Begriffsstutzig

Markus 8, 14 -21

14 Und sie hatten vergessen, Brot mitzunehmen, und hatten nicht mehr mit sich im Boot als ein Brot. 15 Und er gebot ihnen und sprach: Schaut zu und seht euch vor vor dem Sauerteig der Pharisäer und vor dem Sauerteig des Herodes. 16 Und sie bedachten hin und her, dass sie kein Brot hätten.

             Unterwegs wird bemerkt: Sie haben nur ein Brot an Bord. Was ist das unter so viele? Das löst Gedanken bei ihnen aus, wie schon öfters. Es beschäftigt sie. In diese Gedanken hinein hören sie ein Wort Jesu. Sie hören nur, dass er vom Brot redet, in seiner noch nicht gebackenen Form, vom Sauerteig.

Jesus spricht, einmal mehr, in Rätseln, in Gleichnisform. „Sich auf die Denkweise der Pharisäer und auf die Umtriebe der Gefolgsleute des Herodes einzulassen, gefährdet das Verhältnis zu Jesus.“ (W. Klaiber, ebda.) Wie aber sollen sie seine „Symbolsprache“ verstehen, die an der Sorge um ihr reales Brot für heute befasst sind? „Kulturgeschichtlich betrachtet ist Religion stets so etwas wie ein Luxusphänomen, das eine gewisse Entlastung von der unmittelbaren Lebensnotdurft bereits voraussetzt.“ (E. Drewermann, aaO. S.505) Man kann so sehr in den Gedanken um das tägliche Brot verhaftet sein, dass man weder Augen noch Ohren noch sonstige Sinne hat für den, der das tägliche Brot gibt.  Das man auch nicht versteht, dass das Wort Brot mehr meinen kann als das, was da im heißen Ofen gebacken worden ist. „Erst kommt das Fressen, dann die Moral.“( B. Brecht, Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny)

Nicht jeder hört bei dem Wort Brot, was Martin Luther gehört hat: „Alles, was not tut für Leib und Leben, wie Essen, Trinken, Kleider, Schuh, Haus, Hof, Acker, Vieh, Geld, Gut, fromme Eheleute, fromme Kinder, fromme Gehilfen, fromme und treue Oberherrn, gute Regierung, gut Wetter, Friede, Gesundheit, Zucht, Ehre, gute Freunde, getreue Nachbarn und dergleichen. (M. Luther, Kleiner Katechismus 1529, EG 806,3) Ob die Jünger so hätten hören und denken können, gar denken müssen?                                 

 17 Und er merkte das und sprach zu ihnen: Was bekümmert ihr euch doch, dass ihr kein Brot habt? Versteht ihr noch nicht, und begreift ihr noch nicht? Habt ihr noch ein verhärtetes Herz in euch?

Der Herzenskenner Jesus merkt, was in ihnen vorgeht. Er spürt auch ihr Unverständnis. Es wird wohl so sein: es schmerzt ihn. Es ist ja nicht einfach harte Kritik, die er an ihnen übt. Es ist auch keine Beschimpfung, die er jetzt über sie loslässt. Er fragt, um sie mit der eigenen Lage zu konfrontieren. Ihr Problem hat zwei Ebenen. Die eine ebene ist das Verstehen und Begreifen. Die andere Ebene das verhärtete Herz. πεπωρωμνην καρδαν. Sie haben nicht nur Kopfprobleme, sondern vor allem haben sie ein Herzproblem.

Wenn das Herz hart ist, kalt ist – man denke nur an Hauffs Erzählung „Das kalte Herz“ – dann ist nicht nur der Weg zum Anderen, der Weg der Liebe, sondern auch der Weg zum Verstehen versperrt. Dann wird auch das gute Wollen blockiert. In der biblischen Sicht vom Menschen ist das Herz nicht nur das Organ, das als Blutpumpe unser Leben antreibt, es ist vor allem der Sitz der Willensentscheidungen des Menschen, der Ort, von dem aus sein Fühlen, Wollen und Handeln gesteuert wird.

Jesus stellt seinen Jüngern die Frage, die für sie so vieles entscheiden wird: Seid ihr mit euren Herzen noch auf der falschen Spur – ähnlich wie die Pharisäer, wie die Herodesleute? „Es ist eine furchtbare Frage, die Jesus hier an seine Jünger stellt und von der Markus offenbar meint, dass sie zu jeder Zeit auch an die Gemeinschaft der Kirche weiter gegeben werden muss.“(E. Drewermann, aaO. S. 517) Habt ihr noch ein verhärtetes Herz in euch? Kein Vorwurf, sondern eine Frage zur Selbstprüfung.

  18 Habt ihr Augen und seht nicht, und habt Ohren und hört nicht? Und denkt nicht daran: 19 Als ich die fünf Brote brach für die fünftausend, wie viel Körbe voll Brocken habt ihr da aufgesammelt? Sie sagten: Zwölf. 20 Und als ich die sieben brach für die viertausend, wie viel Körbe voll Brocken habt ihr da aufgesammelt? Sie sagten: Sieben.

 Es ist keine neue Gefahr. Es ist die Gefahr, in der das Volk Gottes immer wieder steht. „Und der HERR hat euch bis auf diesen heutigen Tag noch nicht ein Herz gegeben, das verständig wäre, Augen, die da sähen, und Ohren, die da hörten.“(5. Mose 29,3) So wissen und lernen es die Propheten, schmerzhaft, weil ihre Botschaft nicht ankommt: „Hört zu, ihr tolles Volk, das keinen Verstand hat, die da Augen haben und sehen nicht, Ohren haben und hören nicht!(Jeremia 5,21) Über dem Auftrag an Jesaja steht dieses Rätselwort: „Und er sprach: Geh hin und sprich zu diesem Volk: Höret und verstehet’s nicht; sehet und merket’s nicht! Verfette das Herz dieses Volks und ihre Ohren verschließe und ihre Augen verklebe, dass sie nicht sehen mit ihren Augen noch hören mit ihren Ohren noch verstehen mit ihrem Herzen und sich nicht bekehren und genesen.“(Jesaja 6, 9 – 10) Aber – das ist wichtig: ne wird aus diesen Worten eine Anklage gegen die Bosheit, die nicht will, was Gott will. Es ist eine geheimnisvolle Unfähigkeit, die hier zur Sprache kommt.

Auch das spielt mit – dieser Unfähigkeit tritt die Sehnsucht entgegen, sichtbar in den Worten des Jesaja, stellvertretend auch für die anderen: „Dann werden die Augen der Blinden aufgetan und die Ohren der Tauben geöffnet werden. Dann wird der Lahme springen wie ein Hirsch, und die Zunge des Stummen wird frohlocken. Denn es werden Wasser in der Wüste hervorbrechen und Ströme im dürren Lande.“(Jesaja 35,5-6)

Darum erinnert er sie jetzt an ihre Erfahrungen mit ihm. Nicht, damit er gut dasteht. Sondern damit sie sich ins Gedächtnis rufen, was sie schon erlebt haben, was sie gesehen haben. Woran sie aktiv beteiligt waren – im Austeilen und Aufsammeln. Er erinnert sie: Ihr habt doch schon einmal angefangen, über alle eigene Sicherheit hinaus zu handeln. Ihr habt doch schon einmal das „Unvernünftige“ getan, euer Weniges mir anzuvertrauen und es zu teilen, aus meinen Händen neu zu empfangen und zu teilen. Und ihr habt erfahren: Es reicht. Für viele. Für alle.

Er fragt – fast wie ein Lehrer, der im Fragen schon die Antworten vorgibt. Sie können nicht anders. Sie müssen die Fülle, die sie erfahren haben, bestätigen – durch die nüchternen Zahlen: Zwölf. Sieben.  Und indem sie so mit nackten Zahlen antworten, werden sie geerdet. Ihre Sehnsucht ist kein Luftgespinst. Was der Prophet angekündigt hat, das ist im Anbruch. Ihre Augen werden aufgetan.

 21 Und er sprach zu ihnen: Begreift ihr denn noch nicht?

Wie steht es um euch? Noch nichts verstanden? Οπω συνετε Ich lese: Es ist eine „traurige Frage Jesu.“ (W. Klaiber, ebda.)  Eine „schmerzerfüllte Frage.“ (W. Grundmann, aaO. S.210) Eine Frage, die sich an ihrer Begriffsstutzigkeit reibt. Ich lese anders: Es ist die Frage, die ihnen nicht erlaubt zu glauben: Es ist schon alles gut, wir haben schon alles verstanden. Vor ihnen liegt immer noch und immer wieder die Herausforderung: Sich auf Jesus einzulassen, ihm zu glauben, sich ihm anzuvertrauen in allen Ängsten des Lebens, mit allen Fragen und Sorgen, aber eben auch mit dem, dass man meint, schon etwas verstanden zu haben. Von ihm. Jeder Tag wird neue Schritte fordern, neues Hören und Sehen, neues Vertrauen. Und jeder Tag bringt neue Erfahrungen mit ihm.

Zum Weiterdenken

Es geht darum, dass die Jünger offensichtlich überfordert sind, ein Bild von Jesus aus den unterschiedlichen Erfahrungen zu gewinnen, Irgendwie stolpern sie hier Jesus her. Von einem Augenblick zum anderen. Manchmal denke ich, dass es mit meinem Glauben genauso ist. Ich mache Erfahrungen, ich sehe Bewahrungen, ich erlebe Notwendiges – es bleibt immer Augenblick. Bei dem, was gerade ist. Müsste ich eine Zusammenschau hinkriegen, ein großes, ewig bleibendes Gemälde? Ich bin nicht überzeugt, dass Markus mit seinem Evangelium das alle Zeit gültige, normative Jesus-Bild zeichnen will. Ich denke vielmehr will er uns ermutigen, begriffsstutzig wie wir sind, ihm nachzustolpern. Das reicht.

Es gehört zu den Merkwürdigkeiten des Lebens, auch meines Lebens: Die schwierigen Erfahrungen bewahren wir, jederzeit abrufbar und präsent, in den Formen der Sorge und der Angst. Beides ist wohlbegründet. „In der Welt habt ihr Angst.“ (Johannes 16,33) Angst und Sorge aktualisieren sich wie von selbst. Sie gehören zur Grundausstattung des Menschen. Die guten Erfahrungen dagegen, die ja keineswegs geringer an Zahl sind, bewahren wir gerade nicht wie von selbst in der Form der Zuversicht und der Sorglosigkeit. „Er wird es wohl machen.“ (Psalm 37,5) Das müssen wir uns einreden, vorsagen, am besten dreimal täglich. Die Zuversicht auf die Hilfe und Fürsorge Gottes muss jeden Tag neu aktualisiert werden. Sie haben ihren Modus, ihre Form in der gesuchten und ins Gedächtnis gerufenen Erinnerung. In der Hinkehr zu Jesus.

Es ist gut, sich zu erinnern: „Der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.“ (Philipper 4,7) Der Friede, der alles Verstehen und Begreifen übersteigt…  In diesem Segenswort tauchen alle Leitworte unseres Abschnittes auf. Verstehen und Begreifen und das Herz. So will uns Gott über unsere engen Grenzen hinausführen. In seine Fülle.

 

Jesus, es gibt Tage, da wünsche ich mir ein Zeichen, klare Signale, unwiderlegbare Beweise Deiner Macht und Stärke. Es gibt Tage, da wünsche ich mir, dass Deine Macht unstreitig ist, dass alles schweigen muss, was gegen den Glauben spricht, was mir das Herz schwer macht.

An solchen Tagen brauche ich es mehr als sonst, dass ich mich erinnern lasse: Du bist anders. Dein Weg ist ein Weg in der Tiefe. Du gibst den Frieden, der im Schmerz trägt, dessen Fülle erst da sichtbar wird, wo wir Dir unseren Mangel und unsere Leere überlassen. Amen