Meine engen Grenzen

Markus 6, 1 – 6

1 Und er ging von dort weg und kam in seine Vaterstadt, und seine Jünger folgten ihm nach. 2 Und als der Sabbat kam, fing er an zu lehren in der Synagoge.

Jesus verlässt den Ort am See. Er geht durch die Berge hinüber nach Nazareth Seine Jünger sind mit ihm auf dem Weg. Sie folgen ihm nach – hier verwendet Markus das Wort, das für Nachfolge als Jüngerschaft steht: κολουθέω. Sie gehen also nicht einfach nur mit. „Jesus kommt in seine Heimat als Wanderrabbi, dem eine stattliche Anzahl von Schülern folgt.“ (W. Klaiber, aaO. S.116) Sie werden – in Nazareth – erfahren und lernen, was es heißt: mit Jesus unterwegs zu sein. Er hält sich in Nazareth auf, längere Zeit, mehrere Tage.

Als der Sabbat kommt, geht Jesus in die Synagoge. Wo soll er auch sonst hingehen? Der Evangelist Lukas weiß, was Markus nicht sagt: „nach seiner Gewohnheit“ (Lukas 4,16) Er tut, was er auch sonst tut: er lehrt, διδσκειν, diesmal nicht am See, nicht auf dem Berg, sondern in der Synagoge. Der Lehrer, Meister (12,14) genannt werden wird – lehrt.

Es fällt auf: Im Gegensatz zum Lukas-Evangelium, das den Inhalt der Predigt Jesu in Nazareth überliefert, schweigt Markus über die Inhalte des Lehrens Jesu. Weiß er nichts von dem, was Lukas weiß? Folgt er einer anderen Überlieferung? Es kann auch so sein, wie es oft bei Markus ist. Er redet vom Lehren Jesu ohne es inhaltlich genau zu bestimmen, weil es für ihn – und damit auch für seine Leserinnen – klar ist: Sein Lehren ist das Ausrufen des Reiches – so wie es direkt am Anfang des Evangeliums sichtbar ist: „Die Zeit ist erfüllt und das Reich Gottes ist herbeigekommen. Tut Buße und glaubt an das Evangelium!“ (1,15) und wie es sich dann am See fortsetzt: „Und er fing abermals an, am See zu lehren. Und es versammelte sich eine sehr große Menge bei ihm, sodass er in ein Boot steigen musste, das im Wasser lag; er setzte sich, und alles Volk stand auf dem Lande am See. Und er lehrte sie vieles in Gleichnissen; und in seiner Predigt sprach er zu ihnen.“ (4,1-2) Das alles kennen die Leserinnen und Leser des Evangeliums doch und so könnte dieses Kennen des Evangeliums den Verzicht auf die Inhalte seines Lehrens in Nazareth erklären.

Und viele, die zuhörten, verwunderten sich und sprachen: Woher hat er das? Und was ist das für eine Weisheit, die ihm gegeben ist? Und solche mächtigen Taten, die durch seine Hände geschehen?

Die ihm zuhören in der Synagoge geraten außer sich. Sie werden mit Erstaunen erfüllt. Sie hören ihn und können sich seinem Eindruck nicht entziehen. Einem Eindruck, der sie ins Fragen bringt, gleich dreifach: Sie fragen nach dem Ursprung dessen, was er ist; danach, was sie wahrnehmen als eine Weisheit, die ihm gegeben ist; sie fragen nach den Machttaten, die von ihm erzählt werden. σοφα und δυνμεις – beide Male wird so formuliert, dass nach dem Ursprung hinter dem, was sichtbar ist, gefragt wird. Die Weisheit ist gegeben, die Machttaten geschehen durch seine Hände hindurch. Wer ist der Urheber, was ist der Ursprung? Was oder wer steht hinter Jesus? Später wird er wieder, ähnlich gefragt werden: „Aus welcher Vollmacht tust du das? Oder wer hat dir diese Vollmacht gegeben, dass du das tust?“ (11,28)

Würde es bei diesen Fragen bleiben – wunderbar! „Bis dahin waren diese Fragen auch für eine positive Antwort offen.“ (W. Klaiber, ebda.) Sie sind nahe an dem, wie die Jünger auf dem See fragen: „Wer ist der? Auch Wind und Meer sind ihm gehorsam!“ (4,41)Auch der Glaube kommt am Fragen nicht vorbei und in mancherlei Hinsicht nie über ein staunendes Fragen hinaus.

3 Ist er nicht der Zimmermann, Marias Sohn, und der Bruder des Jakobus und Joses und Judas und Simon? Sind nicht auch seine Schwestern hier bei uns? Und sie ärgerten sich an ihm.

Aber in der Synagoge von Nazareth fragen sie anders weiter – und jetzt werden ihre Fragen zu einem Versuch, sich seiner zu bemächtigen. Wir kennen ihn doch, seine Herkunft. Wenn wir durch das Dorf gehen, sehen wir, wo er als Zimmermann gearbeitetw hat. Wir können die Qualität seiner Arbeit beurteilen. Und es ist doch so: wenn man weiß, was einer macht oder gemacht hat, weiß man auch schon, was ihn ausmacht, wer er ist. „Das wurde nun den Nazarenern zum Ärgernis. Wie konnte der, der früher für sie arbeitete, jetzt über ihn stehen?“ (A. Schlatter, aaO. S.59) Obwohl davon in keiner Weise die Rede ist, dass er sich über sie gestellt hätte. Er hat nur gelehrt – in einer Weisheit, die sich nicht erwartet haben. Nicht von ihm.

Neben dieses: Wir kennen ihn, tritt das andere: Wir kennen die ganze Familie, die ganze Mischpoke, seine Mutter Maria, die Brüder Jakobus, Joses, Judas und Simon. Die Schwestern, deren Namen nichts zur Sache tun. Dieses Kennen aber verhindert, dass sie tiefer fragen, mehr hören, dass sie bereit werden, sich von ihm herausfordern zu lassen. „Vielleicht gibt es in uns keinen Hang, der gegenüber Gott so sehr versperrt, wie die Neigung, einander einzuordnen und nach fertigen Mustern, Vorstellungen und Begriffen unter der Rubrik „Bekanntes“ abzuhaken.“ (E. Drewermann, aaO., S.378)

Es ist erschreckend: Gerade, dass er einer ist wie wir, menschlich, macht ihn den Leuten in Nazareth zum Ärgernis. Wir kennen ihn – er ist nicht mehr als wir, nicht anders als wir. Darum wird sein Lehren für sie ärgerlich. Es ist eine tiefe Verunsicherung, die hier das Wort führt: Jesus nimmt die alten, vertrauten Worte über Gott und sein Reich in einer Weise wörtlich, als Wirklichkeit jetzt und hier, die den Leuten in Nazareth geradezu den Atem nimmt, die sie so in Frage stellt, dass sie fast geradezu zwangsläufig zu-machen müssen. Vielleicht schwingt auch das mit: Was sie von ihm hören, würde sie zwingen, das eigene Leben zu verändern, wenn sie seinen Worten glauben. Sie hören eine unbequeme Wahrheit, der sie nicht folgen können, weil sie es auch nicht wollen.

Es ist relativ einfach, die Nazarener als verbohrt und engstirnig zu charakterisieren. Es wird schon schwieriger, wenn ich mich danach frage, ob ich ihr Verhaltensmuster nicht auch bei mir selbst entdecken muss. Es gibt eine Hörfaulheit, die sich damit begnügt, Etikette anzuheften und in Schubladen zu stecken, bloß um sich die gedankliche Auseinandersetzung zu ersparen. Um nicht nach der Wahrheit in den Worten des Anderen, der Anderen fragen zu müssen. Nach der Wahrheit aus dem Mund dessen, den ich zu kennen meine. Wenn ich so weiterdenke, merke ich, wie nahe ich den Nazarenern doch auch sein kann. Nicht immer, aber wohl zu oft.

4 Jesus aber sprach zu ihnen: Ein Prophet gilt nirgends weniger als in seinem Vaterland und bei seinen Verwandten und in seinem Hause.

In den Ärger der Leute trifft das Wort Jesu, das zum Sprichwort geworden ist. Es ist, als schütte er Öl ins Feuer. Es klingt wie eine resignierte Feststellung: Weil sie zu wissen glauben, wer ich bin, hören sie nicht zu. Das ist Prophetenschicksal von alters her. Er will sie über ihr gewohntes Leben hinausführen, hineinführen in ein neues Denken und einen erneuerten Glauben. Sie aber halten fest, halten sich fest am Althergebrachten. Alles, nur keine Veränderung. Alles, nur keine neuen Einsichten. Wir bleiben, wie wir sind. Es ist die Verweigerung auch der kleinsten Schritte zum Aufbruch, die Jesus hier feststellt.

Propheten tun gut daran, sich darauf einzustellen: Zuhause wird es schwierig werden, Gehör zu finden. Das ist mehr als nur eine sprichwörtliche Weisheit. Es leuchtet mir sofort ein, „dass mit dem Regelwort der Jüngerschaft eine Instruktion erteilt wird. Sie steht vor der Aussendung und soll aus diesem Erleben lernen, sich durch Abweisung nicht enttäuschen zu lassen.“ (J. Gnilka, aaO. S.232) Und weit über die Zwölf und die Urgemeinde hinaus ist es ein Wort an die Leserinnen und Leser des Evangeliums: seid darauf gefasst – zu Hause wird das Zeugnis von Jesus durchaus nicht immer willkommen sein. Es kann sein, ihr erlebt nirgends härteren Widerstand als zuhause.

5 Und er konnte dort nicht eine einzige Tat tun, außer dass er wenigen Kranken die Hände auflegte und sie heilte. 6 Und er wunderte sich über ihren Unglauben. Und er ging rings umher in die Dörfer und lehrte.

Es wirkt wie ein Ergebnis dieses verweigerten Hörens, des verweigerten Vertrauens. Jesus sind die Hände gebunden. Man könnte daraus ableiten: Damit es zu Wundern kommen kann, ist der Glaube nötig. Ein bisschen schwieriger ist es schon. „Wie seine Macht unser Heil ist, so ist unser Unglaube seine Ohnmacht.“ (J. Gnilka, aaO. S.235) Es ist wohl so, dass nicht erst der Glaube den Weg zum Heilen Jesus öffnet, den Weg für sein Handeln aus der Vollmacht Gottes freimacht. Aber der Unglaube, die Ablehnung kann sehr wohl den Weg für das Handeln Jesus versperren. Weil er sein Heil nicht da aufzwingt, wo es abgelehnt wird.

Offensichtlich sind doch einige wenige Kranke zu ihm gebracht worden oder von selbst gekommen, denen er die Hände auflegt. Die er auch heilt. Therapiert. So das griechische Wort θεραπεύω. Mit ihnen geht er freundlich um.

Die andere Reaktion steht in deutlicher Spannung zu dem doch eher kühlen Spruch über die Propheten, die zu Hause nichts gelten. Er wunderte sich über ihren Unglauben. Das wirkt, als hätte er nicht damit gerechnet – trotz des Prophetenspruches. Als hätte er darauf gesetzt, dass seine Worte Glauben wecken, sein Lehren Glauben findet. Was ist dieser Unglaube? πιστα. Keine Bestreitung seiner Taten. Auch kein Urteil: Alles dummes Zeug, was er sagt. Sondern im Kern ist der Unglaube, dass sie nicht anerkennen, dass Gott durch Jesus handelt, dass sie in ihm mit der verhüllten Gegenwart Gottes zu tun haben.

So kommt es: Nazareth bleibt, wie es ist, die Nazarener bleiben, wie sie sind. Er lässt es fortan links liegen und geht in die Dörfer ringsum. Und auch dort lehrt er. Sein Werk kann niemand hindern. Auch nicht die Ablehnung in Nazareth.

Zum Weiterdenken

Es gibt so etwas wie eine Selbstverschließung. Das verweigerte Vertrauen bleibt leer, weil es sich der Möglichkeit verweigert hat, über das eigene Denken hinaus geführt zu werden, die eigenen Erfahrungen zu überschreiten. Es ist wie eine Anknüpfung an das Wort, das früher im Evangelium schon gesagt ist: „Wer da hat, dem wird gegeben; und wer nicht hat, dem wird man auch das nehmen, was er hat.“(4,25) Das gilt nicht nur für Nazareth. Das gilt auch für die neuzeitliche Variante: Ich glaube nur, was ich sehen kann. Wer den eigenen engen Horizont für den einzig möglichen Horizont hält, ist arm dran und verarmt.

„Ein Haufen schnatternde Gänse wohnt auf einem wunderbaren Hof.  Sie veranstalten alle sieben Tage eine herrliche Parade. Das stattliche Federvieh´wandert im Gänsemarsch zum Zaun., wo der beredtste Gänserich mit ergreifenden Worten schnatternd die Herrlichkeit der Gänse dartut. Immer wieder kommt er darauf zu sprechen, wie in Vorzeiten die Gänse mit ihrem mächtigen Gespann die Meere und Kontinente beflogen haben. Er vergaß nicht dabei das Lob an Gottes Schöpfermacht zu betonen. Schließlich hat er den Gänsen ihre kräftigen Flügel und ihren unglaublichen Richtungssinn gegeben, dank denen die Gänse die Erdkugel überflogen. Die Gänse sind tief beeindruckt. Sie senken andächtig ihre Köpfe und drücken ihre Flügel fest an den wohlgenährten Körper, der noch nie den Boden verlassen hat. Sie watscheln auseinander, voll Lobes für die gute Predigt und den beredten  Gänserich. Aber das ist auch alles. Fliegen tun sie nicht. Sie machen nicht einmal den Versuch. Sie kommen gar nicht auf den Gedanken. Sie fliegen nicht, denn das Korn ist gut, der Hof ist sicher und ihr Leben bequem.“                    Søren Kierkegaard 

Die Welt jenseits Gänsehofes bleibt ihnen verschlossen.

Meine engen Grenzen, meine kurze Sicht                                                                          bringe ich vor dich.                                                                                                               Wandle sie in Weite, Herr, erbarme dich                                                                                                    E. Eckert 1981, EG-HN 584

 

Jesus,wie oft glaube ich Bescheid zu wissen, mich auszukennen mit Gott und Dir, dem Willen des Vaters und Deiner Macht. Wie oft glaube ich, dass ich schon richtig hören werde, im Stimmengewirr der Zeit Deine Stimme erkennen werde, unter den vielen Wegen Deinen Weg für mich Jesus, bewahre mich davor, dass mein Wissen über Dich mich blind macht, taub macht, mich den Weg zu Dir verweigern lässt,mich Deine Nähe nicht wahrnehmen lässt, wenn Du kommst als einer wie wir. Amen