Der Grenzüberschreiter Jesus

Markus 7, 1 – 15

 1 Und es versammelten sich bei ihm die Pharisäer und einige von den Schriftgelehrten, die aus Jerusalem gekommen waren.

         Die Szenerie wechselt. Es kommen neue Gesprächspartner auf den Plan. Nicht mehr das Volk, sondern Pharisäer und einige von den Schriftgelehrten. Sie könnten eine Gesandtschaft aus Jerusalem sein. Sie üben „eine Art Inspektionsrecht in der Provinz“ (J. Gnilka aaO. S.279) aus. Vielleicht will man diesen Prediger in Galiläa überprüfen, weil so viel über ihn erzählt wird?

 2 Und sie sahen einige seiner Jünger mit unreinen, das heißt: ungewaschenen Händen das Brot essen. 3 Denn die Pharisäer und alle Juden essen nicht, wenn sie nicht die Hände mit einer Hand voll Wasser gewaschen haben, und halten so die Satzungen der Ältesten; 4 und wenn sie vom Markt kommen, essen sie nicht, wenn sie sich nicht gewaschen haben. Und es gibt viele andre Dinge, die sie zu halten angenommen haben, wie: Trinkgefäße und Krüge und Kessel und Bänke zu waschen.

       Diese Leute sehen das Verhalten der Jünger Jesu, die mit ungewaschenen Händen essen. Sie halten sich nicht an die Satzungen der Ältesten. Sie brechen mit der Gewohnheit, mit dem Verhaltenscodex, der seit altersher gilt. Markus verwendet „geprägte Ausdrücke, für die mündliche Tradition, die in der jüdisch-pharisäischen Frömmigkeit als Wächter neben die biblischen Gebote gestellt wurde“ (J. Schniewind, aaO. S. 93), gewissermaßen als „Zaun des Gesetzes“ (Rabbi Aqiba)

So wie Markus das beschreibt, wird schon seine eigene innere Distanz spürbar. Das Leben wird kompliziert, umständlich, wenn man diese Vorschriften einhalten will. Es verändert den Alltag. Für Markus scheint es dabei nicht um heiliges Recht, sondern um bloße Gewohnheiten zu gehen. Auch das wird erkennbar: Markus schreibt für Leserinnen und Leser, die das Alltagsverhalten der Pharisäer nicht mehr wirklich kennen und einordnen können. Vielleicht ist ihr Abstand zu der Bewegung der Pharisäer schon viel zu groß?

 5 Da fragten ihn die Pharisäer und Schriftgelehrten: Warum leben deine Jünger nicht nach den Satzungen der Ältesten, sondern essen das Brot mit unreinen Händen? 

Die Prüfer aus Jerusalem stellen Jesus wegen des Verhaltens seiner Jünger zur Rede. Sie machen ernst damit, dass er als ihr Lehrer, ihr Meister, διδάσκαλος, verantwortlich für das ist, was sie tun und wie sie leben. Als Lehrer in Israel kann man sich nicht herausreden: Sie sind selbst verantwortlich. Aber, das fällt mir auf – sie verweigern ihm in ihrer Frage gleichwohl die ehrenvolle Anrede: διδάσκαλε.

  6 Er aber sprach zu ihnen: Wie fein hat von euch Heuchlern Jesaja geweissagt, wie geschrieben steht (Jesaja 29,13): »Dies Volk ehrt mich mit den Lippen; aber ihr Herz ist fern von mir. 7 Vergeblich dienen sie mir, weil sie lehren solche Lehren, die nichts sind als Menschengebote.« 8 Ihr verlasst Gottes Gebot und haltet der Menschen Satzungen.

             Ihr Fragen läuft auf Konfrontation hinaus und Jesus nimmt sie an und zahlt sofort zurück: Heuchlerποκριτής, Hypokritiker, nennt er sie, wenn auch eingekleidet in die Einführung eines Jesaja-Zitates. Er lässt keinen Zweifel: Das Urteil Jesajas über Israel von vor 700 Jahren trifft auch heute noch: Ihr macht nur Worte. Euer Herz ist nicht bei Gott, nicht bei seinen Geboten. An die Stelle der Gebote Gottes haben sie ihre eigenen, Menschengebote, gesetzt.    

9 Und er sprach zu ihnen: Wie fein hebt ihr Gottes Gebot auf, damit ihr eure Satzungen aufrichtet! 10 Denn Mose hat gesagt (2.Mose 20,12; 21,17): »Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren«, und: »Wer Vater oder Mutter flucht, der soll des Todes sterben.« 11 Ihr aber lehrt: Wenn einer zu Vater oder Mutter sagt: Korban – das heißt: Opfergabe soll sein, was dir von mir zusteht -, 12 so lasst ihr ihn nichts mehr tun für seinen Vater oder seine Mutter 13 und hebt so Gottes Wort auf durch eure Satzungen, die ihr überliefert habt; und dergleichen tut ihr viel.

            Damit ja keine Missverständnisse entstehen, wird Jesus konkret: Statt der Fürsorge für Vater und Mutter, die das Gebot Gottes fordert, bringt ihr den Menschen bei, für den Tempel zu spenden. Sie leisten durch „die bloße Möglichkeit, das Nutznießungsrecht aus seinem Besitz den Eltern zu entziehen, indem er das ihnen zufallende Gut zum Weihegeschenk – Korban – erklärte,“ (J. Gnilka, aaO. S.283) Beihilfe dazu, dass ein Sohn den Eltern Ehre und Füsorge schuldig bleiben kann. So unterlaufen ihre Regeln das, was das Gebot Gottes will.

Eine harte Anklage. Die bis heute ihre Fortsetzung findet in dem volkstümlichen Verdacht, dass sich Kirchen bereichern, unter dem Deckmantel der Wohltätigkeit absahnen, sich mit unlauteren Mitteln Geld verschaffen. Sie entziehen den Notleidenden Geld, um es für sich selbst und ihren Prunk zu gebrauchen.

14 Und er rief das Volk wieder zu sich und sprach zu ihnen: Hört mir alle zu und begreift’s! 15-16 Es gibt nichts, was von außen in den Menschen hineingeht, das ihn unrein machen könnte; sondern was aus dem Menschen herauskommt, das ist’s, was den Menschen unrein macht.   

            Genug gestritten. Jesus wendet sich von den Jerusalemern ab und dem Volk zu. Mit einem Wort, das aus der Debatte sein Resümee zieht. Die Unterscheidung zwischen rein und unrein ist, was die Außenwelt angeht, hinfällig. Damit bricht Jesus mit der jüdischen Tradition, weit darüber hinaus gehend aber „widerspricht Jesus damit einer Grundvoraussetzung antiken religiösen Denkens. Dass es Dinge gibt, die einfach dadurch, dass man sie berührt oder isst, einen Menschen für die Begegnung mit dem göttlichen und ebenso für die menschliche Gemeinschaft untauglich, also unrein machen, gehört zu den Grundlagen vieler Religionen.“ (W. Klaiber, aaO., S. 137) Ob sich daran bis heute viel geändert hat? Vers 16 findet sich erst in der späteren Überlieferung: »Hat jemand Ohren zu hören, der höre!« (vgl. 4,9.23). Es ist, als wollte jemand festhalten: hier geht es nicht um Harmlosigkeiten.

Worauf Jesus dagegen insistiert: Es geht um die innere Verfassung eines Menschen. Was aus unserem Mund kommt, zeigt und verrät, wie es in der Seele aussieht. Das also müssen Menschen für sich selbst klären: Was geht in deinem Herzen vor? Was bewegt dich? Was ersehnst du? Wer nicht weiß, wie es in ihm selbst aussieht, welche Hoffnungen und Ängste ihn bewegen oder such erstarren lassen, der kann in der Welt nicht wirklich dem Chaos widerstehen.

Zum Weiterdenken

In einer völlig anderen Situation stehen wir heute und doch wieder vor der gleichen Frage: Was hat den höheren Wert, das Grundgesetz der Bundesrepublik oder die religiöse Bindung? Weil sich die Debatte vordergründig nur gegen Islamisten richtet, sind die Kirchen an dieser Stelle merkwürdig still und schweigsam. Sie müssen sich allerdings vom Bundestagspräsidenten – auch noch auf dem Katholikentag – sagen lassen: „Das Christentum war nachweislich bis ins 20. Jahrhundert unvereinbar mit der Demokratie.  Die katholische Kirche hat ihren Frieden mit ihr erst beim Zweiten Vatikanischen Konzil gemacht, also sozusagen vorgestern.“ (N. Lammert, zit. nach Kreisanzeiger, S.4; 28.5.16) Völlig abgesehen davon, dass die Demokratie in ganz Europa auch staatlicherseits eine Errungenschaft ist, die erst seit vorgestern am Start ist – das Problem lässt sich so nassforsch nicht regeln, wie es der Herr Bundestagspräsident wohl meint. Es gibt in der Kirche durchaus Raum für demokratisches Miteinander. Aber es gibt auch Räume, die nicht demokratisch regulierbar sind – dazu gehört der ganze Bereich des Glaubens! An dieser Stelle der Letzt-Bindung stehen uns als Christen wohl demnächst wieder Auseinandersetzungen mit dem säkularen Staat ins Haus.

Es ist eine Frage, die sich mit dieser Debatte stellt: Ist es wirklich so und ist es auch so in Ordnung, „dass die Religion wesentlich dafür gut sei, ideologisch zu rechtfertigen, was Konvention und Tradition im Rahmen der überlieferten Vorschriften für recht  und billig, also auch für heilig und geboten ausgeben.“ (E. Drewermann, aaO. S. 456) Es gibt Gegenden in Deutschland, da nennt man Pfarrer „schwarze Polizisten, weil sie auf „anständiges“ Verhalten zu achten haben. Manche alte Kirchenordnung aus der Region, in der ich lebe, dient mehr der Reglementierung als der Freiheit, wenn sie festlegt, wie üppig eine Taufe oder eine Hochzeit gefeiert werden darf, wenn sie regelt, dass Kirchenschläfer mit dem Stock geweckt werden sollen. Jesus ist offenkundig an dieser Stelle anders unterwegs.

Man wird sich freilich auch klarmachen müssen, dieser Umgang Jesu mit den Regelwerken kann auch Angst machen: Wird denn alles gleichgültig? Oder, um einen Satz aus dem frommen Siegerland zu zitieren, im Zusammenhang einer Auslegung zum Weinwunder von Kana: „Der Herr Jesus war immer schon ein bisschen zu liberal.“ Vor allem aber sind die Worte Jesu eine Herausforderung, sich nicht an irgendwelchen Regeln oder Außenwirkungen, an dem, was man so tut, zu orientieren, sondern die eigene Bedürftigkeit und auch die eigenen Abgründe wahrzunehmen. Sich dem eigenen Ich um Gottes willen zu stellen.

 

Herr Jesus. Ich bin mir oft selbst ein Rätsel. Ich möchte gut sein und bin es nicht. Ich möchte anderen wohl tun und verletzte sie doch. Ich möchte mich selbst beherrschen können und verliere doch so leicht die Beherrschung. Ich bin gefangen in Ängsten und Sorgen. Ich wage zu oft nicht, mir meine Sehnsucht einzugestehen.

Hilf Du mir, dass ich mich selbst ansehen lerne, mich wahrnehmen lerne, weil Du mich doch ansieht. Weil Du mich mit Augen der Liebe ansiehst, muss ich mich nicht klein machen, nicht selbst einsperren in meine engen Grenzen, nicht verleugnen, wer ich bin, wie ich bin.

Danke, dass ich vor Dir Ich sein darf, mit allen Ecken und Kanten, Macken und Abgründen. Amen