Genug für die Vielen

Markus 6, 30 – 44

 30 Und die Apostel kamen bei Jesus zusammen und verkündeten ihm alles, was sie getan und gelehrt hatten.

Nach dieser eingeschobenen Erzählung über das Ende des Täufers nimmt Markus seinen ursprünglichen Erzählfaden wieder auf. Die Apostel kehren zurück und legen eine Art Rechenschaftsbericht über ihr Tun und Lehren ab. Nur hier nennt Markus die Jünger Apostel, πστολοι, wohl weil er dem Rechnung trägt: Sie kommen ja wirklich von ihrer Sendung zurück. So trifft die Übersetzung den inneren Sinn des Geschehens: „Da sammelten sich die Sendboten bei Jesus.“(E. Drewermann, aaO. S. 424)

Sie berichten. Aber über das, was sie bewirkt haben, verliert Markus kein Wort.  Nicht wie bei Lukas, wo es heißt: „Sie erzählten Jesus, wie große Dinge sie getan hatten.“ (Lukas 9,10) Es scheint nicht wichtig zu sein, ob sie Erfolg hatten. Wichtig ist nur, dass sie sich senden ließen und dass sie jetzt berichten. Mir scheint, Markus will sagen: Mission muss und wird nicht immer eine Erfolgsgeschichte sein.

 31 Und er sprach zu ihnen: Geht ihr allein an eine einsame Stätte und ruht ein wenig. Denn es waren viele, die kamen und gingen, und sie hatten nicht Zeit genug zum Essen. 

       Die Antwort Jesu: Ruht ein wenig. Zieht euch zurück. Jesus ist nicht der ewige Antreiber, der seine Jünger vorwärts drängt. Er sorgt für sie, indem er sie aus dem ewigen Jagen heraus nimmt. „Etwas Wahres kann sich nur formen in den Stunden, da wir bei uns selber sind und im Alleinsein mit uns selbst nahe bei Gott.“(E. Drewermann, aaO. S. 425) – Oder mit einem Liedgesagt:

            „Lass deinen Mund stille sein, so spricht dein Herz                                                    Lass dein Herz stille sein, so spricht Gott.“                                                                              Tradition der Kopten, aus: H. Burggrabe, Hagios

             Jetzt also ist Pause angesagt, auch wenn das Volk noch so sehr drängt und drängelt Es wiederholt sich, was sie schon in Kapharnaum erlebt hatten: „Es versammelten sich viele, sodass sie nicht Raum hatten, auch nicht draußen vor der Tür.“ (2,1) Fehlt dort der Platz, so hier die Zeit: sie hatten nicht Zeit genug zum Essen. Es ist Fürsorge des Meisters für seine Leute, die hier sichtbar wird.

 32 Und sie fuhren in einem Boot an eine einsame Stätte für sich allein. 33 Und man sah sie wegfahren, und viele merkten es und liefen aus allen Städten zu Fuß dorthin zusammen und kamen ihnen zuvor. 34 Und Jesus stieg aus und sah die große Menge; und sie jammerten ihn, denn sie waren wie Schafe, die keinen Hirten haben. Und er fing eine lange Predigt an.

             Der Rückzug misslingt. Die Menge sieht ihren Aufbruch, aber sie sieht eben auch, wohin der Weg gehen wird, trotz oder wegen des Bootes. „Der einsame Ort ist nicht als Wüste, sondern als entlegene Gegend zu verstehen.“ (W. Grundmann, aaO. S.180) So sind sie schon da, als Jesus mit den Seinen ankommt. Ein bisschen wirkt das wie Hase und Igel.

             Jesus sieht die große Menge. Seine Reaktion ist nicht Ärger über den vereitelten Rückzug, die missglückte Einkehr in die Stille. Seine Reaktion ist Erbarmen. σπλαγχνσθη – es geht ihm unter die Haut, an die Nieren.

Es ist wie vor dem Auszug aus Ägypten. „Und die Israeliten seufzten über ihre Knechtschaft und schrien, und ihr Schreien über ihre Knechtschaft kam vor Gott. Und Gott erhörte ihr Wehklagen und gedachte seines Bundes mit Abraham, Isaak und Jakob. Und Gott sah auf die Israeliten und nahm sich ihrer an.“(2.Mose 2,23 -25) Das Sehen Gottes ist der Anfang seines Erbarmens und seiner Hilfe.

So auch hier: Jesus sieht und er sieht nicht nur einen Haufen Leute. Sondern er sieht tiefer – sie waren wie Schafe, die keinen Hirten haben. Orientierungslos. Hin und her getrieben. Ohne Verbindung zu Gott. Sie laufen überall hin, wo es vielleicht etwas zu holen gibt – ein paar gute Worte, ein wenig Mut für die Zukunft. Die Antwort Jesu: er fing eine lange Predigt an. Das wirkt, als würde er sagen: wichtiger als alles andere ist, was ich den Leuten zu sagen habe. Ich könnte sie abspeisen mit ein paar Wundern, aber das würde nicht helfen.

Bei uns hat die Predigt keinen so guten Ruf – zu lang, zu gelehrt, zu viele schöne Worte und sie ändert ja auch nichts an den Verhältnissen. Wie anders Jesus, wörtlich: Er lehrt sie vieles. διδσκειν πολλ. Das ist nicht unser Predigen. Markus sagt nicht, was das inhaltlich ist. Der Leser aber darf sich erinnern: An die Gleichnisse Jesu. An die Zusage: „Das Himmelreich ist nahe herbei gekommen.“ (1,14) Sein Lehren stellt die Menschen, die ihm zuhören, in die Gegenwart Gottes, ruft sie in die Liebe, öffnet sie für das Vertrauen. So gewinnen sie eine neue Orientierung.

Es mag sein, so erkennen sie in ihm den neuen Hirten, den zweiten Mose, um den Mose ja selbst gebeten hatte: Der HERR, der Gott des Lebensgeistes für alles Fleisch, wolle einen Mann setzen über die Gemeinde, der vor ihnen her aus- und eingeht und sie aus- und einführt, damit die Gemeinde des HERRN nicht sei wie die Schafe ohne Hirten.“ (4.Mose 27,16-17) 

 35 Als nun der Tag fast vorüber war, traten seine Jünger zu ihm und sprachen: Es ist öde hier und der Tag ist fast vorüber; 36 lass sie gehen, damit sie in die Höfe und Dörfer ringsum gehen und sich Brot kaufen.

Die Zeit ist fortgeschritten, der Tag fast vorüber, der Abend drängt heran. Jetzt schlägt die Stunde der Jünger, der Realisten. Sie machen Jesus auf ein Problem aufmerksam, so, als wäre es ihm wohl über dem Reden entgangen. Man muss für die Leute sorgen. Sie brauchen Brot. Hatte Jesus mit seinen Worten nicht für die Leute gesorgt? Hatte er es aus den Augen verloren: Man darf nicht nur die Seele sättigen, man muss auch an den Leib denken.

             „In der Umgebung sind Gehöfte und Dörfer, wo man sich etwas zu essen kaufen könnte. Es besteht darum keine Gefahr, die Leute könnten verhungern.“ (J. Gnilka, aaO. S.260) Man darf die Leute nicht so von den guten Worten abhängig machen, dass sie darüber vergessen, für sich selbst zu sorgen. Jesus darf es nicht übertreiben mit seinem Lehren, sonst hängen die Leute nur an ihm und sind orientierungslos wie früher, wenn er weg ist. Es sind honorige Gründe, die die Jünger für ihre Intervention anführen können.

 37 Er aber antwortete und sprach zu ihnen: Gebt ihr ihnen zu essen! Und sie sprachen zu ihm: Sollen wir denn hingehen und für zweihundert Silbergroschen Brot kaufen und ihnen zu essen geben?

             Unzählige Male hat sich das seither wiederholt – die Frage: Wie lösen wir das Verpflegungsproblem? Reichen unsere Mittel? Wer ist verantwortlich? Und Jesus sagt: Ihr – übernehmt das. Es ist wohl keine faule Ausrede, auch nicht als Einwand gedacht, sondern die schlichte, realistische Frage: Wir also sollen gehen und für zweihundert Silbergroschen Brot kaufen und ihnen zu essen geben? Dahinter steht nicht: so viel Geld haben wir nicht. Es steht nicht im Text, auch nicht bei Matthäus und Lukas, auch nicht bei Johannes: „Die zweihundert Denar für den zu beschaffenden Proviant übersteigen wahrscheinlich die Reisekasse der Jüngerschaft.“ (J. Gnilka, ebda.) Dahinter steht auch nicht: Das haben wir doch noch nie gemacht. Es ist einfach die Frage nach dem Auftrag, den Jesus ihnen gibt.

  38 Er aber sprach zu ihnen: Wie viel Brote habt ihr? Geht hin und seht! Und als sie es erkundet hatten, sprachen sie: Fünf und zwei Fische.

             Jesus geht auf ihre Frage nicht ein. Er gibt keinen Befehl, sondern er stellt ihnen nun seinerseits eine Frage; Wie viel Brote habt ihr? Er schickt sie auf Erkundung nach den eigenen Ressourcen. Das Ergebnis: Fünf und zwei Fische. Sonst nichts. Kein Kommentar. Nicht: „aber was ist das unter so viele?“ (Johannes 6, 9)

             Es ist etwas da. Es ist nicht nichts, was sie gefunden haben.

 39 Und er gebot ihnen, dass sie sich alle lagerten, tischweise, auf das grüne Gras. 40 Und sie setzten sich, in Gruppen zu hundert und zu fünfzig. 41 Und er nahm die fünf Brote und zwei Fische und sah auf zum Himmel, dankte und brach die Brote und gab sie den Jüngern, damit sie unter ihnen austeilten, und die zwei Fische teilte er unter sie alle. 42 Und sie aßen alle und wurden satt.

             Die Szene wandelt sich, weil Jesus sie wandelt. Er hat jetzt die Initiative. Er lässt sie sich alle lagern. Er ordnet die Tischgruppen. Er nimmt, was da ist, in seine Hände. Er dankt, ελγησεν, spricht das Dankgebet. Vielleicht mit den Worten: „Gepriesen seist du, Herr unser Gott, König der Welt, der du Brot aus der Erde wachsen lässt.“(Berakot 6,1) Und als er gedankt hat bricht er die Brote und teilt aus. An die Jünger, damit sie weitergeben, was er ihnen gegeben hat.

Und wie er die Brote teilt, teilt er auch die Fische. Es ist genug für alle da in diesem Teilen. Sie essen und werden satt. Alle. Zum zweiten Mal: alle. πντες. Die allein sein sollten und wohl auch allein sein wollten, erleben: Was wir austeilen, reicht für alle.

Uns zum Ärgernis und Rätselraten hat Markus überhaupt kein Interesse an dem Wie des Geschehens. Er lässt uns allein mit unserem Fragen, ob wohl alle, beeindruckt von Jesus, ihr mitgebrachtes „Pausenbrot“ geteilt haben. Das wäre, so höre ich gelegentlich, das eigentliche Wunder: Menschen teilen ohne Angst. überwinden im Teilen die Angst, mit leeren Händen dazustehen. Eine schöne Erklärung für das Unerklärliche.

Ob es sich mit dem Brot hier verhält wie mit dem Manna in der Wüste? Auch darüber lässt sich trefflich nachdenken.  Oder ist es eine eucharistische Brotvermehrung ist, die wir nur einfach nicht begreifen? Und das eigentliche Geheimnis wäre das Dankgebet? Und dass es so nach Abendmahl klingt: „er dankte und brach die Brote“ wäre kein Zufall. Aber Markus erzählt keine Vorform des Abendmahls und will auch nicht darüber belehren, was da, im Abendmahl, geschieht.

 Vielleicht reicht es ja, einfach zu lesen, was erzählt wird: Die Jünger tun, was Jesus sie heißt: Sie teilen aus, was er ihnen gibt. Und erleben: es reicht für alle. Ob wir das auch können: Austeilen, was wir zuvor Jesus übergeben haben – und erfahren: Es reicht für alle, Worte, Brote, Fische, Wein, Gemeinschaft, Zeit.

 43 Und sie sammelten die Brocken auf, zwölf Körbe voll, und von den Fischen. 44 Und die die Brote gegessen hatten, waren fünftausend Mann.

             Es bleibt reichlich übrig. So viel, dass es für das ganze Volk Gottes reichen dürfte. Zwölf Körbe voll. Gott knausert nicht. Bei Gott ist die Fülle, die für alle reicht. Was Israel mit dem Manna in der Wüste erlebt hat, erfährt das Volk in der Gegenwart Jesu irgendwo an einer abgelegenen Stelle am See Genezareth. Die Wunder Gottes geschehen gerne einmal verborgen vor den neugierigen Blicken der Öffentlichkeit.

5000 Mann. νδρες. Männer. Markus ist nicht so detailversessen wie sein Co-Referent Matthäus, der notiert: „ohne Frauen und Kinder.“ (Matthäus 14,21) Das tut für Markus nichts zur Sache.

Was mir noch nie aufgefallen ist: Mit keinem Satz wird eine Erwartung der 5000 an Jesus überliefert, dass er sie versorgen solle, dass er ihnen Brot schaffen solle. Die 5000 schreien nicht wie das Volk auf dem Weg in der Wüste: „Und es murrte die ganze Gemeinde der Israeliten wider Mose und Aaron in der Wüste. Und sie sprachen: Wollte Gott, wir wären in Ägypten gestorben durch des HERRN Hand, als wir bei den Fleischtöpfen saßen und hatten Brot die Fülle zu essen. Denn ihr habt uns dazu herausgeführt in diese Wüste, dass ihr diese ganze Gemeinde an Hunger sterben lasst.“ (2. Mose 16, 2-3) Was hier durch Jesus geschieht ist nicht Antwort auf einen Notschrei, sondern sein Geben, das allem Bitten zuvor kommt.

Wir wissen es alle: Die Güter der Erde sind ungleich verteilt – und nicht nur ungleich, sondern ungerecht. Weil wir Menschen sind, wie wir sind. Die Ungleichheit und der Hunger sind keine Anordnungen Gottes. Merkwürdig: diese Geschichte von der Speisung der 5000 ist keine Geschichte, die dazu auffordert, diese Ungleichheit und Ungerechtigkeit zu beenden. Durch Umverteilung.  

 Zum Weiterdenken

             Diese Geschichte will nur eines: Sie will uns Jesus vor Augen malen. Sie will uns zeigen, dass er der Hirte ist, auf den Mose hofft, dass ihn Gott schenken wird. Das tut sie, in dem sie ihn zeigt als den, der sich erbarmt über die Schafe ohne Hirten. Und dass tut sie, indem sie ihn zeigt als den, der die alte Lagerordnung Israels aus dem Wüstenzug – in Gruppen zu hundert und zu fünfzig – jetzt neu errichtet und der für das Volk Gottes sorgt, durch sein Danken und Empfangen und Austeilen.

„Jede Abendmahlsfeier der Kirche besteht darin, dass wir uns Gott in die Hände geben im Wissen darum, dass wir nichts besitzen, und dass wir die Augen zum Himmel erheben, um unser Dasein als Segen zurück zu empfangen.“ (E. Drewermann, aaO. S. 440) Jede Abendmahlsfeier knüpft an das Mahl an diesem öden Ort an – wir essen immer noch von dem Brot, das er da auszuteilen begonnen hat.

Was mich fasziniert: Kein Apell zum Teilen. Auch kein Befehl zum Teilen.  Nur ein Geben, damit sie unter ihnen austeilten. Und die Jünger können gar nicht anders. Unser Problem heute: wir sind zu oft Appell-mäßig unterwegs. Meistens mit Appellen an die anderen. Die sollen teilen, abgeben. So funktioniert die Geschichte nicht. Da geben die Jünger, was sie empfangen haben von ihm, in den Händen haben von ihm. Das will diese Geschichte: Mein Vertrauen stärken auf ihn. Dass ich von ihm empfangen werde, was ich weitergeben soll und weitergeben kann. Ich.  Die Appelle kann ich mir schenken.

 

Auf die Plätze, fertig, los. Oft genug geht es uns so und wir jagen, hetzen, rennen durch unsere Tage, tun unsere Arbeit, dienen den Menschen, engagieren uns für Gott und die Welt.

Wie gut, verweilen zu dürfen, stehen bleiben zu können, auf Dich Christus zu schauen. Wie viel steht in diesem Jahr vor uns. Wie ein Berg türmen sich Termine, Aufgaben, Projekte. Wie soll das alles gehen? Wir werden nicht alles im Griff haben. Wie sollen wir den Problemen gerecht werden?

Aus dem, was wir haben, unscheinbar, viel zu wenig für die vielen kann Segen werden – weil Du austeilst durch uns. So, wie wir sind, armselig, kleingläubig, so oft verzagt, willst Du uns gebrauchen, austeilen durch uns. Das genügt.  Amen