Angerührt

Markus 5, 21 – 34

21 Und als Jesus wieder herübergefahren war im Boot, versammelte sich eine große Menge bei ihm, und er war am See. 22 Da kam einer von den Vorstehern der Synagoge, mit Namen Jaïrus. Und als er Jesus sah, fiel er ihm zu Füßen 23 und bat ihn sehr und sprach: Meine Tochter liegt in den letzten Zügen; komm doch und lege deine Hände auf sie, damit sie gesund werde und lebe. 24 Und er ging hin mit ihm. Und es folgte ihm eine große Menge und sie umdrängten ihn.

Es geht zurück über den See. Aus Erzählperspektive deutlich: zurück an das Westufer. Nach Kapharnum? Dort wartet schon eine große Menge auf ihn.  Es scheint, dass Jesus nicht gleich losgeht, in den Ort hinein. Er verweilt am See.

Dorthin kommt ihm ein Synagogenvorsteher mit Namen Jaïrus entgegen. „Ein solcher Leiter der Gemeindeversammlung hatte nicht nur im Synagogengottesdienst, sondern auch in der kommunalen Verwaltung wichtige Aufgaben wahrzunehmen.“ (W. Klaiber, aaO. S.111) Es handelt sich also in Jaïrus um eine Persönlichkeit von Gewicht und öffentlicher Bedeutung.  Dieser Mann fällt vor Jesus nieder – aber es ist nicht das Niederfallen der Anbetung. Das weiß der Jude Jaïrus: „Du sollst anbeten den Herrn, deinen Gott, und ihm allein dienen.“ (Matthäus 4,10) Markus vermeidet das Wort προσέκυνησεν, das er für das sich Niederwerfen des Besessenen im Gerasenergebiet (5,6) gebraucht hatte. Sondern es ist, wie sich zeigen wird, ein Niederfallen, das die nachfolgende Bitte in ihrer Dringlichkeit unterstreicht. Ein Niederfallen aber auch, das ein Anerkennen der Vollmacht Jesu signalisieren mag.

Es ist eine verzweifelte Bitte. Weil es um Leben und Tod geht. Weil das Mädchen, seine Tochter in den letzten Zügen liegt. Wer würde da nicht nach dem letzten Strohhalm greifen, sich einem zu Füßen werfen, von dem man sich wundersame Dinge erzählt? Nur die Hände soll er ihr auflegen. Kein Gebet, keine Eingriff, kein medizinischer Heilungszauber. „Nur ein erklärter Gestus seiner Vollmacht.“ (J. Gnilka, aaO. S.214)

Nur eines hat dieser bittende Vater im Sinn: dass sie gesund werde und lebe. Inmitten einer Menge, die sich um ihn drängt, um Jesus, alles Mögliche und Unmögliche von ihm erhofft, dieses Bitten.

Geht es Jaïrus nur um seine Tochter? Es ist Skepsis spürbar: „Nach jüdischem Vergeltungsglauben ist Tod der Kinder Strafe und Gericht für besondere Schuld, die die Eltern auf sich geladen haben. Das bedeutet bei der Stellung des Jaïrus viel. Die Frage muss gestellt werden, ob unter solchen Umständen Jaïrus sein Amt behalten konnte.“ (W. Grundmann, aaO. S.150) Es ist gut, dass uns der Text des Markus solche Gedanken nicht vorschreibt. Aber es ist auch kein Privileg jüdischen Vergeltungsglaubens, solche Zusammenhänge zwischen dem Schicksal von Kindern und der vermuteten, vermeintlichen Schuld der Eltern zu konstruieren. Das geschieht bis in unsere Zeit, oft unter der Hand, oft versteckt in Fragen. Manchmal auch durch die Konstruktion von Zusammenhängen: die Kinder sind das Opfer des früher „wilden, ausschweifenden Lebens“ der Eltern geworden. 

 25 Und da war eine Frau, die hatte den Blutfluss seit zwölf Jahren 26 und hatte viel erlitten von vielen Ärzten und all ihr Gut dafür aufgewandt; und es hatte ihr nichts geholfen, sondern es war noch schlimmer mit ihr geworden. 

Im Gedränge verborgen eine Frau. Noch ein Krankheitsfall. Unheilbar seit zwölf Jahren und ruiniert auf der Jagd nach Hilfe, bei den Ärzten. Ihr Suchen nach Hilfe ist leer geblieben und ihr Geldbeutel dabei leer geworden. Sie hatte viel erlitten von vielen Ärzten. Ein Fall für die Ärztekammer. Ein Musterbeispiel für die Ohnmacht ärztlichen Wirkens. Man mag sich gar nicht ausmalen, wie es in ihrer Seele aussieht. „Die Frau, sagt Markus lakonisch, hat „alles dran gesetzt“, gesund zu werden. Sie hat sich niemals abgefunden. Eher, dass sie gänzlich resigniert hat. Denn nichts ist besser geworden, eher alles schlimmer.“ (E. Drewermann, aaO. S.368)

Sie ist stigmatisiert. Blutfluss macht unrein. Unberührbar. „Das Berühren einer Blutflüssigen macht unrein.“ (J. Gnilka, aaO. S.214) Selbst unrein macht sie unrein. Sie ist krank, sie ist ausgeschlossen aus der Gemeinschaft, kulturell, religiös und sozial isoliert. Sie kann auch keinen Mann haben, denn keiner kann mit ihr leben, zu ihr „eingehen.“ Wenn aber eine Frau den Blutfluss eine lange Zeit hat, zu ungewöhnlicher Zeit oder über die gewöhnliche Zeit hinaus, so wird sie unrein, solange sie ihn hat; wie zu ihrer gewöhnlichen Zeit, so soll sie auch da unrein sein. Jedes Lager, worauf sie liegt die ganze Zeit ihres Blutflusses, soll gelten wie ihr Lager zu ihrer gewöhnlichen Zeit. Und alles, worauf sie sitzt, wird unrein wie bei der Unreinheit ihrer gewöhnlichen Zeit.“ (3. Mose 15, 25-26) Die Situation der Frau ist verzweifelt: Das Leben zerrinnt ihr – seit zwölf Jahren.

           Ich bleibe daran hängen: das Leben zerrinnt. Das ist ein Lebensgefühl, das es auch heute gibt. Ganz ohne Krankheit. Einfach, weil die Anforderung des Lebens unerfüllbar erscheinen, weil die Aufgaben zu groß sind und die Kraft zu klein. Wir reden dann nicht vom verrinnenden Leben, sondern von Burn out. Aber der Zustand ist der gleiche – eine beängstigende Kraftlosigkeit, die alles gleichgültig zu machen droht.  Und als „Gesunder“ steht man dabei und spürt: ich kann nichts machen. Keine Chance zur Kraft-Übertragung.

  27 Als die von Jesus hörte, kam sie in der Menge von hinten heran und berührte sein Gewand. 28 Denn sie sagte sich: Wenn ich nur seine Kleider berühren könnte, so würde ich gesund. 29 Und sogleich versiegte die Quelle ihres Blutes, und sie spürte es am Leibe, dass sie von ihrer Plage geheilt war.

Gleichwohl, sie mischt sich unter die Menge, angezogen von dem, dass und was sie von Jesus hörte. Auffallen darf sie mit ihrer Krankheit in der Menge aber nicht – das würde ausgesprochen gefährlich für sie werden, weil sie gegen das Gesetz verstößt. Darum glaube ich auch nicht, „dass ihre Absicht, ihn unbemerkt zu berühren mit ihrer Scheu zusammenhängt, öffentlich von ihrer Krankheit zu reden.“ (J. Gnilka, aaO. S.215) Sie ist sich der Gefahr bewusst, in die sie sich als Unreine inmitten der Menschenmenge begibt. Wie leicht kann sich Wut derer, die sie berührt, absichtlich und unabsichtlich, gegen sie richten.

Es ist eine verschämte, eine verstohlene, fast schon unterdrückte „Kontaktaufnahme, die wie ein Zufall aussieht und die man äußerlich gar nicht von einer absichtslosen Berührung unterscheiden kann; und doch liegt in dieser einen Bewegung die Hoffnung, das Vertrauen, die Zuwendung eines ganzen Lebens.“ (E. Drewermann, aaO. S.370) Es ist ein völlig unscheinbarer Schritt eines suchenden, tastenden und doch darin auch großen Vertrauens.

„Die Vorstellung von einer heilenden Berührung der Kleider finden wir auch sonst im Neuen Testament, ohne dass sie kritisiert würde.“ (W. Klaiber, aaO. S. 112) Mehr noch: schon der Schattenwurf konnte reichen: „Die Zahl derer, die an den Herrn glaubten, wuchs – eine Menge Männer und Frauen -, sodass sie die Kranken sogar auf die Straßen hinaustrugen und sie auf Betten und Bahren legten, damit, wenn Petrus käme, wenigstens sein Schatten auf einige von ihnen fiele.“ (Apostelgeschichte 5,14-15) Mich erinnert das an das tausendfach beobachtete Ritual in der Bundesliga, wo die Sieger an den Zäunen der Fans entlang gehen und die Hände berühren. Kraft-Übertragungen der Helden für den Alltag der Normalos.

Sie berührt Jesus und spürt es sogleich: Geheilt. Nicht nur berührt, nicht nur getröstet, nicht nur aufgerichtet: Geheilt.  Ihre Plage ist ihr genommen, sie ist nicht mehr unter dieser „Geißel“ – so wörtlich μστιξ. Was sie geschlagen hat, gegeißelt, ist Geschichte, Vergangenheit und kann sie nicht mehr treffen.

 30 Und Jesus spürte sogleich an sich selbst, dass eine Kraft von ihm ausgegangen war, und wandte sich um in der Menge und sprach: Wer hat meine Kleider berührt? 31 Und seine Jünger sprachen zu ihm: Du siehst, dass dich die Menge umdrängt, und fragst: Wer hat mich berührt?

             Sie ist nicht allein in ihrem Wahrnehmen, Spüren. Der, den sie berührt hat, Jesus, spürt, dass er berührt worden ist. Dass eine Kraft von ihm ausgegangen ist. Das ist mehr als das, was wir Körperbewusstsein nennen. δναμις. Dynamis steht hier für die göttliche Kraft, die in Jesus auf dem Plan ist, über die er „verfügt“, und die er hier angerührt spürt. Abgerufen könnte man auch sagen.  „Hier ging eine Kraft aus, von Leib zu Leib und verwandelte den Leib. Diese Kraft ist der Geist, der den Leib liebt, weil er ihn geschaffen hast; der sich auf ihn niedersenkt und ihn, den Leib heilt, auf dass der geheilte Leib wieder ein Stück von ihm werde.“ (P. Schütz, aaO.   S.281)

Nach seiner Kraft fragt Jesus, nach dem Kraft-Verlust. Die Jünger verstehen die Frage Jesu nicht. Sie finden sie vielleicht sogar ein wenig albern: hier ist Gedränge um dich herum und du willst wissen, wer dich berührt hat? Was liegt daran, dass dich jemand berührt.

 32 Und er sah sich um nach der, die das getan hatte.

          Er aber hört nicht auf, so zu fragen und suchend um sich zu schauen. Nach der, die das getan hatte, ihn berührt, seine Kraft abgerufen. Es ist ein Suchen, das nicht bloßstellen will, auch nicht bei dem Tun verhaften. Ich glaube, dass es ein Suchen ist, das ans Ziel bringen will, was so heimlich und wie zufällig begonnen hat. Er will, dass sie, die über zwölf Jahre hinweg sich nicht zu erkennen geben konnte, sich immer verheimlichen musste, sich jetzt zu erkennen geben kann. Sich als Geheilte zu ihrer Krankheit stellen kann, die keine Macht mehr über sie hat.

 33 Die Frau aber fürchtete sich und zitterte, denn sie wusste, was an ihr geschehen war; sie kam und fiel vor ihm nieder und sagte ihm die ganze Wahrheit. 34 Er aber sprach zu ihr: Meine Tochter, dein Glaube hat dich gesund gemacht; geh hin in Frieden und sei gesund von deiner Plage!

             Sein suchender Blick findet sie, holt sie aus ihrem Versteck. Voller Furcht und Zittern kommt sie doch – tritt vor ihn und fällt vor ihm nieder. Steht ein für das, was an ihr geschehen war, steht zu der Wahrheit über sich.

            Seine Antwort: Θυγτηρ. Tochter. Er nimmt sie an als eine, die zu ihm gehört. So wie er früher gesagt hat: Meine Brüder, meine Schwestern – die, die um mich sind (3,34), so sagt er zu ihr: Tochter. Dieses eine Wort klingt in meinem Lesen, wie das Wort, das er später, am Ostermorgen sagen wird, erzählt in dem anderen Evangelium. Es hat den gleichen Klang wie der Name: „Maria“ (Johannes 20,16). Und so wie Maria erkannt ist und ihn erkennt, so ist diese Frau, deren Namen wir nicht kennen, mit dieser Anrede erkannt. Ach ja, das „meine“ in der Luther-Übersetzung ist ergänzt – im Griechischen steht nur Tochter, ohne „meine“. Aber es ist richtig ergänzt!

Und auch das: Er legt ihrem suchenden, tastenden, heimlichen Handeln eine Würde bei, wie sie größer nicht sein kann: Ihr Griff nach seinem Gewand – das ist Glaube. πστις. Glauben, der sie gesund hat werden lassen. Wenn man es genau nimmt, steht da im Griechischen nicht nur gesund. σσωκν – er hat sie gerettet. Aus den Fängen ihrer Krankheit. Aus der Gefahr, dass ihr Leben ihr zerfließt. Gerettet auch weit über die Zeit hinaus, in ein Leben, das niemals vergehen wird.

Zum Weiterdenken     

Es sind berührende Gedanken: „Jesus schämt sich ihrer nicht, und er will auch nicht, dass sie sich weiter ihrer Krankheit schäme. Es soll nicht länger der mutigste Schritt ihres Lebens zur Heilung den Ausdruck eines hinterhältigen Diebstahls behalten.“(E. Drewermann, aaO. S. 370) Jetzt aber liegt ihr tun und ihre Heilung vor aller Augen offen. Darum auch liegt vor ihr ein neuer Weg. Befreit von Heimlichkeit, befreit vor allem von der Geißel, der Plage. Ein Weg ins Leben. Ein Weg, den sie im Frieden gehen kann. Unter seinem Segen. So wird diese Frau mit dem Segen Christi entlassen – und entschwindet unserem Blick. Was weiter mit ihr ist, wird nicht erzählt. Es reicht, was an ihr geschehen ist. Sie ist gerettet. Befreit. Tochter Jesu Christi.

 

Herr Jesus. Von Dir geht Kraft aus. In Deiner Nähe gesunden wir. In Deiner Güte finden wir Hilfe, Trost und neue Stärke. Herr Jesus ich bin froh, dass ich Dich nicht in allem verstanden haben muss, um bei Dir Hilfe und Halt zu suchen.

Ich bin froh, dass Du Dir mein tastendes Suchen gefallen lässt.Danke für Deine Kraft, die in mein Leben strömt. Amen