Jeus will uns frei

Markus 5, 1 – 20

 1 Und sie kamen ans andre Ufer des Sees in die Gegend der Gerasener.

             Die Nacht ist vergangen. Der Sturm ist vorüber. Die Überfahrt ist geschafft. Jetzt sind sie am anderen Ufer, auf der Ostseite des Sees, in der Gegend der Gerasener. Bis heute wird die nachfolgende Geschichte für Israelreisende am Ort Kursi lokalisiert. Aber das ist gleichwohl unsicher, weil es in den alten Handschriften widersprüchliche Überlieferungen gibt. Da wird „Gadara“ (Matthäus 8,28) gelesen, auch Gergesa, aber auch Gerasa. Das macht eine sichere Lokalisierung ausgesprochen schwierig.  Kursi bietet sich an von der Nähe zum See her und weil es dort einen steilen Abhang gibt. Wichtig ist nur: es ist Ausland, heidnisches Land aus der jüdischen Sicht, wie sich schon bald zeigen wird.

  2 Und als er aus dem Boot trat, lief ihm alsbald von den Gräbern her ein Mensch entgegen mit einem unreinen Geist, 3 der hatte seine Wohnung in den Grabhöhlen. Und niemand konnte ihn mehr binden, auch nicht mit Ketten; 4 denn er war oft mit Fesseln und Ketten gebunden gewesen und hatte die Ketten zerrissen und die Fesseln zerrieben; und niemand konnte ihn bändigen. 5 Und er war allezeit, Tag und Nacht, in den Grabhöhlen und auf den Bergen, schrie und schlug sich mit Steinen.

             Es kommt zu einer erschreckenden Begegnung. Von den Gräbern her, „die am Ufer in den Felsen gehauen waren“ (W. Klaiber, aaO., S.106), kommt ihm einer entgegen, der ausgesprochen sorgfältig charakterisiert wird: Er haust in den Gräben. Er ist unbändig und nicht zu binden. Alle Versuche, ihn einzugrenzen, zu bändigen sind in der Vergangenheit fehlgeschlagen. Es scheint, er ist ein gefährlicher Mensch für andere. Das macht ihn gefährlich, dass er „in seiner Angst alle Menschen einzig wie drohende Zwinghalter und Einschnürer seiner Freiheit erlebt, gegen die er sich wehren zu müssen glaubt.“(E. Drewermann, aaO. S. 361) So wird er einer, der andere gefährdet, aber auch einer, der sich selbst verletzt und verwundet. Kein Wunder also, dass es heißt: ein Mensch mit einem unreinen Geist.

             Ich halte es für gefährlich, wenn man aus der Beobachtung des Textes eine klinische Diagnose ableiten zu können meint: „Der Kranke scheint an manisch-depressivem Irresein erkrankt zu sein.“ (W. Grundmann, aaO. S.143) Wie unfassbar leicht wird da eine Gleichsetzung – psychische Krankheit – Besessenheit ermöglicht. Und wie gefährlich für alle Seiten ist eine solche Gleichsetzung bis heute.

Der Mensch tritt Jesus auf dem Weg entgegen. Versperrt ihm den Weg. Jesus steht ihm allein gegenüber. Dass die Jünger ihm aus dem Boot gefolgt wären, wird nicht erzählt. Die ganze Szene ist allein auf Jesus und den mit dem unreinen Geist fokussiert.

 6 Als er aber Jesus sah von ferne, lief er hinzu und fiel vor ihm nieder 7 und schrie laut: Was willst du von mir, Jesus, du Sohn Gottes, des Allerhöchsten? Ich beschwöre dich bei Gott: Quäle mich nicht! 8 Denn er hatte zu ihm gesagt: Fahre aus, du unreiner Geist, von dem Menschen!

             Die Szene wird merkwürdig verdreht geschildert. Der Mann kommt, als er Jesus noch von weitem sieht, läuft auf ihn zu und fällt vor ihm nieder. Es wirkt, als würde er ihn kennen, so wie er auf ihn zuläuft. Sein Niederfallen ist das Niederfallen der Anbetung. Proskynese. Προσέκυνησεν. Die Haltung wird verständlich in den Worten, mit denen er Jesus anspricht: Jesus, du Sohn Gottes, des Allerhöchsten. So hat er ihn also erkannt! „Die Formulierung „höchster Gott“ kommt in der Bibel immer im Mund von Nichtjuden vor. In hellenistischer Zeit wird es zur Bezeichnung für einen alles umfassenden Gott.“ (W. Klaiber, ebda.) Die Dämonen kennen sich aus mit Jesus – ganz im Gegensatz zu den Menschen.

Wieder eine Gleichsetzung, die ich höchst problematisch finde: „Geisteskranke besitzen eine unheimliche Witterung und Ahnung für tiefer liegende Geheimnisse.“ (W. Grundmann, ebda.) Ich halte es mehr mit dem Theologen früherer Jahre: „Unserer rationalistischen Sprache fehlen die Worte für die Dinge, von denen hier geredet wird. Sie gibt es ja gar nicht für den aufgeklärten Geist. Darin liegt die Schwierigkeit, in unserer Wirklichkeit das zu erkennen, wovon hier die Rede ist.“ (P. Schütz, aaO. S.276)

             Das „Bekenntnis“ des Menschen ist kein Bekenntnis, das ein Treueversprechen meint. Das wird aus dem Nachfolgenden deutlich: Es geht um Abgrenzung, um Zurückweisung. Der Besessene will mit Jesus um Gottes Willen nichts zu tun haben. Oder muss man sagen: die Macht, die ihn im Griff hat, will mit Jesus nichts zu tun haben.  Sie weist ihn mit allen verfügbaren Mitteln zurück. „Die Formel „ich beschwöre dich bei Gott“ ist entsprechend dem Exorzismusritual natürlich dem Exorzisten vorbehalten. Im Mund des Dämons wirken sie als Parodie.(J. Gnilka, aaO. S.204) Die Worte sind nicht Anerkennung, sondern Abwehrzauber.

             Erst jetzt, im Nachhinein, erfährt der Leser: diesem Niederfallen und Bekenntnis ist anderes voraus gegangen. Jesus hatte die Initiative ergriffen – durch einen Austreibungsbefehl. Fahre aus, du unreiner Geist, von dem Menschen! Es wirkt, als wäre Jesus allein deshalb ausgestiegen aus dem Boot, um diesen Befehl auszusprechen. Er, der zuvor den Mächten des Sturmes geboten hatte, er gebietet hier den Mächten, die diesen Mann im Griff haben.

 9 Und er fragte ihn: Wie heißt du? Und er sprach: Legion heiße ich; denn wir sind viele. 10 Und er bat Jesus sehr, dass er sie nicht aus der Gegend vertreibe. 11 Es war aber dort an den Bergen eine große Herde Säue auf der Weide. 12 Und die unreinen Geister baten ihn und sprachen: Lass uns in die Säue fahren! 13 Und er erlaubte es ihnen.

Es kommt, merkwürdig genug, zum Dialog. Jesu fragt, der Dämon antwortet. Jesus erfragt den Namen und wenn er ihn erfahren wird, so hat er Macht über ihn. „Die Feststellung des Namens dient dazu, die wahre Natur des Dämons zu ermitteln. Wenn er bereitwillig antwortet, tut er das im Gehorsam.“ (J. Gnilka, aaO. S.205) Aber es ist kein freiwilliger Gehorsam, auch keiner aus Vertrauen heraus. Es ist der Gehorsam vor der zwingenden Übermacht. Der Name Legion, den er nennt, aber ist kein Name, sondern eine Sammelbezeichnung, eine Mengenangabe. So bleibt er namenlos und muss sich doch unterwerfen.

In diesem „Namen“ aber steckt eine unheimliche Wahrheit: dieser Besessene versucht zu artikulieren, „dass er überhaupt kein Ich hat, mit dem man reden könnte. Statt dessen existiert in ihm eine Vielzahl von verselbständigten Handlungs- und Denkgewohnheiten, von abgeschnürten Komplexen, die alle im Widerspruch miteinander liegen und dennoch gemeinsame wie eine römische Militärabteilung auftreten, organisiert nach einem einheitlichen Befehl und wie mit breiten Stiefeln in dem psychischen Terrain des Besessenen herumtrampelnd…. Oft genug, wenn man sich einem Menschen nähert, wird man dieser ungeheuerlichen Tatsache begegnen, dass man in allem Reden eigentlich nicht mit einer wirklichen Person, wohl aber mit allen möglichen zerstörerischen Instanzen in dem anderen spricht.“  (E. Drewermann, aaO. S.363)

Der Dämon hat keine Wahl – und verlegt sich deshalb aufs Bitten. Er will einen Ort, an dem er bleiben kann. Er, der den Besessenen heimatlos, unbehaust gemacht hat, will selbst nicht heimatlos werden, aus der Gegend vertrieben werden. Auch Dämonen können und wollen nicht ort-los sein. Sie brauchen, wenn man so will, einen Gastgeber-Körper. Um nicht nackt und bloß gestellt zu ein. Diese „Gastgeber“ sehen sie in der Schweineherde vor Ort. Und Jesus erlaubt es ihnen, bei den Schweinen, in den Schweinen Einkehr zu halten. Dort ihre neue Zuflucht zu suchen.

  Da fuhren die unreinen Geister aus und fuhren in die Säue, und die Herde stürmte den Abhang hinunter in den See, etwa zweitausend, und sie ersoffen im See.

Sie folgen der Erlaubnis – und das ganze Unternehmen Zuflucht endet in einer „Schweinerei“. Zweitausend Schweine saufen ab. „Die Folge des erfüllten Wunsches ist unerwartet. Der Ausgang gibt der Erzählung etwas Schwankhaftes. Dennoch sollte man sich nicht damit begnügen zu sagen, dass die Dämonen um ihr Logis geprellt wurden.“ (J. Gnilka, aaO. S. 206) Es mag stimmen: Menschen aus jüdischer Herkunft, die diese Erzählung hören oder lesen, mögen das wie eine ironische Pointe hören. Auch darüber lächeln. So geht es mit diesem unsauberen und unreinen Viehzeug – Dämonen und Schweinen. Aber wer nur so liest, liest zu wenig.

  14 Und die Sauhirten flohen und verkündeten das in der Stadt und auf dem Lande. Und die Leute gingen hinaus, um zu sehen, was geschehen war, 15 und kamen zu Jesus und sahen den Besessenen, wie er dasaß, bekleidet und vernünftig, den, der die Legion unreiner Geister gehabt hatte; und sie fürchteten sich. 16 Und die es gesehen hatten, erzählten ihnen, was mit dem Besessenen geschehen war und das von den Säuen. 17 Und sie fingen an und baten Jesus, aus ihrem Gebiet fortzugehen.

  Die Sauhirten flüchten. Sie haben allen Grund dazu, denn sie haben eine ganze Herde verloren. Der wirtschaftliche Schaden ist beträchtlich. Wer kann den wieder gut machen? Aber was ist dieser wirtschaftliche Schaden gegenüber der Veränderung, die mit dem, der der Besessene gewesen war, vor sich gegangen ist? Er ist bekleidet und vernünftig. Er hat ein neues Leben vor sich.

Wie schön wäre es, wenn die Leute aus der Stadt und auf den Land es so sehen könnten: „Der eine geheilte Mensch ist mehr wert als der Besitz einer ganzen Herde.“ (J. Schniewind, aaO. S. 76) Aber es scheint, sie sehen es anders. Ihnen ist der Preis für die Heilung zu hoch. Sie wollen diesen Exorzisten loswerden. Höflich, aber doch deutlich. Er ist ihnen unheimlich.

 18 Und als er in das Boot trat, bat ihn der Besessene, dass er bei ihm bleiben dürfe. 19 Aber er ließ es ihm nicht zu, sondern sprach zu ihm: Geh hin in dein Haus zu den Deinen und verkünde ihnen, welch große Wohltat dir der Herr getan und wie er sich deiner erbarmt hat. 20 Und er ging hin und fing an, in den Zehn Städten auszurufen, welch große Wohltat ihm Jesus getan hatte; und jedermann verwunderte sich.

             Jesus folgt ihrem Bitten und ist im Begriff, in das Boot zu steigen. Die Gegend zu verlassen. Da kommt der Geheilte und bittet, dass er bei ihm bleiben dürfe. Aber Jesus wehrt seine Bitte ab, lehnt seinen Wunsch ab. „Um der vollen Gesundung willen ist es notwendig, dass der Geheilte von Jesus losgelöst und auf seine eigenen Füße gestellt wird.“ (W. Grundmann, aaO. S.146) Stattdessen weist er ihn an, in seinem Haus bei den Seinen zu bleiben und dort Zeuge zu sein für die große Wohltat, für das Erbarmen des Herrn.

Man kann das wie ein Resozialisierungs-Programm lesen. Er muss sich dem und denen stellen, die ihn ausgegrenzt, gebunden, abgelehnt haben. Er muss ihnen gegenüber einer werden, der „Ich“ sagen lernt und nicht mehr „Legion“. Der seine eigenen Sätze sagt. Das fängt er dann auch tatsächlich an. Er bezeugt die große Wohltat, die an ihm geschehen ist – durch Jesus.

Zum Weiterdenken

Wenn es nicht um ein Therapie-Programm geht – die Leser und Leserinnen des Evangeliums werden nicht alle auf eine solche Therapie angewiesen sein – worum geht es dann? „Hier geht es darum, einen Menschen, der nie ein Zuhause gehabt hat, auf dieser Erde inmitten seiner Angehörigen heimisch zu machen. Der eigene Vater, die eigen Mutter können oft schlimmer wirken als der Tod, und es ist wie eine Bestätigung und Bewährung der Heilung dieses Besessenen, wenn er lernt, mit gerade den Menschen zusammen zu leben, vor denen er ursprünglich bis an den Rand des Todes geflohen ist.“(E. Drewermann, aaO. S. 365) In meinen Augen geht es. Über die Geschichte hinaus, um eine Platzanweisung: Dort zum Zeugen für Jesu Wohltaten, für Jesu Erbarmen zu werden wo man zuhause ist, auch wenn man sich manchmal gar nicht mehr richtig zuhause fühlt. Nicht irgendwohin aufzubrechen, um bei Jesus zu bleiben, sondern am eigenen Ort von ihm zu sagen und so in seiner Spur zu bleiben.

Auch das geht mir durch den Kopf: Es gilt, den bösen Geistern im eigenen Denken und Fühlen die Stirn zu bieten. Sie zu vertreiben. Ihnen den Platz im eigenen Herzen zu verweigern. Den Sätzen, die so rasch andere anklagen. Den Sätzen, die so leicht festlegen: Der ist so und bleibt so. Den Gedanken, die dem anderen den Raum zum Neuwerden, zur Veränderung innerlich verweigern und ihn dann wohl auch nötigen, so zu bleiben, wie er ist. Sich selbst das alles zu verwehren – das könnte eine Dämonenaustreibung sein, die ganze Legionen ihres bisherigen Wohnsitzes beraubt.

Schließlich – wie nahe sind die, die Jesus wegschicken uns? Ist es nicht eine absurde Abwägung – Rettung von Menschen sollte die Wirtschaft nicht über die Maßen belasten.  Durfte unsere Regierung das – die Rettung von Alten, die sowieso demnächst sterben  vorrangig vor dem Florieren der Wirtschaft zu sehen?

 

Manchmal, mein Gott, überfällt mich Angst, die mich festhält und knechtet. Manchmal überfällt mich die Angst, dass ich gar nicht weiß, was mich alles bindet, besetzt hält, mir meine Wege vorschreibt.

Du aber willst meine Freiheit. Du willst, dass ich mir selbst gehöre und Dir, dass ich nicht gebunden bin, nicht durch tausend Stimmen gegängelt werde.  Ich danke Dir, dass Du mich frei willst. Amen