Was sagst Du?

Markus 8, 27 – 33

27 Und Jesus ging fort mit seinen Jüngern in die Dörfer bei Cäsarea Philippi. Und auf dem Wege fragte er seine Jünger und sprach zu ihnen: Wer, sagen die Leute, dass ich sei?

             Von Betsaida führt sie der Weg fort in die Dörfer bei Cäsarea Philippi. Das sind Orte in der Nähe der Jordan-Quelle am Fuß des Hermon – heute Baniyas. Es ist eine Gegend, in der „nach rabbinischen Angaben die Grenze zwischen Israel und den Heidenvölkern liegt.“ (W. Grundmann, aaO. S.217) Weit weg von Jerusalem.

Aber hier beginnt der Weg nach Jerusalem. Wenn man so will: Er beginnt mit einer ungewöhnlichen Frage Jesu, die allerdings auf den ersten Blick wie nebenbei gestellt anmutet. Sonst erzählt Markus, dass die Menschen erstaunt fragen: „Wer ist der?“ (4;41) Aber jetzt fragt Jesus, fragt danach, welche Antworten sich die Leute auf ihr Fragen geben. „Die Frage Jesu ist am Anfang formuliert wie die Erkundigung über anderer Leute Ansichten.“ (E. Drewermann, aaO. S. 542)

Es fallen einem gleich die Meinungsforscher unserer Tage ein. Sie fragen wöchentlich: „Was halten Sie von…?“ – „Wie zufrieden sind Sie mit der Arbeit von…?“  Dann stellen sie ein Ranking auf – in der Zufriedenheitsskala ganz oben oder abgestürzt oder im Mittelfeld. Will Jesus das also von sich wissen: Wo siedeln die Leute mich in ihrer persönlichen Zufriedenheitsskala an? Das ist schwer vorstellbar von einem, der bis dahin seinen Weg geht, unabhängig von dem, was er an Zuspruch oder Widerspruch erfährt, nur gebunden an den Willen Gottes. Vielleicht müssen wir es uns eingestehen: Wir wissen nicht, was ihn zu seiner Fragen an die Jünger gebracht hat. Zumindest am Anfang der Szene muss man sich eine gewisse Ratlosigkeit eingestehen.

 28 Sie antworteten ihm: Einige sagen, du seist Johannes der Täufer; einige sagen, du seist Elia; andere, du seist einer der Propheten.

             Ihre Antwort aber hören wir. „Das Volk sagt, genau wie wir heute noch: ein Prophet, ein Lehrer, ein Großer. Wir schweifen im Finstern. Wir meinen, je mehr wir schweifen, je verschwommener es um uns ist, desto näher seien wir Gott.“ (P. Schütz aaO. S. 311) Das ist ein hartes Urteil über ehrlich vorgetragene Meinungen. So viel ist zu spüren: Im Volk denkt man groß über Jesus. Die Worte sind Ausdruck von Hochschätzung.  Aber auch das ist deutlich: Es ist ein widersprüchliches Bild – einig darin, dass er „irgendwie“ mit Gott zu tun hat, aber mehr auch nicht.

29 Und er fragte sie: Ihr aber, wer, sagt ihr, dass ich sei? Da antwortete Petrus und sprach zu ihm: Du bist der Christus! 30 Und er gebot ihnen, dass sie niemandem von ihm sagen sollten.

             So sagt „man“. Aber jetzt wird es direkt, persönlich: was sagt ihr? Das ist der Moment der Wahrheit: „Ich“ sagen. Es gibt Situationen im Leben, da ist nicht mehr Sachlichkeit gefragt, nicht mehr die Meinung aller. Nicht mehr das Zitieren von Literatur, Fachleuten, Experten. „Es gibt den Punkt in unserem Leben, wo kein Ausweichen mehr hilft und es nicht länger möglich ist, mit den Zitaten anderer an uns selbst vorbei zu leben.“ (E. Drewermann, aaO. S. 544) Da bin ich gefragt.

Ich habe dich lieb – sagt jemand zu mir. Was antworte ich? Liebe ist ein allgemeines Phänomen unserer Zeit? Stimmt diese Antwort, jetzt in diesem Augenblick, so richtig sie auch sonst grundsätzlich sein mag? „Ich habe Angst“ sagt mir jemand – und ich antworte: Alle haben Angst. Das ist ein existentielles Lebensgefühl, ohne das es kein Leben gibt. Richtig. Aber ist das die Antwort, die dran ist, jetzt?

  Jesus stellt die Jünger die direkte Frage: Und ihr? Damit stellt er sie, mutet ihnen zu, zu sagen, was er ihnen ist, was sie an ihm und in ihm gefunden haben. Es gibt jetzt kein Ausweichen. Was immer sie sagen – sie werden „ich“ sagen müssen. Ich glaube.

Es gehört zu den großartigen Wahrheiten des christlichen Glaubens: Ich darf „ich glaube“ sagen. Jeden Sonntag: „Ich glaube an Gott den Vater. Ich glaube an Jesus Christus. Ich glaube an den Heiligen Geist.“ Gewiss sage ich das mit vielen anderen, aber doch eben: Ich glaube. Ich verstecke mich nicht hinter „wir glauben“ und auch schon gar nicht hinter „man glaubt“.

Im Bekenntnis von Niizäa-Konstantinopel sagen wir: „Wir glauben“ (EG 805) und betonen in diesem wir, dass unser Glaube kein Alleingang ist. Dass wir zusammengehören mit all den anderen, die unseren Glauben, meinen Glauben teilen. Wir betonen auch, dass wir zusammen „mehr“ glauben als der Einzelne. Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile – das steckt in diesem „wir“. Aber doch lebt dieses wir glauben davon, dass wir zugleich sagen dürfen: ich glaube.

Wenn ich selbst gefragt bin, heute, dann leihe ich mir gerne Wort von anderen:

„Was Jesus für mich ist?                                                                                                                     Einer, der für mich ist.

Was ich von Jesus halte?                                                                                                                     Dass er mich hält.“                L. Zenetti, Auf seiner Spur, Mainz 2000, S.126

             Besser kann ich es nicht sagen. Aber ich weiß: Eingelöst werden auch die besten Worte erst, wenn ich sie lebe, mit ihnen lebe, mich von ihnen leiten lasse.

Petrus wird zum Sprecher aller Jünger. Er sagt nicht: Ich glaube, dass…. Er sagt nur, was er glaubt, worauf er vertraut, worauf er sein Leben baut, jetzt.  „Du bist der Christus.“ Hinter dem griechischen Χριστς steckt das aramäische Meschiah. Messias. Es ist ein Bekenntnis. Es ist eine ihn selbst und alle anderen bindende Aussage: „Du bist der, in dem Gott zu uns kommt, und ein Reich der Gerechtigkeit und des Friedens aufrichtet. In Dir kommt Gottes Herrschaft zu uns.“ (W. Klaiber, aaO.   S. 153f.) 

 Seltsam: Im Gegensatz zu Matthäus, der eine ausdrückliche Reaktion Jesu auf dieses Bekenntnis des Petrus berichtet, schweigt sich Markus aus. Kein Lob, kein Widerspruch. Nur die strenge Anweisung, dass sie niemandem von ihm sagen sollten. Das meint doch wohl: Dass sie dieses Bekenntnis jetzt nicht unter die Leute bringen sollen. Jetzt noch nicht? Weil die Zeit noch nicht reif ist? Weil dieser Titel „der Christus“ falsche Hoffnungen wecken könnten, auf einen, der die Dinge in die Hand nimmt, der sich an die Spitze einer Befreiungsbewegung stellt? Der die Welt neu ordnet und mit eisernem Besen auskehrt, was nicht in Ordnung ist? Es scheint nahe zu liegen, dass dieses Schweigegebot solch ein Missverständnis abwehren soll. „Doch ist umstritten, wie sehr die Erwartung eines als politischer Befreier auftretenden Messias damals im Judentum verbreitet war.“  (W. Klaiber, aaO. S.154)

Unstrittig ist, dass Markus dieses Schweigegebot oft wiederholt. Es hat mehr als nur Augenblicksbedeutung. „Markus dürfte mit seiner Theorie des Messiasgeheimnisses genau das getroffen haben, was Jesus daran hinderte, den Titel selbst zu gebrauchen: der Mensch sollte davor bewahrt werden, einfach eine traditionelle Aussage zu übernehmen und Jesus damit zu etikettieren, weil ihn das gehindert hätte, ihm wirklich und unvoreingenommen zu begegnen.“ (E. Schweitzer, aaO. S.97) An die Stelle des Nachsprechens von Traditionen muss das selbst gelernte „Ich glaube“ treten – und das braucht den langen Weg mit Jesus – bis ans Kreuz. Davon ist dann auch sofort die Rede.

 31 Und er fing an, sie zu lehren: Der Menschensohn muss viel leiden und verworfen werden von den Ältesten und Hohenpriestern und Schriftgelehrten und getötet werden und nach drei Tagen auferstehen. 32 Und er redete das Wort frei und offen.

        Das ist der Horizont, in dem das Christus-Bekenntnis zu stehen kommt: Der Weg nach Jerusalem. In den Widerspruch. In die Feindschaft. In die Verwerfung. In das Sterben. Er wird den Weg gehen, der so oft der Weg der Gerechten ist – leiden und verworfen werden. Vorgeformt ist das beispielsweise im Bild vom „Stein, den die Bauleute verworfen haben.“ (Psalm 118,22)

             Dieser Weg nach Jerusalem ist ein Weg in ein „Testverfahren“, das entworfen wird: „Ist der Gerechte wirklich Sohn Gottes, dann nimmt sich Gott seiner an und entreißt ihn der Hand seiner Gegner. Roh und grausam wollen wir mit ihm verfahren, um seine Sanftmut kennen zu lernen, seine Geduld zu erproben. Zu einem ehrlosen Tod wollen wir ihn verurteilen; er behauptet ja, es werde ihm Hilfe gewährt.“ (Weisheit 2, 18-20, EÜ)

   Über das schlimme Geschick des Gerechten führt der Schluss-Satz hinaus: und nach drei Tagen auferstehen. Der Tod wird nicht das letzte Wort behalten. Aber unter der Wucht des angesagten Leidens scheint dieser Satz wie angehängt zu verschwinden.

             In einer großen Offenheit redet Jesus. Keine Geheimniskrämerei. Kein Drumherum Reden. Auch nicht mehr Reden in Gleichnissen! Пαρρησα, Parrhesia ist die Freimütigkeit, die kein Blatt vor den Mund nimmt, ungeschminkt redet. Die sich auch von möglichen Reaktionen auf die eigenen Worte nicht schrecken lässt. Später werden die Jünger in dieser Parrhesia Rede und Antwort stehen, wenn ihr Bekenntnis gefragt ist.

 Und Petrus nahm ihn beiseite und fing an, ihm zu wehren. 33 Er aber wandte sich um, sah seine Jünger an und bedrohte Petrus und sprach: Geh weg von mir, Satan! Denn du meinst nicht, was göttlich, sondern was menschlich ist.

   Die Reaktion des Petrus ist gut gemeint. Er will ihm wehren, ihn warnen, schützen. Das kann doch nicht dein Weg sein. Es muss doch andere Möglichkeiten geben. Es ist der vernünftige Einspruch dessen, der die tödlichen Gefahren eines Weges sieht und nach einem Umweg oder Ausweg Ausschau hält.  Es wird wohl so sein: „Für Petrus war das, was Jesus sagte, das Gegenteil von dem, was er in seinem Bekenntnis zu ihm als Messias/Christus hatte aussagen wollen.“ (W. Klaiber, aaO. S.156)

So stehen sich zwei völlig konträre Sichtweisen gegenüber – und sie sind nur eins in dem: einer wehrt dem anderen, einer bedroht den anderen. Zweimal das gleiche Wort: πιτιμν – πετμησεν. Wo Petrus wehrt, bedroht er den Weg Jesu. Wo Jesus seinen Weg bedroht sieht, wehrt er das Wort des Petrus ab. Bedroht Petrus. Schroff und hart, weil es anders nicht geht.

In dem, was Petrus sagt, übernimmt er, ohne es zu wissen und zu wollen, die Rolle des Versuchers, die Rolle Satans, der Jesus vom Weg Gottes abbringen will. Wohlmeinend. Menschlich. Aber der Weg Jesu ist kein Weg nach dem Gutdünken von Menschen, selbstgewählt und selbstgemacht. Es ist der Weg Gottes, ganz hingegeben an seinen Willen. Da gibt es kein sowohl als auch, sondern nur das harte entweder – oder.

            ὀπσω μου. Hinter mich! Das ist der Platz, den Jesus seinem Jünger anweist. Trotz der schroffen Abfuhr. Petrus wird nicht „vom Platz gestellt“, aber ihm wird der Platz angewiesen, der allein ihm zusteht – der Platz in der Nachfolge Jesu, hinter ihm her. Er kann nicht Jesu Berater sein, nicht sein Coach, sondern „nur“ sein Nachfolger.

Zum Weiterdenken

Wir haben uns in 2000 Jahren daran gewöhnt. An das Bekenntnis des Petrus. Es ist irgendwie nicht mehr umwerfend, neu, außergewöhnlich. Wir haben uns auch an den Weg Jesu ans Kreuz gewöhnt. Dieses Kreuz haben wir Sonntag für Sonntag vor Augen, wenn uns denn unser Weg in die Kirche führt, in den Gottesdienst. Unser Problem: Wir können diese 2000 Jahre nicht irgendwie ausblenden. Wir können auch die Gewöhnung nicht ungeschehen machen. Was wir aber können: Uns mir unserer Existenz dieser Frage stellen: Ihr aber, wer, sagt ihr, dass ich sei? Was sage ich – über mich, über Jesus? Wer ist er mir? Das ist ungehörig, so persönlich zu werden! Höre ich in meiner Umwelt. Auch meiner kirchlichen Umwelt.

Es ist eine persönliche, prägende Erfahrung. 1992 – auf dem Berg Athos. Ein Mönch im Panteleimon-Kloster steht mit mir vor einer Christus-Ikone. Er küsst sie und sagt: „Ich liebe Jesus.“ Dann wendet er sich zu mir und fragt mich: „Liebst Du Jesus?“ Er hat mich kalt erwischt und seitdem werde ich diese Frage nicht mehr los. Sie geht tiefer als die Frage nach meinen christologischen Überzeugungen und meinen theologischen Grundsätzen. Sie knüpft an der Frage Jesu an: „Simon, Sohn des Johannes, hast du mich lieb?“(Johannes 21,16) Sie behaftet mich bei der Liebe. „Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die größte unter ihnen.“ (1. Korinther 13, 13)

Jesus, Du bist der Heiland, dem ich glaube, der Herr, dem ich folge, der König und Gesalbte, dem mein Herz gehört.

Gib Du mir, dass ich Dich bekenne, wenn es an der Zeit ist, dass ich mich zu Dir stelle, mich zu Dir bekenne. Gib Du mir aber auch, dass ich schweige, wo alles Bekennen nur falsch wirken würde, als Rechthaberei, als leere Formel, als Hoffnung ohne Grund.

Leite Du mein Bekennen und Schweigen durch Deinen Geist. Amen