Schweig und verstumme!

Markus 4, 35 – 41

35 Und am Abend desselben Tages sprach er zu ihnen: Lasst uns hinüberfahren. 36 Und sie ließen das Volk gehen und nahmen ihn mit, wie er im Boot war, und es waren noch andere Boote bei ihm.

             Der Tag ist vorüber. Es war ein langer Tag, darauf weist die Wendung „“am Abend desselben Tages“ hin. Der Leser kann zurückgehen und fragen, womit jener Tag erfüllt worden ist – mit der Predigt am See, den Gleichnis-Erzählungen. Jedenfalls, „er hat ein großes Tagwerk vollbracht, an das sich ohne Unterbrechung die Fahrt über den See anschloss.“ (A. Schlatter, Die Evangelien nach Markus und Lukas, Stuttgart 1969, S. 49)

             Das Volk darf seines Weges gehen. Die Jünger machen sich, auf das Geheiß Jesu hin, auf den Weg, um ans andere Ufer zu fahren. „Die Initiative zur Überfahrt geht von Jesus aus.“ (J. Gnilka, aaO. S.195) Der Aufbruch wirkt spontan, nicht wirklich vorbereitet: sie nahmen ihn mit, wie er im Boot war, vom frühen Morgen an. Eine Begründung für den Wechsel auf die andere Seeseite erhalten die Leser nicht. Neben diesem Boot, in dem Jesus fährt, sind noch andere Boote auf dem See.

 37 Und es erhob sich ein großer Windwirbel und die Wellen schlugen in das Boot, sodass das Boot schon voll wurde. 38 Und er war hinten im Boot und schlief auf einem Kissen.

Sie sind auf dem See, da bricht ein Unwetter los. Ein großer Windwirbel und die Wellen schlagen ins Boot. So knapp die Sätze auch sind, sie erzeugen ein Bild vor den inneren Augen. Das Boot und die Leute in dem Boot sind in schwerer Seenot. In tödlicher Gefahr.

Wir werden kundig aufgeklärt: „Der in einem tiefen Becken liegende Galiläische See ist häufig Windwirbeln ausgesetzt, die vom Gebirge her einfallen und ebenso rasch wieder entweichen, aber für die Schifffahrt sehr gefährlich sind. Im Osten des Sees ist der Wind am heftigsten, und steigen die Wogen am höchsten, während am Westufer noch das Gebirge einen gewissen Schutz bietet.“ (W. Grundmann, aaO. S.138) Es ist kein Leichtsinn, der die Jünger mit Jesus die Fahrt hat wagen lassen. Sie sind einfach mitten auf dem Meer vom Wetter überrascht worden, regelrecht überfallen.

Man ahnt: Es wird laut im Boot. Angst-Schreie, Anweisungen gellen durch die Dunkelheit. Umso stärker der Kontrast: Und er war hinten im Boot und schlief auf einem Kissen. Was für eine Szene. Man könnte auf die Idee kommen: Er schläft, erschöpft von dem langen Tag. Schließlich hat er einen langen Tag lang gelehrt, geredet, sich auf Menschen eingestellt, ihnen Wegweisung gegeben. Es könnte auch der Schlaf eines sorglosen Vertrauens auf die Gefährten sein. Sie sind doch mit dem See vertraut und verstehen ihr Handwerk. Es kann auch der Schlaf dessen sein, der sich alle Tage geborgen weiß: „Er schläft mitten im Sturm, geborgen im Frieden der Gegenwart Gottes.“ (J. Schniewind, aaO., S.73)

             Kann man, darf man das so sagen? Es steht nicht da. Aber wir erinnern uns an den Gleichnis-Erzähler und an sein Reden vom Reich Gottes: Das ist, wie wenn ein Mensch Samen aufs Land wirft und schläft und aufsteht, Nacht und Tag.(4,26) Wenn er so von der Gelassenheit sprechen kann, die das Vertrauen auf das Reich Gottes bewirkt, dann kann er sich womöglich in dieser gleichen Gelassenheit auch in ein Boot legen und schlafen. „Der Herr im hohen Himmel wacht“ (A.W. Florentin von Zuccalmaglio 1838) doch auch über ihm!

 Und sie weckten ihn auf und sprachen zu ihm: Meister, fragst du nichts danach, dass wir umkommen?

Wie anders die Jünger. Da ist keine Geborgenheit im Frieden Gottes, keine Gelassenheit, die dem Reich Gottes entspringt. Sie kommen mit ihrer Angst nicht zurecht. Und sie halten sich mit ihrer Angst an ihn, rütteln ihn, wecken ihn auf, klagen ihn an. Die respektvolle Anrede Meister, διδάσκαλε, kann nicht überdecken: Es ist ein Vorwurf. Sie fühlen sich nicht wert geachtet. Es ist ihnen, als sei ihm ihr Leben und Sterben gleichgültig. „Es ist nicht klar, ob sie von ihm Hilfe erwarten. Was kann ein Rabbi im Sturm helfen? Aber ein wenig Solidarität im Mit-Ängsten und Mit-Hoffen wäre doch hilfreich.“ (W. Klaiber, aaO.   S.104) Und ist er nicht – irgendwie als ihr „Lehrer“, so wörtlich das griechische Wort, für sie verantwortlich?

Aber – wir hören nur den Vorwurf. Keine Bitte. Kein Hilferuf an ihn. Nur wach soll er sein, die Not wahrnehmen. Sie in ihren Ängsten nicht allein lassen. Es würde ihnen schon genügen, wenn er wenigstens wach wäre in ihrer Not, bei ihnen.

 39 Und er stand auf und bedrohte den Wind und sprach zu dem Meer: Schweig und verstumme! Und der Wind legte sich und es entstand eine große Stille.

             Jesus geht auf ihren Vorwurf mit keiner Silbe ein. Er bekämpft nicht ihre Angst, sondern tritt der Ursache ihrer Angst entgegen. Er stellt sich in den Sturm. Bedroht den Wind und gebietet dem Meer. Schweig und verstumme! Er spricht mit dem Meer wie mit einem lebendigen Wesen. So wie wir das allenfalls in poetischen Texten tun, wenn wir vom Vater Rhein singen.

Schweig und verstumme! Das ist der Befehl, der in Geschichten der Geisteraustreibung laut wird. Ein ExorzismusWie er den Dämonen gegenüber tritt (1,25; 3,12; ähnlich Matthäus 17,18)), so tritt Jesus hier dem Meer entgegen. „Hinter der Schilderung steht die Vorstellung, dass in den schädigenden Naturgewalten Dämonen am Werk sind.“ (J. Gnilka, aaO. S.195)

             Bevor wir an dieser Stelle zu rasch den Kopf schütteln über unaufgeklärtes Denken: Wie stark wirkt unser heutiges Reden vom Tsunami, von Erdbebenkatastrophen wie ein Reden von transpersonalen Naturgewalten. Und sind die Namen, die wir den Hoch´s und Tief´s des Wetters geben, nicht auch so etwas wie die Benennung von Mächtigkeiten, die wir nicht mehr Dämonen nennen. Sondern einfach nur noch Mächte.

Das Wort Jesu wirkt. Das Meer wird still. Der Wind legt sich. Es wird eine große Stille. Wieder ist es gut sich zu erinnern: Die Gleichnisse zuvor kreisen um die Wirk-Kraft des Wortes. Es hat unaufhaltbare Kraft. Genau das wird hier jetzt erzählt: Das Wort Jesu tut, was er sagt – es stillt den Sturm.

 40 Und er sprach zu ihnen: Was seid ihr so furchtsam? Habt ihr noch keinen Glauben?

             Jetzt erst, so scheint es, antwortet Jesus auf den Vorwurf der Jünger, sie seien ihm wohl egal. Er antwortet mit zwei Fragen. Er stellt sie in Frage. Ihr Zuhören. Ihre Gelassenheit. Ihre Geborgenheit. Ihren Glauben. Wenn sie zugehört hätten, bei den Gleichnissen – müsste dann nicht ihrer Angst Einhalt geboten sein?

„Was seid ihr Feiglinge!“ – so übersetzt Eugen Drewermann (aaO. S. 350) Überzogen oder doch treffend? „Das ist eine harte Rede. Ist es nicht natürlich, im Sturm Angst zu bekommen? Ist das Feigheit? Welchen Glauben hätte Jesus erwartet?“ (W. Klaiber, ebda.) Ich glaube nicht, dass Jesus ihnen die Furcht verbietet. Ich glaube auch nicht, dass er ihr Schreien tadelt, auch nicht, dass sie ihn geweckt haben.  Ich denke vielmehr: Sie haben sich richtig verhalten, als sie sich mit ihrer Angst an Jesus, an den Meister gewendet haben.

Was ihnen am Glauben noch fehlt ist dies eine: Dass sie nie mehr auf den Gedanken kommen, sie seien ihm gleichgültig. Ihr Leben und ihr Sterben – alles egal. Gleich gültig. Niemand ist ihm gleichgültig. Weil es dem Vater im Himmel nicht gleich gilt, ob wir leben oder sterben. Das sollen sie lernen. Wohl wahr: „Denn unser keiner lebt sich selber, und keiner stirbt sich selber. Leben wir, so leben wir dem Herrn; sterben wir, so sterben wir dem Herrn. Darum: wir leben oder sterben, so sind wir des Herrn. Denn dazu ist Christus gestorben und wieder lebendig geworden, dass er über Tote und Lebende Herr sei.“  (Römer 14, 7 – 9) Aber genau das erklärt nicht das Leben oder Sterben für gleichgültig, sondern es erklärt die unbedingte Liebe als gültig. Immer. Im Leben und im Sterben.

 41 Sie aber fürchteten sich sehr und sprachen untereinander: Wer ist der? Auch Wind und Meer sind ihm gehorsam!

             Kein Wunder, dass sie sich fürchten. Mit einer großen Furcht. Nicht nur sehr. Dass sie durcheinander sind, durch den Wind. Dass sie, die so von ihm in Frage gestellt werden mit ihrem Glauben, ins Fragen kommen – über ihn.  Es ist ein Fragen, mit dem der Glaubende nie ans Ende kommt:  Wer ist der? Ein Leben lang hört dieses Fragen nicht auf, erst recht nicht bei denen, die mit Ernst Christ sein wollen. Es ist ein Fragen, das die Antwort nicht irgendwo sucht, in Überzeugungen über Jesus, sondern dass sie im Leben mit ihm findet. Auch wenn der Weg durch tiefe Ängste führen wird.

Zum Weiterdenken

     Es ist eine Geschichte, weit über die Erfahrungen auf dem Meer hinaus. Eine Geschichte, die aufmerksam dafür macht, wie manchmal Stürme über uns hereinbrechen, von jetzt auf gleich, unerwartet, unvermutet. Auch das gilt es mit zu bedenken: „Manchmal, gerade wenn der Lärm und der Trubel ringsum uns verlässt, wenn die Menge sich verabschiedet und die „Stille“ beginnt, bricht in uns ein innerer Sturm los.“(E. Drewermann, aaO. S. 355) Jugendliche erzählen aus Taizé genau von dieser Erfahrung, wie laut es in ihnen geworden ist, als sie Handy oder Smartphone abgegeben haben.  Es ist hart: „Man betritt eine Zone, die man nie betreten hat und gerade jetzt, aus der Stille, bricht es hervor wie ein Teufelsspuk. Man versteht sich selbst und die Welt nicht mehr, man könnte nur schreien vor Angst, und es gibt keine Hilfe!“ (E. Drewermann, aaO. S. 357) Wer sich selbst auch nur ein wenig kennt, spürt die Nähe dieser Beschreibung bei der eigenen Lebens- und Leidenserfahrung.

            “Man kann allenfalls der späteren Situation der Kirche in der Zeit der beginnenden Verfolgung zubilligen, dass sie einen Text wie die Seesturmgeschichte auf ihre eigene Situation hin aktualisiert hat, nicht aber den einzelnen Christen heute dieselbe Erlaubnis erteilen.“ (L. Schenke, Die Wundererzählung des Markusevangeliums, Stuttgart 1974, S. 78) Mit meinen Worten: Die Christen im 2. Jahrhundert durften sich in der Geschichte wiederfinden. Wir heute nicht, zumindest wir in der sicheren Bundesrepublik nicht.

Ob die Erfahrungen der Corona-Krise hier ein Umdenken geboten sein lassen? Wenn die Wellen der Angst über einem zusammenschlagen, wen soll er denn sonst anrufen als den schweigenden schlafenden Christus? Theologie-Professoren werden die Wellen kaum dämpfen können.  Darauf lehrt diese Erzählung trauen: Der schlafende Gott hört unser Schreien. Er ist uns immer nahe, selbst wenn wir nicht mehr nach ihm schreien. Umso mehr ist unser Schreien angesagt, jeden Tag neu.

            Die fragenden Jünger machen mich nachdenklich. Ich werde wohl nicht ans Ende kommen mit Fragen. Nicht in meiner Lebendzeit. Ich lerne: schon mein Fragen hält mich bei ihm. „Hör nicht auf zu fragen, bis du Jesus kennst. Hör nicht auf zu fragen, wenn du Jesus kennst“ – das ist einer meiner mir lieben alten Liedtexte – Christussänger. Ich kann mir meiner Glauben nicht fraglos vorstellen. Ich kann nicht einfach, ungefragt, zur Tagesordnung übergehen. Ich frage selten „Warum?“ Meine Fragen ist anders: Wie kann das Leben auch mit Brüchen weitergehen? Wie können die Stürm zur Ruhe gebracht werden, die draußen und drinnen toben?  So dass eine große Stille wird. Eine stille, die nicht lastet, sondern geborgen sein lässt. In der auch Raum genug ist für mein Fragen.

Fragen, die ich lerne: Wo willst du mit mir hin? Was ist mit der Rest-Zeit meines Lebens?   Was wird mit der Welt, die mir immer fremder wird? Wirst du sie dennoch in deinen Händen halten. Auch eine Welt, die sich aufführt, als könnte sie gut ohne dich, Sturmstiller, auskommen. Ich halte Ausschau nach der großen Stille, in der ER da ist.

 

Jesus, bis ans Ende meiner Tage werde ich fragen. Wer bist Du. Werde ich staunen über die Wege, die Du mit uns gehst, werde ich bekennen, dass Du der Not gebietest, dass Du Zuflucht bist, Hilfe und Halt.

Bis ans Ende meiner Tage werde ich zu lernen haben. Wir sind dir nicht gleich gültig. Es ist vor Dir nicht gleich, ob wir leiden oder Freude erfahren, ob wir durch Ängste gehen, ob wir dabei sind zu verzagen. Aber Du bist Dir darin treu, dass Du Dich uns zuwendest in unserem Glück, in unserem Verzagen, in unseren Ängsten

Weil Du da bist, muss schließlich alles schweigen, was uns Dir entreißen will, aller Sturm des Lebens und der Welt. Amen