Gedankenenge – Herzensweite

Markus 7, 24 – 30

24 Und er stand auf und ging von dort in das Gebiet von Tyrus.

             Es wirkt wie ein abrupter Abbruch des Gesprächs mit den Pharisäern und Schriftgelehrten. Er stand auf – lässt sie stehen, wo sie sind – und geht fort. Ins Heidenland, in das Gebiet von Tyrus. Keine Gegend, in der er mit Sympathien rechnen durfte. „Die Bewohner von Tyrus waren sogar unter den Phönikiern auf die Juden besonders schlecht zu sprechen.“ (J. Gnilka, aaO. S.291) Es gibt eine weit zurück reichende Verletzungsgeschichte zwischen den Völkern. Darum ist auch von vornherein klar: „Jesus ist nicht als Missionar im phönizisch-syrischen Bereich, sondern er hat sich aus Galiläa zurückgezogen.“ (W. Grundmann, aaO. S.197) Es geht allerdings gewiss nicht darum, eine neue Basis zu erschließen. Dieses Weggehen ist eher defensiv geprägt. Rückzug, Auszeit. Was er den Jüngern zugesteht: „Geht ihr allein an eine einsame Stätte und ruht ein wenig.“ (6,31) gönnt er auch sich selbst.

Und er ging in ein Haus und wollte es niemanden wissen lassen und konnte doch nicht verborgen bleiben, 25 sondern alsbald hörte eine Frau von ihm, deren Töchterlein einen unreinen Geist hatte.

             Mit dieser geplanten Auszeit passt es zusammen, dass er sich in einem Haus aufhält, von dem niemand wissen soll. „Er hat sich zurückgezogen, ganz offensichtlich, um sich für eine Weile der Not der Menschen fernzuhalten und in der Gemeinschaft der Jünger sich selbst zu sammeln.“ (E. Drewermann, aaO. S. 487) Allerdings – der Plan, wen ner denn so war, missglückt. Wie es den Jüngern geht, dass ihre Ruhezeit unterlaufen wird, so ist es auch hier. Jesus wird von seinem eigenen Wort eingeholt: „Denn es ist nichts verborgen, was nicht offenbar werden soll, und ist nichts geheim, was nicht an den Tag kommen soll.“ (4,22) Es hört sich so an, als würde ein übergeordneter Plan das nicht erlauben, dass er verborgen bleibt.

             Eine Frau erfährt von ihm. Wie ist uninteressant. Nur: es geschieht sofort. εὐθὺς. Der Plan ist von Anfang an durchkreuzt. Wichtiger ist: diese Frau hat eine Tochter, die belastet ist. Diese Tochter hat einen unreinen Geist. Wahrscheinlich muss man eher sagen: ein unreiner Geist hat sich des Mädchens bemächtigt. πνεμα κθαρτον, unreiner Geist ist eine vorsichtigere Formulierung als δαίμων, Dämon. Es ist offen, was dahinter steckt.

 Und sie kam und fiel nieder zu seinen Füßen 26 – die Frau war aber eine Griechin aus Syrophönizien – und bat ihn, dass er den bösen Geist von ihrer Tochter austreibe.

             Für die Mutter – eine Griechin aus Syrophönizien, eine Heidin, eine Nichtjüdin aber ist der Tatbestand klar: Das ist keine harmlose Angelegenheit. „Das eigene Kind dämonisch besessen, nicht nur krank, unglücklich oder unfähig zum Guten, sondern wie mit Absicht verletzend, boshaft nur verneinend, den eigenen Untergang betreibend! Und man weiß ganz genau, wieviel Angst, wieviel Zerrissenheit, wieviel Qual hinter der Fassade, der oft zynisch zur Schau getragenen freiheitlichen Unabhängigkeit dieses Zwangs zur Verneinung steckt.“ (E. Drewermann, aaO. S.477)

Darum kommt sie zu Jesus. Sie hat wohl von ihm gehört, dass er helfen kann, auch in solch schwierigen Situationen. Sie bittet ihn, dass er den bösen Geist – hier jetzt τ δαιμνιον – austreibe. Ihn rauswerfen – so wörtlich κβλ aus der Tochter. Salopp: Jesus soll sich als Rausschmeißer betätigen,

Sie bittet Jesus, kniefällig. Ob sie hoffnungsvoll bittet? „Wir alle kennen diese Gebete ohne Hoffnung, die man spricht, ohne etwas zu erwarten, weil man sich nicht einmal mehr vorstellen kann, wie eine Rettung aussehen sollte; und man betet um nichts, und doch betet man um alles, und man erbittet keine Hilfe und doch fleht man ganz inständig um eine Rettung, und obwohl man sich dabei selber höchst unglücklich fühlt, besitzt man irgendwie dennoch, indem man einfach weiter betet, jene völlig widersinnige Geduld, die einfach weitermacht.“ (E. Drewermann, aaO. S.478) Solches Beten ist alternativlos. Es sei denn, man würde einfach aufhören zu beten und zu glauben, zu hoffen und zu lieben.

Mir fällt auf, wie diese Frau Schritt für Schritt zur Klarheit führt: Sie holt Jesus aus dem Versteck. Sie ersetzt das ungefähre unreiner Geist durch eine klare „Diagnose“: Dämon. Böser Geist. Sie ist eine Frau, die die Dinge beim Namen nennt. Auf den Punkt bringt. Vielleicht darf man so weit gehen und sagen: Schon in diesen ersten Worten der Geschichte erweist sie sich als kluge, klarsichtige Frau. Das könnte die Vermutung bestätigen: „Sie gehörte der sozialen Oberschicht an.“ (J. Gnilka, aaO. S.292) Zwingend ist diese soziale Einordnung allerdings nicht.

 27 Jesus aber sprach zu ihr: Lass zuvor die Kinder satt werden; es ist nicht recht, dass man den Kindern das Brot wegnehme und werfe es vor die Hunde.

             Jesus lehnt ihr Bitten ab – mit einer völlig schrägen Begründung. Seine Antwort geht an der Bitte völlig vorbei. Sie hat ihn doch nicht gebeten, irgendjemand etwas wegzunehmen, um es ihrer Tochter zugutekommen zu lassen. Sie will seine Hilfe für ihr Kind. Mehr nicht. Damit nimmt sie niemand etwas weg. Es ist doch nicht so, dass seine Heil-Kraft damit verbraucht wäre. In ihrer Bitte steckt einzig die Anerkennung: Du bist hier vor Ort und du bist der, der helfen kann.

In der Markus-Erzählung fehlt der Satz, den Matthäus als Begründung für die ablehnende Antwort Jesu überliefert: Ich bin nur gesandt zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel.“ (Matthäus 15, 24) Damit ist ein gedanklicher Ausweg zur Entlastung Jesu verstellt. Es ist nicht die Treue gegen den göttlichen Auftrag, die Jesus hier leitet, ihn sein Helfen ablehnen lässt. Bei Markus scheint die Weigerung völlig unbegründet. Er will einfach nicht.

Man kann schon fragen, was diese schroffe Abfuhr soll. Wodurch sie motiviert ist. Es ist ein Jesus, der gefangen erscheint in den Vorurteilen seines Volkes, der Juden. „In dem Vergleich steckt ein stehendes Bild zeitgenössischen Denkens, das die Heiden mit Hunden vergleicht, während die Juden als Kinder Gottes gelten.“ (W. Klaiber, aaO. S.140)

       Es ist nicht das Bild des fremdenfreundlichen Jesus, das hier vor unseren Augen entsteht. Er erscheint befangen der Fremden gegenüber. Als einer, der nachplappert, was man so sagt. Der die gleichen üblen Sprüche draufhat, wie sie an den Stammtischen in Nazareth, Kapharnaum und anderswo üblich waren. Dieses Verhalten und diese Vorbehalte Jesu anzuschauen kann einen davor bewahren, so zu tun, als sei Fremdenfreundlichkeit sozusagen mit der Muttermilch wie von selbst in ein Christenleben aufgesaugt. Das stimmt so nicht!

               Es gibt einen Ausweg, der versucht, diese erschreckende Schroffheit abzumildern. Einmal durch den Hinweis: Jesus redet nicht von Hunden, sondern von „Hündlein“. κυναροι. Der Diminutiv, die Verkleinerung soll dem Wort die Schärfe nehmen. Und dann auch noch: Es ginge Jesus um eine Reihenfolge – erst die Kinder, dann die Hunde. Also nicht um eine grundsätzliche Ablehnung.

Also: „Auch dass Jesus `zuerst´ sagt, lässt die Möglichkeit eines Danach offen. Wo man diese Geschichte in der heidenchristlichen Gemeinde erzählt hat, wird man dieses zuerst und seine unausgesprochene Folgerung sehr bewusst gehört und ähnlich wie Römer 1,17(„die Juden zuerst und ebenso die Griechen“) verstanden haben.“ (W. Klaiber, ebda.) Mir kommt das wie ein schöner Versuch vor, ein ärgerliches Wort Jesu zu entschärfen; ein Versuch, der allein schon durch das harte es ist nicht recht, dass man den Kindern das Brot wegnehme unterlaufen wird.

Ich bin dafür, mir einzugestehen: Hier ist mir Jesus fremd. Vielleicht aber ist es auch so, dass er mich nötigt, danach zu fragen, wie es denn wirklich mit meiner Fremdenfreundlichkeit steht und ob es nicht auch, tief verborgen in nicht zugelassenen Gedanken, in mir die Angst gibt, durch die Fremden könnte mir und meinesgleichen etwas weggenommen werden. Es ist ein harter und langer, manchmal allzu langer und selten gradlinig verlaufender Lernprozess, Fremdenfeindlichkeit zu überwinden.

 28 Sie antwortete aber und sprach zu ihm: Ja, Herr; aber doch fressen die Hunde unter dem Tisch von den Brosamen der Kinder.

             Unglaublich. Die Antwort auf diese Schroffheit ist so, dass sie ihm seine eigenen Worte entwendet, sie gegen ihn wendet und ihn so überwindet. Sie erkennt ihn an: Herr. Κριε. Das ist mehr als wir auf den ersten Blick hören. Mehr auch als das bei Jüngern und Pharisäern übliche Meister. „Nur in ihrem Mund findet sich bei Markus die Jesusanrede Herr.“ (J. Gnilka, aaO. S.293) Paulus wird schreiben: „Niemand kann Jesus den Herrn nennen außer durch den Heiligen Geist.“ (1. Korinther 12,3) Ja, diese Frau ist geistbewegt in ihrem Reden. Auch darin, wie sie aus seinen Worten ihr Argument gewinnt. „Indem sie Jesu Vergleich aufnimmt, hält sie ihm vor, dass es bei Gott wie in einem ordentlichen Haushalt auch für die noch das Nötige gibt, die nicht an erster Stelle stehen.“ (W. Klaiber, aaO. S.140) Sie akzeptiert seine Reihenfolge, die eigentlich keine ist. Und indem sie das tut, zerbricht sie sein Argument.

 29 Und er sprach zu ihr: Um dieses Wortes willen geh hin, der böse Geist ist von deiner Tochter ausgefahren.

Ihre Schlagfertigkeit hat ihn überwunden. „Kaum abgewiesen wird sie seiner Herr. Zwingt sie ihn, das zu tun, was er nicht wollte. Zum Heil der Myriaden, die unsichtbar draußen stehen hinter diesem Weibe in alle Zeitalter der Zukunft hinaus: Die Heiden der Welt.“ (P. Schütz, aaO. S.303) Schlagfertigkeit, unbeirrbares Wollen gegen allen Widerstand. Sie hat ihn beim Wort genommen – und er gibt „klein“ bei: Um dieses Wortes willen. Im anderen Evangelium klingt es anders: „Frau, dein Glaube ist groß.“ (Matthäus 15, 28) Jesus beim Wort nehmen, das ist Glauben. Ein Glauben, der auch denen offen steht, die nicht schon immer dazu gehören, die in den Augen des normalen, alteingesessenen Volkes Gottes allenfalls zweitklassig sind, wenn überhaupt.  

Jetzt kann er sie gehen lassen. Er, der sie vorher wegschicken wollte. Sie loswerden wollte. Nichts mit ihr zu tun haben wollte. Jetzt kann sie gehen, weil ihre Tochter frei ist. Befreit von dem Dämon, der sie besetzt hielt.

 30 Und sie ging hin in ihr Haus und fand das Kind auf dem Bett liegen, und der böse Geist war ausgefahren.

Sie hat, Gott sei Dank, nicht aufgegeben. Was sie wollte, ist geschehen. Sie findet zu Hause vor, was sie erhofft, erbeten, erkämpft hat: Ihr Kind befreit, entspannt auf dem Bett liegen – und der böse Geist ist weg. Die Luft ist rein.

Zum Weiterdenken

Eine Zufallsbegegnung und doch weit mehr. Durch sein Ausweichen, seinen Rückzug in die Fremde erst möglich. Er „konnte ja nicht verborgen bleiben.“ (7,24) Es ist, als würde die Regie im Himmel so spielen, dass in diesem Tanz nicht der Tänzer Jesus, sondern die Frau als die, die mit ihm tanzt, die Führung übernimmt. Ihn Schritt um Schritt leitet, über seine engen Grenzen hinaus. Ein Regie-Einfall des Himmels, der Folgen hat bis zu uns heute, sind wir doch die Hündlein, die sich von den Brosamen an des Herren Tisch nähren dürfen, weil Menschen wie diese Frau, wie später Paulus die Grenzen gesprengt haben.

Es wird im Aufzeichnen des Markus kein Zufall sein: Die Antwort auf den Konflikt mit den Leuten des eigenen Volkes, Schriftgelehrten und Pharisäern, ist der Weg zu den Heiden. Beim eigenen Volk sind die Türen für Jesus verschlossen. Hier wird ihm eine Tür geöffnet gegen seinen eigenen Willen. Es ist, als würde er in der Regie des Himmels diesen Weg geführt. Wie sollten ihn dann später die Christen, nach seiner Auferstehung, verweigern können? Und wie leicht vergessen wir: wir sind es, die von der Hartnäckigkeit dieser Griechin aus Syrophönizien profitieren.

 

Lieber Herr Jesus, Du hast Dich aus deinen engen Grenzen herausrufen lassen. Du hast Dich Menschen zugewendet, denen Du fremd gegenüber gestanden hast. Du hast Dich dem Vertrauen gebeugt, das hartnäckig an Dir festgehalten hat, Deine Liebe trotz aller Ablehnung gesucht hat.

Du rufst uns aus unseren engen Grenzen, damit wir heil werden können, das größere Leben entdecken. Du willst, dass wir bitten lernen, mit Dir rechnen, auch wenn Du unser Bitten nicht gleich hörst. Du wirst Dich bewegen lassen, wenn wir uns nur nicht mit den Grenzen abfinden, die uns von Dir und voneinander fernhalten. Amen