Unvergessen

Markus 6, 14 – 29

14 Und es kam dem König Herodes zu Ohren; denn der Name Jesu war nun bekannt.

             Was da geschieht, in Nazareth, in Kapharnum, am See, was Jesus lehrt, spricht sich herum. Und kommt auch Herodes zu Ohren. Dem König. Er hat seinen Sitz in Tiberias, seiner Stadt, wohin er ihn aus Sephoris verlegt hatte. Das ist alles nur einen Katzensprung entfernt von dem Gebiet, in dem Jesus auftritt.

Wenn es heißt: Der Name Jesu war bekannt, so ist mit dem Namen die ganze Person gemeint. φανερς – „berühmt, leuchtend, öffentlich, sichtbar.“ (Gemoll, aaO. S. 778) Sein Tun, sein Reden, sein Lehren ist in aller Munde. Er ist jemand, über den man spricht.

  Und die Leute sprachen: Johannes der Täufer ist von den Toten auferstanden; darum tut er solche Taten. 15 Einige aber sprachen: Er ist Elia; andere aber: Er ist ein Prophet wie einer der Propheten.

             Die Leute bilden sich ihre Meinung über ihn. Diese Meinungen gehen weit auseinander. Den einen ist er der auferstandenen Täufer Johannes. So erfährt der Leser indirekt schon hier: Johannes ist tot. Sein Tod liegt schon eine Zeit lang zurück. Vielleicht ist der Tod schon früh im Evangelium angedeutet, als es von Johannes heißt: „Nachdem aber Johannes gefangen gesetzt war.“ (1,14) „überliefert, preisgegeben.“ Im Wort παραδίδωμι schwingt der Tod mit – der Tod des Täufers wie später der Tod Jesu. „Wenn die Leute aus dem Volk die beiden zusammen sehen und in eins setzen, dann muss in der Art ihres Auftretens Verwandtschaft bestehen. Beide wandern, beide künden das Nahekommen Gottes an, beide wenden sich an das ganze Volk und nicht an eine angeschlossene Gruppe.“ (W. Grundmann, aaO. S.171)

Merkwürdigerweise keine Rolle spielt die Verwandtschaft der beiden Johannes und Jesus, wie sie im Lukasevangelium angedeutet ist. Immerhin ist die Mutter des Johannes, Elisabeth, laut Engel Gabriel eine Verwandte der Maria: „Siehe, Elisabeth, deine Verwandte ist auch schwanger.“(Lukas 1, 36) Außer Lukas weiß kein Evangelist etwas von dieser Nähe. Im Evangelium des Matthäus ist die inhaltliche Nähe Jesu zum Täufer mit Händen zu greifen. Die Botschaft des Täufers „Tut Buße! Denn das Reich der Himmel ist nahe gekommen.“ (Matthäus 3,2) wird zur Botschaft Jesu: „Tut Buße! Denn das Reich der Himmel ist nahe gekommen.“ (Matthäus 4,17) 

Daneben sind die anderen Meinungen über Jesus im Volk im Umlauf: Elia. Der, der kommt, wenn die Zeit der Welt sich erfüllt. Wenn die messianische Zeit anbricht.  Oder einer der Propheten. Einer wie die alten Propheten. Geisterfüllt. Wortmächtig. Beauftragt von Gott selbst. Es sind hohe Meinungen über Jesus. Er ist kein harmloser religiöser Spinner.

 16 Als es aber Herodes hörte, sprach er: Es ist Johannes, den ich enthauptet habe, der ist auferstanden.

             Das alles, die Gerüchte über Jesus und das Geraune des Volkes kommt dem Tetrarchen Herodes zu Ohren. Und er „weiß“, mit wem er es zu tun bekommt: Johannes, den ich enthauptet habe, der ist auferstanden. Ist es ein schlechtes Gewissen, das ihn so wissen lässt? Aberglaube? Das Rechnen mit „Wiederkehrern“, wie es volkstümlich ist, bis heute? Die Ahnung, dass sich die eigenen Untaten nicht so einfach aus der Welt schaffen lassen, auch nicht durch Hinrichtung?

Jetzt schiebt Markus den Bericht ein über die Hinrichtung des Johannes – „eine der wenigen Geschichten im Evangelium, in denen Jesus nicht vorkommt.“ (W. Klaiber, aaO. S.123)

17 Denn er, Herodes, hatte ausgesandt und Johannes ergriffen und ins Gefängnis geworfen um der Herodias willen, der Frau seines Bruders Philippus; denn er hatte sie geheiratet. 18 Johannes hatte nämlich zu Herodes gesagt: Es ist nicht recht, dass du die Frau deines Bruders hast.

             Herodes hatte Johannes gefangen gesetzt, eingekerkert, weil er ihm lästig war mit seinen moralischen Ansprüchen. Hatte doch der Täufer gewagt, seine Ehe mit seiner Schwägerin Unrecht zu nennen. Was gehen einen Täufer die königlichen Verhältnisse an. Seine Ehe war doch legalisiert. Er hatte Herodias geheiratet. Offiziell. Sie war mehr als die Lebensgefährtin des Königs.

Ich stelle mir vor: ein Bischof kritisiert die öffentlich sichtbare und ständig demonstrierte Beziehung seines Staatsoberhauptes. Schön und gemütlich wird das für den Bischof nicht werden! Weder von Seiten der Presse – was sind das für enge Moralvorstellungen – noch von Seiten des Staatsoberhauptes: Was geht Sie das an! Aber immerhin: eingekerkert würde man heute für solche anmaßende Meinungsäußerung wohl nicht. Wir leben schließlich in einem meinungsfreien Land.

 19 Herodias aber stellte ihm nach und wollte ihn töten und konnte es nicht.

             Herodias aber scheint mit der bloßen Inhaftierung nicht einverstanden. Das ist ihr zu wenig. Sie will den unbequemen Mahner tot sehen, nicht nur aus dem Verkehr gezogen und so still gestellt.

20 Denn Herodes fürchtete Johannes, weil er wusste, dass er ein frommer und heiliger Mann war, und hielt ihn in Gewahrsam; und wenn er ihn hörte, wurde er sehr unruhig; doch hörte er ihn gern.

             Es ist ein zwiespältiges Verhältnis zu Johannes, das bei Herodes sichtbar wird. Er fürchtet ihn mit seiner Frömmigkeit, seiner Klarheit, seiner Heiligkeit. Es scheint: Herodes ahnt, dass Johannes auf der Seite Gottes ist, kein bloßer Schwätzer. Aber die Begegnungen mit Johannes setzten ihm auch zu, belasten ihn, machen ihn unruhig – und dennoch sucht er sie.

Er hörte ihn gern. „Dieses „gern“ entwertet eine Rede von unerbittlichem existentiellem Ernst zu einem ästhetischen Kitzel, und es macht aus einer Person des radikalen Anspruchs ein unterhaltsames Genussmittel.“ (E. Drewermann, aaO. S.413) Warum fallen mir unzählige Talk-Shows ein, bei denen ich genau das empfinde: sie entwerten ernsteste Themen zur Unterhaltung: Gut, dass wir darüber geredet haben.

Dieses „gern“ wirkt auf mich wie ein Brückenschlag zu dem Geschehen, das jetzt einfach abläuft, in dem nicht mehr Recht und Gerechtigkeit, sondern nur noch der Nervenkitzel, die Emotion, das Geschehen bestimmt.

Auch das geht mir nach: Wie anders ist Herodes als König David. Als der mit seinem Unrecht, seinem Ehebruch und Schreibtisch-Mord, konfrontiert wird, kehrt er um. Tut Buße. Bei Herodes ist von Umkehr keine Spur. Es mag sein, dass sich ab und an „Restbestände“ an Moral und Ansprechbarkeit bei ihm regen. Aber sie dringen nicht durch. Sie lassen ihn nicht den Weg der unbequemen Wahrheit auf sich nehmen. Er bleibt ein Gefangener seiner Lust und seiner Lebenslüge.

21 Und es kam ein gelegener Tag, als Herodes an seinem Geburtstag ein Festmahl gab für seine Großen und die Obersten und die Vornehmsten von Galiläa. 22 Da trat herein die Tochter der Herodias und tanzte und gefiel Herodes und denen, die mit am Tisch saßen. Da sprach der König zu dem Mädchen: Bitte von mir, was du willst, ich will dir’s geben. 23 Und er schwor ihr einen Eid: Was du von mir bittest, will ich dir geben, bis zur Hälfte meines Königreichs. 24 Und sie ging hinaus und fragte ihre Mutter: Was soll ich bitten? Die sprach: Das Haupt Johannes des Täufers. 25 Da ging sie sogleich eilig hinein zum König, bat ihn und sprach: Ich will, dass du mir gibst, jetzt gleich auf einer Schale, das Haupt Johannes des Täufers. 26 Und der König wurde sehr betrübt. Doch wegen des Eides und derer, die mit am Tisch saßen, wollte er sie keine Fehlbitte tun lassen. 27 Und sogleich schickte der König den Henker hin und befahl, das Haupt des Johannes herzubringen. Der ging hin und enthauptete ihn im Gefängnis 28 und trug sein Haupt herbei auf einer Schale und gab’s dem Mädchen und das Mädchen gab’s seiner Mutter.

Es ist ein kaltblütiger Mord, herbeigeführt mit der gekonnten Inszenierung, durch das Spiel mit der Lust, durch das gezielte Fangen in den eigenen Worten und unbedachten Versprechen. Ein Mord, der deshalb so schrecklich wirkt, weil er wie nebenbei geschieht, als Abendunterhaltung an einem gelegenen Tag, als Ausnützen der Großzügigkeit eines eitlen „Geburtstagskindes“. Es wird kein Zufall sein: Herodias hat eine frühe Vorläuferin, vielleicht gar ein Vorbild in der tatkräftigen Isebel, die auch den Mord in Kauf nimmt, um ihre Ziele – den Besitz eines Weinbergs – zu erreichen. (2.Könige 21,1- 16) Es ist das brutale Unrecht, das die Stimme des Kritikers für das lustvolle Unrecht überdecken und zum Schweigen bringen soll. „Es ist die Tragik der Macht, dass sie immer und immer wieder töten muss, um am Leben zu bleiben.“ (E. Drewermann, aaO. S.407) Hier aber ist es nicht Tragik und es geht auch für die Macht nicht um Leben oder Tod. Hier ist es nur skrupellose Eiseskälte, die eine Situation und eine Schwäche ausnützt.

Es fällt auf: Herodes wirkt in dieser Mordgeschichte irgendwie nicht als Akteur, sondern eher als der, der gelenkt wird. Der ausgeliefert ist an seine Lust und Emotion, auch an seine voreiligen, unkontrollierten Sprüche und an den mörderischen Willen der Herodias. Ich kann mir gut vorstellen, dass er das abgeschlagene Haupt des Johannes sieht und sagt: „Das haben ich nicht gewollt.“ Aber damit muss er nun leben – und sein schlechtes Gewissen meldet sich unüberhörbar bei ihm zu Wort: Es ist Johannes, den ich enthauptet habe. Vor einer erneuten Begegnung mit ihm hat er Furcht. Er ist mit dieser Hinrichtung nicht fertig. Es gibt „Schuldgefühle, die Herodes augenblicklich nach begangener Tat heimsuchen.“(E. Drewermann, aaO. S. 418) Sie lassen ihn in Jesus den Täufer wiederkehren sehen, obwohl Jesus ihn mit keine Wort wie Johannes attackiert hat. Er war ihm einen Angriff wert.

 29 Und als das seine Jünger hörten, kamen sie und nahmen seinen Leichnam und legten ihn in ein Grab.

             Immerhin: Der Leichnam wird an die Jünger des Johannes übergeben, so dass sie ihn begraben können, ihn in ein Grab legen können. Nur ein versöhnlicher Schluss?

Zum Weiterdenken

„Das Schicksal des Täufers als Vorzeichen des Schicksals Jesu“ (E. Schweitzer, aaO. S.73) setzt der Ausleger Eduard Schweitzer als Überschrift über seine Auslegung der Erzählung. Wohl wahr: Von Jesus ist hier nicht ausdrücklich die Rede. Aber im Schicksal des Johannes zeigen sich die gleichen Kräfte am Werk, die sich auch gegen Jesus stellen werden: „Die Hinrichtung wird ohne jeden Märtyrerglanz erzählt; nicht die Vorbildlichkeit des Johannes ist das Thema, sondern der Widerstand der Welt gegen Gott. Wundersucht und Gesetzlichkeit, Ehebruch und schlechtes Gewissen, Ränkesucht und Schwäche widersetzen sich ihm.“ (E. Schweitzer, aaO. S.75) Es geht nicht um Personen, sondern um Motive, die sue leiten. Bei Jesus werden Machtgier und Gefangenschaft in ein Verständnis der Schriften dazu kommen, die eine folgenreiche Blindheit für Gottes neuen Weg wirken. „In seinem Todesschicksal bereitet Johannes dem Messias den Weg.“ (J. Gnilka,  aaO. S.232) So gewinnt ein in sich sinnloser Tod doch seine Bedeutung.

 

Herr Jesus. Wie viele sterben hinter verschlossenen Türen, weil sie unbequem sind, die Wahrheit sagen, weil sie Unrecht benennen, weil sie lästig sind mit ihren Ansprüchen, weil sie sich nicht stumm machen lassen.

Herr Jesus, sie alle sind Dir nahe, Vorläufer und Nachfolger. Du vergisst keinen von ihnen. Du schreibst ihre Namen, auch die ausgelöschten, in das Gedächtnis des Himmels. Amen