Komm wieder, wandeln über das Meer

Markus 6, 45 – 56

45 Und alsbald trieb er seine Jünger, in das Boot zu steigen und vor ihm hinüberzufahren nach Betsaida, bis er das Volk gehen ließe. 46 Und als er sie fortgeschickt hatte, ging er hin auf einen Berg, um zu beten. 

Es ist, als hätte Jesus plötzlich keine Zeit. Statt den Erfolg und das Staunen der Menge zu genießen, ein fluchtartiger Ortswechsel.  Alsbald, sofort, sogleich, εθς, subito. Das ist nicht nur sprachlicher Anschluss oder gar Verlegenheitswort. Es geht wirklich Schlag auf Schlag. Jetzt endlich will Jesus allein sein. Er schickt die Jünger fort, treibt sie regelrecht weg, über den See nach Betsaida. Er entlässt das Volk, das an seinen Lippen gehangen hat. Er zieht sich zurück auf einen Berg. Um zu beten. Um Gott nahe zu sein. „Der Berg ist die Stätte der Begegnung mit Gott.“ (W. Klaiber, aaO. S.131)

             Die Verbindung legt sich nahe: Hatte sich Jesus in der Begegnung mit dem Volk als der Hirte erwiesen, in der Speisung des Volkes gewissermaßen als der neue Mose, so zeigt er sich auch jetzt, in diesem Weg auf den Berg als der neue Mose. Dieser Berg am See tritt an die Stelle des Horeb auf dem Sinai. Jesus wird den Lesern vor Augen gestellt, als der, der die Einsamkeit mit Gott sucht und braucht.

  47 Und am Abend war das Boot mitten auf dem See und er auf dem Land allein. 48 Und er sah, dass sie sich abplagten beim Rudern, denn der Wind stand ihnen entgegen.

             Das Boot mit den Jüngern ist unterwegs. Der Abstand zwischen den Jüngern mitten auf dem See und ihm auf dem Land, auf dem Berg ist riesig. Und doch: Er sieht. Sieht, wie sie sich plagen. Sieht sie allein und ausgeliefert an die Wellen, die gegen sie anlaufen, den Wind, der gegen sie steht.

             Ein Versuch der Erklärung: „Das charismatische Hellsehen ist Antwort an den Betenden, durch die er von der Menge fort an seine Jünger gewiesen wird, die ihm trotz der räumlichen Trennung nicht verborgen sind.“ (W. Grundmann, aaO. S.186) Mir liegt ein anderer Gedanke näher: Einmal mehr wird das Sehen als der Anfang der Hilfe gezeigt. „Du bist ein Gott, der mich sieht.“(1. Mose 16,13) In den so seltsam kargen Satz über das Sehen Jesu hinein verbirgt Markus sein Bekenntnis, wie er Jesus sieht.    

 Um die vierte Nachtwache kam er zu ihnen und ging auf dem See und wollte an ihnen vorübergehen.

             Weil er gesehen hat, verlässt er den Berg, verlässt er das Land, geht auf dem See. Nicht, um spazieren zu gehen. Er kommt zu ihnen um die vierte Nachtwache. „Die Zeit vor dem Morgen ist die Zeit der Hilfe Gottes.“ (J. Gnilka, aaO. S.269) Selbst wenn er nur vorübergehen würde – er wäre doch da. „Und der HERR sprach weiter: Siehe, es ist ein Raum bei mir, da sollst du auf dem Fels stehen. Wenn dann meine Herrlichkeit vorübergeht, will ich dich in die Felskluft stellen und meine Hand über dir halten, bis ich vorübergegangen bin. Dann will ich meine Hand von dir tun und du darfst hinter mir her sehen; aber mein Angesicht kann man nicht sehen.“ (2. Mose 33, 21-23) Fast könnte man sagen: Mehr halten wir doch nicht aus – als den Gott, der vorüber geht, uns wie von ferne anrührt.

 49 Und als sie ihn sahen auf dem See gehen, meinten sie, es wäre ein Gespenst, und schrien; 50 denn sie sahen ihn alle und erschraken. Aber sogleich redete er mit ihnen und sprach zu ihnen: Seid getrost, ich bin’s; fürchtet euch nicht!, 51 und trat zu ihnen ins Boot, und der Wind legte sich.

             Sie in dem Boot sehen ihn. Sehen etwas. Auf dem See gehen. Und erklären es sich, wie es abergläubige Menschen, gefangen in der Weltwirklichkeit tun: ein Gespenst. φντασμ. Ein Phantasie-Gebilde. Es wirkt, als trauten sie ihren eigenen Augen nicht und würden sagen: eine Einbildung. Irgendetwas Unerklärliches, Unheimliches. Aber etwas, was sie ängstigt. Nichts, was sie aufatmen lässt. Sie schreien. Sie erschrecken. Sie fürchten sich. Nicht, dass er vorübergehen könnte und sie allein lassen, fürchten sie – sie wissen ja gar nicht, wer es ist, der da auf dem Meer geht. Sondern: dass da etwas da ist. Einer da ist. Ein Phantasma.

Es ist durchaus nicht so, dass wir immer gleich frohgemut wären, wenn wir die Gegenwart Gottes erfahren. Gott in unserer Gegenwart erfahren. „Was uns von der anderen Uferseite her begegnet, erscheint uns wie ein Gespenst, das uns Angstschreie abnötigt, eben weil es aus der Sphäre kommt, die wir, obwohl nur sie uns retten kann, am meisten fürchten: die Unendlichkeit.“(E. Drewermann, aaO. S. 445) Das hat auch etwas Unheimliches, Beängstigendes, weil es uns zeigt: „Es gibt mehr zwischen Himmel und Erde als unsere Schulweisheit sich träumen lässt.“ (W. Shakespeare, Hamlet, 1. Akt, 5. Szene)

Wieder εὐθὺς, sofort, sogleich. Der auf dem See wandelt, lässt sie nicht in ihrer Angst schmoren. Θαρσετεseid getrost. Ein Wort, das im Evangelium exklusiv von Jesus gebracht wird. Er allein ist es, der so sagen kann und der mit diesem Wort Angst nehmen und Furcht vertreiben kann Jesus gibt sich zu erkennen: γ εμι· Ich bin es. Nur weil er es ist, können sie getrost sein. Sie haben es nicht mit irgendeiner numinosen, überweltlichen Macht zu tun, sondern mit ihm. Den sie kennen. Im griechischen Text ist es deutlicher als im deutschen: Sein „Ich bin´s“ ist mehr als nur eine simple Selbstvorstellung. Es ist eine Selbstvorstellung, die anknüpft an „die Selbstvorstellung Gottes, der seinem Volk in Not sagt: Ich bin es. (2.Mose 3,14, Jesaja 43, 10 – 13)“(W. Klaiber, aaO. S.132) Darum ist auch die andere Satzhälfte begründet: fürchtet euch nicht!

             Nachdem er ihnen so die Angst genommen hat, tritt er ins Boot. Zu ihnen. Und jetzt ändert sich alles: Der Wind legt sich. Kein Befehlswort an den Wind. Kein „Schweig und verstumme!“ (4,39) Er ist da. Das genügt, um dem Wind Einhalt zu gebieten.

 Und sie entsetzten sich über die Maßen; 52 denn sie waren um nichts verständiger geworden angesichts der Brote, sondern ihr Herz war verhärtet.

             Merkwürdig: Das Erschrecken über das Gespenst steigert sich noch einmal in ein Entsetzen über die Maßen. κ περισσο ν αυτος ξσταντο. Sie sind völlig vom Entsetzen ergriffen, regelrecht erstarrt. Nicht mehr Herr ihrer selbst und ihrer Ängste. Ein sprachloses Entsetzen, das nicht einmal mehr Worte findet, Fragen: Wer ist der? Doch es ist nicht mehr die Gespensterangst wie vorher, als er auf dem Meer nahte. Es ist das Erschrecken, das aus der Erfahrung des Numinosen, des Göttlichen wächst.  Mir geht an diesem wortlosen Entsetzen der Jünger auf, wie harmlos unser Reden von Jesus doch dem gegenüber ist. Wir tun so, als wüssten wir. Wir fangen ihn ein in unsere Formeln: Wahrer Mensch, wahrer Gott. Wir tun so, als würden uns ein paar fromme Erfahrungen Sicherheit geben, auch ihm gegenüber.

Dabei gilt es doch auch bei uns wie bei den Jüngern: Die Erfahrungen von gestern helfen uns nichts mehr im Heute. Gestern die Brote – heute der See. Aber da ist keine Brücke. Gestern die Bewahrung vor dem tödlichen Unfall und heute die Angst vor dem Fremden. Gestern der Schutz in einer Versuchung und heute die Herausforderung an unsere Ehrlichkeit, unser Vertrauen. Aber da ist keine Brücke. Ihr Herz war verhärtet. Verschlossen. Erstarrt.

Πωρόω„hart machen, verhärten, gefühllos, stumpf machen.“ (Gemoll, aaO.   S. 662) Sie sind so gefangen in ihrer Wirklichkeit, abgestumpft, dass sie nicht verstehen können, wer da ihnen gegenüber ist, bei ihnen ist. Das hinzuschreiben lässt mich bangen: wie steht es um unsere, meine Gefangenschaft in der Wirklichkeit? Macht sie mich auch stumpf für die Gegenwart Gottes? Oder gibt es auch bei mir einen heilsamen, heiligen Gottesschrecken?

53 Und als sie hinübergefahren waren ans Land, kamen sie nach Genezareth und legten an. 54 Und als sie aus dem Boot stiegen, erkannten ihn die Leute alsbald 55 und liefen im ganzen Land umher und fingen an, die Kranken auf Bahren überall dorthin zu tragen, wo sie hörten, dass er war. 56 Und wo er in Dörfer, Städte und Höfe hineinging, da legten sie die Kranken auf den Markt und baten ihn, dass diese auch nur den Saum seines Gewandes berühren dürften; und alle, die ihn berührten, wurden gesund.

             Sie bleiben nicht auf dem See. Sie kommen an Land. Bei einem Ort namens Genezareth. Wir können heute nicht mehr sicher lokalisieren, wo dieser Ort war, der dem See den Namen gegeben hat. Dort beginnt sofort wieder der Trubel um Jesus. „Die Schilderung vermittelt den Eindruck, dass Jesus stets unterwegs war und die Leute ihn verfolgten, wo er sich gerade befand.“ (J. Gnilka, aaO. S.272) Endlich haben sie eine Anlaufstelle für ihre Not, mit ihren Kranken. Überallhin werden sie ihm nachgetragen.

Es entsteht das Bild, das Jesus nur noch von Kranken umgeben ist. Von Leuten, die sich nach ihm ausstrecken. Hände, die sich nach ihm recken, um ihn zu berühren. Nur ein Rockzipfel. Nur eine Quaste seines Gewandes. Es scheint, das Wunder mit der blutflüssigen Frau hat sich herumgesprochen und sie findet nun Nachahmer und Nachahmerinnen. „Es fällt aber auf, dass Jesus bei den geschehenen Wundern merkwürdig unbeteiligt bleibt und die Bitten der Leute mit keinem Wort erwidert.“(J. Gnilka, aaO. S.273) Wahr ist: wir hören weder Bitten der Kranken und ihrer Helfer im Wortlaut noch Worte Jesu. Man ahnt den Lärm auf den Straßen und Märkten, aber man hört ihn nicht. Markus erzählt seltsam nüchtern. Ein „Sammelbericht“ stellen die Kommentare fest.

Zum Weiterdenken

Manchmal leiste ich mir skeptische Fragen: Warum wird diese Geschichte vom Seewandel Jesu erzählt? Nur, um zu sagen: Er ist da, wo du gar nicht mit ihm rechnest! Ich bin sehr im Zweifel, ob es angemessen ist, diese Erzählung so auf eine Botschaft, auf das „Kerygma“ zu reduzieren. Ich empfinde das als abstrakte Reduktion und Verlust.

Die biblischen Autoren erzählen. Sie malen Bilder, die sich einprägen. Es ist wohl so, dass meine Seele solche Bilder nötig hat, weil theologische Sätze die Seele nicht berühren, sondern allenfalls den Kopf streifen. Es ist die Weisheit der Evangelisten, die sie erzählen lässt, die sie Bilder malen lässt, an denen unsere Seele sich nähren kann. Neue Kraft und neue Hoffnung schöpfen. „Das Geheimnis des Seewandels Jesu besteht darin, das wir selbst in den wenigen Jahren unserer irdischen Existenz nur Bestand haben können, wenn wir aus der Ewigkeit, aus dem Grenzenlosen uns  tragen lassen durch den Strom der Zeit… Als Jesus in das Boot kommt, ist keine Grenze mehr zwischen Diesseits und Jenseits, zwischen dem Leben in der Zeit und dem Leben in der Ewigkeit.“(E. Drewermann, aaO. S. 449)

Im Überlegen spüre ich, dass die Frage nach dem historischen Hintergrund – was ist da wirklich gewesen – eher gleichgültig wird. Dass so ein Seewandel naturwissenschaftlich unerklärlich und unmöglich ist – geschenkt. Damit büßt aber die Erzählung nichts von ihrer Strahlkraft ein. Und ich sehne mich danach:

„Komm wieder wandelnd über das Meer, heiße uns wieder zu wagen.                    Wo unsre Sünde den Wellen zu schwer, neige Du Bergender Dich zu uns her    dass wir von Dir nur getragen. Eleison“                                                                                   H.Hümmer, Mein Herz dichtet ein feines Lied, Selbitz 1980, S. 57

Herr Jesus, darum bitte ich Dich, dass mein Herz nicht erstarrt in mir, dass ich nicht unfähig werde, auf neue Erfahrungen neu zu antworten, auch auf neue Erfahrungen mit Dir

Darum bitte ich Dich, dass ich offen bleibe, Dich dort wahrzunehmen, wo ich nie und nimmer mit Dir gerechnet hätte. Darum bitte ich Dich, dass Du Deine Gegenwart aufleuchten lässt auch da, wo ich nur noch das Dunkel der Welt, den drohenden Untergang vor Augen habe. Amen