Selig sind, die reinen Herzens sind

Markus 7, 17 – 23

17 Und als er von dem Volk ins Haus kam, fragten ihn seine Jünger nach diesem Gleichnis. 18 Und er sprach zu ihnen: Seid ihr denn auch so unverständig? Merkt ihr nicht, dass alles, was von außen in den Menschen hineingeht, ihn nicht unrein machen kann? 19 Denn es geht nicht in sein Herz, sondern in den Bauch und kommt heraus in die Grube. Damit erklärte er alle Speisen für rein.

             Auch die Jünger haben ihre Schwierigkeiten. Ein wenig seltsam ist allerdings, dass sie ihn nach diesem Gleichnis fragen. Nach welchem? Er hat doch in dem Streitgespräch mit den Pharisäern keines erzählt. Es könnte weiter helfen: παραβολ ist nicht ausschließlich mit Gleichnis zu übersetzen. Möglich ist auch: „Nebeneinanderstellung, Denkspruch“(Gemoll, aaO. S.570) Einigermaßen frei, aber wohl zutreffend wiedergegeben: Sie „fragten ihn nach der Bedeutung seiner Worte.“(K. Berger/C. Nord, aaO. S. 408) In ihrem Nachfragen wird erkennbar, wie sehr sie wohl in der Tradition, die die Pharisäer und Schriftgelehrten vertreten, noch behaftet sind.

Es ist ein mühsamer Weg, bis die junge Christengemeinde lernt, was Jesus hier lehrt. Ein Beispiel dafür wird von Petrus erzählt: „Und als Petrus hungrig wurde, wollte er essen. Während sie ihm aber etwas zubereiteten, geriet er in Verzückung und sah den Himmel aufgetan und etwas wie ein großes leinenes Tuch herabkommen, an vier Zipfeln niedergelassen auf die Erde. Darin waren allerlei vierfüßige und kriechende Tiere der Erde und Vögel des Himmels. Und es geschah eine Stimme zu ihm: Steh auf, Petrus, schlachte und iss! Petrus aber sprach: O nein, Herr; denn ich habe noch nie etwas Verbotenes und Unreines gegessen. Und die Stimme sprach zum zweiten Mal zu ihm: Was Gott rein gemacht hat, das nenne du nicht verboten. Und das geschah dreimal; und alsbald wurde das Tuch wieder hinaufgenommen gen Himmel.“ (Apostelgeschichte 10, 11-1) Was für ein Aufwand des Himmels, um den Apostel zu überzeugen! Es hat lange gebraucht, bis die Grundsatzerklärung Jesu auch in der Gemeinde angekommen ist.

 20 Und er sprach: Was aus dem Menschen herauskommt, das macht den Menschen unrein; 21 denn von innen, aus dem Herzen der Menschen, kommen heraus böse Gedanken, Unzucht, Diebstahl, Mord, 22 Ehebruch, Habgier, Bosheit, Arglist, Ausschweifung, Missgunst, Lästerung, Hochmut, Unvernunft. 23 Alle diese bösen Dinge kommen von innen heraus und machen den Menschen unrein.

             Wichtiger als die Äußerlichkeiten sind die Innerlichkeiten. „Es geht nicht um den „Becher“, es geht einzig um das Herz, und selbst die vernünftigsten Gesetze sind nur so viel wert wie die Menschen, die damit leben sollen.“ (E. Drewermann, aaO. S. 465) Wichtiger als das, was gegessen wird ist das, was im Herzen wohnt. Dort, wo die Willensbildung geschieht, Emotionen ihren Haftpunkt haben, die Überzeugungen eines Menschen angesiedelt sind.  Herzensangelegenheiten.  

Ich weiß nicht, ob Jesus unterschrieben hätte: „Die Person eines Menschen ist wichtiger als ihre Taten und indem man einen Menschen in der Wahrheit seines Herzens leben lässt, findet sich eine Grundlage, miteinander menschlich umzugehen. In einem tieferen Sinn ist die Religion nicht anarchisch, sondern sie gewährleistet überhaupt erst die Möglichkeit einer sozialen Ordnung; aber sie tut dies von innen heraus und nicht durch den Zwang äußerer Gebote.“ (E. Drewermann, aaO. S.463) Mir scheint das optimistischer gedacht als es das Neue Testament tut – und es trennt den Menschen von seinen Taten. Weil dem Autor daran liegt, einen guten Kern behaupten zu können trotz aller Bösartigkeiten, die sich im Tun zeigen?

   Ich glaube, dass in den biblischen Texten eine tiefe Skepsis gegenüber dem Herzen des natürlichen Menschen gibt. „Der HERR sah, dass der Menschen Bosheit groß war auf Erden und alles Dichten und Trachten ihres Herzens nur böse war immerdar.“ (1. Mose 6,5) Aber das ist Gott sei Dank nicht das letzte Wort in der Sache menschliches Herz: „Die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsre Herzen durch den Heiligen Geist, der uns gegeben ist.“ (Römer 5,5) und folgerichtig später: „Stellt euch nicht dieser Welt gleich, sondern ändert euch durch Erneuerung eures Sinnes, damit ihr prüfen könnt, was Gottes Wille ist, nämlich das Gute und Wohlgefällige und Vollkommene.“ (Römer 12,2) Es ist das erneuerte, von Gott her gefüllte Herz, das verwandelt ist und darum von innen her seinen Wegen zustimmen kann.

Auffällig am ganzen Abschnitt ist der ungewöhnlich scharfe Ton Jesu. Vor allem im direkten Kontakt mit den Pharisäern. Ich erkläre mir das damit, dass es nicht um Nebensächlichkeiten geht – Waschen und Reinlichkeit – sondern um eine grundlegende Differenz. Die Pharisäer vertreten die Position: Äußerliche Reinheit führt auch zu einem reinen Herzen, zu unbeflecktem Leben. Jesus hat die radikal andere Position: Die innere Reinheit ist ein Problem, das kein Waschzwang zu lösen vermag. Es gibt keinen anderen Weg zur Reinheit als den, der Verwandlung des Herzens.

Jesus steht in der Linie der Propheten, die die Wandlung des Herzens allein von Gott her erwarten und nicht aus dem Tun des Menschen. So verspricht Gott: „Ich will euch ein neues Herz und einen neuen Geist in euch geben und will das steinerne Herz aus eurem Fleisch wegnehmen und euch ein fleischernes Herz geben. Ich will meinen Geist in euch geben und will solche Leute aus euch machen, die in meinen Geboten wandeln und meine Rechte halten und danach tun.“ (Hesekiel 36, 26-27) Allein darum macht es Sinn, so zu beten: „Schaffe in mir, Gott, ein reines Herz, und gib mir einen neuen, beständigen Geist.“ (Psalm 51,12) Alle andere Reinheitsbemühung bleibt auf der Haut stecken. Was wir nötig haben, können wir nicht selbst leisten: Erlösung. Sie ist Geschenk und kein Eigenprodukt. An dieser Stelle gibt es kein sowohl-als auch, keine Kompromissbrücke. Darum wohl auch ist Jesus hier so radikal kompromisslos.

Die ganze Szene hängt im Erzählzusammenhang ein wenig in der Luft. Später wird es noch mehr Streitgespräche mit den Schriftgelehrten und Pharisäern geben. Aber jetzt schon? Ich schließe an die scharfe Beobachtung an: „Sie steht hier mit Bedacht vor der Jesu Reise ins heidnische Land. Der räumlichen Trennung geht der geistige Bruch voraus.“ (J. Gnilka, aaO. S.279) Nicht weniger zeigt diese Episode als den Beginn des Bruches Jesu mit den religiösen Obrigkeiten seines Volkes.

Zum Weiterdenken

Es ist wohl oft, zu oft so, dass wir unsere Aufmerksamkeit auf das Äußere richten, auf Äußerlichkeiten. Wir achten auf das Image und müssten doch viel mehr auf unsere Seele achten. Auf das Herz. Es ist die tiefe Wahrheit in der Erzählung von Wilhelm Hauf – Das kalte Herz – dass die Orientierung an den Äußerlichkeiten das Herz verhärten können, so dass es regelrecht versteinert, zum kalten Stein wird. Es braucht die Liebe Gottes, seine Herztransplantation, um so ein versteinertes Herz zu erweichen. Damit die Tränen wieder fließen können. Damit Erstarrung gelöst wird. Vielleicht ist es überzogen, aber das Reich Gottes erscheint mir als eine Herzensangelegenheit und beginnt in der Verwandlung der Herzen.

Es ist hart – für alle, die gerne vom christlichen Menschenbild reden, das sie leitet. Es ist kein freundliches Bild, das Jesus von der Hausgenossenschaft des menschlichen Herzens malt. „In der Form einer Lasterreihe – der einzigen, die sich in den Evangelien findet – wird beschrieben, was aus dem menschlichen Herzen hervortreten kann. Dreizehn Laster sind aneinander gereiht.“ (J. Gnilka, aaO. S.285) Wie weit ist diese Sicht entfernt von der optimistischen Sicht unserer Zeit, dass doch im Grunde alle gute Kerle sind, nur die Umstände hindern sie so oft daran, es auch wirklich zu sein. Aber wie nahe ist dies bei der erschrockenen Schlagzeile nach dem Amoklauf von Erfurt: „Werden wir böse geboren?“ (Bild! 26. 2. 2002) Bis heute ist das eine große Infragestellung aller angepassten Christlichkeit, die auf die pädagogische Verbesserlichkeit des Menschen setzt, auf den guten Kern, der lediglich durch Pädagogik, Menschenführung und den Appell an die Vernunft freigelegt werden muss.

Herr Jesus, Du hast Dich allen zugewendet, den Guten und den weniger Guten, den Reinen und denen, die für unrein gelten. Du hast es Deine Jünger gelehrt, die Gaben Gottes mit dankbarem Herzen zu empfangen. Du hast sie gelehrt, in den Gaben den schenkenden Vater zu ehren.

Gib Du mir, gib Du uns doch auch, dass wir dankbar sind über allem, was uns gegeben ist. Gib Du mir und uns, dass wir die äußere Reinheit nicht missachten, aber viel mehr Wert darauf legen, unser Herz rein zu halten, es Dir zu öffnen, damit Du einkehren kannst und Wohnung darin nehmen. Dich will ich bitten: Ein reines Herz, Herr schaffe in mir. Amen