zu nehmen, sondern sie anzunehmen.

Dagegen das Kreuz auf sich nehmen ist der schwere Weg des Erbarmens gegen alle Vernunft, die Last der Versöhnung, die das eigene Recht preisgibt, die Mühsal der Vergebung, die dem anderen neu den Raum zum Leben öffnet, den er sich selbst längt verschlossen hat. Mein Kreuz ist der freiwillige gewählte Dienst ohne alles Ansehen, das Füße-Waschen, ist die Großzügigkeit, die schenkt und gibt, auch wenn darüber die eigenen Hände leer werden. Mein Kreuz ist schlussendlich die Feindschaft der Welt, die nicht akzeptiert, auch heute nicht, das einer ihre Werteskala nicht akzeptiert, dass er sie vielmehr ignoriert und auf den Kopf stellt, dass er sie ihres Nimbus der Göttlichkeit beraubt und allein Gott die Ehre gibt. Mein Kreuz ist der letzte Platz und nicht die Spitzen-Position.

Wenn ich das so schreibe, wird mit bewusst, wie wenig mein Leben, so gesehen, kreuzförmig war. Ich war immer mehr im Schema und Muster der Welt unterwegs. Zufrieden, wenn die kreatürlichen Leiden auszuhalten waren.

Aus dem „mir nach“ ὀπίσω μου, der Platzanweisung Jesu für seine Jünger, nicht nur für Petrus, ist ein Lied geworden:

   „Mir nach!“, spricht Christus, unser Held, „mir nach, ihr Christen alle!
Verleugnet euch, verlasst die Welt, folgt meinem Ruf und Schalle,
nehmt euer Kreuz und Ungemach auf euch, folgt meinem Wandel nach!
                                 Johann Scheffler 1668, EG 385

Aber wie anders steht in diesem Lied Christus da. Als Held, als Feldherr gar. Als Anführer, der die letzte Bereitschaft zum Kampf fordert. Ich lese die Worte des Markus anders. Ich sehe in ihnen das Bild des Seelsorgers gezeichnet, der die Kosten der Nachfolge nicht verschweigt, der die Härte des Weges vor ihm und ihnen nicht verschweigt, der aber nicht fordert, sondern einlädt, bittet. Ermutigt.

  35 Denn wer sein Leben erhalten will, der wird’s verlieren; und wer sein Leben verliert um meinetwillen und um des Evangeliums willen, der wird’s erhalten.

             Das ist die zweite Begründung, die sich wie ein Wort liest, bei dem die Weisheit Pate gestanden hat. Wer das Leben festhalten will, der verfehlt es. So hören wir. Wie töricht ist der Versuch, an irgendeiner Stelle des Lebens zu sagen: So muss es für immer bleiben. Das Leben festzuhalten, festzustellen. Auf den Punkt. Wer das versucht, gleicht einem Menschen, der feinsten Sand in der geballten Faust sichern will. Er wird ihm aus den Fingern rinnen. Nur wer die Hand dreht und öffnet, wird den Sand bewahren können.

Es ist eine Erfahrung, bis heute: „Menschen erfahren immer wieder, dass sie dann, wenn sie sich nur um ihr eigenes Leben sorgen, und es um jeden Preis zu bewahren suchen, ihr „eigentliches“ Leben verlieren. Vor lauter Sorge um eigene Sicherheit bunkern sie sich ein und ersticken das, was wirklich Leben ist: Leben in der Gemeinschaft, Leben für andere und für Gott.“ (W. Klaiber, Das Markusevangelium, Neukirchen 2010; S. 159)

             Ein starkes Bild, aber es steht nicht da. Sondern da steht: Wer sein Leben retten will. Hier geht es nicht um die Existenz, auch nicht um die Psyche, obwohl genau dies Wort dasteht: ψυχή. Es geht auch „nicht um die nephesch des Alten Testamentes.“ (J. Gnilka, Das Evangelium nach Markus, 8,27 – 16,20, EKK II/2, Neukirchen 197, S.24) Die Lebendigkeit. Das alles sind Worte für das Leben, wie es hier gelebt wird. Sondern es geht um das Leben in der Gegenwart Gottes, der Ewigkeit Gottes. Um das ewige Leben. Das wahre Leben. Das, so sagt Jesus, gewinnen, erhalten, retten wir nicht anders als so, dass wir es loslassen. Um seinetwillen. „Die Rettung des Lebens hängt vom Anschluss an ihn ab.“ (J. Gnilka, ebda.) Allein an ihn. Er und das Evangelium sind ja eins.

Damit scheint für mich auch geklärt: Dieses Wort hat nichts zu tun mit dem „Grundinstinkten geschöpflichen Lebens“ (W. Klaiber, ebda.), sich bei Gefahr in Sicherheit zu bringen. Wenn der Löwe brüllt und zum Sprung ansetzt, bleibt man intelligenterweise auch als Christ nicht stehen. Es ist nicht verboten, sein Leben aus einem brennenden Haus zu retten. So verdreht ist die Logik Jesu nicht, der sich ja durchaus auch dem Zugriff der Mächte eine Zeitlang entzieht.                                                                                                  

36 Denn was hülfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne und nähme an seiner Seele Schaden? 37 Denn was kann der Mensch geben, womit er seine Seele auslöse?

             Noch ein weiteres Wort folgt, wieder zur Begründung des Verhaltens der Jünger. Und wieder eines, das für mich den Anschein hat, als sei es aus der Weisheit Israels gespeist, an ihrem Denken geformt. Was ist so viel wert, dass es die Seele aufwiegen könnte?  Wieder steht hier ψυχή. Und wieder ist mit Psyche, Seele zu wenig gesagt. Es ist wahr: Auch „die Reichen sind nicht in der Lage, sich in ihrem Sterben mit ihrem Geld vom Tod loszukaufen“ (J. Gnilka, aaO. S.25) Aber Jesus redet hier nicht nur zu Reichen über vergebliche Bestechungsversuche gegenüber dem Tod. Er redet zu uns allen.

Jesus sagt uns allen eben nicht, dass „das Leben – βιός – das Höchste aller Güter ist.“ Sondern das Leben – ζωή. Zoe – ist das höchste aller Güter. Das Leben, von dem Johannes sagt: Das Leben ist erschienen, und wir haben gesehen und bezeugen und verkündigen euch das Leben, das ewig ist, das beim Vater war und uns erschienen ist.“ (1. Johannes 1,2) Das Leben aus Gott und in Gott, das in ihm, Jesus, auf dem Plan ist. Wer dieses Leben in ihm und mit ihm versäumt, vertut, der hat nichts mehr als Gegenwert für dieses versäumte Leben zu bieten. Man kann es um keinen Preis der Welt kaufen.

,38 Wer sich aber meiner und meiner Worte schämt unter diesem abtrünnigen und sündigen Geschlecht, dessen wird sich auch der Menschensohn schämen, wenn er kommen wird in der Herrlichkeit seines Vaters mit den heiligen Engeln.  

            Es folgt ein letzter, scharfer Satz, einer, der noch einmal dazu mahnt, die Kosten zu überschlagen und nicht leichtfertig zu sagen: Ich will dir folgen. Wer auf Abstand geht, wenn es ernst wird, wer sich lossagt, wer nichts mehr mit Jesus tu tun haben will, von dem wird sich auch Jesus lossagen. „Ich schäme mich des Evangeliums nicht; denn es ist eine Kraft Gottes.“ (Römer 1,16) Dort wie hier das gleiche Wort: παισχύνωμαι – sich jemandes schämen. Auf Abstand gehen, ihn nicht kennen wollen. So wie es Petrus in der Nacht der Auslieferung Jesu ergehen wird.

Die Antwort auf dieses Verhalten in der Zeit sprengt die Zeit. Sie wird gegeben, wenn der Menschensohn kommen wird in der Herrlichkeit seines Vaters mit den heiligen Engeln. Wenn es keinen Zweifel mehr geben wird, wie die Dinge liegen. Wenn die Wahrheit ans Licht kommt. Wenn der ohnmächtige Christus die Macht des Vater enthüllt als seine Macht. Wenn sich an den Fakten nichts mehr ändern lässt. Es bleibt also, von diesem Wort her nur zu sagen: „Wer die Gemeinschaft mit dem irdischen Jesus bricht, geht des Heils im Reich Gottes verlustig.“ (J. Gnilka, aa.; S27)

Es ist der große Trost angesichts dieses harten Wortes Jesu, dass die Geschichte von der Verleugnung des Petrus erzählt wird. Von seiner Versagen, seinem Verzagen, seiner Scham.  Von seinen Tränen. Dass aber am Ende des Evangeliums eben mit diesem Petrus ein Neuanfang signalisiert wird, durch die Botschaft am Grab: „Geht aber hin und sagt seinen Jüngern und Petrus, dass er vor euch hingehen wird nach Galiläa; dort werdet ihr ihn sehen, wie er euch gesagt hat.“ (16,7) Der so auf Abstand gegangen war, wird neu gerufen. Gott sei Dank – es gibt nicht nur die eine Wahrheit des harten Wortes Jesu, sondern auch die noch tiefere Wahrheit des Erbarmens des Menschensohnes.

9,1 Und er sprach zu ihnen: Wahrlich, ich sage euch: Es stehen einige hier, die werden den Tod nicht schmecken, bis sie sehen das Reich Gottes kommen mit Kraft.

An diesem Wort arbeiten sich die Ausleger seit frühester Zeit ab. Eine Lösung könnte sein: in der Verklärung, die Markus sofort nach diesen Worten erzählt, sehen drei Jünger das Reich Gottes in Kraft. Dann wäre alles Feilschen um die nicht erfüllte Naherwartung leeres Stroh.

Andere Stimmen sagen: Gemeint sei die Auferstehung. Wieder andere: Gemeint sei Pfingsten. Ich gestehe: Ich weiß es nicht. Ich lebe damit, dass das Warten auf das Reich Gottes bis heute nicht aufgehört hat und mit der Hoffnung, dass ich nicht aufhöre, auf sein Kommen zu warten.

Zum Weiterdenken

             „Vor Augen haben muss man, wie sinnlos ein Leben sich gestaltet, das ständig voller Angst nur um sich selbst kreist und darauf bedacht ist, sich mit allen Mitteln vor eventuellen Gefahren, vor wirklichen oder eingebildeten, so gut es geht zu schützen.“(E. Drewermann, aaO. S. 579) So ein Satz liest sich gut. Aber mit den Erfahrungen der Pandemie im Sinn liest er sich auch seltsam. Nein, nicht mit allen Mitteln. Denn es ist wahr: „Wenn es überhaupt einen absoluten Wert in unserem Grundgesetz gibt, dann ist das die Würde des Menschen. Die ist unantastbar. Aber sie schließt nicht aus, dass wir sterben müssen.“(W. Schäuble)

Das wäre die Herausforderung an uns: Frei werden von der Angst um sich selbst, die einem die Würde raubt. Frei werden von dem Sich klammern an die paar Jahre, das würdelos macht. Zugleich aber: Alles tun, dass mehr Leben ins Leben hinein kommt. Das Leben achten, an jedem Punkt. Auch das Leben, das gesellschaftlich „nichts mehr bringt“. Es ist die Aufgabe der Christen, dafür Zeugen zu sein: Das Leben eines jeden Menschen ist Leben, das von Gott kommt und zu ihm hin unterwegs ist, in sein Vaterhaus. Leben, das Gott wert achtet. Nach seinen, nicht nach unseren Maßstäben. Wir sind dazu berufen und unterwegs: Gott zu schauen.

„Selig sind, die da geistlich arm sind; denn ihrer ist das Himmelreich. Selig sind, die da Leid tragen; denn sie sollen getröstet werden. Selig sind die Sanftmütigen; denn sie werden das Erdreich besitzen. Selig sind, die da hungert und dürstet nach der Gerechtigkeit; denn sie sollen satt werden. Selig sind die Barmherzigen; denn sie werden Barmherzigkeit erlangen. Selig sind, die reinen Herzens sind; denn sie werden Gott schauen.“ (Matthäus 5, 3-8) 

 

Herr Jesus

hinter Dir her geht es zum Leben

Hilf Du uns und lass es nicht zu

dass wir immerzu nur auf die Härte sehen

die mit dem Weg hinter dir her auch verbunden ist

dass es durch Leidenszeiten gehen wird

 

Hilf Du uns aber auch und lass es nicht zu, dass wir aus dem Weg hinter Dir her einen netten Spaziergang machen, religiöse Folklore. Dass wir verschweigen, was es kostet zu Dir zu gehören, manchmal unter Tränen sich selbst loszulassen, sich ganz an Dich hinzugeben, das Vertrauen zu Dir zu lernen und zu leben. Amen