Öffne mir die Augen

Markus 8, 22 – 26

22 Und sie kamen nach Betsaida.

             Zum zweiten Mal geht es nach Betsaida. Dorthin hatten sie gewollt, als der Sturm sie auf dem See überraschte. Jetzt kommen sie tatsächlich dort an. „Bethsaida war durch den Tetrachen Philippus unter Tiberius, zu Ehren der kaiserlichen Familie, der Julier, zur Stadt erhoben worden.“ (W. Grundmann, aaO. S. 212) Es ist also nicht irgendein Kaff, sondern ein Ort, dem doch eine gewisse Bedeutung zukommt. Aber für Markus bleibt es ein Dorf.

 Und sie brachten zu ihm einen Blinden und baten ihn, dass er ihn anrühre.

            Dort kommen wieder einmal Menschen, die ihm einen Kranken vorstellen. Diesmal einen Blinden. Sie kommen mit der Bitte, dass er ihn anrühre.  Es hat sich herumgesprochen: Sein Berühren ist heilsam, es lässt heil werden, an Leib und Seele. Das ist offensichtlich die Erwartung, in der sie zu ihm kommen: Wenn Jesus den Blinden berühren wird, wird er dadurch geheilt werden. Es ist eine Erwartung, wie sie sich mit dem Kommen der Heilszeit Gottes verbindet. „Dann werden die Augen der Blinden aufgetan und die Ohren der Tauben geöffnet werden.“ (Jesaja 35,5)

Der Anfang dieser Erzählung wirkt wie eine Wiederholung der Heilung des Taubstummen. Auch da hieß es:Sie brachten zu ihm einen, der taub und stumm war, und baten ihn, dass er die Hand auf ihn lege.“ (7,32) Die Erwartung an Jesus als einen Heiler in der anbrechenden Heilszeit Gottes verfestigen sich. Sie ahnen: Sein Helfen ist keine Eintagsfliege, es hat Kontinuität.  Auch das hat sich herumgesprochen: Er schickt keinen weg, er lässt sich erbitten.

  23 Und er nahm den Blinden bei der Hand und führte ihn hinaus vor das Dorf, spuckte in seine Augen, legte ihm die Hände auf und fragte ihn: Siehst du etwas?

Auch hier ein Zug in der Geschichte, der schon mehrfach zu beobachten war: Jesus handelt nicht vor aller Augen. „Das Messsiasgeheimnis ist es, das die Isolierung des Kranken, die Verborgenheit des Erfolges verlangt.“ (J. Schniewind, aaO. S. 105) Die Erklärung, die mir näher liegt: Jesus braucht Ruhe und keine aufgeregten Zuschauer, keine Gaffer. So nimmt Jesu ihn bei der Hand und führt ihn aus dem Dorf. Heraus aus dem Ort, an dem er auf sein Blindsein festgelegt ist, an dem alle von ihm wissen: Kein Durchblick. Kein Weitblick. Keine Orientierung. Eben blind. Dieser Weg an der Hand eines Fremden ist ein erster Vertrauenserweis des Blinden.

Dort draußen handelt Jesus an ihm nach Regeln damaliger Heilpraxis. Für uns klingt es unappetitlich: spuckte in seine Augen. Wie anders damals: Dem Speichel wird Heilkraft zugeschrieben. „Im rabbinischen Judentum schätzte man ihn als Heilmittel speziell gegen Augenkrankheiten.“ (J. Gnilka, aaO. S.314) Vielleicht weiß der Kranke so, durch diesen „Speichelritus“, dass er sich einem heilkundigen Menschen anvertraut hat. Im Auflegen seiner Hände schließt Jesus ihn dann an seine Lebenskraft an. „All sein Streicheln und Bestreichen der Augen dient offenbar dem Ziel, ein solches Gefühl der Sicherheit zu vermitteln, dass es nicht länger mehr schlimm ist, angesehen zu werden.“(E. Drewermann, aaO. S.528) Blind genannt zu werden. Und um der Blindheit willen zu ahnen: Die um mich herum halten mich für von Gott gestraft.

             Merkwürdig, dass Jesus ihn fragt: siehst du etwas? Ist das ein Fragen nach dem Heilungsfortschritt, so wie der Arzt nach der Betäubung heute fragt: Spüren Sie noch etwas?  Was ich ausschließen möchte: Der „Heiler“ Jesus ist sich seiner Sache nicht sicher. Mir leuchtet es ein: „Jesus erkundigt sich wie ein Arzt nach der Wirkung seiner Therapie.“ (R.Pesch, Das Markusevangelium Bd.1; Freiburg 1984, S. 418) In seiner Frage beteiligt er den Blinden. Es ist wichtig, was er jetzt wahrnimmt. Es kommt mir wie eine Aufforderung zur „Mitarbeit“ in diesem Prozess der Heilung vor. Er ist aktiv beteiligt, er macht die Augen auf. Die Frage zeigt: Jesus traut ihm zu, dass er etwas sieht.

  24 Und er sah auf und sprach: Ich sehe die Menschen, als sähe ich Bäume umhergehen.

            Ja, er sieht: Menschen wie Bäume. Seine Antwort zeigt, dass er nicht immer blind war, wie sollte er sonst wissen, wie Bäume aussehen. Der Fleiß der Kommentare macht auf eine außerbiblische Parallele aufmerksam: „Der blinde Alketas von Halileis, durch Asklepios geheilt, kann zuerst die Bäume im Tempelbezirk wahrnehmen.“ (J. Gnilka, aaO. S 314) Es ist noch kein genaues Sehen, das diese Antwort sichtbar macht. Er hat noch nicht wieder den vollen Durchblick. Er sieht noch schemenhaft und kann noch nicht wirklich zuordnen. Aber es fällt schon Licht in seine Augen.

 25 Danach legte er abermals die Hände auf seine Augen. Da sah er deutlich und wurde wieder zurechtgebracht, sodass er alles scharf sehen konnte.

             Ein zweiter Anlauf. Diesmal legt Jesus nur noch die Hände auf seine Augen. Der Speichel würde wohl keinen Fortschritt mehr bringen. Wohl aber die Berührung. Denn jetzt wird er zurechtgebracht. Alles kann er ganz deutlich, scharf sehen.

Was man im Deutschen nicht sieht: zurechtgebracht – im Griechischen steht da πεκατστη. Das ist eine Verbform des Wortes Apokatastasis. ποκαταστσις πντωνWiederbringung aller Dinge“ (Apostelgeschichte 3,21). Es gibt diese Hoffnung, dass am Ende der Zeit alles wiederhergestellt wird, zurechtgebracht, so wie es sich Gott gedacht hat.  Es kann sein, es ist nur eine zufällige Wortverwandtschaft, die hier bei Markus auftritt. Es könnte aber auch sein: In diesen Geschehen von Betsaida haben wir ein Vorzeichen, einen Anfang dessen vor Augen, was am Ende der Zeiten sein wird.

Dass er scharf sehen kann, braucht seine Zeit. Es ist ein langsamer Vorgang. Im Normalfall hat man nicht gleich und wie von selbst den Durchblick Es braucht oft auch den Helfer, der einem die Augen öffnet. Mir gefällt das: So wie dieser Blinde nicht auf einen Schlag sehend wird, sondern es ein Prozess ist, den er mit Jesus erfährt. So wird auch die Welt, das All nicht auf einen Schlag in den Zustand versetzt, wie es Gott will. Es ist ein Prozess an der Seite Jesu und es braucht unser Mit-Tun. Das Mit-Tun derer, die doch oft genug wie Blinde durch die Gegend laufen.

26 Und er schickte ihn heim und sprach: Geh nicht hinein in das Dorf!

             Wir hören nichts von einer Reaktion des Blinden. Auch nichts vom Staunen derer, die ihn zu Jesus gebracht hatten. Sie sind schon längst aus unserem Blickfeld verschwunden. Wir hören nur eine Anweisung Jesu an den Blinden: Geh nicht hinein in das Dorf.  Er soll heim,  ες οκον,  in das Haus gehen, aber nicht ins Dorf. Das ist das glatte Gegenteil dessen, was Jesus dem geheilten Gerasener geboten hatte. Dem hatte er gesagt: „Geh hin in dein Haus zu den Deinen und verkünde ihnen, welch große Wohltat dir der Herr getan und wie er sich deiner erbarmt hat.“ (5,19)

Wir stehen vor einer Rätsel: Die große Zahl der Textvarianten zeigt, dass schon frühere Zeiten hier ratlos waren. Da wird ergänzt: „Sprich mit niemand.“ – „Sage es niemand im Dorf.“ – „Gehe nicht in das Dorf und sage es niemand in Dorf.“. Da kommt man auf die kluge Idee: Das Haus des Blinden liegt außerhalb des Dorfes. Mir gefällt die Überlegung: So wie der Heilungsprozess seine Zeit gebraucht hat, so wird der Blindgewesene auch seine Zeit brauchen, bis er verstanden hat, was an ihm geschehen ist, bis er es realisieren kann, damit umgehen.

            Bei der später von Markus erzählten Heilung des blinden Bartimäus in Jericho wird Jesus sagen: „Dein Glaube hat dir geholfen.“(10,52) Diese Heilung wird der Anfang eines Weges hinter Jesus her. Hier dagegen nichts von Glauben, nichts von Nachfolge. Jesus hat einem Menschen die Augen geöffnet. Was daraus wird, steht auf einem anderen Blatt. Markus schweigt dazu. Jesus ist der Säemann, der Worte und Wohltaten, Heilung sät. Der Menschen Gutes tut.  Was daraus wird, überlässt er der Zukunft.

Zum Weiterdenken

      Es passt zur Konzeption des Markus-Evangeliums: Es braucht lange Zeit, bis ergriffen, verstanden werden kann, dass Jesus mehr ist als ein Heiler. Mehr als ein Prediger, mehr als ein Prophet. „Man muss sich an Jesus halten, wenn man sehende Augen haben und das heißt das gläubige Verständnis seines Wortes gewinnen will.“ (J. Gnilka, aaO. S. 315) Es braucht die Zeit des Schweigens, bis diese Einsicht innerlich gereift ist und nicht mit falschem Zungenschlag ausposaunt wird. Es braucht die Geduld, den Weg Jesu bis zum Ende mitzugehen. Wer zu früh, auf halber Strecke des Weges Jesu spricht, wird die Wahrheit über Jesus verfehlen. Das ist der tiefere Sinn dessen, was wir „Messsiasgeheimnis“ nennen.

 

Jesus. Öffne mir die Augen, dass ich sehe, was ist – das Licht des Tages, die Schönheit der Welt, aber auch das  Dunkel der Nacht und den Schmerz des Lebens. Öffne Du mir die Augen, dass ich Deine Gegenwart wahrnehme im Blick, der mich ermutigt, in der Geste, die mich stärkt, in der Hand, die mich stützt, im Wort, das mich tröstet.

Öffne Du mir die Augen, dass ich nicht vorbeigehe an der Sehnsucht der Wartenden, an der Not der Erschöpften, an der Angst der Leidenden, an den Fragen der Zweifelnden. Öffne Du mir die Augen, damit ich die Welt und die Menschen mit Deinen Augen sehe, oll Liebe und Erbarmen.

Und Herr Jesus, lass Deine Augen immer auf meinen Wegen über mir wachen und mich schützen. Amen

 

Ein Gedanke zu „Öffne mir die Augen“

  1. Ich kann keinen grossen Unterschied zwischen Mk 5,19 und 8,26 feststellen. Die beiden
    Geheilten sollen in ihr Haus gehen, also nicht in die neugierige Öffentlichkeit.
    Dem jetzt Sehenden ist es nicht ausdrücklich verboten, seiner Familie zu erzählen, was er erlebt hat und wem er seine Heilung zu verdanken hat.
    Danke für die gründliche Textarbeit.

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