Nicht: Zu spät

Markus 5, 35 – 43

35 Als er noch so redete, kamen einige aus dem Hause des Vorstehers der Synagoge und sprachen: Deine Tochter ist gestorben; was bemühst du weiter den Meister?

Die Erzählung war unterbrochen. Jetzt kehrt sie zum Ausgangspunkt zurück. Das Zwischenspiel mit der Frau hat nur aufgehalten. Jetzt kommt die Tochter des Synagogen-Vorstehers wieder in den Blick. Aber die Boten aus dem Haus sagen: zu spät. Deine Tochter ist gestorben. Das Mädchen ist tot. Der Meister muss nicht mehr kommen. Lass ihn gehen. Nicht Jesus, ausschließlich Jaïrus ist der Adressat der Botschaft, die sie aus dem Haus des Vorstehers überbringen. In den Augen dieser Boten ist Jesus nur noch eine Randfigur.

Man könnte auch so hören: Während er, Jesus, sich mit der Frau mit dem Blutfluss, „seiner Tochter“, aufgehalten hat, ist sie, deine Tochter, Jaïrus, gestorben. Es macht keinen Sinn mehr. Angesichts des Todes kommt jede Hilfe zu spät. Jetzt noch Jesus weiter bemühen, würde nur bedeuten: „Jesus wird zur Hilfe gebeten in einer Lage, in der jede menschliche Hilfsmöglichkeit vorüber ist.“ (W. Grundmann, aaO. S.152) Hier kann auch der Glaube nichts mehr machen, hier hilft nicht einmal mehr beten. Es klingt ein bisschen wie aus dem Mund der Martha im anderen Evangelium: „Da sprach Marta zu Jesus: Herr, wärst du hier gewesen, mein Bruder wäre nicht gestorben.“ (Johannes 11, 21) Keine Resignation, sondern nüchterne Anerkennung der Tatsachen. Eigentlich kann Jaïrus Jesus wieder seines Weges gehen lassen. Der hat sicher Besseres zu tun als an einem Totenbett zu stehen.

  36 Jesus aber hörte mit an, was gesagt wurde, und sprach zu dem Vorsteher: Fürchte dich nicht, glaube nur! 37 Und er ließ niemanden mit sich gehen als Petrus und Jakobus und Johannes, den Bruder des Jakobus.

             Es mutet ein wenig gespenstisch an, sich die folgenden Überlegungen vor Augen zu halten, sie nachzudenken: „Vermutlich war das Dasein der Tochter eines Synagogenvorstehers so ähnlich beschaffen wie das Leben der Kinder eins Dorfschullehrers oder eines protestantischen Pfarrers noch vor ein paar Jahrzehnten. Sie hatten der Stolz, da Aushängeschild, das Muster elterlicher Erziehungskunst zu sein. … Auf diese Weise kann ein Leben, das nur im Dämmerlicht „verantwortlicher“ Fürsorge der Eltern aufwächst, sich zu einer tödlichen Erkrankung auswachsen.“(E. Drewermann,. aaO. S. 372) Das steht alles nicht im Text und die Möglichkeit ist nicht auszuschließen, dass der hochgelehrte Ausleger in die Falle gelaufen ist, die an dem Diminutiv „Töchterlein“ hängt. Der freilich findet sich nicht im griechischen Text, auch nicht mehr in neuen Bibelausgaben – nur in der Jubiläumsbibel von 1912 ist das Töchterlein des Jairus noch Überschrift.   

             Jesus hört, genau wie Jaïrus, die Botschaft der Boten, obwohl sie gar nicht für ihn bestimmt ist und ihm ausgerichtet wird. Er härt nur mit, was gesagt wurde – und hört wohl auch, wie es gesagt wurde. Aber nun ist er es, der die Initiative übernimmt. Jaïrus war zum Abbruch des Weges aufgefordert. Jesus fordert ihn auf, diesen Weg weiter zu gehen. Sich nicht dieser Botschaft zu unterwerfen. Fürchte dich nicht, glaube nur!  Das ist noch kein Versprechen, sondern nur eine Aufforderung. Aber wozu? Zum Festhalten der Hoffnung, wo nichts mehr zu hoffen ist? „Die Aufforderung „Fürchte dich nicht!“ ist sonst Offenbarungsszenen vorbehalten. Sie wird auch hier eine solche vorbereiten wollen.“ (J. Gnilka, aaO.  S,217)

             Es ist müßig zu fragen, ob Jaïrus das hören konnte, ob ihn die in diesen Worten so tief verborgene Zusage durch den Schleier des Schmerzes überhaupt erreichen konnte. Immerhin: neben die Zusage tritt die Aufforderung: Glaube nur. μνον πστευε. „Der Glaube ist hier die Haltung, die den Menschen in der Hoffnungslosigkeit hoffen lässt, indem er sich an das Wort Jesu klammert.“ (J. Gnilka, ebda.) Das ist die Aufforderung Jesu an Jaïrus: Stelle den Glauben, das Vertrauen dem entgegen, was du gehört hast. Etwas anderes hat Jaïrus ja nicht mehr: wenn er keinen Glauben mehr hat, bleibt nur noch der Schmerz.

Jaïrus antwortet nicht, aber er geht weiter. Schweigend. So gehen sie weiter – der Vater, Jesus und die drei Jünger mit ihm. Sonst keiner. Alle anderen bleiben auf dem Weg zum Trauerhaus zurück.

38 Und sie kamen in das Haus des Vorstehers, und er sah das Getümmel und wie sehr sie weinten und heulten. 39 Und er ging hinein und sprach zu ihnen: Was lärmt und weint ihr? Das Kind ist nicht gestorben, sondern es schläft. 40 Und sie verlachten ihn.

     Es ist ein Wunder, dass es nicht zum Eklat kommt. Im Haus des Vorstehers ist schon die Totenklage angestimmt. Sie haben sich bereits breit und bereit gemacht, die es gewohnt sind, mit dem Tod umzugehen, seine Herrschaft lautstark zu beklagen, zu bejammern, zu beweinen. Es bleibt ihnen auch sonst nichts mehr, als sich dem Schmerz über diesen unzeitigen Tod hinzugeben.  Man hört, „dass alle seine Hausgenossen in Wahrheit an Gott gar nicht glauben, sondern ihnen einzig die Allmacht des Todes als etwas Letztes und Endgültiges vorkommt.!“(E. Drewermann, aaO. S. 373)

In dieses Getümmel hinein müssen die Worte Jesu seltsam wirken, unangemessen, geradezu albern. Weltfremd. Es ist jetzt nicht Zeit zu lärmen, zu heulen, zu klagen. Weil ihr die Dinge falsch seht:  Das Kind ist nicht gestorben, sondern es schläft. Das sagt er denen, die Fachleute im Umgang mit dem Tod sind, die wissen, wann es mit den Hoffnungen vorbei ist. Sie wissen, was in dieser Welt unabänderlich feststeht: Tot ist tot. Kein Zweifel: Sie wissen es besser als dieser seltsame Wander-Prediger. Er kommt mit seinen unpassenden Worten glimpflich davon: „Sie lachen Jesus aus, eine Reaktion, die nicht nur ihren Unglauben, sondern auch ihre Verzweiflung angesichts der Wirklichkeit des Todes zeigt.“ (W. Klaiber, aaO. S.113)

             Das Mädchen schläft nur. Das ist möglicherweise nur als eine schön-färberische Redeweise zu verstehen, wie sie im Judentum gebräuchlich ist und in der Christenheit gebräuchlich wird bis auf diesen Tag. Der Tod – nur Schlafes Bruder? Mir scheint, die Wahrheit liegt noch eine Ebene tiefer: „Unter den Augen Gottes gibt es keinen Tod, es gibt, betrachtet mit den Augen Gottes, nur einen Übergang aus dieser Welt der Zeit und der Vergänglichkeit hinüber in die Ewigkeit Gottes.(E. Drewermann, ebda.) Der Tod hat keine eigene Macht mehr, nicht, wenn Jesus auf dem Plan ist. »Der Tod ist verschlungen vom Sieg. Tod, wo ist dein Sieg? Tod, wo ist dein Stachel?“ (1.Korinther 15, 54-55) Er hat abgewirtschaftet. Weil Jesus da ist.

Er aber trieb sie alle hinaus und nahm mit sich den Vater des Kindes und die Mutter und die bei ihm waren und ging hinein, wo das Kind lag, 41 und ergriff das Kind bei der Hand und sprach zu ihm: Talita kum! – das heißt übersetzt: Mädchen, ich sage dir, steh auf! 42 Und sogleich stand das Mädchen auf und ging umher; es war aber zwölf Jahre alt

             Es ist eine schroffe Abwehr. Die Antwort auf das Gelächter ist der Rausschmiss, die Vertreibung. Auf die so Vertriebenen muss das geradezu pietätlos wirken, respektlos vor dem toten Mädchen und der Trauer. Aber hier geht es nicht um Pietät, sondern um neues Leben. Um Heil. Um Leben.

Es ist öfters bei Jesus so, dass sein Heilen keine öffentliche Aktion ist. Dass er sich mit den Kranken absondert. Dass es ein Geschehen ist, an dem nur die unmittelbar Betroffenen teilhaben – hier Vater und Mutter und dazu die drei Jünger. Es wird nicht erklärt, warum sie dabei sind, nur, dass sie dabei sind. Dass Jesus alle anderen wegtreibt, macht deutlich: Es braucht keine unbeteiligten Zuschauer für die Wunder Jesu.

Als alle anderen draußen sind, gemeint ist: draußen aus dem Haus, als das Lärmen und Klagen vertrieben ist, wohl auch verstummt durch sein Machtwort, da geht er hinein. Dorthin, wo das Kind lag. Wo die Totenkammer ist.

Ich erinnere mich an frühe Erfahrungen meiner Kindheit, wo ich das ein paar Mal, nicht oft, aber nahe, weil es um Angehörige ging, erlebt habe: Eine Aufbahrung im Sarg im eigene Haus. Es ist ein beklemmendes Gefühl, dorthin zu gehen, wo ein Toter, eine Tote liegt. Es wird eine große Stille. Es legt sich ein Schweigen auf die Seelen.

Jesu greift nach der Hand des Mädchens. Und redet sie an, die Tote; befiehlt ihr: Steh auf! Ein Machtwort. „Als Machtwort gibt es sich durch das eingefügte „ich sage dir“ zu erkennen. Die Macht über den Tod ist an den Gottessohn gebunden.“ (J. Gnilka, aaO. S.218) Und er übt sie aus – hier: zugunsten des zwölfjährigen Mädchens. So wie er seine Macht zuvor ausgeübt hat, um das zwölf Jahre währende Leiden einer erwachsenen Frau zu beenden.

Es ist die Art dieses Wortes – es wirkt sogleich, was es soll. Dass das Mädchen tatsächlich aufsteht, unterstreicht nicht seinen Gehorsam, sondern einzig und allein die Macht des Wortes Jesu.

 Und sie entsetzten sich sogleich über die Maßen. 43 Und er gebot ihnen streng, dass es niemand wissen sollte, und sagte, sie sollten ihr zu essen geben.

             Es ist kein Wunder, dass sie alle entsetzt sind. Sie geraten außer sich – so ξέστησαν ἐκστάσει μεγάλῃ. Alle, die sie jetzt neu im Leben sehen. Ihre Welt ist zertrümmert, ihre Weltsicht ist nicht mehr die wahre Weltsicht. Der Tod ist nicht mehr die eine wirklich totsichere Angelegenheit der Welt.

Kein Gerede, kein großes Geschrei. Stattdessen die Fürsorge, die sich in der Anordnung zeigt, sie sollten ihr zu essen geben. Es geht nicht um eine Demonstration der Wundermacht. Es geht um ein Menschenkind. Darum, dass sie für den Weg ihres Lebens gestärkt wird.

Zum Weiterdenken

   „Hat Jesus Tote auferweckt? Man darf dies nicht bestreiten, nur weil man heute so etwas nicht für möglich hält…. Theologischen Sinn und theologische Bedeutung hat diese Verkündigung heute noch, weil Jesus als der Gekreuzigte und als erster von Gott vom Tod zum Leben Auferweckter das Tor zum Leben ist.“ (J. Gnilka, aaO. S.218) Es geht nicht darum, ein einmal geschehenes Wunder für wahr, wahrscheinlich, historisch zu halten. Es geht darum, aus dieser Geschichte Hoffnung zu schöpfen: Unser Tod wird durch Jesus zum Leben hin überführt. Der Tod ist nur noch das Tor zum Leben.

Es ist die große Hoffnung der Christenheit, dass solche Geschicht

Die Erzählung wirft ein Licht auf uns: Hoffnung angesichts des Todes, am offenen Grab – das ist irgendwie auch in den Augen vieler lächerlich. Die Realisten auch unserer Tage wissen es besser. Lasst alle Hoffnung fahren – „lasciate ogni speranza“(Dante). Heutzutage traut sich keiner, auch wegen der langen christlichen Tradition, das laut zu sagen, Aber alle Beerdigungen haben Anteil daran, dass die angesagte Hoffnung auf das Mehr an Leben irgendwie deplatziert wirkt. Angesichts der Übermacht und Realität des Todes. Es sei denn… Aber da kommt jetzt wirklich der Glaube ins Spiel. Er sieht weiter und hofft mehr.

Es ist die große Hoffnung der Christenheit, dass solche Geschichten nicht vergangene Wundergeschichten sind, sondern dass sie davon erzählen, dass es, allem Tod zum Trotz,  zu der großen Wende kommt, nicht zu der kleinen, die wir Menschen machen, sondern zu der großen, die allein Gottes Werk ist. Zu der Wende, in der alles Leben, auch das Leben, das der Tod schon hingenommen hat, aufgehoben ist, bewahrt ist in der Liebe Gottes, in der unverhüllten Gegenwart Gottes. Ewigkeit haben unsere Väter und Mütter das genannt und geglaubt, dass unser Leben nicht aufgeht in den 70, 80, 90 Jahren, die wir leben. Sondern dass es sein Ziel hat in der unfassbaren und doch alles umfassenden Gegenwart Gottes.

Das also dürfen wir glauben, heute, den Tod vor Augen, dass Christus anrufen wird in der Macht seiner Auferstehung – die ein Mädchen war und womöglich eine alte Frau geworden ist – und ihr sagen wird: „Mädchen, ich sage dir: Steh auf.“ Und wie zu dem Mädchen oder der alten Frau wird er auch zu dem Jungen oder dem alten Mann sagen: „Junge, ich sage dir: Steh auf.“ Und sie werden hören – und aufstehen und umhergehen – in der Welt, die uns bereitet ist, auch wenn wir sie jetzt noch nicht sehen.

 

Herr Jesus, darauf vertraue ich, dass Du aus den Toten rufst, dass Du dem Tod seine Macht nimmst, die das Leben vernichtet, die es zunichte und zu nichts macht.

Darauf traue ich, dass Dein Ruf uns aus den Toten rufen wird, so wie Du es in diesem Haus des Synagogenvorstehers getan hast . Darauf vertraue ich, dass ich es hören werde und dann auch folgen werde, wenn Du zu mir sagst: Steh auf. Amen