Doppelt hält besser

Markus 8, 1 – 9

   „Die Auffassung, dass 8, 1 – 9 eine vom Evangelisten geschaffene Doublette sei, ist heute aufgegeben.“ (J. Gnilka, aaO. S.300) Es gibt wohl so etwas wie einen „gemeinsamen Grundbericht“ (J. Gnilka, ebda.), auf den beide Speisungserzählungen zurückgehen. Das ist aber nur eine Aussage über den literarischen Zusammenhang, keine Aussage darüber, ob es zwei solche Ereignisse gegeben hat.

1 Zu der Zeit, als wieder eine große Menge da war und sie nichts zu essen hatten, rief Jesus die Jünger zu sich und sprach zu ihnen: 2 Mich jammert das Volk, denn sie haben nun drei Tage bei mir ausgeharrt und haben nichts zu essen. 3 Und wenn ich sie hungrig heimgehen ließe, würden sie auf dem Wege verschmachten; denn einige sind von ferne gekommen.

Es ist nicht das erste Mal, dass sich die Menschen als eine große Mengeπολλός χλος – um Jesus sammeln. Es ist auch nicht das erste Mal, dass sie über diesem Zusammenkommen bei ihm vergessen, für die eigene Verpflegung zu sorgen. Sie sind einfach da, so wie sie sind, mit leeren Händen.

Das sieht Jesus – die leeren Hände, die leeren Mägen, so wie er ja auch die leeren Herzen sieht. Für die leeren Herzen hat er gesorgt – drei Tage lang. Solange hat er sein Evangelium vom Erbarmen Gottes an sie ausgeteilt. Aber wer für die Seelen Sorge trägt, kann den Leib nicht übergehen. So gilt eben: Das Volk jammert ihn, geht ihm an die Nieren. Σπλαγχνζομαι. Es geht ihm innerlich nahe und lässt ihn eben nicht kalt. „Das Erbarmen ist Grundzug des Wirkens Jesu und gilt den Menschen in jeder Notlage.“ (W. Grundmann, aaO. S.204) Das umso mehr, als sie seit Tagen bei ihm sind, weil sie einen langen Weg zu ihm auf sich genommen haben.

             Sie sind von ferne her gekommen hat man als Hinweis lesen wollen, dass es sich bei der Menge wohl um Heiden handelt. Das ist nicht zwingend so zu verstehen, aber auch nicht auszuschließen. Es könnte erklären, warum diese zweite Speisungsgeschichte erzählt wird – die erste in 6, 20 – 44 erzählt von einer Speisung Israels, diese nun möglicherweise von einer Speisung von Menschen aus den Heiden. „Der Speisung der Kinder folgt die Speisung der `Hündlein´, nun sollen auch sie satt werden.“ (W. Grundmann, ebda.) Ganz unsinnig wirkt der Gedanke nicht auf mich.

Unabhängig von diesem symbolischen, theologischen Gehalt – es geht um Abwehr und Aushilfe aus konkreter Not. Es geht darum, dass Jesus verhindern will, dass auch nur einer auf dem Weg zu ihm, mit ihm oder von ihm weg verhungert. Das ist in der Wüste  eine reale Gefahr.

 4 Seine Jünger antworteten ihm: Wie kann sie jemand hier in der Wüste mit Brot sättigen?

             Die Jünger hören die Situationsbeschreibung Jesu und verstehen sie als Aufforderung. Sie machen sich das Problem zu eigen, indem sie nach einer möglichen Lösung fragen: Aber wie soll das gehen, hier in der Wüste?  Ihr Fragen zeigt: sie haben nur Augen für die Wüste. Sie haben nur Augen für die Größe des Problems; sie haben – immer noch – keine Augen für Jesus.

Man könnte sagen: sie haben nichts gelernt. Aber ich möchte sie gegen die harten Urteile in Schutz nehmen. Wohl wahr: „Die Jünger erklären es für schlechterdings unmöglich, dass hier in der Wüste die Menge verpflegt werden könne, offenbaren damit aber – im Sinne des Markus – ihren Unverstand.“ (J. Gnilka, aaO. S. 303) Es ist schon so, dass Markus nicht müde wird, die Jünger als blind und unverständig zu zeigen. Sie verstehen nicht wie von selbst.

Die tiefere geistliche Wahrheit ist allerdings, dass unsere geistlichen Erfahrungen eben nicht eisernen Rationen gleichen, die jeden Tag unangefochten und unverbraucht zur Verfügung stehen. Wir erinnern uns an alte Erfahrungen, aber sie scheinen allzu oft in der neuen Situation nicht mehr tragfähig, wie weggeblasen, wie nie gemacht. Wir schaffen es nicht, sie auf die neue Situation eins zu eins zu übertragen. Es gibt kein existentielles, auch kein geistliches Sparguthaben aus früheren Zeiten. Die Aufgabe des Glaubens ist in jedem Augenblick neu: sich Jesus anvertrauen.

5 Und er fragte sie: Wie viel Brote habt ihr? Sie sprachen: Sieben.

             Die Mittel, die zur Verfügung stehen, werden festgestellt. Sieben Brote. Das ist das, was die Jünger haben. Mehr nicht, weniger auch nicht. So stehen sie nun da, mit ihrem festgestellten Vorrat – und wissen nicht weiter. So geht es uns oft, fast täglich: „Schaut man auf die Not ringsum, wird es niemals genug sein.“ (E. Drewermann, aaO. S.502) Jede Tagesschau, die uns das Elend der Welt vor Augen führt, zeigt uns zugleich: Unsere Kraft ist zu klein, unsere Mittel sind zu gering. Das Gefühl der Ohnmacht macht sich breit und gewinnt an Boden.

 6 Und er gebot dem Volk, sich auf die Erde zu lagern. Und er nahm die sieben Brote, dankte und brach sie und gab sie seinen Jüngern, damit sie sie austeilten, und sie teilten sie unter das Volk aus.  

  Er aber, Jesus, lässt sich nicht aufhalten, nicht hindern. Er kommentiert die Auskunft der Jünger nicht. Auch nicht das Wenige, das er in Händen hat.ναπεσεν – er lässt das Volk sich lagern. Zur Ruhe kommen. Ausruhen. Sie können aufhören, auf dem Sprung zu sein. Gelassen warten. Paul Gerhardt hat etwas von dieser Gelassenheit des Stillwerdens gewusst – und vielleicht unserem Text nachgedichtet:

„Weg hast du allerwegen, an Mitteln fehlt dir’s nicht;
dein Tun ist lauter Segen, dein Gang ist lauter Licht.
Dein Werk kann niemand hindern, dein Arbeit darf nicht ruhn,
wenn du, was deinen Kindern ersprießlich ist, willst tun.“                                                          P.
Gerhardt, 1653, EG 361

Jesus nimmt, was da ist, hält es dankend Gott hin und gibt es weiter. Teilt es aus durch die Hände seiner Jünger. Damit sie es weiter austeilen an das Volk. Diesmal steht Matthias Claudius Pate:

            „Es geht durch unsre Hände, kommt aber her von Gott.“                                                                                       M. Claudius 1783, EG 508

 7 Und sie hatten auch einige Fische, und er dankte und ließ auch diese austeilen.

             Es wirkt beinahe wie ein Nachtrag: auch einige Fische kommen zur Verteilung, auch sie, nachdem er über den Fischen dankte und sie austeilen ließ. Wieder sind es die Jünger, die austeilen. Das ist eine Botschaft für sich: Diese begriffsstutzigen Leute sind dennoch beteiligt an der Weitergabe der Gaben, die der Not wehren. Man muss nicht alles von Jesus verstanden haben, man muss nicht immerzu groß von ihm denken, um von ihm in Anspruch genommen zu werden, um für ihn aktiv werden zu können und zu dürfen.

 8 Sie aßen aber und wurden satt und sammelten die übrigen Brocken auf, sieben Körbe voll. 9 Und es waren etwa viertausend; und er ließ sie gehen.

             Alle bekommen so viel, dass sie satt werden. In der Wüste.  Sieben Körbe voll werden anschließend aufgesammelt. Sieben Körbe – für jeden Tag der Woche einen Korb. Genug zum Leben, Weiterleben. Diese Sammelaktion hat der „Brockensammlung“ ihren Namen gegeben, wie sie beispielsweise von Bethel aus organisiert wird. Was in unseren Augen wenig ist, kaum noch zu gebrauchen, kann doch vielen zur Hilfe werden.

Als alles eingesammelt ist, die Fülle der Gaben in den sieben Körben, lässt er das Volk gehen.  Auch hier: Kein Apell. Keine Aufforderung: Lernt teilen. Es gehört zur Eigenart Jesu, dass er niemand bei sich festhält, dass er auch ein noch so großes Wunder nicht wie ein Fischernetz einsetzt. Um Menschen einzufangen. Er lässt los.

Zum Weiterdenken

„Wichtig ist die Entdeckung, dass man der menschlichen Not niemals gewachsen ist, solange man zu zählen anfängt.“ (E. Drewermann, aaO. S. 504) So richtig der Satz ist – er darf nicht dazu führen, dass man leichtfertig auf Vorsorge verzichtet. Es war klug und sachgemäß, im März 2020 zu fragen: Wie viele Notfall-Betten haben wir in den Krankenhäusern der Republik. Es wäre leichtfertig gewesen, auf eine wunderbare Bettenvermehrung zu setzen. Oder darauf, dass es sich schon „irgendwie“ regeln wird mit dem Virus. Die Wunder Jesus wolle keine Wundergläubigkeit hervorbringen. Aber sie wollen die lähmende Angst überwinden helfen:  Es ist nicht wahr, dass die Not das letzte Wort behalten wird und wir ihr hilflos ausgeliefert sind.

Eine Reaktion? Darüber schweigt Markus. Kein Staunen. Kein Fragen: Wer ist er, der uns so gespeist hat? Kein Lob Gottes. Die einzige Reaktion ist, dass sie nichts verkommen lassen, sondern aufsammeln, was übrig ist. Zu diesem Sammeln der Reste muss sie keiner auffordern. Das tun die viertausend wie von selbst. Das ist eine schweigende Form der Achtung vor den Gaben. Eine, die ich mir in unserem Land auch wünschte, in dem fast die Hälfte aller Lebensmittel in der Abfalltonne landet.

 

Jesus, Du willst, dass wir Dir anvertrauen, was wir haben. Du nimmst, was wir Dir anvertrauen und unter Deinem Danken wird es mehr, reicht es für viele.

Gib Du uns, dass unser Vertrauen zu Dir wächst, damit wir sehen, wie Du aus dem, was wir Dir überlassen, Reichtum werden lässt, der der Not wehrt, der dem Leben dient. Amen