Zeichen? Spuren!

Markus 8, 10 -13

10 Und alsbald stieg er in das Boot mit seinen Jüngern und kam in die Gegend von Dalmanuta.

             Wieder ein rascher Aufbruch – einmal mehr εθς – alsbald, sofort. Manchmal wirkt es, als eile Jesus von Ort zu Ort, als würde er die Orte der besonderen Erfahrungen auch deshalb verlassen, weil das Leben keinen Stillstand duldet, weil es weiter geht. Es könnte Absicht des Evangelisten Markus sein. Die das Evangelium lesen, sollen lernen: Es gibt kein Verweilen bei den wunderbaren Erfahrungen des Augenblicks. Kein „Verweile doch, du bist so schön.“(J. W. v. Goethe, Faust) Weil sonst das Leben verloren geht. So fahren sie mit dem Boot über das Galiläische Meer nach Dalmanuta. Wir wissen heute nicht, wo wir diesen Ort suchen sollen. Wahrscheinlich ist es eine Ortschaft am Westufer des Sees. Sicher ist das aber nicht.

 11 Und die Pharisäer kamen heraus und fingen an, mit ihm zu streiten, versuchten ihn und forderten von ihm ein Zeichen vom Himmel.

             Dort kommen Pharisäer, die das Gespräch mit Jesus suchen, auch den Streit nicht vermeiden, die ihn herausfordern.  „Die Stärke ihrer Bewegung lag sicher darin, dass sie, wenn auch vermutlich nicht am Anfang, von Laien getragen wurde, und dass sie als geschlossener Kreis, von dem stets Anziehungskraft ausgeht, auch den einfachen Mann aufnahmen.“(J. Gnilka, aaO., S.107) Mitglieder dieser Bewegung also gehen auf Jesus zu. Weil sie das, was sie von ihm gehört hatten, fragen ließ: Was steckt dahinter? Um ihn zu prüfen und vielleicht auch um die eigene Nähe zu ihm zu überprüfen? συζητεν – untersuchen, disputieren, streiten, hinterfragen.“ (G. Friedrich,Theol. Wörterbuch zum NT, Bd VII; Stuttgart, 1964, S, 748) Es ist ein Form der Wahrheitssuche.

„Zeichenforderungen erscheinen der jüdischen Theologie berechtigt.“ (W. Grundmann, aaO. S.206) Schließlich hat auch schon der Richter Gideon gleich zweimal Zeichen von Gott gefordert und erhalten. (Richter 7, 36 – 40) Für diese Forderung wird er in keiner Weise kritisiert.

Ein Zeichen wollen sie. σημεον. Vom Himmel. Bestätigt von oben. Einen göttlichen Beglaubigungsnachweis. Was sie bislang von Jesus hören und sehen, genügt diesem Anspruch nichts. Es mag wundersam sein, was er sagt und tut, aber es ist nicht nachhaltig beweiskräftig. „Da Markus die Wunder Jesu δυνάμεις nennt und der Begriff σημεον im Kontext von Jesu Wundertaten nur hier verwendet wird, muss sich das geforderte Zeichen von seinen Wundern abheben.“ (J. Gnilka, aaO., S. 306) Also nicht irgendeine Kraft-Tat oder irgendein Kraftakt, sondern etwas, das eindeutig „himmlisch“ ist. Es geht um „endzeitliche Unheilszeichen kosmischen Ausmaßes“ (J. Gnilka, ebda.) Wer mag, könnte an so etwas wie den Ausbruch des Vesuv denken, der eine ganze Generation und sicher auch Leser und Leserinnen des Markus-Evangeliums beschäftigt hat.

Wenn es heißt: sie versuchten ihn, so ist damit nicht gemeint, dass sie ihn von seinem Weg abbringen wollen, wie der Versucher in der Wüste. Sondern sie wollen ihn dazu bringen, sich zu offenbaren, salopp: die Karten auf den Tisch zu legen. Sie tun das, um Klarheit zu gewinnen. Vielleicht auch, weil sie damit rechnen, dass er ihrer Aufforderung nicht nachkommen kann. Darum geht es ihnen: Er soll sich legitimieren. „Die Zeichenforderung setzt voraus, dass Jesus Prophet ist und beinhaltet, dass er sich als solcher legitimieren soll“ (J. Jeremias, Neutestamentliche Theologie, Bd. I, Gütersloh 1973, S. 82) Er soll sich als einer zeigen, der über seine „Kräfte“ frei verfügt und sie demonstrieren kann.

 12 Und er seufzte in seinem Geist und sprach: Was fordert doch dieses Geschlecht ein Zeichen?  Wahrlich, ich sage euch: Es wird diesem Geschlecht kein Zeichen gegeben werden!

Ihre Forderung trifft Jesus. sie bringt ihn zum Seufzen in seinem Geist. Das „ist Ausdruck seiner tiefen Erschütterung über die Haltung der Pharisäer.“ (W. Klaiber, aaO. S. 147) Es schmerzt ihn, es geht ihm nahe. Es ist der gleiche Schmerz, den er unmittelbar zuvor angesichts des taubstummen Mannes empfindet. (7,34) Das gleiche Wort: ναστενξας. Weil er die Pharisäer in gleicher Weise taub und stumm – und obendrein blind – in sich selbst gefangen empfindet wie diesen Mann?   

Sie sehen seine Taten, aber sie sehen nicht die Zeichen Gottes darin. Sie hören seine Worte, aber nicht, wie er darin nach ihrem Vertrauen sucht. Sie antworten nicht mit dem Glauben, der in diesen Taten Gott am Werk sieht. Was sollen da andere Zeichen?

So bleibt nur die Zeichenverweigerung. Feierlich eingeleitet durch Wahrlich. μν. Wer nicht sehen und nicht hören kann, wer nicht antworten will, dem wird nichts zum Zeichen Gottes. Dem kann auch nichts zum Zeichen Gottes werden. „Man kann sich Gottes Nähe nicht beweisen lassen, man muss sich ihr anvertrauen.“ (W. Klaiber, ebda.) Weil er diese Bereitschaft in ihren Worten nicht spürt, sich anzuvertrauen, darum ist es konsequent, dass Jesus ihnen jede Demonstration der eigenen Macht verweigert.

13 Und er verließ sie und stieg wieder in das Boot und fuhr hinüber.

             „Niemals zuvor hat er sich derart brüsk von einer Menschengruppe abgewendet.“ E. Drewermann, aaO. S. 514) Er lässt sie einfach stehen, überlässt sie sich selbst.  Es ist ein kurzer Aufenthalt in Dalmanuta. Erfolglos auch, wenn Erfolg das wäre, dass er Anhänger findet. Erfolgreich ist der Aufenthalt, weil er Klärungen herbeiführt. Keine Zeichen ohne Vertrauen. Wohin die Reise jetzt weitergeht, bleibt unbestimmt. Hinüber – wohin auch immer das ist. Es liegt Markus nichts daran, eine lückenlose Bewegungsroute, ein Bewegungsprofil Jesu zu erstellen.

Zum Weiterdenken

            So weit entfernt von uns sind die Pharisäer mit ihrer Zeichenforderung nicht. Heute heißt das: Beweise. Fakten. Objektiv. Überprüfbar. Wer öffentlich auftritt muss es sich gefallen lassen, das er durchleuchtet wird, sein Hintergrund, seine Interessen, seine Verbindungen. Heutzutage würde Jesus zu Markus Lanz eingeladen und dort inquisitorisch befragt. Hartnäckig gelöchert: `Was sind das für Wunder?  Was für ein Anspruch verbindet sich mit ihnen? Wer steht hinter ihnen? Du, wenn es denn Gott wirklich gibt, warum können wir das dann nicht nachverfolgen? Wo sind entsprechenden Vereinbarungen hinterlegt?´ Gruselig, so zu übertragen – aber es trifft die Haltung der Pharisäer, damals und heute. Jeder ist auskunftspflichtig, auch Jesus.

Ein Wissenschaftler hatte sich für eine Forschungsreise in die Sahara einen Araber als Begleiter mitgenommen. Dieser betete zu den vorgeschriebenen Zeiten. Da fragte ihn der Forscher:  „Was tust du?“ „Ich bete.“ „Zu wem betest du?“ „Zu Gott.“ „Hast du Gott jemals gesehen?“ „Nein.“ „Hast du ihn schon mit deinen Händen betastet und gefühlt?“ „Nein, auch das nicht.“ „So bist du ein Narr, wenn du an Gott glaubst.“

Am nächsten Morgen, als der Forscher aus seinem Zelt trat, rief er den Araber und sagte:
„Diese Nacht ist hier ein Kamel gewesen.“ In den Augen des Gefährten blitzte es auf, als er fragte: „Hast du das Kamel gesehen?“ „Nein.“ „Hast du es mit der Hand berührt?“ „Nein. Warum sollte ich?“ Nachdenklich sprach der Araber „Du bist ein seltsamer Mann. Du glaubst an ein Kamel, das du weder gesehen noch berührt hast.“ „Irrtum!“, entgegnete der Forscher. „Ich habe ja den Beweis: Die Fußspuren des Kamels sind rings um das Zelt zu sehen.“

 Da ging am Horizont strahlend die Sonne auf. Der Araber wies mit der Hand zur Sonne und sprach schlicht und gläubig: „Und darin sehe ich die Fußspur Gottes!“

             Es gilt, sich auf die Spurensuche Gottes zu machen. In der Welt, der Schöpfung. Im eigenen Leben.  Dazu braucht es geöffnete Ohren, geöffnete Augen, ein geöffnetes Herz. Das alles kann und will Gott schenken.

             Jesu, gib gesunde Augen, die was taugen,
rühre meine Augen an;
denn das ist die größte Plage, wenn am Tage
man das Licht nicht sehen kann.    C.
F. Richter,1676 – 1711

 

 Mein Gott, Zeichen vom Himmel, Zeichen Deiner Gegenwart – so etwas wünschen wir uns auch manchmal. Ich möchte verstehen können. Nicht immer nur fragen müssen, nicht immer nur aushalten müssen, nicht immer nur eine stumme Gegenwart ahnen.

Öffne Du mir die Augen, für Deine Spuren, für Deine Nähe, für Deine Güte, für Dein Erbarmen. Amen