Gott ist leise unterwegs

Markus 4, 26 – 29

26 Und er sprach: Mit dem Reich Gottes ist es so, wie wenn ein Mensch Samen aufs Land wirft 27 und schläft und aufsteht, Nacht und Tag; und der Same geht auf und wächst – er weiß nicht wie.

             Wieder ein Gleichnis. Eines vom Reich Gottes. Es erzählt eine Geschichte, wie sie in der Welt geschieht, um zu deuten, wie es mit dem Reich Gottes bestellt ist.  Es ist wieder ein Gleichnis, das um den Samen kreist, der aufs Land geworfen wird. Das verbindet diese Texte seit dem Anfang des vierten Kapitels.

 Das Auswerfen des Samens ist ein stilles Tun. Nichts Lautes, nichts Aufgeregtes. Nichts, was das Interesse der Massen weckt. Fast achtlos kann das beschriebene Tun wirken. Der Säemann hat seine Arbeit getan. Jetzt kann er gehen. „Er geht nach Hause, legt sich zum Schlafen nieder, steht am nächsten Tag wieder auf, und so geht das Nacht für Nacht und Tag für Tag.“ (W. Klaiber, aaO. S.99) Ist das Achtlosigkeit, Sorglosigkeit oder einfach das Wissen: Ich habe meine Arbeit getan. Eine große Gelassenheit?

„Was der Landmann, der wie ein Faulenzer erscheint sonst noch auf dem Acker zu tun pflegt, zu pflügen, zu eggen, zu jäten, ist gegenüber dem, was mit dem Samen im Acker geschieht, von untergeordneter Bedeutung.“ (J. Gnilka, aaO. S.184) Alle Betonung liegt darauf: Der Same wächst – ohne alles Zutun des Säemanns über den Vorgang der Aussaat hinaus. Er steht nicht da und wacht. Er weiß nicht, was geschieht. Er bekommt nicht mit, was geschieht. Aber der Same geht auf und wächst. Er folgt seiner Bestimmung.

 28 Denn von selbst bringt die Erde Frucht, zuerst den Halm, danach die Ähre, danach den vollen Weizen in der Ähre:

             Wie von selbst – darauf liegt der Ton der ganzen knappen Episode. αὐτομάτη. Automatisch. Ohne alles Zutun, ohne alles Nachhelfen. Es ist die Eigenschaft dieses Samens, dass er tut, wozu er bestimmt ist, wozu er ausgesät wird.  Er bricht aus der Erde hervor, wird zum Halm, zur Ähre, zur Frucht. Es ist kein weiter Weg von diesem Wort hin zu dem Wort, das gleichfalls von Jesus überliefert wird: „Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und erstirbt, bleibt es allein; wenn es aber erstirbt, bringt es viel Frucht.“ (Johannes 12,24)

Es ist auch kein weiter Weg zu der Gewissheit, wie sie im Prophetenwort zu fassen ist: „Denn gleichwie der Regen und Schnee vom Himmel fällt und nicht wieder dahin zurückkehrt, sondern feuchtet die Erde und macht sie fruchtbar und lässt wachsen, dass sie gibt Samen zu säen und Brot zu essen, so soll das Wort, das aus meinem Munde geht, auch sein: Es wird nicht wieder leer zu mir zurückkommen, sondern wird tun, was mir gefällt, und ihm wird gelingen, wozu ich es sende. (Jesaja 55, 10-12)

Es ist die Erde, die Frucht bringt. Nicht der Mensch, der die Frucht erzwingt. Ist es zu weit hergeholt oder ist es der Weisheit dieser Worte doch in besonderer Weise auf der Spur: „In der Menschwerdung des Sohnes wurde der Kosmos der Nacht vom Schöpfer gewürdigt, mütterlicher Schoß der neuen Schöpfung zu sein.“ (P. Schütz aaO. S.267)  Es wird kein Zufall sein – „drei Tage und drei Nächte im Schoß der Erde“ (Matthäus 12,40) sind das eine Zeichen, das Jesus von sich sagt. Aus diesem Schoss wird er, Jesus, in der Auferstehung neu geboren. Er ist die eine Frucht, aus der alle Frucht der Erde folgt.

 29 Wenn sie aber die Frucht gebracht hat, so schickt er alsbald die Sichel hin; denn die Ernte ist da.

             Mit diesen Worten wird der Zeithorizont weit geöffnet. Über die Gegenwart, hin auf das Ende. Wenn die Frucht da ist, ist Erntezeit. Zeit der Ewigkeit. Aber das ist, wie auch das Wachsen des Samens, nicht mehr die Aufgabe der Menschen.

Es ist innerhalb des Gleichnisses ein Wechsel vollzogen: Der Mensch, der am Anfang den Samen auf das Land wirft, ist nicht identisch mit dem, der am Ende die Sichel einsetzt. Das sind andere. Im Anfang, bei der Aussaat, sind sicher die Boten des Evangeliums im Blick. Das Ende aber ist ganz Gottes eigenes Handeln. Das Gericht liegt nie in den Händen der Menschen, auch nicht der Boten des Evangeliums.

Dieses so knappe Gleichnis ist eine Entlastung und eine Bewahrung zugleich. Es bewahrt vor dem Irrglauben, wir müssten für die Frucht des Wortes sorgen. Wir wären für den Erfolg der Aussaat verantwortlich. Die Aufgabe der Boten ist begrenzt; Säen – und dann loslassen. „Die Verkündiger des Reiches Gottes stehen nicht unter Erfolgszwang.“ (W. Klaiber, aaO. S.100) Sie dürfen die Wirkung des Wortes getrost dem Wort selbst überlassen. Das ist die starke Herausforderung vor allem an Menschen, die in einer großen Leidenschaft für das Evangelium unterwegs sind, die brennen, die manchmal sogar ausbrennen könnten.  „Während ich mein Tröpflein Wittenbergisch Bier trinke, läuft das Evangelium.“ Dieses Luther-Wort kommt in Die Nähe dessen, was unsereins zu lernen hat – Zutrauen zur Wirksamkeit des Wortes Gottes, der Aussaat, auch wenn wir nichts (mehr) machen können.

Zum Weiterdenken

Es ist ein Stück Selbstüberschätzung und ausgesprochen gefährlich, Anmaßung und auch Selbstgefährdung: Christus hat keine Hände, nur unsere Hände, um seine Arbeit zu tun. Er hat keine Füße, nur unsere Füße, um Menschen auf seinen Weg zu führen. Christus hat keine Lippen, nur unsere Lippen, um Menschen von sich zu erzählen. Er hat keine Hilfe, nur unsere Hilfe, um Menschen an seine Seite zu bringen. Wir sind die einzige Bibel, die die Öffentlichkeit noch liest. Wir sind Gottes letzte Botschaft, in Taten und Worte geschrieben.“ (Gebet aus dem 14. Jahrhundert)

 Es ist ein wichtiger Hinweis in diesem Zusammenhang – an alle Macher, Ratgeber, Berater, Coaches: „In der Skala „positive Wertschätzung rangiert das aktive Ratgeben sehr zu Recht auf der untersten Stufe. Wer denkt, dass er im Leben eines anderen auf Anhieb besser Bescheid wisse als dieser selbst, kann keine allzu gute Meinung von der Intelligenz des anderen haben.“(J. Schwemer, Psychologische Hilfen für das Seelsorgegespräch. 1974, S. 33) Hinter so manchem Rat steht Selbstüberschätzung und der leicht eilige Versuch, den anderen los zu werden.

 Es ist die Gefahr, die heute allgegenwärtig ist: Kaum reift irgendeine tiefere Idee in uns, kaum meldet sich ein stärkeres Gefühl, so erfasst uns Angst und Schrecken; wir überlegen sogleich, worauf das wohl hinaus will, und schon unterdrücken wir es, würgen wir es ab und betonieren einfach zu, was gerade erst seinen Kopf aus der Erde stecken möchte.“(E. Drewermann, aaO. S. 345) Es gibt den geradezu tödlichen Realisierungszwang, dem ständig Träume und Hoffnungen zum Opfer fallen. Vielleicht ist es diese Ausstrahlung von Zwanghaftigkeit, das Reich Gottes herzustellen, darzustellen, der Kirchen so wenig attraktiv sein lässt. „Man spürt die Absicht und man ist verstimmt.“ Wie anders dagegen Jesus – der dem Wort Zeit zum Reifen zuspricht und das auch lebt.  Er ist nicht absichtslos in seinem Tun. Aber er hat offenkundig alle Zeit der Welt

Es ist gut, diese Worte zu lesen in einer Zeit, die den Niedergang der Kirche enthüllt. Keine Panik! sagt Jesus. Die Erde wird Frucht bringen. Der Same ist von der Art, dass er wächst, langsam, beharrlich, Nacht und Tag. Es dauert, aber es wird. Wenn die Kirche vergeht, so ist das wie ein Kleid, das veraltet, unmodern wird. Es gibt neue Kleider. Das Reich Gottes vergeht nicht mit der Gestalt der Kirche. Es wächst weiter, still, leise. Auch unter dem Gestrüpp der Welt.  So wie es ja auch im Gestrüpp meines Herzens seinen Platz findet und ihn behauptet, unaufhaltsam – gegen alles Gestrüpp.

Der Gleichniserzähler Jesus redet hier vom Zutrauen Gottes, auch von der Geduld Gottes. Gott kann warten. Er steht nicht jeden Tag an einem himmlischen Kontroll-Monitor, um den Fortschritt des Reiches Gottes zu überprüfen. Es wird schon werden. Die Erde, in die er seinen Samen gesät hat, wird Frucht bringen. Wie von selbst. Das ist das Zutrauen Gottes, auch das Zutrauen Jesu. Er sät sein Wort und verzichtet auf Fragebogen, um Lernfortschritte der Hörer zu kontrollieren. Er traut seinem Wort zu, dass es starke Wurzeln schlägt, hier und dort. Verwurzelt in Menschenherzen. Da ist nichts, wirklich nichts, was die Boten noch dazu tun könnten, damit der Same wächst. So nimmt Jesus seinen Zuhörern die Angst vor der Größe der Aufgabe und befreit sie zugleich von der Vorstellung, dem Wahn (?), sie seien es, die das Reich Gottes herbeiführen könnten oder müssten.

Gott, wir geben aus der Hand was unsere Aufmerksamkeit gefordert hat – unser Werk, unsere Freude, unseren Schmerz, uns selbst.

Wir geben aus der Hand und glauben Dir: Wie von selbst wird werden,  was werden soll – Frucht, Leben, Fülle genug für alle.  Wir geben aus der Hand -die Welt. Unsere Pläne und Ziele. Uns. Wir lassen Dir Wachsen und Gedeihen, Werden und Vergehen, Tag und Nacht, Leben und Tod.

Du Gott, wartest darauf, dass wir in Deine Hände geben, was wir tun und lassen, damit Frucht werden kann, Frucht aus Deinem Geist, aus Deiner Kraft, unter Deinem Segen. Amen