Kein hohes Roß

Markus 6, 7 – 13

7 Und er rief die Zwölf zu sich und fing an, sie auszusenden je zwei und zwei,

             Auf dem Weg durch die Dörfer ruft er die Zwölf. Es ist ein herrscherlicher Akt. In der gleichen Souveränität, in der er sie früher gerufen hatte – „welche er wollte.“ (3,13) Jetzt schickt er sich an, sie auszusenden, je zwei und zwei. Man könnte diese Aussendung als Reaktion auf den Fehlschlag in Nazareth werten. Gerade keine Resignation, kein Zurückweichen, sondern jetzt erst recht: „Er beabsichtigt, seine eigene Tätigkeit durch die Mithilfe der Zwölf auszuweiten und zu verstärken.“ (J. Gnilka, aaO., S.238)

           Dass er sie paarweise aussendet, mag doppelt begründet sein. Einmal im jüdischen Zeugenrecht: „Durch zweier oder dreier Zeugen Mund soll eine Sache gültig sein.“ (5.Mose 19,15) Es braucht die beiden, um die Wahrheit ihres Redens zu bestätigen. Aber es kann auch die schlichte Erfahrung sein: „So ist’s ja besser zu zweien als allein; denn sie haben guten Lohn für ihre Mühe. Fällt einer von ihnen, so hilft ihm sein Gesell auf. Weh dem, der allein ist, wenn er fällt! Dann ist kein anderer da, der ihm aufhilft.“(Prediger 4, 9-10) Wer allein unterwegs ist, ist ungleich gefährdeter als der, der einen Weggenossen zur Seite hat.

So menschlich vernünftig kann das sein: „Sie sollen nicht allein sein, da sie allein in inneren und äußeren Bedrohungen Schaden nehmen könnten, während sie gemeinsam einander zu stärken vermögen.“ (W. Grundmann, aaO. S.168) Der Auftraggeber Jesus weiß, was es für eine Hilfe ist, wenn seine Leute einen „Sprachgesell“ mit sich haben.

Das soll und will ich mir zu Nutz zu allen Zeiten machen,
im Streite soll es sein mein Schutz, in Traurigkeit mein Lachen,
in Fröhlichkeit mein Saitenspiel,                                                                                       
und wann mir nichts mehr schmecken will, soll mich dies Manna speisen;
im Durst soll´s sein mein Wasserquell, in Einsamkeit mein Sprachgesell
zu Haus und auch auf Reisen.          P. Gerhardt 1647, EG 83

Manchmal ist es gut, diesen Sprachgesell leibhaftig zur Seite zu haben. Zugleich bildet sich in diesen Paaren auch die Praxis der christlichen Missionare in der Frühzeit der entstehenden Kirche ab, die Markus wohl auch vor Augen hat. Sie sind paarweise unterwegs – Petrus und Markus, Paulus und Barnabas, Paulus und Silas, Paulus und Timotheus.

und gab ihnen Macht über die unreinen Geister 8 und gebot ihnen, nichts mitzunehmen auf den Weg als allein einen Stab, kein Brot, keine Tasche, kein Geld im Gürtel, 9 wohl aber Schuhe, und nicht zwei Hemden anzuziehen.

Was für eine Ausstattung: Macht über die unreinen Geister, Vollmacht. ξουσα. „Seine Jünger haben an seinem Kampf mit dem Satan Anteil. In einer Welt, in der so viele Menschen besessen und gebunden sind, hat die Vollmacht, Menschen aus der Herrschaft destruktiver Kräfte zu befreien, hohe Bedeutung.“ (W. Klaiber aaO. S.119) Wir reden kaum noch von unreinen Geistern – aber mit destruktiven Kräften und Mächten kennen wir uns heute auch aus. Mit der Zerstörung von Menschlichkeit und der Unterwerfung unter oft kaum verschleierte Machtansprüche. Mit anonymen Kräften wie „den Märkten“, der „öffentlichen Meinung“, dem „Shitstorm“, den „Medien“ – und oft genug sind der und die Einzelnen ihnen gegenüber auf verlorenem Posten. Allein gehst du ein.

Merkwürdig: die Jünger erhalten keinen Predigtauftrag! Es ist, als wäre mit der Vollmacht alles gesagt und alles gegeben. Kein Manuskript, keine Standardrede, die die Jünger variierend einsetzen könnten, je nach Situation.

Stattdessen Anweisungen zum Verzicht. Kein Brot, keine Tasche, kein Geld im Gürtel, und nicht zwei Hemden. Nur ein Stab und Schuhe. Es ist eine Einweisung in Bedürfnislosigkeit. Eine Einübung in Armut. „Die Armut der Boten, die ohne Proviant, ohne das in den breiten Gürtel eingebundene Geld und ohne zusätzliche Schutzkleidung reisen, ist das Zeichen für ein Leben wie die „Vögel“ und die „Lilien“, das nicht auf die eigene Mittel traut.“ (E. Schweitzer, aaO. S.72f.)

 Mehr noch: sie treten denen, zu denen sie gesandt werden gegenüber als Bedürftige, als die, die auf Freundlichkeit angewiesen sind. Sie kommen nicht von oben, im Vollbesitz schützender und stärkender Möglichkeiten, überlegen, sondern von unten. Bittende – so wie es Paulus schreiben wird: „So sind wir nun Botschafter an Christi statt, denn Gott ermahnt durch uns; so bitten wir nun an Christi statt: Lasst euch versöhnen mit Gott!“ (2.Korinther 5, 19) Oder, anders gesagt, bedeutet die Aufforderung Jesu: „Seid so einfach, wie ihr könnt.“ (E. Drewermann, aaO. S. 397)

 Es ist in der Kirchengeschichte die Wiederentdeckung dieser Weisungen, wenn es in der Regel des Dominikaner-Ordens heißt: „Sie haben sich vorgenommen, als Ordensleute zu leben und zu Fuß und in evangelischer Armut umher zu ziehen und die Wahrheit des Evangeliums zu predigen.“ (A. Rotzetter, Spirituelle Lebenskultur für das dritte Jahrtausend, Freiburg 2000, S. 87) Wenig später kommentiert Rotzetter: „Das barfüßige Verkündigen steht in einem gewollten Gegensatz zu dem Predigen vom hohen Ross herunter … Was das für heute bedeutet, müsste vertieft erfragt werden.“ (A. Rotzetter, aaO. S. 90f.)

Nicht auszudenken, wie das die Kirche verändern könnte, wenn sie vom hohen Ross herabsteigen würde, auf Augenhöhe zu den Menschen, ihre Privilegien preisgeben, aber dafür neu das Bitten und die Bedürftigkeit lernen. Nicht überlegen durch Machtmittel, auch nicht moralisch überlegen. Angewiesen einzig und allein darauf, dass man ihr Vertrauen schenkt, ihre leeren Hände sieht, ihren Worten neu das Ohr leiht. Wie könnte das die Kirche glaubwürdig machen, eine Kirche, von der der Spottvers sagt: „Der Meister ging per pedes, der Jünger fährt Mercedes.“ Ich weiß wohl, dass ich das nicht als einer schreibe, der barfuß leben muss, der mit leeren Händen und angewiesen auf Mildtätigkeit vor den Leuten steht. Die Anweisungen Jesu sind widerborstig, auch für mich.

 10 Und er sprach zu ihnen: Wo ihr in ein Haus gehen werdet, da bleibt, bis ihr von dort weiterzieht.

             Bleiben, bis ihr weiterzieht. Auf den ersten Blick irgendwie unsinnig oder überflüssig. Wie denn sonst, möchte man fragen. Aber es steckt vielleicht mehr dahinter: Bleiben, solange bleiben, bis die Botschaft angekommen ist. Dort bleiben, wo man Aufnahme findet. Das schließt den Verzicht ein, nach besseren Unterkünften zu suchen. Konkret: Das Verhalten der Gesandten soll nicht einen Wettbewerb in der Bewirtung der wandernden Missionare fördern. Es ist durchaus möglich, dass die Worte Erfahrungen aus der ersten Christenheit spiegeln und auch korrigieren.

Aber auch so lese ich diese Sätze: Nicht schon innerlich auf dem Sprung sein. Nicht schon, während man noch da ist, schon nicht mehr da sein, sondern mit dem nächsten Schritt beschäftigt. Es untergräbt die Verkündigung, wenn man das Gefühl bekommt: Wir sind „nur“ ein Zwischenstopp. Das Evangelium lässt sich nicht im Vorbeigehen weitergeben, sondern es erfordert Zuwendung, Bleiben.

 11 Und wo man euch nicht aufnimmt und nicht hört, da geht hinaus und schüttelt den Staub von euren Füßen zum Zeugnis gegen sie.

             Es gibt aber, darauf bereitet Jesus seine Jünger vor, auch die Erfahrung der verschlossenen Türen. Der Abweisung. Der fehlenden Bereitschaft, sie aufzunehmen und mit ihnen die Botschaft. Da heißt es weitergehen. Niemand soll gezwungen werden, niemand genötigt. Den Staub abschütteln„der Gestus besagt Aufhebung der Gemeinschaft.“ (J. Gnilka, aaO. S.240) Da gibt es nichts mehr, was verbindet. Da gibt es auch keine Verantwortung der Jünger für die, die sie abgewiesen haben.

             Das Gegenbild zu diesem Abschütteln bietet das Johannesevangelium in der Erzählung von der Fußwaschung: „Da kam er zu Simon Petrus; der sprach zu ihm: Herr, solltest du mir die Füße waschen? Jesus antwortete und sprach zu ihm: Was ich tue, das verstehst du jetzt nicht; du wirst es aber hernach erfahren. Da sprach Petrus zu ihm: Nimmermehr sollst du mir die Füße waschen! Jesus antwortete ihm: Wenn ich dich nicht wasche, so hast du kein Teil an mir. Spricht zu ihm Simon Petrus: Herr, nicht die Füße allein, sondern auch die Hände und das Haupt! (Johannes 13, 6-9)

 12 Und sie zogen aus und predigten, man solle Buße tun, 13 und trieben viele böse Geister aus und salbten viele Kranke mit Öl und machten sie gesund.

So gesandt und beauftragt ziehen sie los – und jetzt wird es als Erstes doch gesagt: sie predigen, man solle Buße tun.  Buße meint nicht, was wir leicht hören: Moralische Zerknirschung, das Eingeständnis: Ich bin nicht o.k., ich bin ein schlechter Mensch. Sondern ihre Bußpredigt ist ein Rufen zur Umkehr. Μετάνοια. „Umkehr zu ihrem Meister und seiner Botschaft.“ (W. Grundmann aaO. S.169) Oder vorsichtiger gesagt: Zur Umkehr in das Reich Gottes. Ihre Bußpredigt ist nicht moralisch ausgerichtet – sie ist ein Ruf, das nahe gekommene Reich nicht zu versäumen  

 Sie üben die Vollmacht aus, die Jesus ihnen gegeben hat, in Wort und Tat. Es ist, wenn man so will, ein dreifaches Handeln – Predigen, Austreiben von Dämonen und Kranke heilen. Das letzte wird differenziert beschrieben: Salbung und Heilung stehen in einem inneren Zusammenhang.  Das Öl ist hier nicht Medizin, sondern Symbol. Heilsöl. Die spätere Gemeinde hat an diese Praxis angeknüpft: „Ist jemand unter euch krank, der rufe zu sich die Ältesten der Gemeinde, dass sie über ihm beten und ihn salben mit Öl in dem Namen des Herrn.“ (Jakobus 5,14) Es ist gut, dass es heute hier und dort zu einer Wiederentdeckung dieses Auftrages Jesu und der Praxis der Jünger kommt, so wie es auch gut ist, dass die katholische Kirche und auch die orthodoxe dieses Handeln auch durch aufgeklärte Zeiten hin lange bewahrt hat.

Zum Weiterdenken

             „Die Jünger sollen so einfach und unbehindert wie nur irgend möglich den Menschen gegenüber treten; sie sollen selbst das Vertrauen in die Fügung und Führung Gottes vorleben, das den ganzen Inhalt der Botschaft Jesu darstellt – keine Absicherung!“( E. Drewermann, aaO. S. 396) Und weiter: „Es scheint sehr unwahrscheinlich, dass derjenige, der sagte, den „Kleinen“ sei es vorbehalten, Gott zu wissen, den Großen aber bliebe es für immer ein Geheimnis, es zur Voraussetzung seiner Verkündigung hätte erheben wollen, man müsse zunächst Lateinisch, Griechisch, Hebräisch und hernach sechs Jahre lang Dogmatik, Kirchenrecht und Ethik studieren, ehe man fähig werde, seine Worte zu begreifen.“(Ders. aaO. S. 404) Es ist schwer auszudenken, was das für Kirchen heißen könnte, denen die Priester ausgehen, auch der Pfarrernachwuchs nicht so üppig sprießt. Vielleicht ist es an der Zeit, sich von altehrwürdigen Vorstellungen vom Amt befreien zu lassen. Auch bei uns Protestanten.   

Persönlich gesehen: Ich bin sehr dankbar, dass ich während meiner ganzen Berufstätigkeit immer jemand an meiner Seite hatte – die Reisesekretärin, die die gleichen Gruppen besuchte und betreute wie ich, den Pfarr-Bruder, der mit mir in der gleichen Stadt arbeitete und jeden Dienstag mit mir redete, hörte, betete. Die Brüder, die mit mir im Amt den Weg teilten und sich wieder und wieder mit mir austauschten – und auch da wieder: Gemeinsame Zeit für das Gebet.  Ich weiß heute nicht, wie es mit mir gegangen wäre ohne diese Weggefährten, die mich korrigieren konnten, die mir Mut machen konnten, die schon durch ihre bloße Nähe das Gefühl verhinderten, allein und allein verantwortlich zu sein.

Von dieser persönlichen Erfahrung her denke ich oft: eine der größten Gefahren für unserer Kirche ist die Einsamkeit im Pfarramt. Es bedroht die Vollmacht und die Freude, wenn es den regelmäßigen Austausch über die Freuden und die Lasten des Auftrages nicht gibt.

Herr Jesus, Du willst unsere Umkehr, dass wir uns hinkehren zu Dir. Vertrauen gewinnen in Dein Wort, Deinem Willen Raum geben in unserem Handeln. Du willst, dass wir Deinen großen Horizont erkennen, dass wir ungebunden leben lernen, dass wir unser Leben nicht einengen auf Besitzfragen, Statussymbole, Erfolgsgeschichten.

Du willst, dass wir aufatmen und frei sind, weil wir glauben und erfahren, dass Du für uns sorgst, dass Du unsere leeren Hände und Herzen füllst. Amen